The Sound of anbruch (II): Nostalgie

Ich hatte bereits an anderer Stelle darüber nachgedacht, wie stark die Pop-Kultur meiner Generation von einer unterschwelligen Sehnsucht nach entrückten Zeiten und Orten durchdrungen ist.

Diese nostalgische Grundstimmung, die ich als Reaktion auf das latente Unbehagen in der Beliebigkeit der spät-modernen Zivilisation gedeutet habe, oszilliert zwischen Optimismus und Pessimismus und kommt in vielfältigen Formen daher, vom Fantasy-Roman über Mittelalter-Festivals bis zur Neuauflage eines beliebten Science-Fiction-Streifens. Eine entscheidende Rolle spielt dabei praktisch immer die Musik, die wahrscheinlich das beste ästhetische Medium darstellt, um einen unvermittelten und persönlichen Zugang zu einer bestimmten Stimmung und Bilderwelt zu finden.

Um also jeglichen Vorwürfen zu entgehen, die zeitgenössische Kultur bloß aus der kritischen Beobachterperspektive zu beschreiben, möchte ich mich an dieser Stelle in die kürzlich von Florian Lachtrup eröffnete Musikkolumne einklinken und eine kleine Auswahl meiner persönlichen Favoriten präsentieren, mit denen es sich vortrefflich in unerreichbar fernen Traumgefilden schwelgen lässt – ein bittersüßer Genuss, dem auch ich mich nicht entziehen kann oder will.

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Den Anfang macht als herausragender Vertreter der musikalischen Spätromantik Richard Strauss mit seiner Alpensinfonie, dem Klang gewordenen Wanderer über dem Nebelmeer. Als eingeborener Voralpenbewohner bin ich hier womöglich etwas voreingenommen, aber in meinen Augen gibt es kaum eine andere Szenerie, die so sehr vom Erhabenen und ewig Fernen kündet, wie die alpine Berglandschaft. Die magische Anziehungskraft der schroffen Gipfellinien wurde dabei selten besser vertont als in Strauss´ symphonischer Dichtung.

Aus dem frühen 20. machen wir nun einen Sprung ins junge 21. Jahrhundert zu dem Genre, das wohl am besten die pop-kulturelle Vernarrtheit der Gegenwart in ihre Erinnerung an die 80er Jahre verkörpert: Synthwave. Ein Künstler, der den musikalischen und ästhetischen Stil dieser Subkultur entscheidend mitgeprägt hat, ist der Franzose Frank Hueso, besser bekannt unter dem Pseudonym Carpenter Brut. Pate steht hier der ikonische Horror- und Sci-Fi-Filmemacher John Carpenter, der selbst den Soundtrack zu vielen seiner Filme, wie z.B They Live (1988), komponierte. Das ausgewählte Stück Beware the Beast geht dabei in vielerlei Hinsicht über das generische Synthwave-Schema hinaus, indem es E-Gitarre, Schlagzeug und Gesang integriert, und damit die verträumte Neon-Atmosphäre um einen poppigen Glam Rock Flair ergänzt.

Doch die elektronische Musik kann noch wesentlich mehr! Wohl kaum eine andere Musikrichtung hat in den letzten Jahren eine derart wildwüchsige Vielfalt an Spielweisen hervorgebracht. Da es heutzutage wenig mehr als eine taugliche Software und einen Internetzugang braucht, um zum unabhängigen Musikproduzenten zu werden, quillt das Netz regelrecht über vor kurzlebigen Trends und Interpreten. Ich will hier ein Subgenre herausgreifen, das mit Synthwave den Rückgriff auf die Stilelemente der 80er/90er gemein hat, dabei aber deutlich pessimistischer und esoterischer auftritt: Witch House. Wenn Synthwave die Kindheit im Amerika der 80er reproduziert, dann steht Witch House für die Jugend im post-sowjetischen Ostblock. Das russische Projekt Fraunhofer Diffraction kombiniert seine elektronischen Beats zudem mit aus dem Black Metal entlehnten E-Gitarren und vollendet damit die Mischung aus „teenage angst“ und dunkel-romantischem Fernweh.

Als den wohl prominentesten Vertreter der Nachkriegsnostalgie im Abendland hatte ich J. R. R. Tolkien ausgemacht, Autor des Herr der Ringe und Schöpfer eines mythischen Kosmos, der seinen historischen Vorbildern an epischer Breite und symbolischem Tiefgang in nichts nachsteht. Das Musikgenre, in dem Tolkiens literarisches Erbe wohl am stärksten rezipiert wurde, ist der Black Metal. Unangefochtener Meister des Mittelerde-Sounds ist dabei das österreichische Duo Summoning. Mit ihrem eigentümlichen Mix aus Black Metal und Dungeon Synth beschwören die Wiener das wehmütige Gedenken an die heroische Vergangenheit einer vergehenden Welt herauf, welches die Grundstimmung für Tolkiens Werk bildet und auch einigen Lesern wohlvertraut sein dürfte:

„The world is grey, the mountain‘s old, the forge‘s fire is ashen cold.“

Überhaupt hat sich der Heavy Metal als äußerst „konservatives“ Genre erwiesen, insofern hier Neuerungen und Anbiederung an den Mainstream von Haus aus mit Misstrauen beäugt werden und die Begründer eines Subgenres meist als definitive Messlatte für alle Nachfolger gelten. Das führt so weit, dass sich einige der talentiertesten Musiker heutzutage keine Mühe mehr machen, durch Neues zu beeindrucken, sondern ausschließlich das Althergebrachte verfeinern und perfektionieren wollen. Stellvertretend für die gewaltige Menge solcher Retro-Bands habe ich hier die kanadische Speed Metal-Gruppe Riot City mit ihrem 2019 erschienen Album Burning the Night herausgegriffen. Das Albumcover kommt daher wie eine urige Judas Priest-Platte und die Musik klingt, als wäre sie vor 40 Jahren in der Schublade eines aufstrebenden Musiklabels vergessen und erst gestern entstaubt und neu aufgelegt worden. Da bleibt kein Nacken starr!

Ein Musikstil, der nie einen Hehl aus seiner „Revolte gegen die moderne Welt“ gemacht und damit die Nostalgie bewusst in seine DNA aufgenommen hat, ist der Neofolk. Das Rezept, das Szene-Guru Douglas Pearce einst unter der Totenkopfflagge von Death in June populär machte, wurde seither oft kopiert und ausgeschmückt. Leider gelingt es dabei nur wenigen Musikern, den Minimalismus des Genres erfolgreich um eine eigene Note zu ergänzen und etwas wirklich Authentisches zu schaffen. Einer dieser Wenigen ist zweifellos der Däne Kim Larsen mit seinem Projekt Of the Wand and the Moon. Insbesondere das Album The lone descent (2011) lässt das szenetypische Klampfen-Ensemble hinter sich und entfaltet eine brutal ehrliche Elegie mit gefährlicher Sogwirkung.

Aber zurück ans Tageslicht: Auch ein authentischer Vertreter der „guten alten Zeit“, in diesem Fall die 80er Jahre, darf in dieser Liste nicht fehlen. Und wer wäre dafür besser geeignet, als die britischen Synthpop-Veteranen von New Order? Mehr noch als deren Klassiker Blue Monday ist für mich das Stück True Faith, das einigen Lesern aus der Eröffnungsszene des Films American Psycho bekannt sein dürfte, zum Inbegriff jener musikalischen Ära geworden. Und wie die Zeit, der diese Musik entstammt, ist wohl auch die ikonische Ausrede des Filmprotagonisten Patrick Bateman für immer ein Ding der Vergangenheit: „I have to return some videotapes…“

Zum krönenden Abschluss dieser Auswahl kehren wir noch einmal zum Herr der Ringe zurück und zwar zum Soundtrack der Verfilmung unter der Regie von Peter Jackson. Nachdem das letzte Abenteuer bestanden, der letzte Feind gefällt und der König auf seinen rechtmäßigen Thron zurückgekehrt ist, endet das Epos nicht mit einem lauten Triumph, sondern mit einem sanften Entschlummern: Der errungene Sieg ist nur eine Episode im Zyklus der Welt und am Ende des Dritten Zeitalters verlassen die letzten Unsterblichen das erschöpfte Mittelerde, um sich wieder ihren Göttern jenseits der westlichen See anzuschließen. Mit ihnen gehen die Protagonisten der Geschichte und lassen den Zuschauer mit einem warmen Abschiedsschmerz am Ufer zurück. Die musikalische Untermalung dazu liefern der Komponist Howard Shore und die Sängerin Annie Lennox mit dem Stück Into the West:

„Sleep now / And dream of the ones who came before“

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