Unversehrt durchs Interregnum — Harald Schmidt als Reaktionär

Als Harald Schmidt im Herbst 2014 – wenige Monate nach der endgültigen Absetzung seiner Late-Night-Show – vom österreichischen Publizisten Peter Huemer auf seinen aktuellen Arbeitsstatus angesprochen wurde, konnte er das Publikum beruhigen: “Ich habe genug zurückgelegt, dass es bis zum Jahresende reicht.” Der frühpensionierte Fernsehmoderator hat für sich eine Existenzform gefunden, die das bequeme Aussitzen des titanischen Zeitalters zu erlauben scheint und Anknüpfungspunkte zum späten Ernst Jünger bietet.

„Harald Franz Schmidt“ – ein Name wie dieser will erstmal über Jahre hin unbeirrt durchgetragen sein im Showgeschäft, ohne dass sein Träger sich zwischenzeitlich umtut nach kapriziöseren Pseudonymen. Der Grund, um dessentwillen der einstige „Late-Night-Präzeptor“ (FAZ) – anders etwa als die glücklos-blassen Format-Vettern Kurt Krömer oder Hermes Phettberg – bis heute standhaft an seinem Klarnamen festhält, ist derselbe, aus dem er sich seit geraumer Zeit einer Haartransplantation verweigert: wahre Eitelkeit. Denn das Bedürfnis nach Optimierung gilt ihm nicht als Ausdruck, sondern als Widerlegung von wahrhaftigem Selbstgefallen.

Im Reinen mit sich scheint Schmidt – zumindest, was seine Begabung anbetraf – schon in der beengten elterlichen Wohnung gewesen zu sein, wo man die Hausaufgaben am Esstisch erledigte. Als optimierbar wurde lediglich das Bild der Mitwelt vom eigenen Selbst empfunden, weshalb der Schüler bald Abhilfe schuf, indem er zur Erheiterung der Umsitzenden überschwängliche Feuilleton-Elogen auf den künftigen Star der deutschsprachigen Theater-Bühnen extemporierte: auf Harald Schmidt. Erklärtes Ziel damals: das eigene Konterfei zugleich am Wiener Burgtheater und am Piccadilly Circus zu sehen, wo er 1973 verwandtschaftsgewiss zu Clint Eastwood aufgeblickt hatte. Ans Burgtheater schaffte es Schmidt ein Vierteljahrhundert später tatsächlich: mit einer Brett-Easton-Ellis-Lesung, deren Zustandekommen sich freilich vorrangig seinem Fernsehruhm verdankte. Von der Piccadilly-Circus-Front hingegen gibt es bis heute keinen Durchbruch zu vermelden, als schwacher Trost fielen Brosamen in Form von Bambis oder Grimmepreisen ab. Was lief schief auf der ursprünglich eingeschlagenen Bahn, was rund und richtig im Gefolge der Entgleisung?

„Rühr den Peymann ich nicht…“

Erklärtermaßen liebe der Kritikerpapst die deutsche Literatur, spottete Martin Walser einst über seinen hartnäckigen Verfolger Reich-Ranicki, doch sei diese Liebe von ihr nie erwidert worden. „Ich habe das Theater geliebt“, gab Harald Schmidt vor Kurzem analog zu Protokoll, „aber das Theater mich nicht.“ – Um sogleich konziliant anzufügen: „Aber so entstehen ja die tollen Geschichten.“ Seiner Leidenschaft für die welt-bedeutenden Bretter frönte der Schüler des Nürtinger Hölderlin-Gymnasiums zunächst durch regelmäßige Pilgerfahrten nach Stuttgart, wo in den 70er-Jahren unter der Regie von Claus Peymann gefeierte Produktionen mit Kirsten Dene, Martin Schwab, Branko Samarovski und – allen voran – Gert Voss über die Bühne gebracht wurden. Nach mäßigem Abitur studierte Schmidt dortselbst gemeinsam mit Ulrich Tukur einem geborenen Ulrich Scheurlen, dem es augenscheinlich an Eitelkeit gebrach – Schauspiel an der Staatlichen Hochschule für Darstellende Künste, von wo ihn sein erster Vertrag nach Augsburg führte. Dass die große Gegenliebe des Theaters ausbleiben würde, ging ihm spätestens auf, als er in seiner Debüt-Vorstellung – Lessings ‚Nathan‘ – anstelle des erhofften Tempelherrn den zweiten Mameluk zu mimen hatte, dessen einziger Satz im abendfüllenden Ideendrama „Nur hier herein!“ lautet.

Wenn Menschen von gewöhnlichem Ehrgeiz hochfliegende Künstler-Ambitionen an der Wirklichkeit zerschellen sehen, treten sie in aller Regel aus dem Lichtkegel zurück ins Parkett, um sich ein bürgerliches Leben lang ihre Wunden zu lecken. Harald Schmidt jedoch brachte es fertig, den bescheidenen Erfolg im ernsten Schauspiel-Fach nicht etwa auf persönliche Missgriffe bei der Berufswahl zurückzuführen, sondern ihn als Irrtum der Show-Geschichte aufzufassen, die es nun eines Besseren zu belehren galt. Sein sportives ‚Nun-erst-recht‘-Gefecht nahm er in der Folgezeit mit einer Entschlossenheit auf, die an das vergilische Urbild dieser fruchtbaren Trotzhaltung erinnern mag: an Juno, die sich mit der – prominent von Freud aufgegriffenen – Schwurformel ‚Acheronta movebo‘ im Selbstgespräch vergewissert, dass sie ihre Ziele, wenn schon nicht mit olympischer Rückendeckung, so im Zweifel mit jedem erdenklichen anderen Beistand zu erreichen gedenkt: „Rühr ich die Himmlischen nicht, will Acherons Flut ich empören.“[1]

Die erstbeste Abzweigung vom undankbaren Theater-Himmel, an dessen Pforte er es gütlich versucht hatte, in Richtung acherontischer Fernseh-Gefilde eröffnete für Schmidt das Düsseldorfer ‚Kom(m)ödchen‘, wo er bei Kay und Lore Lorentz in die Kabarettisten-Lehre ging. Für die schlussendliche Comedy-Laufbahn erwies sich das Theater-Scheitern „so entstehen ja die tollen Geschichten“ – auch deswegen als hilfreich, weil es dem nun anderweitig Reüssierenden eine entscheidende Komponente für die eherne, meist Woody Allen zugeschriebene Humor-Definitionsgleichung lieferte: „Comedy is tragedy plus time.“ Tragik: ein passionierter Schauspieler, dem seine Mittelmäßigkeit keine andere Wahl lässt als in Kantinen-Gesprächen gegen den Intendanten zu intrigieren. Zeit: die Düsseldorfer Lehrjahre mit anschließender Kabarett-Ochsentour durch die Peripherie. Komik: wenn Schmidt zwei Dekaden später vor Fernseh-Millionenpublikum die offene Rechnung mit dem „versoffenen Kritiker-Loch“ begleichen konnte, das zu Augsburger Zeiten seine schauspielerischen Leistungen beanstandet hatte.

2011 in der Wiener Hofburg

Wenn das der Schmidt wüsste!

Vornehmlich als – virtuoser! Interview-Vagant zieht Harald Schmidt seit dem Ende seiner Late-Night-Show durch die Lande und verschanzte sich bis August 2020 bei ‚Spiegel-Daily‘ als Video-Blogger hinter der Bezahlschranke: seine mediale Präsenz hat sich spürbar reduziert. Ein schlagender Beweis für die unverminderte Gegenwart von zeitweise Entrückten im öffentlichen Bewusstsein ist die wiederkehrende Frage, wie der Abgetretene oder Abgesetzte sich zu Entwicklungen eingelassen hätte, die nach seiner Arbeits- oder Lebenszeit spielen: „Wenn das der Führer wüsste!“ Auch in Bezug auf den wahlkölnischen Conférencier, der sich zwar allem Anschein nach robuster Gesundheit, doch keiner abendlichen Sendeplattform mehr erfreut, dürften ehemalige Zuschauer mitunter ähnliche Gedankenspiele anstellen. Denn die Worte „Harald Schmidt“ – auf diesen Punkt brachte es 2015 der Fernsehkritiker Julian Miller – bezeichneten wohl am Rande noch immer einen personalen Moderator, vor allem aber stünden sie inzwischen als Chiffe für einen spezifischen Geisteszustand, der sich in den Köpfen nicht weniger Stammseher längst vom Original entkoppelt habe und dessen Umrisse im Folgenden skizziert werden sollen.

Weil Schmidt nach Eigenauskunft weder an die Veränderbarkeit der Welt durch Politik noch an die Beeinflussbarkeit der Gesellschaft durch Kabarett glaubt, bleibt ihm als einzige Option, sich mit den Dingen, wie sie nun einmal stehen, anzufreunden und abzufinden. Vor diesem Hintergrund kann es ihm nur recht sein, dass der langjährige ‚Focus‘-Kollege Michael Klonovsky gerade im gelösten Sich-Arrangieren einen tragenden Pfeiler jedes unterhalterischen Weltentwurfs erblickt: „Der Linke vermag geistreich zu spotten, doch der wirkliche Humor, diese Mischung aus Fatalismus und Weltversöhnung, ist seinem zelotischen Wesen fremd.“[2] Während Agenda-Setter und Versöhnungs-Verweigerer von Hagen Rether bis Volker Pispers die Pointe – das unverhandelbare Heiligtum des Komödianten – bedenkenlos zum bloßen Transportmittel für ihre politischen Aussagen degradieren, klaubt der bekennende Katholik Schmidt sich seit jeher alle möglichen, auch widersprüchlichen Botschaften zusammen, um sie als Wasserträger immer neuer – und in weit höherer Frequenz generierter – Pointen in Dienst zu nehmen.

Selten hat er sich mit Meinungen oder Haltungen ertappen lassen, die nicht angelesen – mal bei Houellebecq, mal bei Cioran – oder aber nach Bedarf leichterhand austauschbar gewesen wären. Diese Flexibilität macht sich insofern bezahlt und bemerkbar als inhaltliche Überzeugungen zumeist auch blinde Flecken bedeuten: Dieter Hildebrandt schoss ausnehmend selten gegen seine SPD, Dieter Nuhr verschont nach Möglichkeit die FDP – und auch die rechten Aktivisten vom YouTube-Projekt ‚Laut Gedacht‘, das ohne jeden Dieter auskommt, halten sich selbst dann mit Spitzen gegen die AfD zurück, wenn es mal wieder Anlässe und Vorlagen hagelt. Wer zumindest nach außen hin keine eigenen Standpunkte bezieht, kann umso unbefangener gegen alle Fremden mobilmachen und von Fall zu Fall spielerisch exakt die Farbe bekennen, von der aus der Weg zum Witz am jeweils kürzesten scheint. Als Schmidt seinen Wagen einmal mit bedrohlich lockerer Stoßstange durch Köln lenkte und ihn von der anderen Straßenseite ein erkennbar fremdstämmiger Teenager höflich auf diesen Missstand hinwies, drückte er ihm einen großen Schein in die Hand, bequemte sich zurück auf den Fahrersitz und stichelte vielsagend in die Kamera: „Ich hoffe, Sie haben das gesehen, Herr Sarrazin!” Gutmenschlich, moralinsauer, linksliberal? Für Blasphemiker womöglich, für Harald Schmidt: eine Pointe. Rund zehn Jahre zuvor – in der Sendung auf eigene Faust Kinderlieder komponierend und darbietend – hatte er dem Nachwuchs zu einem Zuckowski-haften Rhythmus denunzierbare Worte in den Mund gelegt: „Mamas neuer Freund / Ist halb so alt wie Papa, / Und im Sommer fahr’n wir heim zu ihm nach Afrika!“ Unbelehrbar, dunkeldeutsch, eurozentristisch? Für Entheiliger bestimmt, für Schmidt jedoch, den Théophil Gautier des Late-Night-Wesens: eine Pointe und nichts als dies. La blague pour la blague, l’esprit pour l’esprit.

Aufregung an Land

Ausweislich der entsprechenden ‚Cicero‘-Rangliste, die ihn nach der Jahrtausendwende regelmäßig auf vordersten Plätzen zwischen Grass und Habermas, Enzensberger und Ratzinger verzeichnete, darf man Harald Schmidt unter den Intellektuellen vermuten. Dem gängigen Fehler manches Elfenbeinturmbewohners allerdings, sich von popkulturellen Abgründen in der irrigen Annahme fernzuhalten, diese würden im Gegenzug schon nicht hineinstarren in einen selbst, verfiel er nie. Wenn man das, was in der Mediengesellschaft tagtäglich an Hirnerweichendem und Sinnzerrüttendem ventiliert wird, ins Bild des Sturmes fassen wollte, dann wäre Schmidt – der Sohn von Vertriebenen aus Karlsbad und Nikolsburg – nicht unter den vergebens Flüchtigen, sondern einsam in der Windstille des Zyklonen-Auges zu suchen: Denn alles, was Sloterdijk und Konsorten mit Schreckgebärde von sich weisen ob Kader Loths jüngste Operation oder die aktuelle Gespielin von Lothar Matthäus – sog er begierig auf, um es sodann pointenförmig wieder auszusondern. Nach dem probaten Prinzip ‚Immunisierung durch Infizierung‘ grundlegend entgiftet, konnte er sich anschließend mit umso wacherem Geist wieder Byron und Bogherini zuwenden oder aber den elfbändigen Tagebüchern der Brüder Goncourt.

Was auch immer die Arbeitswoche bereithält – ob Topfschlagen oder Ekpyrosis – nimmt Schmidt wie es eben kommt: „Ich reagiere auf das, was passiert: ob ein Kaktus gegossen wird oder ob Asien in den Pazifik bricht, ist nicht meine Sache.“[3] Er filtert die Meldungen kaum, sondern trägt Verschiedenstes scheuklappenlos zusammen, um es im Nachgang unter der kindlichen Devise ‚Dies alles gibt es also‘ verquickend zu kommentieren, ohne dabei die einzelnen Stoffe allzu ernst zu nehmen. Inhalte darf man sich von Schmidts Warte aus als beinah lästige Inseln vorstellen und ihn selbst als jemanden, der antritt, um seine Fähigkeiten als Schwimmer – als rhetorische und assoziative Großmacht – unter Beweis zu stellen. Dass zu beflissene Vorbereitung träge, zu reichhaltiges Wissen behäbig, zu hohe Insel-Dichte schwimmfaul macht, konnte Friedrich Gundolf im engsten Familienkreis nachvollziehen: „Mein Bruder Ernst ist ein Wagen so voll von Wissen, dass er sich nicht mehr bewegen kann.“[4] Schmidt dagegen blieb stets beschwingt halbgebildet und darum unablässig in Fahrt. Dabei versprühte vor allem das irrwitzige Changieren zwischen Hochkultur und Gosse – Olymp und Acheron – einen eigentümlichen Charme: 2006 beispielsweise gab man im Sendungs-Verlauf eine reichlich schlüpfrige Zote zum Besten, von der Sidekick Manuel Andrack sich überzeugt zeigte, sie sei in früheren Episoden bereits des Öfteren vorgetragen worden. „Ja“ – räumte Schmidt ein „beim letzten Mal lebte Saul Bellow noch.“ Wer hier nicht mehr folgen wollte oder konnte, dem stand der Wechsel zu Jauch oder Gottschalk frei.

Doch musste Schmidt ab einem gewissen Zeitpunkt einsehen, dass man mythologische Stoffe oder literarische Standardwerke nicht mehr ohne Weiteres mit Playmobil-Aufbauten parodistisch würde nacherzählen können, weil die Kenntnis der Grundtexte beim breiten Publikum zusehends nachließ: „Ironie“ – heißt es griffig bei Ernst Jünger – „verkümmert ohne das soziale Substrat.“[5] Den Bildungsverfall betrachtet Schmidt ebenso illusionslos wie die realpolitische Relevanz von Kabarett-Einlagen: „Wenn ich hier draußen jedem, der den Namen Robert Menasse kennt, hundert Euro gebe, komme ich mit Gewinn zurück. Sehen Sie sich doch Umfragen an, was die Leute interessiert. Die sind vollauf damit beschäftigt, sich Katzenohren aufzumontieren bei Instagram.“[6] Weder ereifert noch beklagt er sich über geistferne Zerstreuung, sondern registriert sie ungerührt, um bisweilen beschwichtigend darauf zu verweisen, dass kulturelle Blütephasen historisch nicht notwendig mit komfortablen Lebensumständen in eins fielen: „Als wir noch Gedichte konnten, war Opa in Stalingrad.“[7] Von Schmidt, dem Wehrdienst-Verweigerer und Gemüts-Transatlantiker, darf man sicher annehmen, dass er die friedliche Verhausschweinung dem hehren Endkampf mit Hölderlin-Hymnen im Tornister vorziehen würde.

Überhaupt war Empörung, wenn man sie nicht gerade dem Acheron angedeihen lassen oder zu Humor-Zwecken simulieren wollte, im Kölner ‚Studio 449‘ schlecht gelitten. Wer sich aber über gar nichts mehr echauffiere, hakte zuletzt ein SWR-Interviewer bei Schmidt nach, sei doch wohl tot. Worauf der Totgesagte pointiert entgegnete: „Oder weise.“[8] Weise wie Epiktet, der seinem Leser rät: „Verlange nicht, dass das, was geschieht, so geschieht, wie du es wünschst, sondern wünsche, dass es so geschieht wie es geschieht und dein Leben wird heiter dahin strömen.“[9] Weise wie Schmidts stoische Kommentierung des Trump-Siegs 2016: „Da ich meine Zufriedenheit immer dem Wahlergebnis anpasse, habe ich mehr Freude am Leben.“[10] In einer weiteren Ermahnung des Conférenciers zur Ataraxie klingt Brechts ‚Radwechsel‘ durch: „Wenn hinter mir einer hupt, weil es ihm zu wenig schnell geht, sehe ich, was für ein Auto er fährt, wie er angezogen ist, und ich frage mich: Warum willst du so schnell in deine Doppelhaushälfte in Quadrath-Ichendorf, mit einem Wagenrad am Carport? Sei doch froh, dass du im Stau stehst.“ Kürzlich habe er in Erfahrung gebracht, bekundete Schmidt vor Jahren im Enthüller-Ton, dass zwei Drittel der Erde von Wasser bedeckt seien. Woraus er messerscharf schloss: „Jede Aufregung an Land ist komplett sinnlos.“

Empörung nur zu Humor- und Wahl-Zwecken: Donald Trump im Oktober 2016

„Ich wäre gern Reaktionär“

Bei Beantwortung der Frage, ob man Harald Schmidt den Ewiggestrigen zurechnen darf, ist definitorische Sorgfalt geboten. Wer unter dem erlauchten Etikett der Reaktion solche subsumiert, die ihren Herrenhut offen zum Barrikadenkampf gegen die Progressisten-Phalanx in den Ring werfen, der wird den wendigen Late-Night-Gautier kaum von rechts vereinnahmen dürfen. Falls man allerdings dem Reaktionär, wie Jean Raspail es tut, eine „aristokratische Scheu“ zuschreibt, „die sich nicht dabei erwischen lassen will, für so etwas Lächerliches wie eine Idee zu kämpfen“ und es als die „höchste Freude“ anpreist, „das Leben für eine Maskerade zu opfern“[11], dann wäre Harald Schmidt der glühendste Parteigänger der Rechten, den es jemals ins Abendprogramm verschlagen hätte. Einer Rechten freilich, die nicht in jener Gegnerschaft verharrt, die letzthin Knechtschaft bleibt[12], sondern sich entzieht, ausklinkt, abkehrt: “Wenn Sie nicht fünfundneunzig Prozent dessen, was passiert, ausblenden, ist doch eigentlich die Klapse nicht weit.“[13] Schmidt trat nie an, die Probleme der Welt zu beheben oder sie auch nur zu benennen, sondern um ihre Silhouette durch das Pointen-Gleißlicht für Sekundenbruchteile verschwimmen zu lassen. Dabei weiß er sehr wohl um die systemstabilisierende Wirkung dieses Unterfangens, die schon der Vormärz-Pinscher Georg Herwegh Größeren zum Vorwurf macht, wenn er dem lesenden Volk ironisch zuruft: „Und wenn man dir alles verböte, / Ach, gräme dich nicht zu sehr, / Du hast doch Schiller und Goethe: / Schlafe, was willst du mehr?“[14] In der Tat: die unsanfte Ruhestörung ist so wenig Schmidts wie Goethes Agens. Seit er 2020 im Deutschlandfunk-Neujahrsgespräch verlauten ließ, er habe nie das jeweils aktuelle System bekämpfen oder hinterfragen, sondern stets vor allem weitestmöglich aufsteigen wollen darin, darf man ihn nicht mehr nur mit Recht den Gautier, sondern auch mit Fug den Talleyrand der Fernseh-Unterhaltung nennen.[15]

Das konservativ-revolutionäre Potential der ostentativen Abkehr vom Polit-Parkett besorgt der Umstand, dass vor 1789, wie etwa Safranski in seiner Goethe-Biographie herausstellt, nahezu jede Tätigkeit im Abseits dieses Parketts verrichtet wurde: „Und das war der zweite Aspekt des Schreckens, den Goethe die Revolution einjagte: Die von ihr ausgehende allgemeine Politisierung.“[16] Wenn maßgeblich der ‚Grande Terreur‘ die Pandorabüchse der Verzweckung öffnete, dann dürfen sich zwar Volker Pispers und Hagen Rether, doch weder Dieter Nuhr noch die Herren von ‚Laut gedacht‘ auf die Schulter klopfen: Denn linke Comedy – jawohl! – ist linke Comedy, aber auch liberale Comedy ist linke Comedy und rechte Comedy ist erst recht linke Comedy. Kurzum: Jedes vormals entelechische Tun, das eines Tages ins Joch von Vernutzungs-Adjektiven gebeugt wird, lenkt Wasser auf die jakobinischen Mühlen der All-Politisierung, die gegenwärtig – das stellt auch Harald Schmidt nicht in Abrede – so freidrehen wie selten seit Robespierre: „Mit den heutigen Maßstäben der political correctness, der Sprachpolizei und des linksliberalen Mainstreams hätte ich meine Show nach einer Woche abgenommen gekriegt.“[17] „Alles Rechte“ – heißt es angemessen apodiktisch bei Botho Strauß – „hat seinen Ursprung im Unpolitischen.“[18] Wie Faschismus laut Wolfgang Venohr „die bürgerliche Gesellschaft im Belagerungszustand“ ist, so darf man den lauteren Reaktionär als genuin politikfernes Individuum begreifen, das erst dann notgedrungen zum rechten Aktivismus getrieben wird, wenn man es seiner letzten entelechischen Refugien beraubt. Die eigene Position zu weltanschaulichen Definitions- und Zugehörigkeits-Fragen vertrat Harald Schmidt 2019 übrigens in löblicher Offenheit: „Ich wäre gern Reaktionär – aber mir fehlt die intellektuelle Grundlage.“[19]

Obacht ist auch bei noch so aussichtsreichen Vereinnahmungs-Versuchen schon deshalb geboten, weil die Rolle des Reaktionärs nur eine unter den vielen ist, in die Schmidt als Stargast auf dem Charaktermaskenball der Postmoderne schlüpft[20], um die Reibungslosigkeit des ausgelassenen Gesellschaftstanzes zu gewährleisten. Der unaufhaltsamen Fragmentierung des Gemeinwesens – „soziales Substrat“ – begegnet er mit der vorauseilenden Zerspleißung des Individuums: „Das schlimmste, was man sein kann, ist authentisch. Man hat gefälligst eine Kunstfigur zu entwerfen und sie vor allem im öffentlichen Raum durchzuziehen, um den anderen nicht auf die Nerven zu gehen. Man zerfällt in verschiedene Referenten: Heute sitzt hier der Referent zur Bespaßung eines akademischen Publikums, nachher wird man mich volkstümlich im Restaurant am Neckar-Ufer erleben und heute Abend bin ich dann wieder der Mega-Star im Park hinter dem Stuttgarter Hauptbahnhof.“ Adaptionseifer bis hin zur Wesenlosigkeit, von Schmidt vorgelebt und auf den Begriff gebracht, dürfte rettbaren Seelen die besten Chancen eröffnen, unversehrt durchs Interregnum zu gelangen. Wer sich entblöden wollte, ihn für diese Überlebensstrategie als Mitläufer oder Umfaller in Haftung zu nehmen, der könnte Schmidt zum Zellengenossen Ernst Jüngers machen, der 1973 mit einem Maschinen-Bild auf das titanische Zeitalter verwies, in dem sich bis zur Wiederkehr der Götter ein Rückzug ins Unverbindliche empfiehlt:

Wenn man an meinen Nationalismus appelliert, dann antworte ich als Nationalist. Wenn man von mir verlangt, Europäer zu sein, bin ich es. Einem Weltbürger antworte ich als Weltbürger. Das läuft in mir ab wie in einem gut geölten Mechanismus.[21]

Ernst Jünger

Rendezvous mit Ratzinger

Auf die mäßig originelle Frage hin, welchen Zeitgenossen respektive „Jetztsassen“ (Kapielski) er gerne noch persönlich kennenlernen würde, äußerte Schmidt im Juli 2019 gegenüber der ‚Augsburger Allgemeinen Zeitung‘ den Wunsch, Joseph Ratzinger eine Stippvisite in den vatikanischen Gärten abzustatten. Darauf warf der Gesprächsführer, der Schmidt seit neunzig Minuten politische Grenzübertretungen zu entlocken versucht hatte, die erwartbare Nachfrage ein, warum an einer Audienz bei Franziskus offenbar geringeres Interesse bestünde. Der Jesuiten-Papst darbe zu sehr im Tagesgeschäft, erläuterte der Moderator. Viel eher reize ihn natürlich eine Kapazität, die sich mit Dokumenten beschäftige, deren aktuellstes vermutlich ein Augustinus-Brief sei. Sinniert man eine Weile über Schmidts Wahl, so können gleich mehrere Verbindungslinien zwischen den emeritierten Eminenzen ins Auge fallen: Beide stammen aus Bayern, beide sind als Söhne ungewöhnlich alter Väter geboren, beide sahen sich in der Blüte ihrer Jahre mit widrigen schwäbischen Umfeldern konfrontiert: Schmidt mit den Zumutungen des protestantischen Kleinbürgertums, liebevoll „Pietcong“ genannt, Ratzinger an der Universität Tübingen mit der eidgenössischen Ein-Mann-Guerilla Hans Küng und ihrer Verwässerung der Glaubenslehre: Küng-Cong.

Von beiden, Ratzinger wie Schmidt, macht man sich in einer Welt der Bergoglios und Böhmermanns täglich ungläubiger klar, dass sie bis vor wenigen Jahren noch als reichweitenstarke Meinungsbildner, Menschenfischer, Begriffspräger, Entscheidungsträger wirkten. Den entscheidenden Unterschied allerdings wollen wir nicht verwischen zwischen zahlreichen Gemeinsamkeiten: dass Benedikt XVI. aller Wahrscheinlichkeit nach der letzte Papst des alten Europa gewesen sein wird, ist ein Verhängnis, das unauflösbar bliebe. Dass Harald Schmidt derzeit seiner adäquaten Bühne beraubt ist, werden die Verständigen unter seinen Bewunderern zwar ebenso als Verlust werten, jedoch als solchen, dem am Horizont Sublimierung und Überwindung winkt: dann nämlich, wenn man in Woody Allens Sinn hoffen darf, dass Schmidt auch nach dieser vorläufigen Niederlage noch hinreichend Gelegenheiten beschieden sein werden, aufs Neue beides – Tragik der Fernseh-Verbannung und die nun bereits ein gutes Lustrum währende Zeit danach – heilkräftig zu addieren und im Alterswerk acherontisch hinaufzuläutern: Zur Komik.

Adolf Hirémy-Hirschl: Die Seelen am Acheron (1898)

[1] Vergil: Aeneis; Übersetzung von Wilhelm Hertzberg; Zenodot Verlagsgesellschaft 2016

[2] https://www.michael-klonovsky.de/allerlei

[3] https://www.youtube.com/watch?v=F6DccdZISew&

[4] Ernst Gundolf: Werke; Castrum Peregrini Press; Amsterdam 2006; S. 16

[5] Ernst Jünger: Sgraffiti; Klett-Cotta 1985; S. 40

[6] https://www.deutschlandfunkkultur.de/aus-den-feuilletons-aufmontierte-katzenohren-bei-instagram.1059.de.html?dram:article_id=437817

[7] https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/menschen/harald-schmidt-im-gespraech-ich-bin-eine-charaktermaske-12124274-p2.html

[8] https://www.youtube.com/watch?v=UX5HoekvbZc

[9] Epiktet: Handbüchlein des moralischen Lebens; Reclam; Ditzingen 2008

[10] https://www.stern.de/lifestyle/leute/harald-schmidt-war-nie-hypochonder-7209900.html

[11] https://sezession.de/23672/der-traum-einer-reconquista-gesammelte-raspailiana

[12] Martin Burger: Endliches Dasein; Königshausen & Neumann; Würzburg 2008; S. 107

[13] https://www.youtube.com/watch?v=wRD1NE-y28Q&

[14] Siegfried Fischer-Fabian: Preußens Krieg und Frieden; Bastei Lübbe; Köln 2008; S. 273

[15] https://www.deutschlandfunkkultur.de/entertainer-und-schauspieler-harald-schmidt-ich-wollte-im.970.de.html?dram:article_id=466858

[16] Rüdiger Safranski: Goethe; Hanser 2013; S. 369

[17] https://www.youtube.com/watch?v=kP2j5UK2tj0&

[18] https://www.focus.de/kultur/buecher/literatur-rivale-seiner-zeit_aid_201608.html

[19] https://www.youtube.com/watch?v=F6DccdZISew

[20] Stefan George: Die Gedichte; Klett-Cotta; Stuttgart 2003; S. 417

[21] Ernst Jünger: Gespräche im Weltstaat; Klett-Cotta; Stuttgart 2019; S. 130

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