Stefan George (IV) – Porta Nigra

Wenn es um die räumlichen Grenzen seiner empfundenen Heimat ging, zeigte sich Stefan George zeitlebens weitherzig: Der Dichter fühlte sich – in Abgrenzung zum protestantisch und militaristisch durchseuchten Preußen – früh schon nahezu dem gesamten katholisch geprägten südwestdeutschen Kulturraum zugehörig, von Speyer über Bamberg bis nach München. Heimat im engsten Sinne blieb jedoch die später eingemeindete Ortschaft Büdesheim bei Bingen am Rhein, wo bis heute das feudale Anwesen von Georges Großonkel und Taufpate – des hessischen Landtagsabgeordneten und langjährigen Bürgermeisters Stephan George – steht, das der Dichter in seiner Erinnerung regelmäßig zum ‚Haus der hundert Fenster‘ aufbauschte.

Auf die Trierer Porta Nigra aus dem zweiten nachchristlichen Jahrhundert indes ist dieses imposante Epitheton weitaus rechtmäßiger angewandt: Ebenfalls “aus hundert fenstern” wirft das antike Stadttor in Georges Gedicht seine Verachtung auf die zeitgenössischen „barbarenhöhlen“ ringsum herab, vor allem aber auf den dort hausenden Menschenschlag. Das für sein Denken kennzeichnende Leitmotiv des ‚Alles oder Nichts‘ bringt der Dichter hier zum Anklang, wenn er den Menschen der Jahrhundertwende anempfiehlt, das selbst “im schwarzen flor der zeiten” noch spielend über sie erhabene Denkmal nach Möglichkeit gleich ganz niederzureißen. Denn nur die vollständige Austilgung von letzter überkommener Größe, so wird er sechs Jahre später im ‚Stern des Bundes‘ versichern, könne einer grundsätzlichen Erneuerung den Boden bereiten: „Einst mag geschehn dass aus noch kargern resten (…) / Vergilbter schrift ein leben sich entzünde.“

Abgerundet wird Georges poetische Geste der Geringschätzung gegenüber seiner bürgerlichen Umgebung durch das offene Paktieren mit sozialen Außenseitern oder gar Verbrechern, 1928 in ‘Der Gehenkte‘ zum Exzess getrieben. Im Fall der ‘Porta Nigra’ behilft sich der Dichter mit dem Lustknaben Manlius, der sich trotz seines anrüchigen Broterwerbs hinreichend hoch über allen Heutigen weiß, dass er „über euch kein zepter schwingen“, sie also nicht einmal beherrschen wollen würde. Denn um das schwarze Tor, wo inzwischen Frauen ihrer Wege gehen, die selbst „ein sklav zu feil befände“, flanierte in erfüllteren Tagen er, den auch römische Legionäre nicht verschmähten. An die Adresse der Nachgeborenen – ein Heer von „lebendigen gespenstern“ – richtet Manlius über die Kluft von zwei Jahrtausenden hinweg die triumphale Versicherung: „Wir schatten atmen kräftiger!“ Bereits 1904 hatte George in den Merksprüchen der ‘Blätter für die Kunst’ sinnverwandt zu verstehen gegeben, “dass der neuste Schnörkel für uns ganz und gar tot ist, während auf der andern Seite ein gräcisierender Päan ganze Fluten neuen Lebens erregen kann.”

 

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