Und Phoebus schießt mit Pfeilen wieder

Was uns bisher als Lichtkranz der Sonne bekannt war, nimmt dieser Tage in seiner geläufigen Bedeutung eine historische Wende: Corona – vom Sonnenkranz zum Krankheitsbild. Ein Namens-Zufall, der nach mythischer Deutung schreit.

Corona bezeichnet neben dem antiken Sieger- und Ehrenkranz auch den des Kranzstifters Apoll, den Lichtkranz des Sonnenlenkers. Und nun ein Krankheitsbild? Doch ist der Schritt in der Tat nicht weit, weil der Lenker des Sonnenwagens auch mit Pfeilen, und zwar pestgarnierten, schießt.

Der die Sonne lenkt, schießt auch mit Pfeilen

Große Ereignisse verlangen nach ambitionierter Deutung. Schon im antiken Griechenland war klar, dass alles Einschneidende, Katastrophisches zumal, ans Göttliche rückgebunden sein musste. Kriege, Seuchen, Erdgezitter – schon immer hefteten Menschen auf der Suche nach Antwort ihre Blicke an die fernsten Horizonte.

Ganz in diesem Geist wand Homer zahlreiche Wechselwirkungen zwischen Göttern und Menschen, menschlicher Schuld und göttlicher Strafe in seine Ilias ein. Schönheitsfragen führen das griechische Heer bis zu Trojas Mauern. Doch der Kampfesmut gerät ins Wanken, sobald die Pest unter den Achaiern wütet. Darauf sucht und findet man Rat in einem Seher-Wort: Der Grund ist abermals eine Frau, nämlich die Tochter des Chryas, eines Priesters des Apoll, dessen Tempel die Griechen bei der Erstürmung der Küste gebrandschatzt hatten. Jener Chryas nun schrie in elterlichem Leid zu seinem Herrn:

Ihn hörete Phöbos Apollon.
Schnell von den Höhn des Olympos enteilet’ er, zürnenden Herzens,
Auf der Schulter den Bogen und ringsverschlossenen Köcher.
Laut erschallen die Pfeile zugleich an des Zürnenden Schulter,
Als er einher sich bewegt’, er wandelte düster wie Nachtgraun,
Setzte sich drauf von den Schiffen entfernt und schnellte den Pfeil ab;
Und ein schrecklicher Klang entscholl dem silbernen Bogen.
[…] gegen sie selbst das Geschoss hinwendend,
Traf er; und rastlos brannten die Totenfeuer in Menge.

Homer, Ilias, 1. Gesang
Jacobo Alessandro Calvi – Auf Chryas Bitten hin sendet Apoll den Griechen die Pest (~1815)

Als Pestbringer war Phoebus den Griechen tatsächlich mehrfach bekannt: bei Sophokles erfährt man, wie einst auch Theben unter seinen Pfeilen litt.

dazu sprengte der feuertragende Gott heran und quält – die Pest, die urverhasste – die Stadt, wodurch sich leert das Haus des Kadmos und der schwarze Hades mit Gestöhn und Klagerufen reich sich füllt.

Sophokles, König Ödipus, Prologos

Überhaupt war der Sonnenlenker den Katastrophen niemals fern: Natürlich auch und gerade dann nicht, als er seinem Sohn Phaeton den Sonnenwagen überließ, welcher, unfähig die Pferde zu bändigen, weite Landschaften zu Wüsten verbrannte, Eisfelder schmolz und die Meeresfluten landeinwärts trieb.

Sprach vor wenigen Wochen noch alle Welt vom Klimaschutz, so sind wir nun Gefangene im Pfeilhagel des Phoebus, der uns in die Deckung zwingt, zu Isolation und Einkehr hin. Aus welchem Grund, zu welchem Zweck – und wie lange noch?

Andrea Mantegna – St. Sebastian (um 1457/59)

Ein Gang nach Delphi

Die Griechen vor Troja suchten Rat bei einem Seher, und dieser fand den Grund der Seuche in König Agamemnons Handeln, hatte dieser doch den Bitten des Priesters zum Trotz dessen Tochter in seinem Zelt belassen. So gab der König diese widerwillig frei, und um des Gottes Zorn zu besänftigen brachte man ihm auf einem Inselheiligtum Opfer dar. Freilich war dies nicht ihre letzte Bekanntschaft mit Phoebus’ Pfeilen, denn auch jener, welcher Achilles traf, ward gelenkt durch dessen Hand. In Theben sandte König Ödipus eine Delegation nach Delphi, zum Orakel des Apoll, wo dieser einst den Python schlug. Den Worten der Pythia folgend, verbannte man den König, welcher unwissentlich seinen Vater erschlagen, und dessen Witwe, seine Mutter, geehelicht hatte – und die Pfeile des schwarzen Todes hielten ein.

Entführung, Inzest, Vatermord – gerade die Sünden der Mächtigen hielten Phoebus zum Angriff an. Und bei uns? Was ist der Corona-Anlass, wessen Taten folgen diese Pfeile? Ist es die Globalisierung, ohne die auch das Ausbreitungsgeschehen schleppender verlaufen wäre? Selbsternannte Seher gibt es viele dieser Tage, nur Delphi ist nicht mehr. Können andere Altäre uns der Lösung näherbringen? Papst Franziskus küsste jüngst das Pestkreuz von San Marcello al Corso, welches zu Zeiten der Pest in einer Prozession durch Rom getragen wurde, bis diese ein Ende fand. In der Tat ließ es sich erweichen, ob der Gebete wegen oder dank des zweistündigen Regens auf dem Petersplatz sei dahingestellt. Weihrauchschwaden gleich steigen die Gebete der Gläubigen aus aller Welt gen Himmel, während der israelische Gesundheitsminister von der Thorapartei auf das Erscheinen des Messias setzt, wahrscheinlich an Pesach – ein Fest, an welchem die Juden des Auszugs aus Ägypten gedenken, wie auch der sieben Plagen, welche Gott dem Pharao sandte, darunter Viehpest und Erstlingsmord.

St. Sebastian, ein Heiliger in Hochkonjunktur

Dem Pantheon der Olympier folgt das der Heiligen, und gerade in Zeiten von Pest und Krieg ist es des Flehens und der Gebete voll. Der Schreckliche Hall des silbernen Bogens klingt uns auch heute in den Ohren, vor einigen Jahrhunderten war es wohl noch ein Dröhnen, denn so stark war dem Mensch des Mittelalters der Pestpfeil ein Begriff, dass Adressaten ihrer Fürbitte eben jene waren, die das Martyrium der Pfeile überstanden. So vor allem St. Sebastian, ein Märtyrer des 3. Jh., der in der Prätorengarde des Diokletian diente. Aufgrund seines Glaubens ließ der Kaiser ihn an einem Baum durch Pfeile richten. Märtyrer: ja, Tod durch Pfeile: nein. Der Verwundete wurde gefunden und gepflegt, später erneut aufgegriffen, um sein Ende schließlich in der Arena Roms zu finden. In zahlreichen Kirchen begegnet uns sein Bild, auch heute begegnet er uns im Leiden.

Kirchen sind geschlossen, Prozessionen werden dieser Tage kaum zu sehen sein, kein Osterreiter trabt durchs Land. Und auch Inselheiligtümer lassen sich mit geschlossenen Grenzen kaum erreichen. Wir bleiben in Deckung, noch regnen die Pfeile, Totenfeuer brennen Tag und Nacht. Der durch Phoebus geflochtne Kranz aus Krankheit, Angst und Stillstand bekränzt uns weiterhin, drängt hinter Tür und Fenster. Derweil zieht der Sonnenwagen strahlend seine Bahn, Corona lächelt uns mit Spott, uns eingepferchten – solange bis Erlösung naht. Hoffentlich bald.

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