Stefan George (I) – Frühes Gähren

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Die Spendung des Dichters, belehrt uns Ernst Jünger, sei stärker als die gesamte Leistung der Wissenschaften: Die Welt könne ohne Wissenschaft leben, doch ohne Dichtung nie. Dieser Umstand ließe die „normalen Leute“, so Jüngers langjähriger Brieffreund Rolf Schilling weiter, wie Schuldner des Dichters dastehen, die sich freilich vielfach als Gläubiger missverstünden. Unser ganz persönliches Scherflein an Schuld gedenken wir an dieser Stelle künftig abzutragen, indem wir deutschsprachige Dichter mit jeweils sieben repräsentablen Werken zu Wort kommen lassen: Sieben, weil kein Geringerer als Gottfried Benn in seinem Vortrag über ‚Probleme der Lyrik‘ dem Auditorium eröffnet, dass ganze Künstler-Werdegänge letztendlich auf sechs bis acht vollendete Werke hin ausgerichtet seien: „Die übrigen mögen interessant sein unter dem Gesichtspunkt des Biographischen, aber in sich ruhend, aus sich leuchtend sind nur wenige.“

Einen „brauchbaren Anfang“ (Botho Strauß) dieser Reihe hoffen wir mit dem deutschen Anzettler der ‚Revolte gegen die moderne Welt‘ zu setzen: Mit Stefan Anton George aus Bingen am Rhein, der manchen Schulfreund mit Spottversen überzog, sich im Schwabinger Fasching als Dante kostümierte und seine Zigarren gern mit Weihrauchkörnern würzte. Als beschließendes, um nicht zu sagen bekrönendes Element dieser siebenteiligen Annäherung werden wir nach dem letzten der hier vorgestellten Gedichte unser Gespräch mit einem namhaften, obendrein auch noch politisch umtriebigen Kenner Georges dokumentieren, der biographisch mit dem Dichter verbunden ist. Namen, die für die Zukunft dieses Formats gesetzt sind, lauten Friedrich Hölderlin, Joseph von Eichendorff, Conrad Ferdinand Meyer, Eduard Mörike, Clemens Brentano, Rainer Maria Rilke, Hugo von Hofmannsthal, Gottfried Benn, Friedrich Georg Jünger, Josef Weinheber und Annette von Droste-Hülshoff. Darüber hinaus werden Vorschläge dankend zur Kenntnis genommen.

Das Werk, mit dem wir beginnen, zählt selbst zwar nicht zu den ältesten Gedichten aus Georges Feder, doch findet man hier über sechs Strophen hinweg Erinnerungen aufgerufen an poetische Erprobung und Bewährung: Formvollendete Rückblenden in die Reifezeit jemandes, von dem wir bereits nach aufmerksamer Durchsicht des kürzlich bei Klett-Cotta veröffentlichten Nachlass-Bandes ‚Von Kultur und Göttern reden‘ feststellen durften, dass ihm keines der gängigen Künstler-Klischees weniger entsprochen hätte als das des leichtfüßigen Wunderkindes. Noch Rolf Schilling hält in seinem Essayband ‚Kreis der Gestalten‘ fest, wie deutlich man Georges Versen die unsägliche Mühe anmerke, die ihre Verfertigung gekostet haben müsse. Und schon der Dichter selbst verschafft seiner Vertrauten Sabine Lepsius 1905 Aufschluss über die Schmalheit des Grats zwischen Künstlertum und Opfergang: „Ich gehe immer und immer an den äußersten Rändern. Was ich hergebe ist das letzte Mögliche – auch wo keiner es ahnt.“

Mit den ‚Geleitversen‘, die George 1901 der ‚Fibel‘ – einer Sammlung seiner frühsten und bis zur Jahrhundertwende unveröffentlichten Gedichte aus den 1880er-Jahren – voranstellt, wird der poetischen Findungsphase im Nachgang ein ausgefeiltes Denkmal gesetzt: In der nicht wie heute zumeist wohlweislich gescheuten, sondern selbstvergewissernd geführten Auseinandersetzung mit vorangegangenen Lyrikern, in jugendlicher Verwirrung also „durch viele fremde töne“, bringen erst „die langen stunden“ gewissenhafter Anstrengung und kunstnotwendiger Einsamkeit allmählich „bang vor sich selbst die eignen“ Saiten zum Klingen. Doch auch in diesem seltenen Fall der geglückten Selbstinitiation stellt sich schon bald „das erste klagen“ darüber ein, dass Anspruch und Wirklichkeit zumindest für die ambitionierteren unter den Musensöhnen niemals vollends zur Deckung zu bringen sind, „weil hellster traum als wort nur trügt.“

GELEITVERSE

Das sind die langen stunden

Wo jede fast ein jahr begreift

Von efeulaub umwunden

Von reinem demanttau bereift.

Das ist des kindes lallen

Das seine flöte prüft im rohr ·

Dem dumpf entgegenschallen

Gebüsch und strom und wind im chor.

Das ist das erste klagen

Weil hellster traum als wort nur trügt

Und weites stolzes jagen

So wirr und schwach wird wenn gefügt.

Das ist das frühe gähren

Und dunkler sehnsucht harte frohn

Mit des Verwünschten zähren

In weisen dürftig und gewohn.

Das ist noch die Kamöne

Die blass und zagend sich empört

Durch viele fremde töne

Bang vor sich selbst die eignen hört.

Wie in die herbe traube

Erst mählich duft und farbe dringt ·

Wie aus dem nächtigen laube

Die lerche scheu ins frühlicht schwingt.

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