The Sound of anbruch (III): Soundtrack of Disease

Das Wort und Unwort des Jahres wird definitiv Corona. Seit sechs Monaten gibt es keinen Tag ohne Corona-Nachrichten, kein Gespräch, ohne irgendwie das Thema zu berühren. Zeit das Ganze musikalisch zu beleuchten.

In der Auftaktkolumne hatte ich bereits angekündigt: Eine globale Virus-Pandemie bietet einfach eine viel zu gute Steilvorlage, um sie für dieses Format ungenutzt zu lassen. Natürlich wird es in dieser Kolumne ein wenig härter und finsterer. Das Abfeiern von Viren und anderen Menschheitsvernichtern liegt nun einmal nicht im Hauptfokus von Partymusikproduzenten. Und uns werden eine ganze Menge bereits lange vor Corona Gestorbener begegnen.

Wir hoffen dennoch genügend Humor aufgebracht zu haben, um dieses räudige Thema unterhaltsam zu gestalten. Und bitte, wenn ihr euch und euren Lieblingsseuchensong nicht wiederfindet, schreibt mir und beschwert euch.

In Deutungen der aktuellen Zeit und Lage versuchen sich seit Monaten Journalisten, Philosophen und andere Leute, die meinen etwas zu sagen haben. Und werfen es ein paar Tage später wieder über den Haufen. Die BEASTIE BOYS (RIP Adam Yauch und John Berry) meinten schon vor über 30 Jahren: Time to get ill (und das in jeglicher Hinsicht…)

Krisenzeiten werden immer auch als Zeiten gedeutet, in denen sich die Leute auf das Wesentliche zurückbesinnen: Familie und Freunde, Haus und Garten, Hund und Katze… Das hat zwar bei allen letzten sogenannten oder tatsächlichen Krisen (Finanzkrise, Eurokrise, Klimakrise…) nur bedingt geklappt, aber vielleicht wird’s ja diesmal angesichts einer ungreifbaren Bedrohung etwas: Kontemplation, Memento Mori. Daß das Leben endlich ist, daran erinnern uns nun in ihrer unnachahmlichen Art KNORKATOR.

Wem das noch zu fröhlich ist, der greife bitte zu härterer Medizin. DEATH mit Goldkehlchen und Death-Metal-Gott Chuck Schuldiner (RIP) und HYPOCRISY sind nur zwei Gruppen, die einem die Endlichkeit aller Dinge freundlich ins Gedächtnis rufen. Beide Songs sind von Alben die tendenziell der „menschenverachtenden Untergrundmusik“ zuzuschreiben sind. HYPOCRISY betiteln ihr Machwerk noch fast harmlos „Virus“, während DEATH mit „Leprosy“ schon in die Vollen gehen. Dafür sieht Peter Tägtgren mit seinen Augenringen bis in die Kniekehlen mal definitiv virusgeschädigter aus.

Den Abschluss unseres Memento Mori-Reigens bilden TYPE O NEGATIVE (auch hier: RIP Peter Steele), die natürlich wussten: Alles was da lebt, muß sterben.

Den ganzen Corona-Schlamassel haben wir augenscheinlich einer amerikanischen Band mit dem liebevollen Namen CATTLE DECAPITATION zu verdanken. Ob die Musik dieser Gruppe noch Death Metal oder schon Jazz ist, darüber streiten sich die Gelehrten. Jedenfalls baten diese Barden auf ihrem im vergangenen Jahr erschienenen Album „Death Atlas“ eindringlich darum: Bring back the Plague. Jetzt haben wir sie…

Auch ganz klassische Vertreter des Heavy Metals haben sich mit Viren beschäftigt, mögen sie auch anderer Art sein als der aktuelle Vertreter. Für IRON MAIDEN war 1996 klar: „There’s an evil virus that’s threatening mankind“: Ob sie sich mit ihrem vier Jahre später erschienenen Song Brave New World mit sogenannten oder tatsächlichen Verschwörungstheoretikern gemein machten, werden kommende Generationen von Musik- oder öffentlich-rechtlichen Investigativjournalisten noch zu klären haben.

Bei harter Musik dürfen SLAYER selbstnafreilich nicht fehlen (RIP zum Vierten, diesmal: Jeff Hannemann). Die Thrash-Veteranen, die im vergangenen Jahr ihre endgültige Auflösung bekannt gaben, hatten auf dem legendären „Reign in Blood“-Album einen Song mit dem Titel Epidemic. Das Album selber verbreitete seinen Einfluß pandemisch und gilt als eines der bedeutendsten Alben des Genres. Selbst die ZEIT nahm es in die Top 100 ihrer Klassiker der Moderne auf. Ob das jedoch wirklich für das Album spricht, sei einmal dahingestellt. Selbstverständlich wollen wir an dieser Stelle die verdienten Genre-Kollegen von ANTHRAX nicht unerwähnt lassen, die schon 1985 mit einem Album die Disease spreaden wollten.

Das hat doch alles mit Kultur nichts zu tun? Von wegen… 1349, die uns mit ihrem Namen bereits historisch bilden, indem sie auf das Jahr anspielen, als die Pest nach Norwegen kam, meditieren in ihrem Stück Dødskamp über das gleichnamige Gemälde von Edvard Munch.

Das – von mir grundsätzlich sehr geschätzte – Schwarzwurzel-Genre ist sich ja bekanntermaßen für keinen billigen Gag und keine Peinlichkeit zu Schade. Und daher gibt es selbstverständlich bereits eine Combo (vielleicht ist es ja auch ein Einzel-Quarantäre-Keller-Künstler?) mit dem Namen CORONAVIRUS. Angeblich kommen sie direkt aus dem Zentrum des Geschehens: Wuhan. Was vom „Gesang“ schon einmal stimmen könnte, aber gut, es soll ja auch Depressive Suicide Black Metal sein. Dafür könnte man auch Babygeschrei aufnehmen.

Achja, der Vollständigkeit halber sei erwähnt, daß es das Projekt COVID-19 auch bereits gibt. Songtitel: We all Die und Collapse oft the Planet. Originell, doch, kann man nicht anders sagen! Das hatte so nun aber wirklich noch niemand…

Bevor die Lautsprecher heiß laufen und niemand mehr weiterlesen will, verschiebe ich den Soundtrack für das Weltende auf eine der nächsten Kolumnen. Es gibt einfach zu viele Apokalypse-Stücke, die eine besondere Beachtung verdienen und nicht mit so etwas vergänglichem wie Corona in Verbindung gebracht werden sollten.

Das vorletzte Stück kommt von BJÖRK. Ich mag BJÖRK, auch wenn ich verstehen kann, wenn diese Sympathie nicht jeder teilt. Und es kann sich nur jeder selbst ein Urteil über ihre Musik bilden. In ihrem Stück Virus geht es natürlich nicht um eine todbringende Krankheit, obwohl…

Fehlt jetzt nur noch der Rausschmeißer. Wie schon in der letzten Kolumne wühlen wir dafür ganz tief in den 90ern bei den Dingen, die man eigentlich schon vergessen hat oder wenigstens vergessen wollte. Lang, lang ist’s her, da eroberten italienische (!) Eurodance-Veteranen mit dem treffenden Namen CORONA (!) die Tanzflächen Europas mit dem folgenden Hit. Muß man noch mehr sagen?

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