Seelentiefe ohne Form: Uwe Tellkamps Erzählung „Das Atelier“

Seit über einem Jahrzehnt wartet die Leserschaft nun auf die Fortsetzung von Uwe Tellkamps Erfolgsroman „Der Turm“ oder auch einfach nur auf den nächsten Roman des Autors. Der hat auf Lesungen gelegentlich Proben zu Gehör gebracht. Eine launige Milieuschilderung aus dem Dresdner Musikleben mit dem Titel „Freundeskreis Musik“ las er während der Schostakowitsch-Tage 2016 im Kurort Gohrisch.

An die Malerei als die zweite Säule der Dresdner Kunstausübung lehnt sich seine hundertseitige Erzählung „Das Atelier“, die in der Reihe Exil der Edition Buchhaus Loschwitz erschienen ist. Dazu paßt, was Ludwig Renn in seinem Roman „Adel im Untergang“ seiner Tante Manja in den Mund legte: „Es gibt wenig sächsische Dichter und viele Maler und Komponisten. Vor lauter Verzweiflung über ihre Sprache griffen sie zur Farbe und zum nicht gesprochenen Ton.“

Bei Uwe Tellkamp zeitigt das zwar keine Gemälde und Musikstücke, so doch eine durchsichtige Kolportage über Musiker und Maler. Die Lokalfarben, Arien und Rezitative werden aus der Lebenskunst echter Protagonisten jenes Milieus unausgegoren auf Flaschen gezogen. Diese Direktverwertung setzte Tellkamp beim Turm bereits einem Plagiatsvorwurf aus. Ein Autorenkollege hatte exakt dasselbe Geschehen in einer Dresdner Buchhandlung geschildert. Per Anwalt hatte Tellkamp damals seine Praxis des Wirklichkeits-Abklatsches gegenüber dem MDR beurkundet.

Einblicke in die sächsische Kunstszene

Die Gänge durch „Das Atelier“ lassen ihn nun wieder als Kaltmamsell und Florist den Küchengarten und die Kunstflora Dresdens abschreiten. Sein Erzähler Fabian ist die Handpuppe eines Bauchredners, der offenbar viel zu langweilig und angepaßt war, um zum Zeitpunkt des Ereignisses daran teilzuhaben. Weil er die Fama unbetroffen und doch nachträglich fasziniert weiterträgt, trifft er wohl auch den Ton für seine Klientel. Einerseits gibt es Kunden für Tolkien, Rowling und Tellkamp und andererseits gibt es Leser. Die werden sich auch künftig lieber an Guntram Vesper, Reinhard Jirgl und Wolfgang Hilbig halten, wenn sie ein künstlerisch verdichtetes Bild dieser zugegebenermaßen verkommenen, aber auch bedeutsamen Epoche erschauen wollen.

Das liegt ungleich schwerer auf der Seele als das eitle Schwadronieren des malenden Intellektuellen Rahe und des intellektuellen Malers Vogelstrom. Weil das wirkliche Leben viel romanhafter ist als jede mögliche Fiktion, wird die Kontur der beschriebenen Personen aufgelöst und zu amöbenhaft sich fortschiebenden Merkmalsgebinden wieder zusammengeknetet. Bis auf einige Chiffrierungen und Verschiebungen ist alles vorgegeben, nichts erlebt. Wenn der Konstruktivist Hermann Glöckner als ein Maler für Hörer klassifiziert wird, dann sind die in „Das Atelier“ figurierenden Gestalten Maler für Leser und nicht für Schauende.

Nebenbei befinden sich doch einige schöne Trouvaillen, wenn die Assistentin des schmockigen Kunsthändlers Carl Bunge das Erfolgsgeheimnis der Machwerke der Neuen Leipziger Schule ausplaudert, nämlich ihren Wiedererkennungswert auf Instagram und die damit verbundene Lockwirkung auf eine ebenso oberflächliche wie zahlungsbereite Kundschaft. Eine eigene Poetologie offenbart Fabian, wenn er die Ironie ablehnt, was dann freilich folgerichtig an vielen Stellen auf unfreiwillige Komik plädieren läßt.

Uwe Tellkamp, Das Atelier, 2020.

Oder wie wäre es zu hinzunehmen, wenn der Kunsthändler nach dem erbrachten Ausweis der Skrupellosigkeit tönt: „Er sei an langfristiger Zusammenarbeit interessiert, seine Geschäftsgrundlage sei die Unsterblichkeit.“ Wenn es nun keine Ironie ist, wie Fabian das wiedergibt, dann kann es allerdings nur noch lächerlich sein. Das liegt freilich nicht in des Autors Verantwortung, der hier nur die Energie abstrahlt, der er sich aussetzte.

Es mag wohl manche Sumpfblüte darunter sein, aber die erwuchs nach ihrem eigenen Gesetz und trug die Kosten für ihren Flor selbst. Nun wird all das herangezogen, abermals einen Sehnsuchtsraum auszustaffieren. Der deutsche Bildungsspießer und FAZ-Leser flaniert darin sein zwanzigstes Halbjahrhundert zu besichtigen. Er schaut dem Erzähler Fabian über die Schulter, der hört viel zu, beobachtet etwas und merkt an.

Ganz konkret ist das besagte Atelier vor allem jenes des Malers Martin Rahe, der für den aufmerksamen Leser unschwer zu entschlüsseln ist. Sodann das des Malers Vogelstrom, dessen habituelles Vorbild und biographische Anregung schon etwas präzisere Lokalkenntnis erfordert, gleichwohl beides unverkennbar bleibt. Vogelstrom ist ein hochgebildeter Spießer, dessen Profilierungstreben veritable Identitätsprobleme nach sich zieht. Denn er halluziniert sich und Fabian in verblichene Persönlichkeiten des Dresdner und deutschen Kunstlebens hinein. Sie besuchen zusammen die städtischen Kunstsammlung in Freital.

Zwischen Artistik und großer Prosa

Dieser Vogelstrom ist zusammengezwirnt aus zwei Dresdner Malern, so wie die Schlüssel in Tellkamps Schlüsselromanen fast immer zwei Bärte haben. Türen zur Erkenntnis schließen sie zwar nicht auf, lassen aber weidlich staunen über ihre krause Gestalt. Die Polygrafen der DDR sprachen vom „Schwabenduplex“ wenn die gleiche Form und Farbe nur um Haaresbreite versetzt ein zweites mal aufgedruckt wird um dem Druckbild Fülle zu verleihen. So verfährt der Autor mit seinen Figuren, deren leicht verkantetes Zusammendrillen eine verführerische Plastizität bewirken soll.

Diese teils offenbare, teils nur von Kennern zuzuordnende Personage wird ergänzt durch die Klarnamen einiger Maler, Kunstsammler und Literaten: Martin Raschke, Curt Querner, Friedrich Pappermann, Paul Ferdinand Schmidt, Otto Dix, Heinar Schilling, Sascha Schneider, die den Leser auffordern zur enzyklopädischen Recherche bis hin zum Maserati-Autohaus in Radebeul, dem Ökowinzer Zimmerling und dem Freitaler Museumschef Günther. Ein bildungsbürgerliches Gesellschaftsspiel ohne schmerzliche Konsequenzen.

Hier in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts mit letzten Kräften gelitten, gelogen und geliebt wurde, einen spritzigen Cocktail für ambitionierte Banausen zu mixen. Aber es ist nur die konsequente Fortsetzung des „Turm“- Romans und wird gewiß auch dessen Erfolg beerben. In der Begründung der Preisverleihung der Konrad-Adenauer-Stiftung wurde der Roman seinerzeit gerühmt als „Dokument der Freiheit und Würde des Individuums gegen die Vereinnahmungsversuche einer Erziehungsdiktatur“.

Daß Tellkamp mit der Bundesrepublik glimpflicher verfährt, erweist der Vorabdruck des Kapitels „Das Märchenreich am Rhein“ aus dem für Frühjahr 2021 angekündigten Roman „Der Schlaf in den Uhren“, das im Frühjahrsheft der Vierteljahreszeitschrift TUMULT erschienen ist. Der Versuch einer Phänomenologie der frühen Bonner Republik ist diesmal verständlicherweise nicht kompiliert aus der Anekdotenbeute des Bekanntenkreises, sondern ergießt sich aus medialen Füllhörnern. Felix von Eckardts Westenvielfalt, Adenauers Knorrigkeit, Wehners sture Bosheit und Wienands lauernder Verrat werden hier zur Dimension herodotischer Historiographie aufgepumpt.

Das Ergebnis schmeckt wie eine Mixtur aus einem der besten Romane Ernst Jüngers (Eumeswil, 1977) mit einem seiner schlechtesten (Heliopolis, 1949). Doch halt, inmitten des Artistengeschwätzes befindet sich gegen Ende des Bandes „Das Atelier“ ein zehnseitiges Prosastück eingelassen, welches einen Ton anschlägt, der einem beim Lesen die Beine weg haut. Dabei geht es um einen norddeutschen, in Dresden studiert habenden Bildhauer, über den sehr viel und schon sehr betulich ausgesagt worden ist. Doch Uwe Tellkamp läßt ihn in einer magischen Sprache auferstehen. Da klingt Musik und es steigen aus jeder Zeile Urbilder empor. Dann doziert Vogelstrom weiter als wäre nichts geschehen.

Uwe Tellkamp Das Atelier, englische Broschur, 112 S., edition buchhaus loschwitz, Dresden 2020, ISBN 978-3-9820131-8-3, 17 €  

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