Zu Besuch (VI) – Rolf Schilling in Dresden

Der Dichter Rolf Schilling gehört zu jenen seltenen Vertretern seiner Zunft, deren Schaffen noch nicht in mehreren Regalmetern an Sekundärliteratur, Anthologien und Proseminar-Arbeiten seziert und eingeschreint wurde, sondern deren Namen noch mit einem wissenden Augenzwinkern zwischen Eingeweihten geflüstert oder als geheime Empfehlung an einen Vertrauten weitergetragen werden. Das ist nicht zuletzt dem Umstand geschuldet, dass sich Schilling selbst nie darum bemüht hat, Anschluss an den akademischen oder literarischen Betrieb in Deutschland zu finden oder sein umfangreiches Werk gar einem Massenpublikum anzutragen, sondern seine Aufmerksamkeit stets einem kleinen Kreis an Initianden vorbehalten blieb. So stellen auch öffentliche Auftritte des Dichters eher die Ausnahme als die Regel dar.

Am Freitag den 13. März bot sich jedoch eine dieser raren Gelegenheiten: Die Zeitschrift TUMULT hatte im Rahmen ihrer Veranstaltungsreihe „Tumult Forum“ zu einer Lesung Schillings nach Dresden geladen. Diese einmalige Chance, den Meister, der im April seinen siebzigsten Geburtstag feiert, einmal hautnah erleben zu dürfen, wollte auch ich mir nicht entgehen lassen.

Fünf Stunden Zugfahrt standen mir von München nach Dresden bevor – genug Zeit, um sich noch einmal in das Verswerk Schillings zu vertiefen und angemessen auf den bevorstehenden Abend einzustimmen. Begleitet von Questen-Gesängen, Runen-Sprüchen und homerischen Hymnen verging die Fahrt also wie im Nachtgefildflug. Nach meiner Ankunft im Elbflorenz am frühen Abend führte mich mein Weg durch das malerische Villenviertel Strehlen zum Hotel „Dormero Königshof“, wo die Veranstalter um den Verleger Frank Böckelmann einen großzügigen Gastgeber für ihre Lesungen gefunden hatten, nachdem zuletzt der Eigentümer des Coselpalais dem Druck von missgünstigen Linksextremen nachgegeben und seine Mitwirkung zurückgezogen hatte.

Im „Erich-Kästner-Saal“ des Hotels hatte sich eine Schar von ca. 50 gespannten Zuhörern versammelt, die sich weder durch das ominöse Datum, noch durch die allgemeine Corona-Panik hatten abschrecken lassen. Unter den Besuchern befanden sich nicht nur langjährige Weggefährten Schillings, sondern auch einige begeisterte junge Leser und sogar ein Neugieriger, der erst kürzlich durch den originellen Twitter-Auftritt Schillings auf den Dichter gestoßen war. Auch wenn sich das Händeschütteln gemeinhin auf ein notwendiges Minimum beschränkte, war es nicht nur die latente Furcht vor dem Virus, die für eine Atmosphäre des angehaltenen Atems sorgte, als Schilling pünktlich um 19 Uhr seinen Platz einnahm. Den Blick gelassen auf einen Fluchtpunkt über den Köpfen des Publikums gerichtet, wirkte der graubärtige Dichter inmitten des modisch durchgestylten Hotel-Interieurs ein wenig wie ein Besucher aus einer anderen Welt – alles andere wäre wohl auch eine Enttäuschung gewesen.

Eingerahmt wurde die Lesung durch das Klavierspiel des Dresdner Pianisten Tobias Forster, der mit der Virtuosität und Souveränität des erfahrenen Musikers seine eigenen Kompositionen zum Besten gab und damit den Abend in ein ästhetisches Gesamterlebnis verwandelte. Sein musikalisches Vorspiel ließ zunächst einen sanften Frühlingswind um die Häupter der Zuhörer streichen, der sich allmählich zu sommerlicher Blüte aufschwang und damit die Grundstimmung schuf, in der sich der Vortrag Schillings angemessen entfalten konnte.

Als dieser schließlich das Wort ergriff, um seine Lesung einzuleiten, war augenblicklich klar, dass Schilling den lyrischen Rhythmus nicht nur als künstlerisches Werkzeug zu gebrauchen versteht, sondern ihn mit jedem Wort und seinem ganzen Wesen verkörpert: kaum ein Satz, der nicht in harmonischer Hebung und Senkung dahinfloss, kaum ein Wort, das nicht wohlgeformt an der rechten Stelle saß. Der erste Teil der gelesenen Gedichte, die allesamt dem druckfrisch erschienenen Gedichtband Orpheus des Nordens entstammten, beschäftigte sich, für Schilling beinahe untypisch, mit dem regen Leben der sichtbaren Welt, insbesondere mit der Flora und Fauna einer heimatlich anmutenden Landschaft. Ohne die Gegenstände seiner Beobachtungen unnötig zu überhöhen, verwandelte der eindringliche Blick des Dichters Wespe, Mücke, Pilz und Nuss zu Persönlichkeiten und Begleitern des Menschen, die ihre ganz eigenen Rätsel und Versprechungen in sich bergen.

Nach einem musikalischen Intermezzo, das in Tempo und Intensität bereits die sich wandelnde Stimmung vorbereitete, entführte uns Schilling schließlich in die vertrauten Traum-Gefilde der mythischen Urbilder, wo Gorgonen-Häupter klagen, Helden-Speere blitzen und Hermes den Reigen der Seelen anführt. Hier war auch ich wieder ganz in meinem Element und genoss in vollen Zügen die Streifzüge durch die zeitlose Welt der Mythen. Zum Ende seines Vortrags kehrte Schilling noch einmal in einen Verlassenen Garten zurück, der nun als ein farbenfroher Hort magischer Erinnerung erschien. So schloss sich der Kreis von Tag- und Traumwelt, die im Gesang des Dichters in eins geschaut werden.

Zu seinem unerwarteten Höhepunkt fand der Abend schließlich, als Schilling im anschließenden Gespräch mit dem Moderator und TUMULT-Autor Jonathan Meynrath auf dessen Vorschlag einging, den Gesang an den Horusfalken, der mit gewisser Berechtigung als eine mögliche Quintessenz von Schillings Verswerk gelten kann, frei aus dem Gedächtnis vorzutragen. An dieser Stelle erhob sich der Dichter von seinem Sitz und zog das Publikum mit der feierlichen Darbietung der 40 Verse, mit denen er vor 40 Jahren auch Ernst Jünger nachhaltig beeindrucken konnte, noch einmal in seinen Bann.

Von Meynrath auf das Vorbild für den verlassenen Garten im gleichnamigen Gedicht angesprochen, offenbarte Schilling, dass der besungene Ideal-Garten auf seiner kindlichen Erinnerung an eine Gärtnerei fuße, die ehemals von seinem Großvater versorgt worden war und zunächst einer Kuhweide und letztlich der Betonfläche eines Fuhrunternehmens weichen musste – ein Sinnbild für die Erstickung der organisch-lebendigen Kultur durch die sterile Verwertungslogik der zeitgenössischen Kulturindustrie? Schilling blieb in dieser Hinsicht gelassen: In jeder Generation wächst neues Talent heran und auch wenn sich diese jungen Kunst- und Kulturschaffenden heute oft als Solitäre auf verlassenen Posten wiederfinden, so wird die „Betondecke des genormten Kulturbetriebs“ doch immer wieder von einzelnen, frischen Trieben durchbrochen, die unbekümmert zum Licht streben. Für diese Künftigen gilt die Losung Schillings, die er selbst in fünf Jahrzehnten als „Dichter in dürftiger Zeit“ beispielhaft verwirklicht hat: „Man kann nicht nur darauf hoffen, dass irgendwann das kulturelle Klima besser wird. Man muss das Seine tun.“

 Im Belagerungs-Zustand
Und zur Abwehr stets bereit,
Hast du deinen Traum gespannt
In die Zeit und aus der Zeit
 Fragtest nicht, wer dich ermannt,
Wer dir Wink sei und Geleit.
Keine Waffe war zur Hand
Als dein Wort, das sehrt und feit.
 Und du bleibst, was auch gescheh,
Auf dem Posten an der Front.
Doch die Wege sind besonnt,
 Die du gehst im Gipfelschnee.
Als des Runen-Horts Archont
Singe du Speerholders Weh.

Impressionen von dem Abend gibt es hier.

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