Zu Besuch (I) – Ernst-Jünger-Haus

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Für Theodor Heuss und Helmut Kohl, für Francois Mitterrand und Felipe Gonzáles, für Martin Walser und Jorge Luis Borges reichte es noch zum Jünger-Hausbesuch, während unsereins mit einem schlichten Jüngerhaus-Besuch vorlieb zu nehmen hat. Und doch scheint allzu viel nicht verrückt worden zu sein in den Jahren, die ins schwäbische Land gingen, seit der Hausherr nur wenige Meter weiter auf den heimeligen Gemeindefriedhof zog: Kalender und Veranstaltungshinweise für 1998, Jüngers Todesjahr, hängen so selbstverständlich im Arbeitszimmer zwischen historischen Stichen und der obligatorischen Sanduhr-Kollektion, dass man die Hoffnung nicht ganz fahren lassen möchte, den „Wilflinger Eremiten“ (NZZ) jeden Augenblick zwischen seinen an den Wänden befestigten Schlangenhäuten, zwischen Bücher- und Käfersammlungen hervorbiegen zu sehen, um gegenüber den ungebetenen Gästen sein Hausrecht geltend zu machen.

Jünger-Haus in Wilflingen.

Wer jemals von Jünger hinauskomplimentiert worden wäre, der hätte gleich gegenüber in einem Bau Zuflucht suchen können, auf den bereits die Löwen im Wappen über dem Eingang der geräumigen Eremiten-Klause verweisen: Das Stauffenbergsche Schloss, in dessen angegliedertes Forsthaus der ‚Marmorklippen‘-Autor 1951 von Ravensburg aus umsiedelte, liegt noch um einiges näher als etwa der Friedhof oder aber das Gasthaus ‚Zum Löwen‘, in dem Jünger sich von Zeit zu Zeit an der Schlachtplatte gütlich tat. In der später von ihm bewohnten Oberförsterei waren nach dem 20. Juli 1944 die Wilflinger Verwandten eines Literaturfreundes mit Augenklappe in Sippenhaft genommen worden.

Wappen der Stauffenbergs.

Zu Stauffenberg selbst hätte Jünger, der durch Cäsar von Hofacker – einen Pariser Kopf des Umsturzversuchs – über den geplanten Staatsstreich früh schon im Bilde war, nach dem Krieg weit eher eine Verbindung reklamieren dürfen als jener Typus Dönhoff, über den Adenauer sich spöttisch wunderte, man könne im Nachhinein den Eindruck gewinnen, dass an der Verschwörung des 20. Juli mehr Menschen beteiligt gewesen seien als Deutschland überhaupt Einwohner habe. Jünger persönlich fasste seinen Unwillen, post festum an einer eigenen legenda aurea des Widerstands zu stricken, in ein Bild, das den Löwen nicht, wie es heraldisch geboten gewesen wäre, mit Stauffenberg, sondern mit Hitlers Staat identifiziert: „Wenn der Löwe erstmal tot ist, dann kommt nicht nur der Adler, sondern es kommen auch ganz andere Vögel – und die waren dann alle dabei.“

Flur mit Treppenaufgang.

Zum Treppenaufgang hin passiert man neben der Büste sowohl des Hausherrn als auch jener seines Bruders Friedrich Georg einige gerahmte Reise-Impressionen, die nicht selten für literarische Verarbeitungen herhielten: so die viereckigen, zum Schutz gegen Überfälle errichteten Signaltürme auf Sardinien für die Reisetagebücher ‚Am Sarazenenturm‘ (1955). Im Flur begrüßt der diensthabende Führer seine Gäste sogleich mit der Vorwarnung, bei Jünger handle es sich natürlich um einen Autor mit Ecken und Kanten, die es wiederum freilich brauche für zünftigen Nachruhm. Auch in dieser Angelegenheit ist ein endgültiges Wort des Hundertjährigen überliefert: „Ich danke meinen Freunden – und meinen Gegnern. Beide gehören zum Karma. Ohne sie kein Profil.“

Blick durch die Bibliothek mit geöffneter Tür zum Arbeitszimmer.

Die Herzkammer des umfunktionierten Forsthauses bildet die Bibliothek, in der Jünger seine mitunter illustren Gäste empfing: Theodor Heuss wurde weiland von einem einzigen Polizisten bewacht, bei Kohl und Mitterrand rückte bereits eine Hundertschaft an. Für die Gegenwart darf man vom Hochrechnen der Polizisten-Zahl schon deswegen absehen, weil neben Jünger auch die letzte Politiker-Generation längst abgetreten ist, die es zumindest nach außen hin noch für nötig befand, Literatur als ein Unterfangen von öffentlichter Relevanz zu behandeln. Oder aber die letzte, die Literatur noch von dem zu unterscheiden wusste, womit Carolin Emcke und Juli Zeh ihren Lebensunterhalt bestreiten. Weder von diesen beiden noch von Brecht oder Grass kündet Bildgut zwischen den akkurat sortierten Bänden: Einzig ein Porträt von Schelling findet Platz in der Ecke am Kamin.

Galerie verstorbener Weggefährten.

Auf der Fensterbank drängen sich dicht an dicht mehr oder weniger verblichene Fotographien endgültig verblichener Weggefährten, rechts außen etwa Carl Schmitt im Profil, darüber an der Wand Ernst von Salomon. Als die Einschüsse – in den frühen Kriegstagebüchern lebhaft beschrieben – im Alter erneut näher kommen, nimmt Jünger sein diaristisches Treiben mit ‚Siebzig verweht‘ für weitere drei Jahrzehnte wieder auf. Und ihm, dessen Lebenswässerchen in zwei Weltkriegen kein Franzose hatte trüben können, kommt nun der in Paris geborene und in München wohnhafte Bildhauer Serge Mangin gefährlich nahe. „Sie sind der erste Franzose“, soll der Porträtierte nach Fertigstellung der Büste 1990 anerkennend gewitzelt haben, „der mich gut getroffen hat.“

Büste von Serge Mangin.

Neben Familienbildern beherbergt das an die Bibliothek grenzende Arbeitszimmer nicht nur das erwartbare und doch verstörend gewöhnliche Büro-Zubehör, sondern auch zwei erlesene Graphiken von Rudolf Schlichter, der sich – wenn auch nicht ganz so kurz vor Toresschluss wie der Hausherr – in fortgeschrittenem Alter sehr zum Wohl seines Spätwerks dem Katholizismus zuwandte: ‚Atlantis vor dem Untergang‘ und ‚Die Messingstadt‘, die Jünger Jahrzehnte nach dem Tod des Malers in einem ihm zugeeigneten Gedicht von Rolf Schilling, enthalten in der 1990 gedruckten Sammlung ‚Questengesang‘, aufs Neue begegnen sollte, bevor er nach dem Mauerfall auch den Dichter selbst in die südwestliche Peripherie vorlädt:

Wir lasen auf den Tafeln der Kalifen:

Tritt ein und schweig – ich bin die Messingstadt.

Das Tigerband gezackter Hieroglyphen

Spricht: Was auf Erden wallt, was Flügel hat,

Kehrt lichtgestillt zurück in meine Tiefen:

Dschinn, Marduk, Seraphim, der Fahrten satt,

Vlies, Urne, Gral: die Asche aller Gestern

Bewahrt der Stein in seinen Schweige-Nestern.

‚Die Messingstadt‘ (Rudolf Schlichter).

Das eigene Schweige-Nest findet Jünger 1998 unter dem Grab seines 1926 geborenen Sohnes „Ernstel“, gehauen in Marmor aus ebenjenen Brüchen von Carrara, in deren Nähe dieser 1944 gefallen war, nachdem er eine Gestapo-Verhaftung aufgrund regimekritischer Äußerungen durch die Frontbewährung abzuwenden versucht hatte. Als Jünger – einer der höchstdekorierten Weltkriegsoffiziere überhaupt – kurz zuvor Ernstel und dessen Freund, dem späteren Verleger Wolf Jobst Siedler, in voller Montur einen Gefängnisbesuch abzustatten gekommen war, hatte er dem skeptisch dreinblickenden Wachpersonal eröffnet: „Ja, das ist in diesen Zeiten die einzige Gelegenheit, da man seine Orden anlegen darf – wenn man seine Söhne in der Zelle besucht.“

Gräber der Familie Jünger.

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