Was will und meint »anbruch«? — Zehn Pfeiler für ein Luftschloss

Ab dem Frühjahr 2017 wurden auf dieser Netzpräsenz die ersten ästhetisch-philosophischen Pflöcke eingeschlagen, entstanden unsere ältesten Essays und Galerien: Mit Reflexionen über Thomas Mann, Betrachtungen zu Mircea Eliade, Gemälden von Karl-Wilhelm Diefenbach begannen für uns Erkundungen und Erprobungen, die durch das Hölderlin-Gespräch mit Rüdiger Safranski ihren Schlusspunkt finden, einer Phase der Vertiefung und Konsolidierung weichend. Seit bald drei Jahren pflanzen und besprengen wir blaue Blumen Zeit für ein begriffliches Beetgehege. Seit drei Jahren schürfen wir nach Goldpartikeln unter der spätmodernen Kulturkruste Zeit für eine Karatbestimmung. Seit drei Jahren bahnen wir publizistische Pfade durch verwildertes Revier Zeit für eine Zielvorgabe.

I. Europa als Wunder der Menschheitsgeschichte

“Die kulturelle Wiederentdeckung Europas” was seit jeher als Losung auf unseren virtuellen Fahnen stand, behält seine Gültigkeit auch 2020 mit Erscheinen unserer ersten Druckausgabe. Als Europäer erkennen wir jeden Versuch als witz- und hoffnungslos, über unseren eigenen Schatten zu springen und einen unbefangenen, bloß zergliedernden Blick auf diesen Erdteil zu werfen, der unser Wahrnehmen und Anschauen von Grund auf prägt. Auch werden wir kaum in den Chor derer einfallen können, die uns in sämtlichen Kulturkreisen, in jeder Himmelsrichtung gleiche Reichtümer in Aussicht stellen. Eher springen wir dankbar Gottfried Helnwein bei, wenn er dem nivellierenden Floskeldunst mit sonniger Klarheit begegnet:

Der kulturelle Höhepunkt der Menschheit hat nach meinem Verständnis in Europa stattgefunden, und zwar in der Zeitspanne von der Gotik bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts. Es war eine Explosion an Kreativität wie niemals zuvor irgendwo auf der Welt: in der Baukunst, der Musik, der Malerei, der Literatur und der Philosophie. Es ist das große Wunder der Menschheitsgeschichte. Für mich ist das aber auch mit Wehmut verbunden, weil es gerade zugrunde geht. Wir treten in ein völlig neues Zeitalter ein.

Gottfried Helnwein (2019)

Freilich bestechen die Worte des österreichischen Malers weniger durch ihren trivialen Gehalt als durch die löbliche, selten gewordene Unumwundenheit, mit der sie ihn vortragen. Den Eindruck eines neuen und nervöseren, tendentiell amusischen Zeitalters, das sich spätestens seit der vorletzten Jahrhundertwende ankündigt und in das man uns zum dritten Jahrtausend-Auftakt nun unwiderruflich entlässt, können wir ebenso nachempfinden wie die alt-europäische Wehmut, mit der Helnwein diese Entlassung zur Kenntnis nimmt. Entschiedenen Widerspruch jedoch legen wir mit Rolf Schilling überall dort ein, wo man “das große Wunder der Menschheitsgeschichte” nach Belieben zurechtstutzen, es etwa mit der Renaissance oder der Gotik erst beginnen lassen wollte.

Wir, im späten 20. und 21. Jahrhundert, haben die Zukunft hinter uns. Wir suchen das Heil im Ur-Ältesten. Selbst das Mittelalter ist uns viel zu nahe.

Rolf Schilling

II. Wird es sich neu entzünden?

Ihr tratet zu dem herde
Wo alle glut verstarb ·
Licht war nur an der erde
Vom monde leichenfarb.

Stefan George

Wir wollen nicht museal festhalten am nächsten Fernen, das wir gerade noch zu erspähen vermeinen, sondern vordringlich dem nachspüren, was länger schon aus unserem Sichtfeld gerückt ist. “Man geht zugrunde” heißt es in Nietzsches nachgelassenen Fragmenten “wenn man immer zu den Gründen geht.” Für Europa scheint heute das Gegenteil wahr: Um nicht vollends aufgerieben zu werden in einer Ära der Entknüpfung und des Zerfaserns, suchen wir die okzidentalen Gründe auf im Sinne der Neuauslotung und Selbstvergewisserung. Nicht bloß an feinste und jüngste Verzweigungen Manierismus, Rokoko, Jugendstil wollen wir uns im Tastgang nach Rückbindung halten, sondern mindestens ebenso sehr an die Wurzelgeflechte der Achsenzeit, an Platon, Pindar, Phidias. Worauf wir es anlegen, ist nicht das effektvolle Entfachen einer kurzlebigen Stichflamme, sondern die sorgsame Begutachtung von Kohlen und Glut. Wir wollen nicht pochen und trotzen, um schon morgen Asch und Bein zu sein. Unser Erkennungs-Geräusch ist nicht der Theaterdonner, sondern das sachte Scharren, ein mähliches Sich-Regen.

Der Weg zu allem Großen geht durch die Stille.

Paul Keller

Wird es sich neu entzünden? Wenn wir durch Gottfried Benns ‘Aus Fernen, aus Reichen‘ auf diese Frage gestoßen werden, dann antworten wir auf das überbliebene abendländische Kultur-Glimmen gemünzt ganz im Einklang mit dem Sprecher: “Wir meinen nicht.” Für spektakuläre (Neu-)Entzündungen mangelt es Europa gegenwärtig an Zwingkraft und Ungestüm, für rustikales Schlachtgeheul ist man zu alt, zu reich, zu raffiniert. Ungeachtet dessen fühlen wir uns dem “doch”, einem “Dennoch” verpflichtet, mit dem Benn seine zweite Strophe eröffnet: Auf nichts Eruptives ist darin verwiesen, sondern auf subtilere Register, die wir jedem Kontinent zu ziehen empfehlen, der nach einer Ruhezeit für Besinnung und Selbstbeschau im Windschatten der Geschichte verlangt. Unser “Dennoch” geht auf Taubenfüßen einher weder ächzt es als Aufbruch noch brodelt es als Umbruch. Gleichwohl sind in der Stille dieses Anfangs alle künftigen Paroxysmen als Kehrseite und Potential aufgehoben.

Und der heut eifernde posaune bläst
Und flüssig feuer schleudert weiss dass morgen
Leicht alle schönheit kraft und grösse steigt
Aus eines knaben stillem flötenlied.

Stefan George

III. Das autonome Individuum als Angelpunkt

Ein Volk ist der Umschweif der Natur, um zu sechs, sieben großen Männern zu kommen.

Friedrich Nietzsche

Dass unser publizistisches Abenteuer bisher keine geschlossene Phalanx, sondern einen losen Verbund von in hohem Maße eigensinnnigen Köpfen angezogen hat, begrüßen und begreifen wir als folgerichtig. Denn wie ließe sich Europas Größe treffender vergegenwärtigen als in Szenen der Vereinzelung? Thales selig unter Sternen, Archimedes selbstversunken über Kreisen, Epikur mit seiner Weisung zum Leben im Verborgenen; Moses vor dem Dornbusch oder auf Berg Sinai, Christus einsam im Sturm auf See Genezareth oder verlassen in Gethsemane, Kaiser Konstantin auf dem Nachtlager, wo ihm das Staurogramm erscheint; Ovid in der Verbannung, Hölderlin im Turm, Oscar Wilde im Zuchthaus; Jünger 1944 allein und gefasst auf dem Dach des Hotel Raphael, Nietzsche 1881 einsam und überwältigt am Silvaplanersee, Goethe 1780 abgeschieden auf dem Kickelhahn bei Ilmenau, wo er vor “der Verworrenheit der Menschen” in die Natur geflohen Verse an die Hüttenwand ritzt, die ihn zu Tränen rühren, als er sie ein halbes Jahrhundert später und kein Jahr vor seinem Tod wiedersieht: “Über allen Gipfeln ist Ruh.”

Die ganze Menschheit zehrt doch von einigen Selbstbegegnungen.

Gottfried Benn
Julius von Klever: Christus auf dem Wasser (1880).

Wer von der Austarierung zwischen Gemein- und Eigensinn so spricht, als sei das Kollektiv dem Einzelnen in seiner Bedeutung für Europa auch nur näherungsweise ebenbürtig, der ordnet das Adyton dem Jahrmarkt, die Heerschau dem Waldgang bei. Mit Alexander Grau, der sich im Frühjahr 2020 bei uns zum Gespräch einfand, sind wir darin einig, dass man der westlichen Welt einen Bärendienst erwiese, wollte man sie gegen fremde und geschlossener auftretende Kollektive gewaltsam zur Kampfeinheit verformen. Das autonome Individuum ist kein junges Dekadenz-Symptom, sondern Dreh- und Angelpunkt für alles, was dem abendländischen Kulturkreis seit seinen frühsten Ursprüngen und über seinen bloßen Bestand hinaus Wert und Gewicht verleiht. Der Bestand entspricht bildhaft einer Linie, die notwendig abreißen muss. Der Wert hingegen ist punktuell und entelechisch sein Emblem ist der Ouroboros, der die Allheit in Potenz enthält. “Wer auch nur ein einziges Leben rettet” weiß der Talmud “rettet die ganze Welt.”

Das Universum hat sich im Individuum bestätigt.

Ernst Jünger

IV. Zuspitzung statt Ausdehnung

Daß sich das größte Werk vollende,
Genügt ein Geist für tausend Hände.

Johann Wolfgang von Goethe

Nehmen wir von einer beliebigen Stammesgemeinschaft an, sie lebte wacker und standhaft über ungezählte Jahrtausende hin: Väter gingen zur Jagd mit den Söhnen, Mütter flöchten Kränze mit ihren Töchtern; Schafe würden geweidet, Äcker gepflügt, Opfer gebracht. Auch auf uns würde diese beschauliche Stetigkeit ihren Eindruck nicht verfehlen. Dennoch täuscht alle Bewunderung für geruhsames Gleichmaß nicht über die Erkenntnis hinweg, dass sämtliche Ahnen- und Entwicklungslinien ins Leere liefen ohne jene individuellen Höhe- und Endpunkte, die dem bekannten Goethe-Wort zufolge “von Ewigkeit angezettelt” sind. Diese großen Einzelnen wären aus der sonstigen Geschichte ihrer Völker heraus nicht ohne Weiteres extrapolierbar, das Kollektiv selbst aber sein Wohl und Wehe bleibt umgekehrt durchaus gegenwärtig im Bewusstsein des einsamen Ausläufers.

Das war der Mann, der immer wiederkehrt,
wenn eine Zeit noch einmal ihren Wert,
da sie sich enden will, zusammenfasst.
Da hebt noch einer ihre ganze Last
und wirft sie in den Abgrund seiner Brust.
Die vor ihm hatten Leid und Lust;
er aber fühlt nur noch des Lebens Masse
und dass er Alles wie ein Ding umfasse.

Rainer Maria Rilke

Gerade von konservativer Seite wird in jüngster Zeit vermehrt und zustimmend Spinozas Diktum zitiert, wonach es das erste und einzige Prinzip der Individuation sei, sich im Sein zu erhalten. Vor diesem Hintergrund bekennen wir, in Fragen der Selbsterhaltung das “Wozu” in seiner Bedeutung dem “Ob” nicht nur gleich-, sondern im Zweifel überzuordnen, wie es etwa Stefan George in seinem letzten Gedicht-Fragment tut: “Ist verwehrt was wir erwünscht / Hat bestehen dann noch sinn?” Zu welchem Ende erhalten sich Kollektive, erhält sich ein Individuum im Sein? Wer dieser Frage ausweicht, weil er die Existenz als Selbstzweck ansieht und abtut, bleibt im Animalischen verhaftet. Ausdehnung und Wachstum sind nicht allein der zeitlichen Länge oder räumlichen Breite nach wünschbar, sondern auch und gerade als punktuelle Verdichtung und vertikale Zuspitzung.

Nicht nur fort sollst du dich pflanzen, sondern hinauf!

Friedrich Nietzsche

V. Sub specie aeternitatis

“Es gibt nur zwei Dinge” den Freunden von Benns Spätwerk dürften sie vertraut vorkommen: “die Leere / und das gezeichnete Ich.” Doch auch an ungleich entlegenerer Stelle, in Rolf Schillings ‘Stunde des Widders’, findet man im Verkündigungston “zwei Dinge” besungen, die nach dem Sturz aller höheren Zivilisationen “von jeder Welt, die verweht” relikthaft überdauern sollen: “Asche und Alphabet.” Die Frage nach dem Bleibenden treibt jeden um, der gehen muss. Mit Frank Böckelmann begreifen wir das Gros der immateriellen Güter, die in Familie, Gesellschaft oder Ausbildung wohlmeinend an uns herangetragen werden, nicht als den eigentlichen Gegenstand unserer Bewahrungsbemühungen, sondern als bloßen und noch dazu verhältnismäßig beliebigen Ausfluss eines elementareren Quellgrundes.

Europa überdauert nicht in Posen, Ritualen, Trachten, Volksliedern und anderen Versatzstücken vergangenen Brauchtums. Es zehrt vom Sinnüberschuss, für den wir kaum noch Worte haben.

Frank Böckelmann (2020)

Diese überschießende Sinnschöpfungskraft ist es, die um ein Jünger-Wort aufzugreifen alle Brauchtums- und Ritual-Muscheln wie ein unterirdischer Strom an den kulturellen Strand des jeweiligen Jahrhunderts spült. Dabei bestärkt uns die unübersehbare Fülle des Treibguts im Anspruch, einzugrenzen und auszusondern. Als sich Harald Schmidt und Manuel Andrack 2001 im Streitgespräch die Hochliteratur vorknöpften, rekurrierte der Moderator auf ein ZEIT-Interview mit dem französischen Schriftsteller Julien Green, der in fortgeschrittenem Alter “zum Schluss” seinen Buchbestand auf wenige Regalmeter zusammengestrichen hatte: “Shakespeare, Novalis und die Bibel.” Zum Schluss brauche man ohnenhin ziemlich wenig, merkte der skeptische Sidekick süffisant an. Worauf Schmidt unbeirrt entgegnete: “Das ist doch das Großartige!”

Wenn du von einem Giganten liest, dass er auf den letzten Metern sagt, es überdauert nichts – warum willst du dich dann mit 40 damit belasten?

Harald Schmidt

Wir schlagen uns insofern auf Schmidts Seite, als wir unser Augenmerk nicht erst in hohem Alter, sondern von vornherein und überhaupt auf das zu richten gewillt sind, was auch im Weltverwehen noch windgeschützt bleibt. Unser Blick ist ein selektiver, der Ernstfall und Ende mit- und vorausdenkt, um sich streng auf jene Hervorbringungen zu fokussieren, die sub specie aeternitatis ihren Rang und ihre Gültigkeit behaupten dürften: auf eine dichte Vers-Auswahl, einen eng gezogenen Lieder-Kreis, einen schmalen Bilder-Reigen, auf eine Handvoll Formeln, ein Bündel Gedankenblitze, einen Köcher von Fraglosigkeiten. Im Umkehrschluss heißt diese Bescheidung für uns nahezu flächendeckend: Ignoranz ist eine Tugend, Abwinken Souveränitätsgewinn, Vergessen Gesundung.

Die Lektüre der ›poetae minores‹ gehört gewiß zu den Foltern der Hölle.

Nicolás Gómez Dávila

VI. Herakles ein Schnippchen schlagen

Von Antaios, dem streitlustigen Riesen der griechischen Sage, ist bekannt, dass er seine Kräfte aus der Erde, von Mutter Gaia bezieht. Besiegt wird er, indem Herakles ihn in die Luft hebt und jeder chthonischen Kraftzufuhr beraubt. Das alte Europa von Boden und Scholle, das zwischen Spätantike und Renaissance seinen idyllischen Zenit erreichte, befindet sich heute fest im herakleischen Klammergriff. Dabei wäre jede Anstrengung des bedrängten Riesen, sich aufs Neue einen festen Stand zu verschaffen, aus gegnerischer Perspektive lächerlich berechenbar. Als bloßer Revanchist gliche Antaios einem Kind, das Wege zurück in seinen früheren Laufstall sucht anstatt ihm zu entwachsen. Zwar kühn, doch auch weitaus verlockender scheint uns der Versuch, sich ab einem gewissen Alter und Reifegrad von Gaias Gängelboden zu emanzipieren.

Irdische Leuchten locken uns nicht,
Was uns auf Erden durchdrang und berührte,
Hallende Chöre gehn wir im Licht,
Über Verblühendes selig Geführte.

Carl Busse

Freilich rechnen wir mit dem Hohn der Handfesten der Bodenhaftungs-Bedenkenträger und Erdungs-Ermahner über unser im Bau befindliches Luftschloss. Und doch haben wir heute nur deswegen Zugriff auf Horaz-Verse, weil sie leichter und luftiger daherkamen als Erz. Und doch traf es Winston Churchill auf den Punkt, als er nach dem Zweiten Weltkrieg erklärte, dass alle künftigen Reiche nur mehr Vesten des Geistes sein würden unabhängig davon, ob dieser Satz aus Überzeugung oder ob er aus dem Kalkül fiel, den Verlust des Empires vor der britischen Öffentlichkeit zu rechtfertigen. Der deutsche Geist ist aus der Flasche. Nicht ihr sollte künftig unsere Hingabe gelten, sondern ihm. Suchen wir händeringend nach alter Bodenhaftung, dann werden wir Herakles weder überraschen noch überwältigen. Fänden wir uns aber wider jedes Erwarten in der Luft zurecht und spielten dort ungeahnte Trümpfe aus, so schlügen wir ihm ein Schnippchen.

Hast du doch Flügel eben
Und das gewalt’ge Wort;
Halt‘ hoch dich über dem Leben,
Sonst geht’s über dich fort.

Joseph von Eichendorff

VII. Weltrastlosigkeit

Denn dort, im Freien und Entbundenen, bewegen wir uns letztlich alle längst und nicht mehr nur er, den Christus zur ewigen Wanderschaft verdammte. Es war Eugen Rosenstock-Huessy, “Erzvater des Kreisauer Kreises”, der den Juden schon in der Zwischenkriegszeit die Alleinstellung als Ahasver-Volk absprach, indem er konstatierte, was spätestens seit der Industriellen Revolution erahnbar war: dass nicht mehr Scholle und Nomadentum, Somewheres und Anywheres die äußeren Enden einer dichotomen Welt bilden, sondern dass diese vormals feindlich starren Pole sich auflösen würden in eine umfassendere, in epochale Unruhe. Das portative Vaterland hat aufgehört ein jüdisches Privileg zu sein.

Der Gegensatz des ‘steten Christen’ und des ‘rastlosen Juden’ paßt heute im Zeitalter der Weltrastlosigkeit nicht mehr.

Eugen Rosenstock-Huessy (1929)

Die Menschen des 21. Jahrhunderts sitzen tendentiell im selben Boot, nämlich in keinem mehr. Wer tatsächlich noch nicht physisch heimatlos geworden ist, der wurde es womöglich bereits transzendental. Da das Treiben im Offenen aber nicht jedermanns Sache ist, müssen zwangsläufig andere Schiffe entstehen: Anhand neuer Kriterien finden sich heute neue Gruppen zusammen, um je eigene Archen für künftige Stürme zu bauen. Die Bindemittel, von denen die früheren Barken zusammengehalten wurden Abstammung, Kultus, Raum , treten in Wettbewerb mit anderen Faktoren: Gesinnung, Lebensalter, Neigung. Interessenverbände institutionalisieren sich bis an die Grenze der Eigenstaatlichkeit, Willensnationen weisen Erfolge vor und mancher findet sich schließlich doch zurecht auf offener See. Als Einzelner muss er weder auf den Mantel der Geschichte noch auf andere gnädige Zeitfenster für seine darbende Schicksalsgemeinschaft hoffen. Seine ganze Aufmerksamkeit gilt einer unscheinbareren Pforte, die ihm allein und allzeit offensteht.

Dem Einzelnen ist es immer möglich, die Schranke der Zeit zu überschreiten.

Rolf Schilling
Elihu Vedder: The Ever-Open Door (1922).

VIII. Segnungen der Säkularisation

Falls man der Überzeugung anhängt, dass ein aktuell hegemonialer Weltentwurf nicht trägt, warum ihm dann die Ehre seiner Bekämpfung erweisen statt sich zurückzulehnen im Vertrauen auf das feinmaschige Sieb der Geschichte? Wer die liberalkapitalistischen Ansätze und Zugriffe für inkonsistent hält, der sollte warten können, bis sie sich von selbst erledigt haben. Das reizvolle Bild des verlorenen Postens, von Spengler und Konsorten mit ungesunder Vorliebe bemüht, wirkt sich überall dort verhängnisvoll aus, wo es dazu verführt, die eigene Stellung auch dann heroisch als hoffnungslos zu inszenieren, wenn sie es de facto gar nicht sein müsste insbesondere dann nicht, wenn man den Gefechtsstand des Individuums miteinbezieht, der zu keiner Zeit verloren ist. Die Rede vom verlorenen Posten sollte nicht dazu herhalten, individuelle Impotenz hinter den schlechen Aussichten eines womöglich längst der Auflösung überantworteten und nur mehr als Alibi lebendigen Kollektivs zu kaschieren.

Wissen Sie, den Krieg haben die Amerikaner gewonnen, indem sie jazzend aus dem Meer herauskamen, vor diesen tapferen, aber tumben und vollkommen anachronistischen deutschen Soldaten. Das war der Triumph der Säkularisation.

Karlheinz Bohrer

Karlheinz Bohrers knappen Worten über den Endsieg der Lockerheit schließen wir uns vollumfänglich an. Weder wollen wir die alt-europäische Niederlage in Abrede stellen noch gar die Jazzend-aus-dem-Meer-Gekommenen Jahrzehnte später zum letzten Revanche-Gefecht herausfordern. Wir brechen keinen Alles-oder-Nichts-Endkampf vom Zaun, sondern arbeiten auf unsere ‘Alles’-Exklave im säkularen Nichts hin; wir richten uns ein in den großzügigen Freiräumen, die der liberale Kapitalismus lässt. Den Triumph der Säkularisation fassen wir keineswegs als Heimsuchung auf, sondern als unverhoffte Möglichkeit, in die Rolle einer pittoresken Gegenwelt zu schlüpfen. Sobald Entwürfe hegemonial werden, verlieren sie ihren konspirativen Reiz. Die siegreiche Säkularisation ist uns hochwillkommen, weil sie überbliebene Anachronismen einer drückenden Verantwortung enthebt.

Auf die Weltgeschichte projiziert ist die Religion heute in einer ähnlichen Situation wie Rousseau im Kahn: Sie erlebt ihren glücklichsten Augenblick überhaupt, weil sie machtlos geworden ist und von einer schrecklichen Bürde befreit, mit der sie über Jahrtausende befrachtet war: Sie muss sich nicht mehr um die Ethnogenese kümmern, sie muss nicht mehr die soziale Synthesis tragen, weil die Gesellschaften heute anders zusammenhängen.

Peter Sloterdijk (2013)

Während einer Freiburger Podiumsdiskussion sprach Peter Sloterdijk im Februar 2013 die Möglichkeit an, dass der Religion als solcher und zumal dem europäischen Katholizismus eine behagliche Epoche als zweckloser Fremdkörper ins Haus stehen könnte. Manches spricht dafür, dass Benedikt XVI., der in seinem Wappen als erster Papst seit Jahrhunderten auf die Tiara als Zeichen der weltlichen Macht zugunsten der Mitra verzichtete, seine Kirche in diesen windstillen Alkoven der Geschichte lotsen wollte, wie Sloterdijk ihn skizziert. Seit 2013 allerdings melden sich ästhetische und spirituelle Sinnproduzenten, Kirchen und Kulturträger verstärkt zurück auf dem Spielfeld der Ethnogenese und in den Stürmen der Zeit. Wir wollen den von Benedikt anvisierten Alkoven besetzen und das Unwahrscheinliche wagen: auf eine innere und liedhaft-innige Welt zu pochen, ohne von dort aus gegen die äußere und ihren Jazz-Habitus aufzubegehren. Unser Wunsch ist die reibungslose, womöglich gar komplementäre Koexistenz.

IX. Zwei-Reiche-Lehre nach Neo Rauch

Das schlimmste, was man sein kann, ist authentisch. (…) Um den anderen nicht auf die Nerven zu gehen, zerfällt man in verschiedene Referenten.

Harald Schmidt

Weil die spätmodernen Gesellschaften an jeden Einzelnen hochgradig disparate Forderungen stellen, sind Adaption und Flexibilität Gebote der Stunde. Auf Opernbühnen kann Selbstverwirklichung segensreich enden, im Straßenverkehr tödlich. In der Kunst wird man mit Pragmatismus nicht weit kommen, im Politischen nicht weit ohne ihn. Kreativität im Musischen wird als Genie aufgefasst, Kreativität bei der Steuererklärung als Betrug. Stündlich wandeln sich die Standards und Register. Vor stetig wechselnder Kulisse lebenslänglich ein und dieselbe Rolle spielen zu wollen, zeugte von maßloser Selbstherrlichkeit. Im ausdifferenzierten Gemeinwesen des 21. Jahrhunderts wäre bruchlose Authentizität effektiv asozial. Man verwirklicht sich nicht mehr im Großen und Ganzen, sondern in vielerlei unterschiedlichen Szenen, Nischen und Partikularkulturen. Die bürgerliche Welt lässt hinreichend Spielraum für sämtliche Schattierungen und Schlupfwinkel. Um die so eröffneten Möglichkeiten gedeihlich zu nutzen, tut eine strikte Trennung not zwischen Geist und Macht, Kunst und Leben, Ästhetik und Politik, Leinwand- und Regierungstauglichkeit.

Immer bleibt das Missverständnis, dass man in der Politik etwas sucht, was man dort niemals finden wird: Erlösung, das wahre Sein, Antworten auf die letzten Fragen, Verwirklichung der Träume, Utopie des gelingenden Lebens, den Gott der Geschichte, Apokalypse und Eschatologie.

Rüdiger Safranski

Wo immer diese Trennmauer bröckelt, werden Satiriker fündig: dann zum Beispiel, wenn man oppositionelle Landespolitiker nicht allein mehr anhand ihrer programmatischen Aussagen beurteilt, sondern auch oder vor allem und leider unironisch am “Schicksal in den Augen.” Flammende Blicke verlangen wir mit gutem Recht von Sehern und Kündern. Das Soll des zeitgenössischen Staatsdieners hingegen wäre mit einem Mindestmaß an Selbstbeherrschung und Verbindlichkeit bereits vollauf erfüllt. Wer lange und entbehrungsreiche Wege weisen will, dem steht es frei, Religionen zu stiften. Der Staat ist kein überdimensioniertes Wandervogel-Lagerfeuer, sondern eine Funktions- und Verwaltungseinheit. Kür und Sende gehören in Bilderrahmen und zwischen Buchdeckel, nicht in Ausschüsse und Kabinette. Mehr noch: Je ferner das “Verheißungsvoll-Ungeheure” den Parlamenten rückt, desto gründlicher entfaltet es seine Wirkung zwischen den Zeilen. Und je eifriger man es daselbst konsumiert, desto weniger wird man es im Plenum vermissen.

Ich bin ein bekennender Romantiker und immer bemüht, an der Wiederverzauberung der Welt mitzuwirken. Ich bin also kein Aufklärer, wenngleich ich als Zeitgenosse schon sehr daran interessiert bin, das Programm der Aufklärung voranzutreiben. Aber als Künstler habe ich mich dem Gegenteil verschrieben.

Neo Rauch (2018)

Wer ambitioniert genug ist, sein Schloss in der Luft zu planen, sollte sich nicht am Boden schon verheddern. Der verständige Ästhet von heute macht nötige Konzessionen an den Alltag, um ihn im Weiteren umso vollständiger hinter sich lassen zu können. Seine Ekstasen lebt er in Dithyramben aus, nicht in Brauhaus-Reden. Seine Dystopien verewigt er auf Wandfriesen, nicht in Parteiprogrammen. Seine Erlösungs- und Allverbrüderungs-Fantasien schlagen sich lyrisch oder symphonisch nieder statt in Umwelt- oder Grenzpolitiken. Der gewissenhafte Künstler der Gegenwart wird zum Teilzeit-Mystiker, Hobby-Katechon, Gelegenheits-Heiland. Morgens steht er beim Bäcker in der Schlange, abends ringt er auf Leinwänden Leviathane nieder. Mittags lässt er sich geduldig von der Polizeistreife zurechtweisen, nachts gebietet er eisern über geistige Imperien. Die Könige und ihre zwei Körper werden seltener. Die Zukunft gehört dem Künstler und seinen beiden Seelen.

Was im Leben uns verdrießt, man im Bilde gern genießt.

Johann Wolfgang von Goethe

X. Das Haupt des Fürsten Sunmyra

Ab 1940 fanden in den Vatikanschen Grotten unterhalb des Petersdoms Ausgrabungen mit dem erklärten Ziel statt, das dort vermutete Petrusgrab zu bergen. Während Deutschland und Europa sich in einem finalen Weltkrieg selbst zugrunde richteten, stieg man auf Geheiß von Pius XII. hinab zu den Gründen und fand Heil im Ur-Ältesten. Dass innere Neugründungen gerade in Perioden des Zerfalls möglich bleiben, führt uns das Beispiel dieses germanophilen Papstes ermutigend vor Augen. Zentrale Gelingensbedingung für jeden Anbruch verwandten Zuschnitts wird die Bereitschaft zur rückhaltlosen Entkopplung von der äußeren, im Niedergang begriffenen Umgebung sein.

Nun sprich: Willst du mich minnen
Zu deines Flugs Gespiel?
So wirst du dich beginnen,
Wenn rings die Welt verfiel.

Rolf Schilling

Dem Verfall im Großen werden wir kaum Einhalt gebieten können sein Momentum ist enorm und seine Symptome sind Legion. Von Ernst Jünger ließe sich indes lernen, wie dem Untergang einer vormals tragenden Arche mit neuen Ankerwürfen im Kleinen und Symbolischen zu begegnen wäre. Zum Ende seines Widerstandsromans ‘Auf den Marmorklippen’ hin wird weder die einst hochstehende Zivilisation der Großen Marina noch der junge Fürst Sunmyra gerettet, der das besiegelte Schicksal seiner Heimat durch Tyrannenmord zu wenden versucht. Von seiner Mission, die alte Ordnung wiederherzustellen, kehrt der entrückte Adelsspross, den Jünger selbst später als Stauffenberg-Vorahnung deutete, nicht lebendig zurück. Der Erzähler findet sein abgetrenntes Haupt vor der Schinderhütte des Oberförsters auf eine Eisenstange gespießt.

Dem jungen Fürsten war nun das Haar gebleicht, doch fand ich seine Züge noch edler und von jener höchsten, sublimen Schönheit, die nur das Leid erzeugt.

Ernst Jünger

Nachdem der Erzähler das verklärte Antlitz zunächst mit Wein wäscht und es in eine Duftamphore zwischen weiße Lilien und Rosenblätter bettet, wird es Jahre später in den Grundstein eines neuen Domes eingefügt, den die Christen an der Marina errichten. Dieses Bild mag Ansporn sein für das Vorhaben, zwar von vielem Abschied, doch das Wertvollste mit uns zu nehmen aus einer sinkenden Welt, um den Gang oder Flug durch die Geschichte auf eigene Art und mit leichterer Fracht fortzusetzen. anbruch sucht nicht nach verzweifelten Mitteln und Wegen, das ohnehin Fallende zu stützen. Vielmehr halten wir Ausschau nach den seltenen Felsen und Häuptern, die das Fundament für künftige Kathedralen bilden. Was wir in unseren Duftamphoren mit uns tragen, lässt das Edelste des alten Europa als Erinnerung und stille Reserve lebendig bleiben. So leisten wir Gewähr dafür, dass auch diesseits der Marmorklippen anstelle von Ruin und Sturz schlussendlich Häutung und Verwandlung stehen.

»Die Feinde, sie bedrohen dich,
Das mehrt von Tag zu Tage sich,
Wie dir doch gar nicht graut!«
Das seh ich alles unbewegt,
Sie zerren an der Schlangenhaut,
Die jüngst ich abgelegt.
Und ist die nächste reif genung,
Ab streif ich die sogleich
Und wandle neubelebt und jung
Im frischen Götterreich.

Johann Wolfgang von Goethe
Jacopo Tintoretto: Die Erhöhung der ehernen Schlange (1577).

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