Scheinbare Machtlosigkeit – Der Einzelne in der Krise

Vereinzelung ist das Gebot der Stunde. Die Coroana-Pandemie hat die Menschen unerwartet auf sich selbst zurückgeworfen und mit existenziellen Fragen konfrontiert. Dabei haben die Ereignisse eine Eigendynamik angenommen, die den Einzelnen zu großen Teilen seiner Verfügungsgewalt beraubt. Doch der Rückgewinn von Freiheit ist nicht durch den Kampf gegen äußere Mächte zu erlangen, sondern durch den Weg zu sich selbst.

Die globalisierte Welt ist die Welt der Krisen. Egal ob wirtschaftliche Depression, Migrationsströme oder Pandemie – in regelmäßigen Abständen wird das „globale Dorf“ von Störungen seiner sensiblen und komplexen Zusammenhänge erschüttert. Von diesen Verwerfungen bleibt kein Dörfler verschont, egal in welcher Entfernung vom Epizentrum er lebt. Zu sehr ist alles mit allem vernetzt, zu stark sind die gegenseitigen Abhängigkeiten und Sachzwänge, zu weitreichend die Konsequenzen, die scheinbar triviale Tatsachen, wie z.B. chinesische Essgewohnheiten, nach sich ziehen können.

Umso weiter und umfassender die Zusammenhänge, in denen sich die Krisen abspielen, umso mehr verliert der Einzelne an Bedeutung. Er findet sich wieder in einem undurchdringlichen Netz aus Ursachen und Wirkungen, das vom erdrückenden Gesetz der Masse bestimmt wird und immer weniger sichtbare Knotenpunkte der freien Entscheidungsgewalt aufweist. Die Konsequenz ist ein wachsendes Gefühl der Machtlosigkeit. Das aktuelle Krisengeschehen hat dieser Tendenz noch eine weitere Dimension hinzugefügt, da immer deutlicher wird, dass nicht einmal mehr die designierten Machthaber und Entscheidungsträger die Macht zur freien Lenkung der Geschicke besitzen, sondern auch sie bloß Getriebene von Angst, Unwissenheit, Einzelinteressen und sozialem Druck sind.

Diese Entwicklung entspricht der sozialen Dynamik der modernen Massengesellschaft, die von Rolf Peter Sieferle treffend als „systemische Gesellschaft“ beschrieben wurde: Die sozialen Realitäten und Zwänge scheinen sich immer stärker von selbst zu organisieren, gewinnen dabei zunehmend an Komplexität und immunisieren sich damit mehr und mehr gegen Versuche, die Wirklichkeit bewusst anhand bestimmter Prinzipien zu ordnen. Der Einzelne degeneriert dabei zum „dionysischen Individuum“, das die Rebellion gegen die Systeme nur noch als hedonistischen Zeitvertreib zelebriert und sich damit selbst geschmeidig ins System einfügt.

Das Bild, das sich hier aufdrängt, ist das der Maschine. Die enge Verbindung zwischen Technik und Massengesellschaft hat Friedrich Georg Jünger in seinem Werk Die Perfektion der Technik herausgearbeitet: Die sich immer weiter ausbreitende und perfektionierende Technik unterwirft auch den Menschen immer umfassender ihren Gesetzen und organisiert die Gesellschaft nach ihren Prinzipien. Das menschliche Leben gleicht sich der Maschine an, deren Wesen im automatischen, mechanischen Arbeitsablauf liegt, in dem die blinde Kausalität und endlose Bewegung regiert. Dem entspricht auch die verbreitete Erwartung, dass alles „funktioniert“; doch sobald sich eine Störung im gesellschaftlichen Getriebe zeigt, ist kein klarer Verantwortlicher mehr auszumachen – die Maschinerie ist zu komplex geworden.

»Die Technik hegt keine Abneigung gegen das Individuum, wenn es sich nur der technischen Organisation bedingungslos unterwirft.«
Friedrich Georg Jünger

Überschätzung des eigenen Machtpotenzials

Bei alledem drängt sich dem Einzelnen unweigerlich die altbekannte Frage auf: Was tun?

Eine naheliegende Möglichkeit, auf die eigene Machtlosigkeit zu reagieren, ist das Streben nach Machtgewinn. Diese Bestrebungen, die wiederum nur im Kollektiv  erfolgversprechend sind, bilden den Bereich der Parteien, Demonstrationen und Massenbewegungen, die sich auf die Straßen und in die Gremien wälzen, um die Entscheidungsgewalt an sich und das Ruder noch einmal herumzureißen. So gebiert jede Krise typischerweise eine ihr entsprechende Gegenbewegung, die auf ihre Verwerfungen reagiert und Umkehr fordert. Mögen die Anliegen dieser Unternehmungen auch ehrlich und berechtigt sein, so bleibt doch festzustellen, dass bislang keine der großen Krisen von ihnen wirksam eingedämmt, geschweige denn das Auftreten einer neuen Erschütterung innerhalb weniger Jahre verhindert werden konnte. Hier lauert deshalb stets die Gefahr der Illusion, da das eigene Machtpotential nur allzu leicht überschätzt werden kann, ganz besonders im Moment des revolutionären Aufschwungs, der während jeder Krise stattfindet. Doch muss, wer den Weg des Machtstrebens wählt, in jedem Fall ehrlich an den möglichen Erfolg seiner Tätigkeit glauben, da er andernfalls zum reinen Schauspieler wird.

Die unausweichliche Begleiterscheinung solcher Bewegungen ist wiederum die Menge der dionysischen Individuen, die sich für kurze Zeit an der Rebellion gegen das System ergötzen, ohne wirklich Verantwortung übernehmen zu wollen für die Macht, die ihnen im Falle ihres Erfolges zufallen könnte. Das vollständig impotente Endprodukt dieser Tendenz sind diejenigen, die in der rein passiven Hingabe an die eigene Machtlosigkeit aufgehen und alle Hoffnungen auf einen innerweltlichen Erlöser setzen, der die Schreckensherrschaft der Machthaber beenden und mit feurigem Schwert die korrupten Systeme hinwegfegen soll. Was einst die Erlösung der gefallenen Welt durch überweltliche Kräfte wie die Ekpyrosis, den Kalki Avatara oder die Parousia Christi war, muss heute von profanen Figuren wie QAnon oder Donald Trump im Kampf gegen den „Deep State“ erledigt werden. Der Einzelne kann sich dabei zurücklehnen und die Palingenesis am heimischen Laptop oder Smartphone mitverfolgen.

Wiederkehr des Schicksals

Doch was bleibt denjenigen, die nicht mehr an einen realen Machtgewinn, sei es durch eigene Anstrengung oder fremde Erlösung, glauben können und dennoch ihre persönliche Verantwortung nicht aufgeben wollen? Um ein Tätigwerden in der einen oder anderen Form kommen auch sie nicht herum, da das Tun nun einmal als wesentlicher Teil zur menschlichen Verfassung gehört. Die Frage lautet also eher: Wie die Machtlosigkeit ausstehen?

Letztendlich ist diese Frage gar nicht so neu, wie sie vor dem historischen Hintergrund dieser Zeilen erscheinen mag. Was von Vielen in diesen Tagen wieder erlebt wird, ist die Wirklichkeit eines Prinzips, das für die Menschen früherer Zeiten ein ständiger Wegbegleiter des Lebens war: das Schicksal. Es ist die aus Sicht des Menschen rätselhafte Kraft, die das Geschehen in der Welt in bestimmten, unverfügbaren Bahnen lenkt und sich im Gespinst der Moiren und den Zuteilungen der Nornen mythisch abbildet. Der unbekannte angelsächsische Dichter der Elegie The Wanderer besingt sie mit den Worten „Wyrd bið ful aræd“ („Das Schicksal bleibt ganz und gar unerbittlich“), die Astrologen aller Jahrhunderte versuchten ihr durch die Beobachtung der Gestirne auf die Schliche zu kommen und das einfache Volk suchte seit jeher den Beistand höherer Mächte, um ihren Urteilen zu entgehen. Das plötzliche Wiedereinbrechen dieser Macht in die eigene Lebensrealität wirkt überraschend und verstörend für den Menschen des 21. Jahrhunderts, der sich daran gewöhnt hatte, Herr seiner eigenen Geschicke zu sein, alles für „machbar“ zu halten und die Welt und sich selbst beliebig umzugestalten, ohne dabei höheren Prinzipien verpflichtet zu sein.

Liegt die Antwort also möglicherweise im Nietzscheanischen „Amor Fati“, der unbedingten Liebe und Hingabe an das eigene Schicksal, verbunden mit rücksichtsloser Bejahung des Gewordenen und einem unbeugsamen Willen zur Macht?

Ich meine Nein. Auch wer versucht, sein Schicksal zu „lieben“, macht es immer noch zum einzigen Fokus seiner Aufmerksamkeit und bleibt damit ganz in seinem Griff. Die eigenen Ketten verschwinden nicht dadurch, dass man sie küsst, und auch schwere Schicksalsschläge wie der Verlust der Gesundheit oder der Lebensgrundlage bleiben bei aller Bejahung das, was sie sind, nämlich zunächst ein Übel. Wenn das Rütteln und Zerren an unentrinnbaren Fesseln auch sinnlos erscheinen mag, wohnt ihm womöglich sogar noch mehr Würde inne, als dem Gefangenen, der den Himmel außerhalb seiner Zelle vergisst. Wahre Freiheit finden wir indessen weder im vergeblichen Kampf, noch in der Hingabe an die reinen Tatsachen.

»Der stets nach dem ziel sich verzehre nur fühle das schicksal / Ich zeige euch in der erfüllung das grausamste schicksal«
Stefan George

Die Theologie der Seele

Auch wenn wir lernen können, unser jeweiliges Schicksal mit Demut anzunehmen, anstatt in Groll auf Fortuna zu vergehen, bleibt es doch bei der wunderlichen Diskrepanz zwischen den äußeren Umständen, die uns nicht zur Verfügung stehen, und unserer inneren Wirklichkeit, die sich selbst als frei erkennt und stets die Möglichkeit besitzt, sich von den Bedingtheiten der Welt zu distanzieren. Diesem Verhältnis von Schicksalszwang und menschlicher Seele widmet sich auch der spätantike Philosoph und Mystiker Plotin in seinem Traktat Über das Schicksal (Enneade III 1). Für Plotin, der als wichtigster Vertreter der platonischen Philosophie gilt und mit seinen Lehren auch die christliche Mystik entscheidend beeinflusst hat, ist die Seele keine Anhäufung sentimentaler Gefühlsregungen oder Bühne für allerlei unbewusste Komplexe, zu der sie die moderne Psychoanalyse macht. Die Psychologie ist für ihn vielmehr der erste Schritt zur Theologie. Die Seele begreift er als unkörperliche und unvergängliche Wesenheit, die den von Natur aus teilbaren und unbelebten Körpern Einheit und Leben vermittelt und sowohl in den Einzelwesen, als auch im gesamten Kosmos als Weltseele anwesend ist.

Das charakteristische Element der Seele ist dabei ihre „vertikale Dynamik“: Auch wenn sie notwendig mit dem Körper verbunden ist und deshalb Teile von ihr durch dessen sterbliche Natur geprägt werden, liegt ihre Herkunft und wahre Heimat letztlich bei Gott. Dieser unsterbliche Teil der Seele, den die Platoniker mit ihrer intuitiven, geistigen Verstandestätigkeit identifizierten, ist dabei auch der Ort der wahren Freiheit, da sich in ihm das Wesen des Göttlichen als das Ewige, Gute und Selbstgenügsame spiegelt. Erst die Verbindung mit dem wandelbaren Körper und ihr Abstieg in den Kosmos unterwirft die Seele dem Zwang des Schicksals (gr. heimarméne), das nur auf dieser Ebene Wirklichkeit hat und den Bereich der Gottheit unverändert lässt. Die Seele nimmt somit eine Zwischenstellung zwischen dem Göttlichen und der Welt ein, da sie die Fähigkeit besitzt, sich von ihren irdischen Bedingungen zu lösen und sich erneut mit ihrem unsterblichen Ursprung zu identifizieren. Den Weg, diese „Angleichung an Gott“ (homoiōsis theō) zu vollziehen, sieht Plotin u.a. in einem tugendhaften Leben. Durch die Kultivierung von Tapferkeit, Besonnenheit, Gerechtigkeit und Weisheit soll die Einzelseele lernen, fremden Einflüssen wie Angst, Begierde, Täuschung und sozialem Druck zu widerstehen und dabei zu ihrem wahren Selbst finden. Erst auf diese Weise wird ihre Tätigkeit wirklich autonom und „ihr Tun wieder Handeln und nicht bloßes Erleiden“.

»Unsere besten Handlungen aber gehen von uns selbst aus.«
Plotin

Sobald sich uns das Schicksal als eine Kraft zeigt, die stets nur von außen an uns herantritt und dabei unser Innerstes und Eigenstes unangetastet lässt, offenbaren sich neue Möglichkeiten, das eigene Dasein und die eigene Tätigkeit in der Welt zu gründen. Das setzt jedoch zunächst das Eingeständnis voraus, dass unsere Macht über die Geschehnisse in der Welt für immer beschränkt und unzureichend bleibt, solange wir in das Netz der Schicksalsfäden eingesponnen sind. Unsere Seele gewinnt nur insoweit an Freiheit, als wir uns nicht mit dieser Machtlosigkeit identifizieren, sondern das Prinzip unserer Handlungen in einer Wirklichkeit in uns und über uns suchen, die jenseits des Schicksalszwangs liegt. Das erfordert keinen scheinbaren Ausstieg aus der automatisierten Welt, wie ihn etwa ein Ted Kaczynski geprobt hat, sondern lediglich eine Verschiebung der Perspektive: Das Handeln in der Welt, das immer durch seine Umstände und deren jeweilige Möglichkeiten bedingt ist, bleibt ein wesenhafter Teil von uns, doch liegt der Maßstab unseres Tuns dann nicht mehr in der Horizontalen – im Gewinn oder Verlust von begrenzter Macht – sondern in der Vertikalen; in der Nähe oder Distanz zu jenem unsterblichen Prinzip, das allein wirkliche Autonomie besitzt.

Letztendlich bedeutet all das schlicht und ergreifend, zu tun, was Menschen aller Zeiten getan haben: den eigenen Verfügungsraum abstecken und im Rahmen des Möglichen die Dinge zum Guten ordnen. Die Erkenntnis, dass dieser Prozess im Zentrum unseres Wirkungskreises, nämlich in uns selbst, beginnen muss und von dort seine Strahlkraft auf die Welt entfaltet, ist in zahlreichen Mythen, Erzählungen und Schriften niedergelegt worden, von den Versen der Bhagavad Gita bis hin zu Ernst Jüngers Waldgang. Am einfachsten und schönsten hat es vielleicht J.R.R. Tolkien mit den Worten ausgedrückt, die Gandalf an Frodo richtet, als dieser seine Verzweiflung ob der erdrückenden Last seines Schicksals äußert:

»Ich wünschte, es wäre nicht in meiner Zeit geschehen“, sagte Frodo. „Das wünschte ich auch“, sagte Gandalf, „und das selbe tun alle, die solche Zeiten erleben müssen. Aber es liegt nicht an ihnen, dies zu entscheiden. Alles, was wir zu entscheiden haben, ist was wir mit der Zeit anfangen, die uns gegeben ist.«