Zu Besuch (III) – Stefan-George-Tagung 2019

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Als mir im Frühjahr 2014 von den Verantwortlichen achselzuckend das Abitur nachgeworfen wurde, bestand darin die entschieden geringere von zwei wegweisenden Weihen im Jahreslauf: Denn höher weit als bis zur freigiebig verteilten Hochschulreife, so dachte man nachträglich bei sich, musste man wohl im selben Herbst mit der Aufnahme in die Stefan-George-Gesellschaft geklommen sein, wo der eigene Name alsbald dezent im umfänglichen Mitgliederverzeichnis aufschien zwischen Adligen, Professoren – und adligen Professoren.

Auf meiner ersten Jahrestagung gegen Ende 2014 referierte zu Bingen am Rhein der Heidelberger Jünger-Freund und Hitler-Leser Helmuth Kiesel über Georges Kriegslyrik, präzise ein Säkulum post festum. Auch während der Anschluss-Konferenzen in Folge-Jahren war ich meistenteils erfolgreich bemüht darum, an den bewährten November-Wochenenden mit von der distinkten Partie zu sein: So etwa zur Erörterung von Georges Einfluss auf die Jugendbewegung (2016) oder zur Aussprache über den Schriftverkehr innerhalb des Kreises (2015), deren Höhepunkt eine spätabendliche Lesung aus dem Briefwechsel des Dichters mit Karl und Hanna Wolfskehl bildete, der gerade frisch ediert unter dem – womöglich etwas zu Batman-haften – Titel ‘Von Menschen und Mächten‘ erschienen war.

George-Porträt von Reinhold Lepsius (um 1920)

Fern blieb ich dem Binger Treiben erstmals im Jubiläumsjahr 2018: Pünktlich zum 150. Geburtstag des “großartigsten Durchkreuzungs- und Ausstrahlungsphänomens der deutschen Geistesgeschichte” (Benn über George) wurden, um die dräuende Beschäftigung mit sperriger Lyrik tunlichst zu umgehen, von den üblichen Verdächtigen auf ein Neues altvertraute poesieferne Kamellen aufgewärmt, sodass man mit Fug befürchten konnte, im Rahmen der anstehenden Jahrestagung nicht zuletzt auf Skandalhungrige statt auf Wissensdurstige, auf “eiler und gaffer” von allerwärts statt auf “horcher und wisser von überall” (George über Wolfskehl), zu deutsch: auf moralisch erregte FAZ-Leser zu treffen.

Oder aber auf den Binger Bürgermeister, den wir hier nicht durch Nennung seines Namens ehren wollen. Als die versammelte Jagdgemeinschaft – vom Polit-Justemilieu (“Kein schlimmrer feind der völker als die mitte!“) über Marbacher Voyeure im Germanisten-Gewand bis hin zur gerupften Rest-FAZ – mit der Verbissenheit Schlechtweggekommener am Sockel des größten Sohnes seiner Stadt rüttelte, bekannte der täppische Honoratior sich unumwunden zur “Leidenschaftslosigkeit” in dieser Sache: Wenn denn aus Eltern- oder Lehrerschaft tatsächlich ein Vorschlag zur Umbenennung des örtlichen Stefan-George-Gymnasiums eingebracht werden sollte, führte er beiläufig aus, dann werde er sich diesem Anliegen nicht verschließen.

Immerhin hatte sich im engsten George-Umfeld die Widerstandskraft der Erben und Nachlasspfleger gegenüber allen zeitgenössischen Spielarten des Hermenfrevels bis in die 70er-Jahre hinein als vergleichsweise ausgeprägt erwiesen: So erwog der greise Robert Boehringer seinerzeit nach einem distanzlosen Artikel in der Stuttgarter Zeitung ernstlich, den Sitz des George-Archivs von der baden-württembergischen Landeshauptstadt in die geschmackssichere Schweiz zu verlegen. Zumindest mit einem Fuß trat daher die aktuelle Führungsriege der Stefan-George-Gesellschaft in Boehringers Stapfen, als sie 2018 entschied, Bingen zur Mahnung ihre Tagungen nur noch alle zwei Jahre in der rheinischen Geburtsstadt des Dichters anzuberaumen.

Blick vom Literarischen Colloquium auf den Wannsee

Für die übrigen Veranstaltungen beabsichtigt der Vorstand künftig wechselnde George-Orte ins Auge fassen – als da wären: Heidelberg, München, Mainz, Marburg, Minusio, Basel, Bamberg, Kiel, Wien oder Königstein im Taunus. Nebst dem ungeliebten, doch unvermeidlichen Berlin natürlich, wo der Dichter ab 1889 drei Semester an der philosophischen Fakultät studiert und später einige seiner seltenen Auftritte im Salon des Maler-Ehepaares Lepsius absolviert hatte. Nur stimmig also, dass zur diesjährigen Aussprache über die ‘Poetik der Lesung‘ für den 02. November ins raumnahe Literarische Colloquium mit Wannsee-Blick geladen wurde.

Zu Beginn der vorgeschalteten Mitgliederversammlung gedenken die Anwesenden dreier Toter aus der Mitte der (George-)Gesellschaft, unter ihnen als akademisches Schwergewicht der Schweizer Komparatist Bernhard Böschenstein (1931-2019) – persönlicher Freund Celans und Dürrenmatts, weithin geachteter Kenner Hölderlins und Hofmannsthals – mit dem von interessierter Seite während der jährlichen Zusammenkünfte bis zuletzt und ohne Weiteres ins Gespräch zu kommen war. Für den öffentlichen Teil des Nachmittags stößt anschließend vornehmlich Berliner Publikum hinzu, doch auch manche Kapazität aus München, wo Geister bekanntlich auch heute “noch zu wandern wagen“, findet sich ein.

Da der dritte und für die Tagung namensstiftende Vortrag zur ‘Poetik der Lesung bei Stefan George und Thomas Mann‘ krankheitsbedingt entfallen muss, schrumpft die Veranstaltung – ansonsten ganze Wochenenden ausfüllend – auf zwei bündige Referate und eine tendentiell George-fremde Ausstellungseröffnung zusammen. Im ersten Vortrag lässt die Berliner Kunsthistorikerin Annette Dorgerloh die legendenumstellten Dichter-Lesungen in den Räumen von Reinhold und Sabine Lepsius Revue passieren und kündigt dabei schon zu Beginn eine schlussendliche “Coda” an, eine ereignishafte Krönung ihres Redebeitrags.

George-Porträt von Sabine Lepsius (um 1900)

Sie breitet zunächst die (Werk-)Biographien des vor allem um die Jahrhundertwende beliebten Maler-Ehepaares aus, um nachfolgend zum 1898 entstandenen George-Porträt von Sabine Lepsius zu gelangen, das ursprünglich als Triptychon konzipiert und mit Lyra spielenden Epheben im Hintergrund bestückt war, die sich der Porträtierte selbst, wie er nach Sichtung des Bildes anmerkte, allerdings eher als Auleten gewünscht hätte. In den Sockel am unteren linken Bildrand ist der Schlussvers des ‘Flammen‘-Gedichts eingraviert, das Jahre später Aufnahme in den ‘Siebenten Ring’ fand: “Und so ihr euch verzehrt seid ihr voll lichts.

Freilich missfiel dem Dichter das sterile Gemälde – und auch dem ungleich bekannteren Bildnis aus der Hand von Reinhold Lepsius konnte er weniger abgewinnen als den fotographischen Hilsdorf-Porträts, die weit über den engeren Kreis hinaus gezielt in Umlauf gebracht wurden. Doch hielt George diese Reserviertheit offenbar nicht davon ab, mit dem Maler-Ehepaar ausgedehnte Wanderungen zu unternehmen, an die sich auch die verheißene “Coda” knüpft: Als nämlich Sabine Lepsius auf einem gemeinsamen Ausflug ihren Eierlöffel vermisste, ließ sich der handwerklich begabte Dichter nicht lange bitten und schnitzte stehenden Fußes ein Exemplar, das Dorgerloh zum Abschluss ehrfürchtig aus einer Schatulle zieht, vor der sich sogleich eine schaulustige Schlange gruppiert.

Eierlöffel von Meisterhand

Vom anderen, weniger nahbaren Gesicht des Lyrikers erzählt der Bericht, den die Schriftstellerin, Gelegenheitsmalerin und Berliner Salonnière Marie von Bunsen 1897 über Georges Lesung vom 14. November 1897 im Salon Lepsius verfasste und aus dem Dorgerloh passagenweise zitiert:

“Wir saßen in dem mit verschleierten Lampen matt erleuchteten Räumen auf florentinischen eingelegten Sesseln, auf verblasstem Brokat. Bekannte Menschen waren zugegen. Nur in gedämpften Tönen wurde gesprochen. Dann glitt aus einer Seitentür ein Mann herein und setzte sich, nach einer Verbeugung, an das gelbverhüllte Licht; hinter ihm eine japanische golddunkle Stickerei. Niemals in meinem ganzen Leben ist mir ein so merkwürdiges Gesicht begegnet. Blass, verarbeitet, mit müden, schweren Lidern, mit herbem, ausdrucksvoll vibrierendem Mund. Er las mit leiser, gleichmäßiger Stimme, mit feiner, diskreter Betonung. Zum Schluss erhob er sich, sagte noch ein Gedicht her und schlug zum ersten Mal die Augen auf; matte, etwas rote Lider, dunkle, starre, nicht große Augensterne. Dann verbeugte er sich und ging.”

Tondokumente sind der Nachwelt von George ebenso wenig überliefert wie Bewegtbilder, worin er sich von Celan und Hofmannsthal unterscheidet, deren psalmodische Sprechgesänge die Literaturwissenschaftlerin Friederike Günther in ihrem Vortrag über ‘Tremolo und Tonverhalt‘ anhand von Hörbeispielen untersucht. Dabei bleibt dem Auditorium auch die sattsam ventilierte Erzählung vom frühen Treffen der Gruppe 47 nicht erspart, in dessen Verlauf Celan die noch vollständig unbekannte ‘Todesfuge‘ deklamierte und in seinem salbungsvollen Vortragsstil prompt mit Goebbels verglichen wurde.

“Wir werden in diesen Kampf hineingehen wie in einen Gottesdienst”, teilte der literaturbegeisterte Gundolf-Hörer und Propagandaminister noch im März 1945 seinem soldatischen Publikum an der näherrückenden Ostfront mit. Celan, George und Hofmannsthal – zumindest darauf wird man sich in Fachkreisen nach Begutachtung der historischen Aufnahmen verständigen können – begriffen und zelebrierten ihrerseits Gedicht-Lesungen als liturgisches Geschehen, während man heute zumeist nicht einmal mehr in Messfeiern hineingeht “wie in einen Gottesdienst”.

Warum alle spirituelle Absolut- und Unbedingtheit, warum jeder heilige Ernst sich über die letzten Jahrhunderte hinweg entweder in die Büsche des Ästhetischen schlug oder aber in die politische Arena verflüchtigte, um schließlich vollends einer umfassenden “Gottesfinsternis” (Benedikt XVI.) zu weichen, ist eine zu weit ausgreifende Frage, als dass sie beim abrundenden Imbiss und Umtrunk in den repräsentablen Räumen des Literarischen Colloquiums einer letztgültigen Antwort zuführbar gewesen wäre. George selbst hätte ihr Offenbleiben gefasst verschmerzt: “Denk nicht zuviel von dem was keiner weiss! / Unhebbar ist der lebenbilder sinn.”

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