Von Eseln, Eros und Erlösung – Die „Metamorphosen“ des Apuleius

Der Roman gilt gemeinhin als eher moderne Kunstform. Der antike Autor Apuleis (*123 n. Chr.) beweist uns jedoch, dass lateinische Literaten schon vor langer Zeit die Kunst beherrschten, nicht-epische Erzählungen zu schaffen, die alles andere als „prosaisch“ zu nennen sind. Sein Roman mit dem Titel Metamorphosen, auch bekannt als Der Goldene Esel, gewährt dem Leser auch heute noch einen lebhaften Einblick in die schillernde Geisteswelt des römischen Kaiserreichs. Ob zotige Anekdoten, bezaubernde Märchen oder unaussprechliche Mysterien – hier kommt jeder auf seine Kosten.

„Ich will dir, lieber Leser, in diesem milesischen Märchen allerhand lustige Schwänke erzählen, welche deine Ohren auf das angenehmste kitzeln sollen…“

Lucius hat es nicht leicht. Alles was er wollte, waren doch nur ein paar sinnliche Nächte mit der reizenden Magd seines Gastgebers in der Stadt Hypata und eine kleine Kostprobe von den magischen Verwandlungskünsten seiner Hausherrin. Doch seine verfluchte Neugier ist ihn teuer zu stehen gekommen: Statt sich wie die thessalische Hexe auf gefiederten Schwingen in den Nachthimmel zu erheben, zieren sein Haupt nun zwei lange Ohren, seine Gliedmaßen sind behuft und von seinem Hinterteil baumelt ein grauer Schweif. Und wie es der Teufel will, entschiedet sich just in dieser schicksalhaften Nacht eine Bande von Halsabschneidern, das Haus seines Wirtes auszurauben und den frischgebackenen Equiden als Packesel für ihre fette Beute zu missbrauchen.

Und so beginnt das Abenteuer des Protagonisten von Apuleius´ Roman, der seinen Lesern aus der Ich-Perspektive die wechselvolle Geschichte seiner Verwandlung vom Mensch zum Esel und wieder zurück erzählt. Von den Banditen verschleppt, verschlägt es den Esel Lucius von einem Unglück ins nächste, stets auf der Suche nach dem einzigen Heilmittel für seine unglückliche Gestaltwandlung: ein Maul voller Rosen. Mehrere Male entrinnt er dabei knapp dem Tod oder (noch schlimmer) der Kastration, nur um nach einer kurzen Verschnaufpause abermals vom unberechenbaren Schicksal mitgerissen zu werden. Auf seinen Reisen begegnen dem Esel dabei allerhand kuriose Gestalten und Persönlichkeiten, von denen ihn die meisten jedoch nicht wie den fühlenden Menschen behandeln, der er innerlich geblieben ist – vom sadistischen Hirtenjungen über einen hungrigen Drachen bis hin zu den amourösen Avancen einer asinophilen Matrone.

Geschickt verwebt Apuleius die Irrfahrten seines Protagonisten mit einer Vielzahl kleinerer oder größerer Geschichten, die dem Esel während seines Abenteuers auf verschiedensten Wegen zu Ohren kommen. So gleicht der Roman einem farbenfrohen Teppich aus Anekdoten, Schwänken und Fabeln, die doch vom gemeinsamen Faden eines zentralen Motivs durchwoben sind. Eine besondere Stellung unter diesen Erzählungen nimmt die Geschichte von Amor und Psyche ein, welche seit der Antike zahllosen Künstlern zum Vorbild gedient hat, insbesondere zur Zeit der Renaissance. Die faszinierende Sage, die wohl eine Eigenschöpfung von Apuleius darstellt, liest sich zugleich wie eine Episode aus der griechischen Mythologie, ein Grimmsches Märchen und eine metaphysische Allegorie: Die Liebe des Mädchens Psyche („Seele“) zum Liebesgott und Venus-Spross Amor, ihr Betrug durch zwei eifersüchtige Schwestern, ihre demutsvollen Bemühungen um die Gunst der eitlen Schwiegermutter Venus, das Bestehen dreier unmöglich erscheinender Prüfungen und endlich die glückliche Wiedervereinigung der Liebenden in der Gesellschaft der Götter – das ist nicht nur ein Lesegenuss für jeden Freund von Mythen und Märchen, sondern schreit geradezu nach einer symbolischen Deutung, die der gelehrte Redner und Philosoph Apuleius auch zweifellos im Sinn hatte.

Joshua Reynolds, Cupid and Psyche, .1789.

Durch den gesamten Roman und all seine „milesischen Märchen“ hindurch lassen sich immer wieder die zentralen Motive der zügellose Begierde, der daraus erwachsenden Ungerechtigkeit und des unerbittlichen Schicksals ausmachen. Lucius, der durch seine erotischen Gelüste und seine ungehemmte Neugier in ein Tier verwandelt wird, verliert dadurch vor allem die Möglichkeit zum Gebrauch seiner menschlichen Stimme und damit die Fähigkeit, sein Schicksal durch vernünftige Rede selbst zu bestimmen. So wird er zum reinen Objekt der Gier, Missgunst und Wollust der Menschen und ist dem ihm und anderen im Namen individueller Leidenschaften zugefügten Unrecht schutzlos ausgeliefert. Am Höhepunkt des Romans hebt Apuleius dieses Thema ausdrücklich hervor, indem er eine schauspielerische Darstellung des berühmten Paris-Urteils schildert. Dieser klassische Mythos, der auch den Auftakt für den Trojanischen Krieg bildet, handelt vom phrygischen Jüngling Paris, der entscheiden soll, welche der drei Göttinnen Athene (Weisheit), Hera (Herrschaft) und Aphrodite (Liebe) die schönste ist. Seine Wahl fällt auf Aphrodite, die ihm zum Lohn die Hand der schönsten Frau der Welt, Helena von Sparta, verspricht, und bildet so das Urbild für die Verfallenheit des Menschen an die körperliche Lust.

„Wundert ihr euch nun noch, ihr einfältigen Hammel oder vielmehr ihr gierigen Geier von Advokaten, daß heutzutage die Gerechtigkeit jeglichem Richter feil sei, da schon im Anfang aller Dinge in einen zwischen Göttern und Menschen zu entscheidenden Handel Parteilichkeit sich eingemischt?“

Zur feierlichen Umkehr findet die Handlung schließlich im letzten Buch des Romans, das oft als „Isis-Buch“ bezeichnet wird. Nach einer weiteren verzweifelten Flucht bricht der Esel erschöpft an einem einsamen Strand zusammen und erwacht nachts im Licht des Vollmonds, der aus den dunklen Fluten emporsteigt. Von diesem Anblick überwältigt richtet Lucius ein rührendes Gebet an die Große Göttin, die er mit zahlreichen Namen benennt, und bittet sehnend um Erlösung von seinem grausamen Schicksal und Wiederverwandlung in seine menschliche Gestalt. Im Traum erscheint ihm daraufhin die mit Sternen und Kornähren geschmückte Göttin und offenbart sich ihm in ihrer höchsten Identität als die ägyptische Isis, die alle anderen weiblichen Gottheiten in sich schließt. Mit erbarmungsvollen Worten verspricht sie ihrem neuen Schützling Befreiung von seinem Leid und kündigt ihm die Rettung in Gestalt einer feierlichen Prozession zu ihren Ehren am folgenden Tag an. Dort soll er in den Händen des Hohepriesters endlich den Strauß Rosen finden, dessen Genuss ihm seine menschliche Form zurückgeben wird. Im Gegenzug gebietet sie jedoch, dass Lucius den Rest seines Lebens in ihren Dienst zu stellen hat. Es geschieht, wie von der Göttin befohlen, und der verwandelte Lucius kehrt mit den Isis-Priestern nach Rom zurück, wo er bald auch die Einweihung in die Mysterien der Isis und des Osiris sowie eine geheimnisvolle dritte Weihe empfängt und sich seinen Lebensunterhalt künftig als Redner und Anwalt verdient.

Das krönende Abschlusskapitel des Romans enthält nicht nur die wohl lebendigste erhaltene Schilderungen einer antiken Mysterien-Initiation (wenn auch in absichtsvoll esoterischer Sprache), sondern lässt rückblickend auch den religiös-philosophischen Hintergrund des gesamten Romans durchscheinen. Lucius´ Verwandlung zum Tier erscheint nun als notwendige Konsequenz und Strafe für seine ungehemmte Fokussierung auf Sexualität und falsche Zauberei, von der ihn nur die ehrliche Hinwendung zur wahren religio und ein göttlicher Gnadenakt zu erlösen vermögen. Wo der junge Mann zunächst den Versuchungen von Lust und Macht erliegt, die in den weiblichen Figuren der Magd Photis und der Hexe Pamphile auftreten, wird sein Verhältnis zum Kosmisch-Weiblichen erst durch die Verehrung der Göttin Isis korrigiert; an die Stelle des Strebens nach weltlichen Genüssen tritt die fromme Hingabe an die überweltliche Macht.

„Ich ging bis zur Grenzscheide zwischen Leben und Tod. Ich betrat Proserpinas Schwelle, und nachdem ich durch alle Elemente gefahrn, kehrt´ ich wiederum zurück. Zur Zeit der tiefsten Mitternacht sah ich die Sonne in ihrem hellsten Lichte leuchten. Ich schaute die untern und obern Götter von Angesicht zu Angesicht und betete sie in der Nähe an.“

Bei aller Frömmigkeit sollte jedoch nicht vergessen werden, dass auch die komödiantischen, satirischen und geradezu schrulligen Geschichten, mit denen Apuleius seine Erzählung ausstaffiert, nicht nur Mittel zum Zweck einer ethischen Lektion sind, sondern den Leser wirklich unterhalten und ihm „die Ohren auf das angenehmste kitzeln“ sollen. Witz und Ernst stehen sich hier nicht als unvereinbare Antipoden gegenüber. Mit seinem Roman, der voller Abwechslung und Überraschungen steckt, zeichnet Apuleius vielmehr ein Bild der menschlichen Seele in all ihren Höhen und Tiefen, ohne dabei allzu plump den drohenden moralischen Zeigefinger zu heben. Und auch wenn das feierliche religiöse Bekenntnis den klaren Fluchtpunkt der Erzählung ausmacht, so erhält doch auch der Gott des Gelächters seine angemessene Spende.