Über Zeitliches – Adnoten zur Geschichtsphilosophie

Datiert, wiewohl nicht wenige Zeitgenossen das Ende der Geschichte betrauern, unser eigentlicher Verlust womöglich auf ihre bewussten Anfänge zurück, mit denen ältere – mythisch-zyklische – Weltbilder allmählich im Dunkel der Oralität versanken? Einen Königsweg vom allseits empfundenen Ende zurück in die ewige Mitte weist Arne Kolb in seinen geschichtsphilosophischen Betrachtungen, die – deutlich abgewandelt in unserer zweiten Druckausgabe nachlesbar – an dieser Stelle durch Visionen unseres Leinwandhelden Edgar Ende flankiert sind und auch in der aktuellen Episode des Podcasts ‘Geheimnisverrat’ aufgegriffen werden.

Propädeutik

Niemand kennt mehr als seine kleine, bemessene Zeit, die im Takt seines Daseins bald zu stürzen, bald zu stocken scheint; und doch kann sie niemand anders vorstellen, denn als Teil jener großen, gleichgültigen, unendlichen Zeit, die ungerührt alle Dinge durchströmt, ja noch vor und hinter allen Dingen strömt ins Uferlose. Mit Recht sagt man, dass der Mensch das Unendliche nicht denken kann – er kann es aber auch nicht nicht denken, und indem er es auf beschränkte Weise denkt, überzieht sich die knappe Spanne seines Horizontes mit Bildern und Vorstellungen des ewigen Zusammenhangs; mythischen, geschichtlichen, eschatologischen, utopischen…

Indem der Mensch sich selbst und sein Schicksal bedenkt, nimmt er als Erkenntnisobjekt, dem es wesentlich ist Subjekt zu sein, weshalb die menschliche Selbsterkenntnis prinzipiell unabschließbar bleibt. Aus der Unklarheit, in welche ihn die Zeit unaufhörlich treibt, übereignet sich Freiheit. Der Mensch ist das, was Zukunft hat.

Die Zukunft, als jene Leere, worin die Fülle eingeht, ist der Gegenwart in Gestalt der Sorge innewohnend. Unaufhörlich treibt die Sorge Bilder, Vorstellungen, Geschichten, Theorien, Prognosen und Berechnungen hervor, mit deren Netzen der Mensch aus dem Unabsehbaren zu schöpfen sucht.

Die Geschichtswissenschaft ist die umgekehrte Erforschung des All-Gegenwärtigen, das uns derart unaufhörlich und ausschließlich vor Augen steht, dass uns gerade die Offensichtlichkeit seinen inneren Gehalt und seine Besonderheit verbirgt. Die Geschichtsphilosophie hingegen zielt im Rückgriff auf die Zukunft, wie sich versteht, dass diese gleich einem offenen Buch daliegt vor jenem, der in der Vergangenheit die Gesetze des Wandels überhaupt geschaut hat. Eine Zeit jedoch, deren Inhalt sich im Voraus bestimmen ließe, dürfte sie noch Zukunft heißen? Und ihre Bewohner – dürften sie noch Menschen heißen?

Die Geschichte, als zeitliche Betrachtung des Menschen, kennt keine andere Grenze als unsere Kenntnis desselben, weshalb wir etwa die vorschriftliche Zeit als Vorgeschichte bezeichnen. Die Geschichtsphilosophie im engeren Sinn hingegen, als Versuch, eine diesem zeitlichen Gesamtzusammenhang eigentümliche Logik zu entdecken, stellt nur eine kurze Episode innerhalb ihres eigenen Untersuchungsgegenstandes dar, welche mit der Aufklärung anhebt und spätestens mit dem Verschwinden des real existierenden Sozialismus das Zeitliche gesegnet hat. Wollte man in der Geschichte das Weltgericht erblicken, so könnte man es hier bewenden lassen, mit dem nonchalanten Lächeln des Spätgeborenen – doch dieser Glaube an die absolute Vernunft in der Geschichte ist ihrer Philosophie in den Orkus gefolgt. Wir wollen also ganz am Anfang beginnen – mit der Geschichte, vor der Geschichte, ja selbst nach derselben.

Die kosmische Strickerin (1948)

Hermeneutik

Der Mythos umschließt die Geschichte, indem er von ihrem Ursprung und ihrer Bestimmung handelt. Er redet von Anfang und Ende, welche doch, in einer unendlichen Zeit, niemals erreicht werden. Er ist nicht Teil des Geschehens, sondern der Rahmen, worin es sich begibt. Die Geschichtsphilosophie gleicht ihm darin, doch so, wie der Schein dem Sein gleicht. Sie empfängt ihre Beglaubigung von den zeitlosen Formen des Mythos, sie zehrt von ihnen und verzehrt sie in der Zeit. Die Geschichtsphilosophie kommt immer an ein Ende – über welches die Zeit ungerührt fortschreitet.

Indem Homer seine Epen niederschrieb, scheint er den Mythos gleichsam beendet zu haben, insofern die Menschen seither nicht mehr in ihm lebten, sondern auf ihn zurückblickten. Es ist dies freilich nur unsere Perspektive und liegt in der Natur der Sache, dass die Weltbilder der vorhistorischen Zeit uns unzugänglich sind. Die Unklarheit über die >Existenz< des Homer ist ihm gemäß, als er weder der Geschichte, noch dem Mythos, sondern dem Übergang zuzuordnen ist. Er ist der Größte unter jenen Sängern, Stadtgründern und Gesetzgebern, welche am Ursprung der Geschichte erscheinen.

Aus dunklen Jahrhunderten erscheint der Mythos – und sein Erscheinen ist zugleich sein Ende und Beginn der Geschichte, welche auf ihn zurückblickt. Er erscheint in der Zeit, doch erstreckt sich nicht in ihr. Das Sein des Mythos liegt außerhalb der Geschichte, doch seine Kunde ist ihr innewohnend. Sie entspringt der mündlichen Überlieferung der Vorgeschichte, worin die Erfahrungen von Jahrtausenden ihren Niederschlag fanden, die kurze Spanne des Menschenlebens mit Deutungen einhüllend.

Die Niederschrift mündlicher Überlieferung bewahrt und erstarrt diese zugleich, sie legt auf einen Zeitpunkt fest, was vorher reine Gegenwart, reine Präsenz war. Mag der Mythos an sich selbst zeitlos sein, die Form, welche ihm am Anfang der Geschichte verliehen wurde, sie ist gleich allem anderen der Veralterung unterworfen. Die Obsession, mit der seither Künstler aller Epochen den Mythos dargestellt haben, ist der Versuch, seine Wahrheit in die Gegenwart zu bergen.

In der Geschichte wandeln sich die Lebens- und Gesellschaftsformen des Menschen, eben dieser Wandel ist Geschichte. Mit ihrem Fortschreiten wächst die Distanz, die Gleichnisse des Mythos verlieren ihren Bezug und ihre Bedeutung verdunkelt sich. Die Möglichkeiten der Technik, der Zivilisation und Wissenschaft vervielfältigen sich, der Blick des Menschen dringt immer tiefer in Zeit und Raum und sieht dabei doch immer weniger. Die Entfremdung von dem Mythos ist Voraussetzung der Geschichtsphilosophie.

Sein, All, Nichts: Leere Begriffe vielleicht, doch der Mensch, der Unbescheidene, kleidet sie aus. Der horror vacui hat Macht über ihn, und nichts ist sicher vor dem Zugriff seiner Sprache: Von Allem und seinem Gegenteil weiß er zu reden, in die fernsten Gestirne zeichnet er seine Bilder und noch hinter den Tod schreibt er unverdrossen Reiche und Ordnungen fort. Ihn verlangt nach einer Anschauung des Ganzen und es kann nicht anders sein: Wenn der Mythos schwindet, springen die Hilfswissenschaften in die Bresche. Jedoch dieser war die Frucht von Jahrtausenden, jene aber Kopfgeburten von Einzelnen; ihre Einsicht ist von begrenzter Tiefe und ihre Geltung von kurzer Dauer.

Die Geschichtsphilosophie hatte zu kitten, was nicht mehr zu kitten war, und vielleicht stand sie von Anfang an auf verlorenem Posten. So ist denn der offenkundige Schwachpunkt jeder Geschichtsphilosophie diese selbst: Wenn alle Philosophie eine zeitliche Entfaltung der Wahrheit ist, wie könnte die Hegelsche dauern? Wenn alle Philosophie nur Ausdruck eines Klassenbewusstseins ist, wie nicht die Marxsche? Und wenn alle Kulturen letztlich nur sich selbst begreiflich sind, wie könnte sich ein Okzidentale an einer Morphologie der Weltgeschichte versuchen? So entsprangen die Systeme der Geschichte aus den Widersprüchen ihrer Vorgänger.

Für Hegel war die Geschichte die notwendige Entfaltung der Vernunft – man fängt immer mit der Vernunft an. Allerdings ist Vernunft nicht gleich Vernunft und das Endziel war jene, die Vernunft des Einzelnen übersteigende, >absolute Vernunft<, die sich in den makellosen Staaten am Ende des Geschichtsprozesses manifestieren sollte, zu welchen Hegel in seiner Rolle als Weltgericht bereits die Preußische Monarchie zählte. Indes ist die >absolute Vernunft< wohl auch die abstrakte, und wir Minderbegabten müssen einräumen, dass wir an Hegels >absoluter Vernunft< wenig Anteil haben.

Ähnlich mag es Marx ergangen sein: Auch er sah in der Geschichte das notwendige Walten der Vernunft – bedauerlicherweise der reichlich profanen Vernunft der von Nationalökonomen entdeckten Gesetze der Ökonomie. Das Sein bestimmt das Bewusstsein und die Geschichte wird nicht von uns, sondern von der unabänderlichen Entfaltung der Produktivkräfte gemacht. Hegels >absolute Vernunft< ist nicht das Ziel ferner Zukunft, sondern sie herrscht seit Anbeginn der Geschichte als eine entäußerte Vernunft über uns, ihre Macht kennt keine Grenzen und der Determinismus ist absolut.

Glücklicherweise, so lässt Marx uns wissen, führen die auf den Produktionsverhältnissen beruhenden Klassenantagonismen notwendig und von selbst zu ihrer Aufhebung. Warum im Gegensatz zu allen früheren Revolutionen auf jene der Proletarier keine neue Spaltung einsetzt, und weshalb man bei einem notwendig im Kommunismus mündenden Geschichtsverlauf überhaupt Kommunist werden sollte, bleibt nebulös. Es ist oft bemerkt worden, dass Marx den eigentlichen Kommunismus, d.h. den nach der Revolution liegenden Zustand nicht beschreibt. Wir können vermuten, dass er sich unter dem Kommunismus weniger einen Zustand der Gleichheit, als vielmehr einen der Freiheit vorstellte, der sich eben deshalb vorheriger Erfassung entzieht. Bestimmte bisher das Sein das Bewusstsein, so wird dieser Zwang zugleich mit der Klassenherrschaft aufgehoben, das Bewusstsein kann nun erstmals das Sein prägen und die Menschheit tritt aus dem Reich des Zwangs in jenes der Freiheit ein, womit erst die eigentliche Geschichte beginnt. Es ist möglich, dass der historische Materialismus eine geheime Verschwörung gegen die >absolute Vernunft<, und Marx im Grunde seines Herzens Reaktionär war.

Wir mögen uns über Marx Innerstes täuschen, doch das geschilderte Moment gewann unzweifelhaft an Bedeutung. Die Aufklärung hatte Freiheit versprochen – Marx die geschichtliche, Nietzsche die moralische, Freud die psychische Bedingtheit des Menschen enthüllt. Zweifel kamen auf, dass Vernunft und Geist nicht Werkzeuge menschlicher Freiheit, sondern vielmehr in ihren entäußerten Formen als Zivilisation die Zwangsanstalt unserer Triebe und Sehnsucht seien. Sie fanden Niederschlag in der décadence der Symbolisten, der Kriegssehnsucht der Abiturienten und der Fin de Siècle-Stimmung der Intelligenz. Ein spätes, von Krieg und schlechter Laune geschärftes Zeugnis solchen Klimas ist Spenglers Untergang des Abendlands.

Wiederholt schrieb Spengler von der Daseinsfurcht, die sein Leben vergiftet habe und von seinem wiederkehrenden Ekel jeder Philosophie gegenüber – salopp lässt sich vielleicht sagen, dass Spengler einfach die Schnauze voll hatte. Seine Geschichtsphilosophie bestand wesentlich daraus, den Untersuchungsgegenstand zu zersprengen, wie es begreiflicherweise keinen Sinn mehr hat von >Geschichte< zu reden, wenn es sich dabei um eine tautologische Abfolge immergleicher Kulturzyklen handelt, über deren Inhalt sich nichts sagen lässt, da jede Kultur eine von außen uneinsichtige Monade ist. Die Geschichte ist ihrem Wesen nach Dynamik, Bewegung, Entwicklung, während der Mythos im Statischen oder Zirkulären ruht.

Spenglers System ist ein genialer Formalismus, der sich in völliger Beliebigkeit ergeht: Die Kultur etwa des >magischen Arabiens< war vorher kaum bekannt; Spengler hat sie schlicht erfunden, mit einer Dauer, die genau seinem Modell entsprach. Die Frage, weshalb Spenglers Werk, trotz inhärenter Absurditäten, im Nachkriegsdeutschland einschlug wie eine Bombe, wird noch zu beantworten sein. Seine Philosophie stellte sich außerhalb der Geschichte, ohne doch darum in den Mythos einzutreten; es handelt sich vielmehr um eine authentische Neuerung. Spengler war ein Avantgardist wider Willen, und der Mainstream heutiger Gelehrsamkeit verachtet ihn mit der Inbrunst des Ödipus-Komplex.

Spengler war der letzte große Geschichtsphilosoph. Gewiss fehlt es nicht an späteren Adepten, doch haben sie maßgebliche Aufmerksamkeit nicht mehr auf sich ziehen können. Indes kommt nur die Geschichtsphilosophie an ein Ende, nicht aber die Geschichte, welche vielleicht umso mehr >Geschichte< ist, je weniger sie von außen bedacht wird, welche Perspektive stets eine versteckte Anmaßung – wo nicht Hinterlist – des Denkens war. In den industrialisierten Kriegen des 20. Jh., die zugleich endgültiger Durchbruch der Moderne wie Rückkehr der Barbarei waren, unterlag die Theorie ihrem Gegenstand und die dialektisch eingehegten Spannungen sprengten endgültig die Banden >absoluter Vernunft<.

Dieser Umbruch verdichtet sich vielleicht in keiner Persönlichkeit so schlagend wie in der Benjamins, welcher angesichts des Aufstiegs des Faschismus Marxens geschichtsdeterministische Heilsgewissheit zurückwies und in einem seiner letzten Texte jenen >Engel der Geschichte< beschwor, welcher vom Sturm des Fortschritts unaufhaltsam in eine unbekannte Zukunft getragen wird, dieweil sein in die Vergangenheit gerichteter Blick entsetzt auf die unablässige Anhäufung von Katastrophen starrt. Wenige Monate, nachdem er dieses Bild in Worte gefasst hatte, nahm sich Benjamin auf der Flucht vor Hitlers Armeen das Leben. Er war in die Wirren der Zeit gestürzt und die Sorge über ihm zusammengeschlagen. Sein Engel jedoch, indem er die Vergangenheit als einen alle Begreiflichkeit übersteigenden Fundus in den Blick nahm, war heimgekehrt in die Geschichte als reine Faktizität bar jeder Deutung, in ihr destruktives wie schöpferisches Chaos, und gerade in der Ungewissheit hinter seinem Rücken hat er unzweifelhaft Zukunft.

Die Geschichtsphilosophie war progressiv, tendenziell links, und es liegt in der Ordnung, dass sie in Spenglers Händen verkommen musste. Was aber bleibt vom Traum goldener Morgenröten? Ein wesentlicher Teil seiner Konkursmasse wird heute als >kritische Theorie< bezeichnet. Im Gegensatz zu seinem Idol Benjamin entrann Adorno der Nazi-Barbarei, doch lässt sich nicht eben sagen, dass er seinem kapitalistischen Exil Begeisterung abgewinnen konnte. Angesichts der Tatsache, dass die Revolution von links sich als Rohrkrepierer erwies und dann auch noch durch eine faschistische Massenbewegung von rechts gekontert wurde, verlor er jenen Optimismus, der linken Intellektuellen bis dahin eigentümlich war. Es gibt kaum Texte, von denen eine derartige Trostlosigkeit ausstrahlt, wie jene des späten Adorno: Der Faschismus ist der Faschismus, aber auch der kapitalistische Liberalismus ist ein kryptischer Faschismus, das unterdrückte Individuum ist unterdrückt, aber das befreite Individuum muss die Unterdrückung in sich selbst reproduzieren; und jede Verbesserung ist notwendig eine Verschlechterung. Man muss zugeben, dass Adorno in Schilderungen der Aussichtslosigkeit sogar Kafka übertrifft.

Der Verdacht liegt nahe, dass nicht die Schlechtigkeit der Welt Ursache von Adornos Pessimismus war – sondern das genaue Gegenteil. Jene Arbeiter, die das Gros der sozialistischen Bewegung bildeten, hatten konkrete, begründete und maßvolle Anliegen, die in der zweiten Hälfte des 20. Jh. im Wesentlichen erfüllt wurden. Sie wählten SPD, besuchten Vorträge in den Volkshochschulen und waren zufrieden damit, endlich Teil der bürgerlichen Gesellschaft geworden zu sein, kurzum: Sie waren als revolutionäre Subjekte keinen Schuss Pulver mehr wert. Das Ziel der sozialistischen Vordenker hingegen, die selbst dem Bürgertum entstammten, konnte nicht die Integration in dasselbe sein; was es indessen war, blieb meistens verborgen in schwülstigen Redensarten, womit man der Revolution eschatologischen Glanz zu verleihen suchte. Die Vollendung der bürgerlichen Gesellschaft durch die Inklusion der Arbeiter ließ ihnen die Welt endgültig unsinnig werden. Ehrlicherweise deutete Adorno an, dass er vielleicht nicht so dachte wie Spengler, aber doch ungefähr so empfand.

Winter (1938)

 

Mäeutik

Veränderung – Entwicklung – Eroberung: Die Geschichte war vor allem ein expansiver Prozess. Sie nahm ihren Ausgang von den ersten Hochkulturen, breitete sich von dort aus, ehe schließlich alle Kulturräume gegen Ende des 19. Jahrhunderts in einen globalen Zusammenhang eintraten. Die Breitengrade bildeten nun eine hermetische Fläche und die räumliche Expansionsdynamik kam an ihr Ende. Für eine kurze Zeit vermochte die Raumfahrt die Menschen zu fesseln, man träumte von Raumstationen und Kolonien auf Mond und Mars, immer getrieben von der bangen Frage: Gibt es auch für uns noch Entdeckung und Abenteuer und neue Küsten unserer Sehnsucht? Es zeigte sich aber schnell, dass im All nur lebensfeindliche Wüsten harren. Man kann zwar auf den Mond fliegen, aber es hat keinen Sinn, und die Menschen begannen resigniert ihren Rückzug in die innere Hohlwelt des Internets. 1992 erklärte Francis Fukuyama die Geschichte für beendet.

Erstaunlicherweise hat Fukuyama mit seiner These, dass die liberale Demokratie notwendig zur einzigen, endgültigen Verfassung der Moderne werde, da Kommunismus und Faschismus sich vollkommen Unfähigkeit gezeigt hätten, dieselbe zu verwalten, von allen Seiten entschiedene Ablehnung geerntet – wo doch angeblich jedermann an die Vortrefflichkeit der Demokratie glaubt. Offenbar erklärt sich dieser Widerspruch daraus, dass die Demokratie zwar mit der Freiheit gleichgesetzt wird, aber eine notwendige Ordnung der Freiheit widersinnig wäre. Ebendies war jedoch die Philosophie des ehrwürdigen Großmeisters der Paradoxie, des alten Hegel, dem die Geschichte die notwendige Entfaltung der Freiheit war, welches uns Begriffsstutzigen als Gipfel der Unfreiheit oder Unsinnigkeit erscheinen muss. (welch Aphoristiker ist der Welt an dem bauernschlauen Schwaben verloren gegangen…)

Das Ziel ist nahe, doch die Menschen wenden sich ab: Sie wollen nicht das Reich der Freiheit, sondern diese selbst. Wir sind dem Mythos entfremdet und den Heilslehren kam das Heil abhanden. In welcher Geschichte also leben wir? Es ist unsinnig, nach dem Ende der Geschichtsphilosophie eine Rückkehr des Mythos zu erwarten. Diese Sichtweise hatte einmal Kredit im konservativ-revolutionären Aufbegehren nach dem Ersten Weltkrieg. Es wird aber seit Marx behauptet, dass Kapitalismus und Liberalismus alle zwischenmenschlichen Bande ökonomisiert und aufgelöst hätten, weswegen nun der große Umschlag in die neue Ordnung und den neuen Glauben unvermeidlich sei. Dieser Umschlag ist bisher nicht geschehen und wird es wohl auch in Zukunft nicht; die Geschichte kennt kein Interregnum. Überhaupt: Wann wäre der Mythos je da gewesen? Seine Präsenz ist von anderer Art.

Es wird oft bemerkt, dass die Gegenwart keine Utopien, nur noch Dystopien kenne, und daraus ein Mangel an Zuversicht gefolgert. Die Menschen verdrängen aber das tatsächlich Furchtbare, während sie in ihren Obsessionen nie ohne heimliche Lust schwelgen. Der Krisendiskurs ist permanent geworden und unser Geschichtsbewusstsein ist das Harren auf die Katastrophe, welche von allen Seiten unter umgekehrten Vorzeichen erwartet wird. Die liberale Demokratie, mit ihrem sorgfältigen Austarieren aller Interessen, ist vielleicht tatsächlich die effizienteste Verwaltung der Erde, wenn sie jedoch deshalb globalen und unausweichlichen Formen zustrebt, verkehrt sich ihr freiheitliches Vorzeichen ins Gegenteil. Der Absolutismus der Freiheit ist die Konsequenz der von uns proklamierten Werte, wir wissen nicht gegen ihn zu argumentieren und hoffen doch insgeheim, dass ein äußeres Ereignis ihn verhindern möge. Aus den Rissen und Spalten der zertrümmerten Ordnung soll uns wieder Freiheit, Bestimmung und Schöpfung zufließen.

Wir finden die Sehnsucht nach der Katastrophe bei Rechten, die die Re-Tribalisierung gegen den Universalismus in Stellung bringen, wie bei Linken, denen die Sintflut schmelzender Pole gerechte Strafe für den Kapitalismus scheint und auch bei jenen Intellektuellen, für die Corona eine willkommene Chance für den Start der Post-Wachstums-Gesellschaft ist. Sie alle stimmen darin überein, dass die Mittel mächtig geworden sind über den Menschen und er aus sich selbst keine Macht mehr habe, ja das nur die Katastrophe ihn noch retten könne. Ihre Apologie verbirgt sich in den Lehren der literarischen Schwarzkünstler von Lovecraft bis Houellebecq, ihr Geist in der Denkbewegung der Dekonstruktion, welche zur Denkbewegung der Geisteswissenschaft überhaupt geworden ist, und ihr Ausdruck offenbart sich im Genre der Zombie-Apokalypse, dem die Darstellung genozidaler Phantasien wesentlich ist. Wir haben uns, am anderen Ende der Geschichte, eine umgekehrte, eine negative Mythologie erschaffen, eine Beschwörung nicht der Ordnung und Bedeutung, sondern des Chaos und der Leere, und wenn Spengler aus der Mode ist, so deshalb, weil wir ihn längst übertroffen haben.

„Das Verschwinden des Kosmos bedeutet, daß man in eine endlose, irreversible Bewegung geraten ist, einen Sog ins Nichts, sobald die Illusionen des Fortschritts geplatzt sind. Vielleicht bleiben danach nur noch die Illusionen des Niedergangs übrig. Sollten allerdings auch sie verschwinden, so wäre der reale Untergang der Welt, so unwahrscheinlich er im naturwissenschaftlichen Sinne auch sein mag, nur noch eine exoterische Frage. Spannung erzeugte dann nur noch die Frage, in welchen Formen er sich vollziehen wird.“ (Finis Germania, S. 57) So lesen wir es in den postum veröffentlichten Aufzeichnungen Sieferles, der sich, in seltsamer Analogie zu Benjamins Engel, stilisierte als in die Katastrophe stürzenden Ikarus, der aus seiner Hoffnungslosigkeit die Ruhe erhabener Schau von hoher Warte schöpft, ehe er sich 2016 gleichfalls für den Freitod entschied.

Was hat es auf sich mit dem Untergang, der trotz seiner Unwahrscheinlichkeit seltsam zwingend scheint? Es ist möglich, dass die Katastrophe, unter irgendeiner der zahllosen Masken, worunter sie imaginiert wird, tatsächlich eintritt. Nicht weil sie unausweichlich wäre, sondern weil so vieles im geistigen Haushalt der Gegenwart danach verlangt. Die geschichtliche Notwendigkeit ist unsere verdrängte Freiheit zum Bösen, sie ist die Gestalt, welche wir unseren verleugneten und unmoralischen Wünschen verleihen. Immer vollkommener und zwingender halten die ihrer Vollendung entgegenstrebenden Formen der Zivilisation die irrationalen und chaotischen Elemente des Menschen unter Verschluss, womit zugleich das von Freud diagnostizierte >Unbehagen in der Kultur< wächst und apokalyptische Phantasien nährt.

In der Katastrophe stürzt der Mensch, ungeschützt von zivilisatorischem Firniss, in die elementaren Gewalten, welche die Kultur ansonsten unter Kontrolle hält. Spätestens hier offenbart sich, was trägt und was trügt: Die ungeklärten politischen Fragen des 20. Jahrhunderts wurden nicht im Diskurs entschieden, sondern erst in der Katastrophe des Weltkriegs, der Konzentrationslager und Gulags offenbarte sich der tatsächliche Gehalt ideologischer Verheißungen. Sie ist die geheime Sehnsucht jener Menschen, die sich fremd fühlen in den kulturellen Formen ihrer Zeit. Wer sich aber sein kulturelles Erbe wahrhaft anverwandelt hat und dem Zeitlosen seine konkrete Form zu geben weiß, lebt nicht am Ende, sondern inmitten der Geschichte. Er bedarf der Katastrophe nicht.

Der gefesselte Sturm (1965)