Zeit für die vierte Zypresse — Zum Tod von Christa Ludwig

Nach Jimi Hendrix, Janis Joplin, Kurt Cobain und Amy Winehouse nun also keine Geringere als Christa Ludwig: legt man die Worte der jüngst verstorbenen Mezzosopranistin, der zweifellos bedeutendsten des 20. Jahrhunderts, über ihren langen Bühnenabschied von 1993 bis 1994 auf die Goldwaage, dann dürfte sie im Jenseits dem legendären ‚Club 27‘ Gesellschaft leisten und den dort versammelten ‚U‘-Musikern in Freundschaft zeigen, was eine Harke und ein ‚E‘ ist. Denn erst nach dem Ende ihrer 50-jährigen Gesangskarriere, so betonte die 1928 in Berlin geborene Wahlwienerin, werde sie ihr richtiges Leben beginnen können, werde sie sich endlich auch einmal nach Herzenslust erkälten dürfen und die kleinen Freuden des Alltags bewusster erleben.

Für große und größte indes hatte die Sängerin bei Fachkollegen und Publikum seit ihrem Frankfurter Debüt 1946 in allen namhaften Opernhäusern der Welt an der Seite von Karajan und Böhm, später auch zusammen mit Leonard Bernstein gesorgt, in dessen Operette ‚Candide‘ sie noch 1988 der ‚alten Dame‘ ihre Stimme und ihr Temperament lieh. Im Garten von Christa Ludwigs Anwesen in Südfrankreich standen drei Zypressen symbolisch für diese drei lebens- und karrierebegleitenden Dirigenten. Nun, da eigentlich ein vierter Trauerbaum gepflanzt werden müsste, herrscht Hochbetrieb in der Klassikwelt: Zu Dutzenden werden die meist wohl vorgefertigten Nachrufe aufgeschaltet und Edda Moser höchstselbst, kürzlich ihrerseits mit einer abendfüllenden arte-Dokumentation geehrt, bequemt sich am Morgen nach der Todesnachricht in Rheinbreitbach zum Telefon, um im NDR-Gespräch ihre Erinnerungen an die zehn Jahre ältere Freundin Revue passieren zu lassen.

Das schmeichelhafte Urteil der ewigen Königin der Nacht, die Christa Ludwig während ihrer Berliner Studienzeit als Ortrud im ‚Lohengrin‘ erlebt hatte und später selbst mit ihr auf der Bühne stand: „die größte Sängerin des Jahrhunderts“ – neben Birgit Nilsson. Ein frühes und förderliches Verdikt Joachim Kaisers hatte gelautet: „Sie singt am allerschönsten in der ganzen Welt.“ Als eine der ersten Frauen überhaupt wagte sie sich an Schuberts ‚Winterreise‘ heran, deren schlicht-gemütvollen Text sie gegen Anwürfe mancher Lyrik-Puristen in Schutz nahm. Weniger Verteidigungs- oder Überzeugungsarbeit musste sie wahrscheinlich für Goethes ‚Harzreise im Winter‘ leisten, Textgrundlage von Brahms‘ Alt-Rhapsodie, die seit 1977 im Grunde niemand mehr aufzunehmen braucht, weil die Einspielung mit Christa Ludwig und Karl Böhm ohnehin unübertroffen bleiben wird. Der – auch und gerade durch Fehler und ähnliche Eigenheiten zustandegekommenen – Unverwechselbarkeit aller großen Stimmen ihrer Generation trauerte die Sängerin zuletzt mit Blick auf eine zunehmende Monotonie und Uniformität nach.

„Hermann Prey hat immer eine Schwingung zu tief gesungen, Renata Tebaldi auch, bei der Callas wobbelte es zu sehr in der Höhe. Das wusste man damals alles – und man fand es trotzdem toll. Und heute müssen sie alle gleichmäßig gut singen – die Unterschiede sind verloren gegangen.“

Als Christa Ludwig 2018 aus Anlass ihres 90. Geburtstags in Berlin der neu geschaffene Musikpreis Opus Klassik überreicht wurde, verglich Moderator Thomas Gottschalk sie und ihre Laudatorin Brigitte Fassbaender, beider Renommee in der Klassikwelt in Rechnung stellend, mit Tina Turner und Madonna. Den sanft aufbrandenden Streit darüber, wer von beiden eher Tina Turner sei und wer sich umgekehrt mit Madonna zu bescheiden habe, trugen die gealterten Rivalinnen nicht mehr handgreiflich aus. Filmreife biographische Anekdoten oder bühnenferne Pikanterien jedenfalls blieben bei Christa Ludwig nicht nur rarer gesät als in den Fällen von Madonna, Tina Turner, Jimi Jendrix oder Janis Joplin, sondern auch und sogar seltener als bei nahezu allen Kolleginnen vom klassischen Fach. Auf das Diven-Erfolgsrezept einer Maria Callas, jährlich sieben große Skandale und sieben große Bühnen-Triumphe zu provo- bzw. produzieren, griff die arbeitsame „Hohe Frau“ (Edda Moser) mit den drei Zypressen im Garten nicht zurück. Stattdessen floss bis zu ihrer zweiten Geburt 1994 tatsächlich alle Kraft und Leidenschaft in jenes ungewöhnlich reichhaltige Werk ein, auf das wir in sieben skandalfreien Stationen Rückschau halten.

 

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I. Franz Schubert: Der Tod und das Mädchen (1817)

 

II. Johann Sebastian Bach: Erbarme dich (1727)

 

III. Franz Schubert: Der König in Thule (1816)

 

IV. Richard Wagner: Einsam wachend in der Nacht (1859)

 

V. Georges Bizet: Habanera (1875) 

 

VI. Peter Tschaikowsky: Nur wer die Sehnsucht kennt (1869)

 

VII. Richard Wagner: Fahr heim, du stolzer Helde! (1850)