»Wo sich die Mitte verdunkelt« — Uwe Wolff über Agnes Miegel

Die Dichterin Agnes Miegel, geboren 1879 in Königsberg und zu Lebzeiten weithin verehrt als ‘Mutter Ostpreußen’, nach 1945 belastet durch NS-Verstrickung, zeigt sich in ihrem poetischen Schaffen vielfach als Tierfreundin. Allzu schwer hätte sie die Umbenennung des Hannoverschen ‘Miegelwegs’ in ‘Igelweg’ also nicht treffen können. Leben und Wirken der 1964 verstorbenen Lyrikerin, die 1916 den Kleist- und 1940 den Goethe-Preis erhielt, werden heute nur mehr selten und wenn doch einmal, dann meist fahl beleuchtet. Im Gespräch mit dem Theologen und Kulturwissenschaftler Uwe Wolff erhöhen wir die Wattzahl.

Lieber Uwe Wolff, nachdem Corona Ihren Dänemark-Urlaub durchkreuzt hatte, bewegten Sie sich stattdessen immerhin als Leser dünenwärts, indem Sie auf Agnes Miegel zurückkamen, woraus Ihr Band zur ostpreußisch orientierten Lektüre-Überbrückung der Quarantäne-Zeit hervorging. Braucht Agnes Miegel den Aktualitäts- und Corona-Konnex oder wäre ihr Werk auch ohnedies belangvoll?

Den Quarantäne-Kontext braucht Agnes Miegels Werk nicht. Doch auch unser Leben war seit März 2020 deutlich durch die Quarantäne geprägt. In ihrer Fernsehansprache verglich die Bundeskanzlerin den Ernst der Lage mit dem Zweiten Weltkrieg und verordnete nicht für möglich gehaltene Einschränkungen der Freiheit. Meinte die Kanzlerin, Corona sei ein dritter Weltkrieg gegen einen unsichtbaren Feind der Menschheit? Von Merkel kam ich zu Miegel. Ich suchte Orientierung und fand sie in ihren Gedichten. Der ursprüngliche Titel des Buches sollte daher ‘Agnes Miegel lesen in der Corona-Krise’ lauten. Mein Verleger schlug dagegen den Titel vor, der jetzt auf dem Buch steht: Agnes Miegel und das Leben in Quarantäne. Damit ist das Zeitlose einer Erfahrung der Isolation wesentlich besser zum Ausdruck gebracht.

Welche waren Ihre ersten Eindrücke von Miegels Schaffen, lernten Sie es bereits zu Schulzeiten kennen?

Im westfälischen Münster besuchte ich ein Gymnasium. Im Deutschunterricht ging es ausschließlich um formale Fragen der Interpretation. Mich aber erfasste der Klang eines Gedichtes unmittelbar und brachte meine Seele in Schwingung. Noch heute hallen Georges Verse „Komm in den totgesagten park und schau“ oder Trakls „Am Abend, wenn die Glocken Frieden läuten“ in mir nach. Sie standen in Ernst Benders „Deutschem Lesebuch für Gymnasien“ der 7. Klasse. Zu diesen frühen Erlebnissen gehörten auch „Die Frauen von Nidden“ von Agnes Miegel. Bei Agnes Miegel waren es die Stimmungen großer Gelassenheit und Ergebenheit in das Schicksal, die mich wohl deshalb ergriffen, weil ich ihrer bedurfte. Bilder von Sand, Düne, Heide, Kiefern und Meer sah ich mit den Augen meiner Mutter und ihren Erzählungen von der Kurischen Nehrung, dem Land ihrer Kindheit.

Kurische Nehrung

Welche Miegel-Lieblingsgedichte würden Sie nennen und warum?

In der Quarantäne las ich wieder Gedichte, Erzählungen und Briefe von Agnes Miegel. Vieles war seit Jahren vertraut. Jetzt schaute ich die Gedichte mit anderen Augen. Meine Lieblingsgedichte wurden die frühen „Mädchenlieder“ der sehr jungen Dichterin: „Meine Schwester hat Hochzeit“, „Mainacht“, „Mädchengebet“, „Wie Ischtar“, „Einst“. Es gibt in der deutschen Sprache kaum vergleichbare Annäherung an das, was Agnes Miegel „Die wilde Sehnsucht meiner achtzehn Jahre“ („Das war ein Frühling“) nennt.

Agnes Miegel musste seit früher Kindheit sehr lange Phasen schwerer Krankheit durchstehen. Zudem war sie durch die jahrelange Pflege beider Eltern sehr in die Pflicht genommen. Doch wirkte und webte die jugendliche Lebenskraft noch immer in dieser Dichterin, als sie das 80. Lebensjahr längst überschritten hatte: „Mein Schritt der tanzt, mein Schritt der klingt, / Mein Schritt von Jugend und Schönheit singt“ („Marie“). Die Schwester dieser Lebensfreude und Lebenslust ist die Schwermut. Hermann Hesse, dessen familiäre Wurzeln ins benachbarte Baltikum reichen, hat als einer der ersten Leser diese Gedichte bewundert. Was niemand weiß: Hesse stand über sechzig Jahre mit Agnes Miegel im brieflichen Austausch.

Die ersten Gedichte sprechen also von Haltungen, die einen Menschen durch das ganze Leben tragen können. Sie sind auf den ersten Blick ganz unscheinbar und berühren doch den letzten Grund wie ihr Hymnus auf die „Hellen Nächte“, die zu Johanni überall in den Ländern um das Baltische Meer gefeiert werden.

In Miegels sicher bekanntestem Gedicht ‘Die Frauen von Nidden’, das sich bis heute in zahlreichen Anthologien findet, wird die Ohnmacht des Menschen gegenüber der Naturgewalt herausgestellt, doch auch die Einsicht der Frauen in Unausweichlichkeit und Notwendigkeit des Zusammenfallens von Fluch und Segen in der zugleich nährenden und zerstörenden Magna Mater. Wie, denken Sie, hätte Agnes Miegel über das Corona-Virus geurteilt, hätte sie die Pandemie ähnlich klaglos auf- und angenommen wie einst die Frauen von Nidden ihr Schicksal?

Das Gedicht „Die Frauen von Nidden“ beschreibt eine letzte Haltung vor dem Unabwendbaren, die selbst die Kirche in der Corona-Krise nicht mehr einnehmen wollte. Die Kirche spricht nicht nur von dem Gott, der sich in Christus offenbart hat, der hier und heute in der Eucharistie gegenwärtig ist, sondern von dem kommenden Gott und der kommenden Welt. Dieser endzeitliche Bezug von Vertrauen und Vollendung ist verlorengegangen und mit ihm die christliche Moral. Ethik und Eschatologie bilden im Christentum eine Einheit. Wenn das Leben nicht mehr über sich hinausweist, dann bleibt nur der Moralismus. Daher rührt die Panik vor den möglichen Folgen von Corona. Gesundheit ist ein sehr hohes Gut, aber sie ist nicht das höchste. Das höchste Gut ist der Glaube. Die Fischersfrauen von der Kurischen Nehrung haben sich gegen die Folgen der Pest gewehrt. Sie haben alles dem Menschen Mögliche getan. Dann stehen sie vor der großen Wanderdüne, einem vielschichtigen Symbol der „Mutter Erde“ und nehmen ihr Schicksal an. Diese Schicksalsergebenheit ist im technischen Zeitalter immer schwerer einzunehmen.

Agnes Miegel hätte sich gegen die Schließung von Kirchenpforten gewehrt und gegen das Verbot des Gesangs in den Gottesdiensten. Hintergrund ihrer Ballade sind die großen Pestepidemien des 18. Jahrhunderts. Die Pest hat in Ostpreußen immer wieder sehr viele Opfer gefordert. Man wusste von der Notwendigkeit der Quarantäne und sorgte für ihre strikte Einhaltung. Aber niemals wurden die Kirchen geschlossen und niemals blieben die Sterbenden ohne Begleitung.

Dominsel in Königsberg

Agnes Miegels Tanten, so erzählen Sie in Ihrer Veröffentlichung, konnten ihrer Nichte noch aus eigener Anschauung von den großen Cholera-Epidemien der Jahre 1848 und 1855 berichten. Dabei sprachen sie allerdings den Namen der Seuche – wie den des Teufels – niemals aus. Hand aufs Herz: Haben Sie das Wort ‘Corona’ im letzten halben Jahr laut werden lassen? Zeugt, dass wir den Namen der aktuellen Pandemie aussprechen, eher von mangelnder (Ehr-)Furcht der Natur gegenüber oder von der relativen Harmlosigkeit des aktuellen Infektionsgeschehens?

Ganz habe auch ich das Wort ‘Corona’ in den zurückliegenden Monaten bestimmt nicht umgehen können. Es ist auch eine Metapher für das Gefühl einer unsichtbaren Bedrohung von apokalyptischer Dimension, für die Erfahrung, dass der Boden unter unseren Füßen schwankt und dass wir viele Gewissheiten verloren haben. Wir leben in einem Zeitalter der Angst und des Alarmismus. Das gilt auch für die Leichtfertigen, die nach Art des Totentanzes nun rauschende Feste feiern.

Die Angst wechselt in rasantem Tempo ihr Objekt: Gestern war es der Klimawandel, heute sind es Faschismus oder Rassismus. Den Menschen fehlt Vertrauen in das Bleibende, in die unverlierbare Kraft des Geistes und des Glaubens. Deshalb verehren sie auch die Dichter nicht mehr und gehen nicht mehr zur Messe. Verglichen mit den Seuchen, die in früheren Zeiten die Menschheit heimsuchten, ist die aktuelle Pandemie wahrscheinlich harmlos, weil wir über beste medizinische Hilfen verfügen wie keine Generation vor uns. Dennoch wird eine ganze Generation von Schülern in der Quarantäne-Einrichtung des Homeschoolings festgehalten. Wir wissen, dass wir sterblich sind, aber wir wollen sein wie Gott. Deshalb haben wir Angst. Denn Corona ist die Grenzerfahrung aller Selbstbehauptung.

Mit Agnes Miegels Pestballade betreten wir eine Gegenwelt. Wie eine große Mutter deckt die Wanderdüne die letzten Menschen zu. Sie nehmen ihr Schicksal an und sterben daher in Frieden. Die Überwindung der Todesfurcht, sagte Ernst Jünger, sei Aufgabe des Autors. Das Werk müsse sie ausstrahlen. Viele Gedichte von Agnes Miegel strahlen diese Überwindung der Todesfurcht aus.

In ‘Die Frauen von Nidden’ kehrt Miegel die unterschwellige Verbundenheit von Adel und Untergang heraus, wenn sie darauf hinweist, dass die Pest “des nachts gekommen, / Mit den Elchen über das Haff geschwommen“ sei. Die todbringende Krankheit ereilt die Menschen in Ostpreußen also nicht auf wildfremden Wegen, sondern als Mitbringsel ihres majestätischen lokalen Symboltiers. Haben Sie schon einen Corona-Elch, eine lichte Kehrseite also der aktuellen Pandemie ausfindig gemacht?

Der Elch ist nicht das Gute, sondern das Ganze. In seiner mythischen Gestalt findet das Heilige Ausdruck, wie es Rudolf Otto als mysterium tremendeum et fascinosum definiert hat. Die Erfahrung des Heiligen erhebt und erschüttert zugleich die Seele. Sie führt zum Staunen, zur Ehrfurcht, zu Stille und Schweigen, aus der sich schließlich Gesang und Lobpreis erheben. In unseren Tagen ist das Bild der Herrlichkeit verdunkelt. Das Mysterium ist verhüllt. Die Tenne ist gefegt.

Doch am Ende dieser Zeit der Wandlung werden wir das Geheimnis wieder mit eigenen Augen sehen. Die Kirche wird wieder an ihre Ursprünge anknüpfen und gesunden. Am Anfang stand nicht die „Volkskirche“, sondern die Gemeinde der Erwählten. Am Anfang der Dichtung stand nicht die Masse der Leser von Bestsellern, sondern die kleine Schar. Sie bildete den Kreis um den Meister. Bei Agnes Miegel wird dieser Kreis von Frauen gebildet, bei Stefan George von Männern. Über die Gründe lohnt es sich nachzudenken.

Sandkrug-Elch

In verschiedenen Erzählungen stellt Agnes Miegel das schwere Schicksal von Mädchen und Frauen während der Cholera-Phasen dar. Überhaupt, so betonen Sie, habe kaum eine Dichterin die Belange von Frauen so sehr in den Mittelpunkt ihres Werkes gestellt wie Miegel. Warum zögert der zeitgenössische Feminismus mit Vereinnahmung?

Agnes Miegel steht am Anfang der Frauenbewegung im 20. Jahrhundert. Sie war eine Tochter der Sappho, lebte über vierzig Jahre mit einer Frau zusammen und „adoptierte“ gemeinsam mit ihr eine Tochter. Wer die frühen Gedichte und Briefe der Miegel liest und diesen biographischen Kontext kennt, stößt überall auf Zeugnisse einer gleichgeschlechtlichen Neigung. Agnes Miegel hat sie nach dem Tod ihrer Eltern an der Seite ihrer Frau gelebt.

In der Tat eignet sich keine deutsche Dichterin so gut für eine feministische Lesart wie Agnes Miegel. Warum sich diese bislang noch nicht durchsetzen konnte, hat politische Gründe. Ein selbstgerechter Moralismus legte den Finger auf die Wunde der Parteimitgliedschaft (seit 1940) und sprach über Agnes Miegel eine damnatio memoriae aus wie sie auch in der Sowjetunion kaum willkürlicher und undifferenzierter hätte stattfinden können. Luise F. Pusch (*1944), Frauensozialhistorikerin und feministische Linguistin, schreibt über Agnes Miegel:

„Da war die große Gemeinde von AnhängerInnen der “Mutter Ostpreußen”, die 1945 als 66-Jährige aus ihrer Heimat fliehen musste und schließlich über ein Flüchtlingslager in Dänemark nach Bad Nenndorf in Niedersachsen kam, wo sie ihren Lebensabend verbrachte. Da waren auf der anderen Seite die GegnerInnen, die dafür kämpften, dass Agnes-Miegel-Straßen und Agnes-Miegel-Schulen umbenannt wurden, weil die Miegel eine Nazidichterin gewesen sei, so hoch geschätzt von den Nazis, dass sie auf deren “Gottbegnadetenliste” landete, wie auch Furtwängler, Richard Strauß, Elisabeth Flickenschildt, Ina Seidel, Gerhart Hauptmann und viele andere.

Ich kann nicht sagen, dass ich in Werk und Leben der Dichterin bisher allzu tief eindringen konnte, und kann also nicht gut mitreden. Aber es ist mir verdächtig, dass so viele männliche Nazis nach dem Krieg ihre hohen Funktionen als Juristen, Chefärzte, Wissenschaftler, Verwaltungsbeamte weiter unbehindert und hochgeachtet ausüben konnten, während Agnes Miegel von einem Literaturbetrieb, der sich mit Gottfried Benns Nazi-Affinität nicht lange aufhielt, als Aussätzige behandelt wurde. Es erinnerte mich ungut an den Medienterror gegen Christa Wolf nach der Wende. Frauen eignen sich anscheinend besonders gut als Schuldabladeplatz.“

Agnes Miegel im Flüchtlingslager Oksbøl 1945/46

Zurück zu den Ursprüngen: Den Vortrag des Schumann-Stücks ‘In den Talen der Provence’ durch den gefeierten Tenor Raimund von zur Mühlen, dem sie als junge Frau beigewohnt hatte, schildert Agnes Miegel als Schlüsselmoment und Markstein auf dem Weg zur Dichter-Berufung. Setzen Künstler-Biographien bekehrungshafte Erlebnisse voraus?

In der Apostelgeschichte berichtet Paulus drei Mal von seiner Bekehrung mit jeweils drei verschiedenen Akzentuierungen. Man mag darin Willkür, Nachlässigkeit in der Berichterstattung oder Stilisierung sehen. Bei jeder echten Berufung erfährt der Dichter auch die Grenzen der Sprache. Daher spricht Ernst Jünger von „Fassungen“. Jeder Stil sei der Versuch einer erneuten Annäherung an die dichterische Erfahrung. Das höchste Glück für ihn, sagte einmal Hans Blumenberg, sei sagen zu können, was er sehe. Eben dies gelingt nur in immer neuer Annäherung und deshalb wiederholen sich die Dichter. In einem Werk mag es jene drei, vier Gedichte geben, von denen Gottfried Benn gesprochen hat. Sie werden bleiben. Agnes Miegel hat mehr als fünf bleibende Gedichte schreiben dürfen.

Auf andere Weise prägend für Miegel wurde das Bildnis einer Gräfin, das sie früh im Weimarer Mädchenpensionat sah. Noch im hohen Alter bezeichnete sie diese Gräfin, deren Porträt sie erblickt, doch die sie selbst nie kennengelernt hatte, als “große Liebe meines Lebens.” Agnes Miegel lebte über Jahrzehnte mit Elise Schmidt zusammen. “Ich bin mit meiner Elise so zufrieden wie Goethe mit seiner Vulpius”, schreibt sie 1922 etwas vermessen an Lulu von Strauß und Torney. Wie konnte sich die Dichterin vor dem Hintergrund dieses Lebensentwurfes so geschmeidig durch das Dritte Reich manövrieren?

Agnes Miegel hatte sehr viel Mutterwitz. Sie ruhte frei von aller Eitelkeit in ihrer Berufung und machte sich keine Gedanken über Ruhm und Nachruhm. Wie die Droste konnte sie sagen „Meine Lieder werden leben, wenn ich längst entschwand…“ Sie war eine selbstbewusste Dichterin, aber sehr diskret in der Preisgabe ihrer Neigungen. Offiziell galt Elise Schmidt als ihre „Haushälterin“. Dieses Rollenspiel schützte beide vor Verfolgung. Auch schützte sie ihr außerordentlicher Status als vielfach ausgezeichnete Dichterin. Im Rahmen der Feierlichkeiten zu Kants 200. Geburtstag wurde Agnes Miegel Ehrendoktorin der Albertina. Die Verleihung der philosophischen Ehrendoktorwürde an eine Frau, die zudem weder Abitur noch Studium vorzuweisen hatte, war eine ungewöhnliche Auszeichnung. Sie wurde Ehrenbürgerin von Königsberg. Anlässlich des 50. Geburtstages am 9. März 1929 erhielt sie dort das freie Wohnrecht.

Agnes Miegel hatte also keinen Grund, sich den Nationalsozialisten anzubiedern, um als Dichterin in ihrer Zeit wahrgenommen zu werden. Sie war berühmt und wusste sehr genau, dass das „Dritte Reich“ keine tausend Jahre dauern würde. Wohl niemand, der diese Zeit überlebt hat, stand nach 1945 mit weißer Weste da, auch wenn er wie Agnes Miegel in einem Entnazifizierungsverfahren von jeder Schuld freigesprochen wurde.

Miegel 1899

Die Dichterin, so schreiben Sie, habe sich mit den Nationalsozialisten arrangiert. Ist das nicht eine zu höfliche Formulierung angesichts hymnischer Huldigungs-Verse, gewidmet ‘Dem Führer’, zu deren Verfertigung Miegel gewiss niemand hätte zwingen können und die auch ästhetisch kaum überzeugen?

Nach der Machtergreifung arrangierte sich Agnes Miegel aus geopolitischen Gründen mit den Nationalsozialisten. Als Folge des Versailler Vertrages waren Königsberg und Ostpreußen vom Deutschen Reich durch einen Korridor getrennt. Dieses Lebensgefühl der Isolation wurde durch die Nachbarschaft zur Sowjetunion gesteigert. Die stalinistischen Säuberungen (Tschistka) mit über 20 Millionen Opfern, das System der Lager, die Moskauer Prozesse der Jahre 1936-38 wurden zurecht als Bedrohung empfunden. Der baltische Schriftsteller Edzard Schaper hat in seinem Roman „Die sterbende Kirche“ (Insel Verlag 1936) etwa die Lage des Christentums in der Diktatur beschrieben.

In seinem Gedicht „An die Nachgeborenen“ wehrt sich Brecht gegen alle Besserwisserei und Bigotterie kommender Generationen, die nicht im Absolutismus der Diktaturen leben mussten. Hans Blumenberg erlebte als Sohn einer jüdischen Mutter politische Bedrängnis und wurde durch den Lübecker Unternehmer Heinrich Dräger geschützt. Dräger stellte kriegswichtiges Gerät her und war Mitglied der Partei. Anders hätte er ihm nicht helfen können, wird Blumenberg im Rückblick sagen. In seinem Lebensbericht „Ungleiche Welten“ (1951) vergleicht Carossa den Nationalsozialismus mit dem Ausbruch einer Epidemie: „Den Gang der Dinge aufzuhalten war so unmöglich, als wollte jemand mit einem Fiedelbogen einen glühenden Lavastrom zum Stillstand bringen.“ Das gilt leider auch für Märtyrer wie Pater Maximilian Kolbe oder die literarischen Figuren Pater Lampros und den Fürsten von Sunmyra, zwei Märtyrergestalten aus Ernst Jüngers Heiligenlegende „Auf den Marmorklippen“ (1939).

Sie wiederum haben Ihr Miegel-Buch nicht dem Führer, sondern Ihrer Mutter zum 90. Geburtstag zugeeignet. Die Zerstörung von Königsberg erlebte sie noch als Kind und durfte die Erfahrung machen, dass materieller Verlust in seinem impliziten Verweis auf Wesentlicheres, etwa die trotz allem überlebt habende Familie, auch rückversichernde Wirkung entfalten kann. Inwiefern mangelt es uns heute sowohl an Winken hin zum Substanziellen als auch an der Substanz selbst?

Wir sind nicht die erste Generation, die den Verlust der Mitte schmerzhaft spürt. Aber wir erleben ihn dramatischer als eine die ganze Welt umfassende Auflösung. Wir erfahren einen Verlust an Bildung und damit einen kulturellen Traditionsabbruch. Das religiöse Wissen hat die Schwundstufe erreicht. Wer kennt noch die Lieder Paul Gerhardts oder Gerhard Tersteegens? Wer kann sie singen? Wer spricht noch ein Gebet zu abendlicher Stunde am Bett der Kinder? Wer beugt am Sonntagmorgen die Knie vor dem Altar? Wo sich die Mitte verdunkelt, da gibt es auch keine gemeinsamen Werte mehr. Da triumphiert der Individualismus. Aber er trägt nicht wirklich, er verdeckt nur die Leere. Gottfried Benn hat den Verlust der religiösen Mitte eindrücklich in seinem Gedicht „Verlorenes Ich“ ins Bild gesetzt.

Niemand kann eine neue Epiphanie erzeugen. Sie ist keine Sache von politischen Gremien oder eines synodalen Weges. Sie kann erbeten, aber nicht herbeigeredet werden. Doch steht der Weg zu den Altären und zur Eucharistie jederzeit offen. Man muss nur den Eintritt wagen. Der Rest ist nicht Menschenwerk.

Auch nach dem Krieg, so entnimmt man es Ihrem Miegel-Buch, wurde die Dichterin als Stimme der Vertriebenen geschätzt; Kaliber wie Willy Brandt suchten ihre Nähe. Wie bald rechnen Sie mit einem (angehenden) Bundeskanzler, der bei Rolf Schilling antichambriert?

Theodor Heuss hielt nach dem Krieg die Hand über Ernst Jünger und Agnes Miegel. Helmut Kohl besuchte Jünger mehrfach. Er folgte dabei auch seinen Ratgebern Christoph Hoppe und Martin Hanz. Angela Merkel scheint in kulturellen Dingen schlechte Einflüsterer zu haben. Auch Joachim Gauck versäumte den Besuch bei Rolf Schilling. Ich habe mich nach der Wende auf breiter Front für Schillings Werk eingesetzt. Man muss es nicht lieben, aber niemand kann diesem Dichter der inneren Emigration den Respekt verweigern. Rolf Schilling ist sich selbst treu geblieben, indem er seinem dichterischen Auftrag unbeirrt folgte. In dieser Treue zu den anvertrauten Talenten dürfte er auch für diejenigen Vorbild sein, denen der Zugang zu seinem Werk versperrt ist. Ein Bundespräsident, der reuevoll die Knie vor den Medien beugt, weil er im Südtirol-Urlaub für einen Moment die Corona-Maske ablegte, wird diesen Unbeugsamen nicht besuchen. Aber vielleicht liest ein letzter für den Geist der Dichtung offener Berater im Bundeskanzleramt unser Gespräch und schickt eine junge Mitarbeiterin zu Rolf Schilling. Ich halte es nicht für unmöglich, denn ich weiß, dass in den Beraterstäben sehr kluge Köpfe sitzen.

Heilige Agnes von Jusepe di Ribera

Auf der Flucht über das Baltische Meer nahm Agnes Miegel 1945 drei Dinge mit: Das Neue Testament, eine Reproduktion der Sixtinischen Madonna und das Bildnis der Heiligen Agnes von Jusepe de Ribera. Welche drei Dinge nähmen Sie mit sich auf solcher Wanderschaft?

Die Flucht zwingt zu einer Reduktion auf das Wesentliche. Ich nähme allein Undine, meine Frau, mit auf die Flucht und hoffte, dass uns keine Macht der Welt trennen würde. Die Erfüllung dieses Wunsches ist vielen Flüchtenden verwehrt geblieben.

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