René Girard – Nachahmung und Gewalt

Eine Einführung in die mimetische Theorie

Der 2015 verstorbene René Girard gehört zu den seltenen Denkern der jüngeren Geistesgeschichte, die eine große Vielfalt an Erscheinungen auf ein einziges Muster zurückführen. Sein Denken kreist nicht um vielerlei, sondern nur um eine einzige „große Erzählung“, mit der er sämtliche Mythen aufzuhellen und das, was diese Mythen verschleiern, zu enthüllen glaubt.

Girards „große Erzählung“ ist der „mimetische Zyklus“. Er besteht aus drei Momenten:

  • Das „mimetische Begehren“ (Neid, Eifersucht, Ressentiment) führt innerhalb einer Gesellschaft zu einer „mimetischen Krise“, einem chaotischen „Kampf aller gegen alle“.
  • Indem sich die Kämpfenden gegen einen Einzelnen vereinigen, diesen als Sündenbock stigmatisieren und ihn töten, wird die „mimetische Krise“ überwunden und eine neue Ordnung begründet.
  • Der getötete Sündenbock wird vergöttlicht und erscheint fortan als Begründer der gesellschaftlichen Ordnung. Gleichzeitig wird der Mord des Mobs am Sündenbock in den Mythen als gerechtfertigt dargestellt, um die Mörder vom schlechten Gewissen zu befreien.

Im ersten Moment dieses Zyklus tritt die mimetische Theorie als Kritik und Erweiterung psychologischer Theorien auf; im zweiten Moment erscheint sie als politische Theorie vom Ursprung der Gesellschaftsordnung; im dritten Moment wird sie zur universellen Mythen- und Religionstheorie: „Alle Mythen haben ihre Wurzeln in realen Gewalttätigkeiten, die gegen reale Opfer gerichtet sind“, so Girard in „Der Sündenbock“. Es liegt auf der Hand, dass ein derart umfassender Anspruch zahlreiche Angriffsflächen schafft, und so ist denn auch Kritik von vielen Seiten nicht ausgeblieben. Im Folgenden werde ich aber – in kritischer Distanz – das Augenmerk auf das Erkenntnispotenzial der Theorie Girards richten.

Das mimetische Begehren

„Um in Erfahrung zu bringen, was er bewunderte, schlug er regelmäßig im Feuilleton nach.“ In diesem Aphorismus von Michael Klonovsky tritt dem Leser schlagartig vor Augen, was René Girard als „mimetisches“, also nachahmendes Begehren bezeichnet. „Er“, der fiktive und exemplarische Charakter aus Klonovskys Aphorismus, kann nicht spontan, aus eigener Kraft und nach eigenem Urteil entscheiden, was er bewundert und was nicht. Stattdessen braucht er das Vorbild aus dem Feuilleton, das er für seinen Sachverstand schätzt und das ihm das Ziel, auf das sich seine Bewunderung richtet, weisen soll. Nach René Girard ist dieses Begehren gemäß einem „Mittler“ der Normalfall und das spontane Begehren in den meisten (oder gar allen) Fällen reine Illusion.

Aufgrund des mimetischen Begehrens werden stets viele Menschen ein und dasselbe begehren und zu erlangen versuchen. Diese Dynamik erzeugt – wenn die begehrten Güter nicht in unbegrenzter Menge vorhanden sind – zwangsläufig Neid, Eifersucht, Rivalität und Verteilungskämpfe.

Thomas Hobbes hat in seinem Buch „Naturrecht und allgemeines Staatsrecht in den Anfangsgründen“ („The Elements of Law Natural and Politic“) das Gesellschaftsleben mit einem Wettrennen verglichen und daraus die Affekte des Eifersuchts und des Neids abgeleitet. Hobbes schreibt dazu: „Dies Rennen darf kein anderes Ziel, keinen anderen Ruhm als den kennen, an erster Stelle zu stehen […] Eifersucht ist der Schmerz, sich durch einen Konkurrenten übertroffen zu sehen, wobei gleichzeitig die Hoffnung besteht, ihm mit der Zeit durch eigene Fähigkeiten gleichzukommen oder ihn auszustechen. Aber Neid ist derselbe Kummer, in Verbindung mit dem Vergnügen, welches die Vorstellung eines Mißgeschicks, das dem anderen zustoßen kann, bereitet.“

Sehr präzise hat Hobbes hier die Dynamik dessen beschrieben, was Girard als „mimetisches Begehren“ bezeichnet. Die Läufer im Wettrennen richten ihr Begehren nach denjenigen aus, die vor ihnen laufen; diese fungieren als „Mittler“, die überholt oder beseitigt werden müssen, um das ihnen bereits eigene Gut zu erlangen.

Unter den zeitgenössischen Intellektuellen legt beispielsweise Jordan Peterson Wert darauf, dass gesellschaftliches Leben hierarchisch organisiert ist. Die Hierarchien werden auch von Peterson nicht als statisch angesehen, sondern sind spätestens mit dem Beginn der Neuzeit und dem Ende des Feudalsystems hochgradig wandelbar: Diejenigen, die in der Hierarchie unten stehen, versuchen diejenigen zu verdrängen, die weiter oben stehen. Die Neuzeit bringt eine Zunahme der „sozialen Mobilität“ und reißt die Standesgrenzen nieder, die das mimetische Begehren einhegten.

Der damit verbundene Wettkampf ist auf der einen Seite zweifellos produktiv, ermuntert er doch die Individuen dazu, ihr Bestes zu geben. Auf der anderen Seite jedoch kann das mimetische Begehren im schlimmsten Fall in den Bürgerkrieg münden, wenn eine gewalteindämmende Ordnung wegfällt – oder noch gar nicht vorhanden ist. Nach Girard steht ein derartiger universeller Bürgerkrieg, wie ihn auch Hobbes im Naturzustand toben sah, am Anfang der Geschichte. Dieser Bürgerkrieg wird erst durch den Sündenbockmechanismus überwunden.

Der Sündenbockmechanismus

„Es ist immer möglich, eine größere Menge von Menschen in Liebe aneinanderzubinden, wenn nur andere für die Aggression übrigbleiben.“ Mit diesem Satz aus „Das Unbehagen in der Kultur“ hat Sigmund Freud das Wesentliche am Sündenbockmechanismus erfasst. Die Identifizierung eines Sündenbocks, seine Stigmatisierung und seine darauffolgende Ausstoßung oder Ermordung schweißt die Menschen, die zunächst gegeneinander kämpfen, im Kampf gegen einen gemeinsamen Feind zusammen. Auf diese Weise schlägt der Kampf aller gegen alle um in gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Jeder kennt Beispiele vergleichbarer Vorgänge aus dem Alltag – im persönlichen Umfeld in Form von Mobbing, in größerem Maßstab bei medialen Kampagnen gegen bestimmte gesellschaftliche Gruppen (etwa „Rechtspopulisten“), die als „schwarze Schafe“ identifiziert werden. Das Ziel dieser Identifizierung von Sündenböcken ist letztlich ihre Beseitigung, auf „humane“ Weise durch Umerziehung, rabiater durch Ausstoßung oder Ermordung. Aus der Perspektive der mimetischen Theorie erscheinen solche Vorgänge als notwendige Revitalisierung der verdrängten Gewalt eines „Urmordes“, der am Anfang der Geschichte den gesellschaftlichen Zusammenhalt schuf. Das mimetische Begehren bleibt in den Menschen wach und gefährdet stets den Zusammenhalt – dieser wird nur durch die immer erneute Erinnerung an den „Urmord“ aufrechterhalten.

Es ist wichtig zu sehen, dass bei Girard der Zusammenhalt ursprünglich nicht aus gemeinsamen Vorfahren, Sitten, einem gemeinsamen Kult oder gemeinsamen religiösen Vorstellungen resultiert. Dies sind nur sekundäre Institutionen, die aus der Bindekraft leben, die am Beginn der Geschichte durch den Sündenbockmechanismus freigesetzt wurde.
René Girard wendet sich mit seiner Konstruktion auch gegen Vertragstheoretiker wie Hobbes und Rousseau, die davon ausgehen, dass am Ursprung einer Gesellschaft ein bewusster Entschluss aller Mitglieder steht, sich auf einen bindenden Vertrag zu einigen.

Die Verdeckung des Sündenbockmechanismus durch den Mythos

Entgegen dem gängigen Mythenverständnis ist Girard der Ansicht, dass allen Mythen ein historischer Kern eignet. Genauer: Mythen dienen der Verschleierung oder Verdeckung des Sündenbockmechanismus und des damit verbundenen „Urmordes“. Natürlich ist Girard der Meinung, dass diese Verdeckung in den Mythen nur unvollkommen gelungen ist, denn ihm zufolge lassen sich Spuren des „Urmordes“ darin finden.

Eines seiner wichtigsten Beispiele ist der Ödipus-Mythos. Das Wüten der Pest in Theben interpretiert Girard als Symbol für eine mimetische Krise, einen chaotischen Bürgerkriegszustand ohne ordnende und rechtsetzende Gewalt. Als Reaktion auf diesen Zustand sucht die Menge einen Sündenbock und findet ihn in König Ödipus. Dieser wird beschuldigt, seinen Vater getötet und seine Mutter geheiratet zu haben. Im Mythos ist Ödipus in mehrfacher Hinsicht stigmatisiert: als Fremder, Hinkender und ausgesetztes Kind. Die mimetische Krise (im Mythos: die Pest) wird überwunden, indem in Gestalt des Ödipus der Schuldige identifiziert und aus der Stadt verstoßen wird.

Girard interpretiert dies nun so: Dass ein Sündenbock aus der Stadt verstoßen wurde, ist der historische Kern des Ödipus-Mythos. Dass dieser Sündenbock aber tatsächlich Schuld auf sich geladen hatte, indem er seinen Vater ermordet und seine Mutter geheiratet hatte, ist bloße Hinzudichtung. In Wahrheit wurde ein Unschuldiger zum Sündenbock gemacht. Seine Stigmatisierung als Außenseiter und (wenn auch nicht vorsätzlicher) Übeltäter dient nur der nachträglichen Rechtfertigung der Gewalttat gegen ihn. Gleichzeitig zeigen sich in seiner mythischen Erhebung zum Königssohn und König von Theben auch schon Züge der für den Mythos typischen Vergöttlichung des Sündenbocks.

Mit dieser Interpretation des Ödipus-Mythos liegt ein Muster für Girards Methode vor, die in der Entschlüsselung eines verdeckten Hintersinns besteht. Der Archäologe der Mythen legt ihren Kern frei: die Gewalttat gegen ein unschuldiges Opfer, die eine mimetische Krise beendet hat.

Nach Peter von Matt ist der Mythos „eine unerträgliche Wahrheit in Gestalt einer begeisternden Lüge“ – ein Mythenverständnis, das sich mit dem Girards trifft. Im Falle der Mythen erwächst das Erzählen einer traumatischen Erfahrung, die mit Schuldgefühlen verbunden ist, und es dient mindestens ebenso sehr dem Verdecken wie dem Enthüllen der Wahrheit.

Die Aufdeckung des Sündenbockmechanismus durch die christliche Religion

Nach einer langen Phase des Atheismus kehrte Girard in seinem 38. Lebensjahr zum katholischen Glauben zurück, der ihm aus der Kindheit vertraut war. Diese Konversion stand in engem Zusammenhang mit der Ausarbeitung seiner mimetischen Theorie, wenn sie auch nicht dadurch verursacht wurde.

Ursprünglich wollte Girard auch die Evangelien nach dem Muster der übrigen Mythen interpretieren. Bei näherer Beschäftigung mit dem Neuen Testament wurde ihm jedoch klar, dass hier eine gänzlich andere Herangehensweise an den Sündenbockmechanismus und das Problem der Gründungsgewalt vorliegt: statt diese Gewalt zu verdecken oder zu rechtfertigen, wird sie in den Evangelien aufgedeckt und der Rechtfertigung beraubt. Denn Jesus, der Sündenbock, der im Zentrum der Evangelien steht, ist selbst ausdrücklich unschuldig. Er wird Opfer eines Mobs, der zu seiner Kreuzigung aufruft. Die Evangelien betonen, dass Jesus nicht Opfer eines Einzelnen ist, sondern dass hier eine (jüdische und römische) Kollektivschuld vorliegt, der sich beispielsweise Pilatus zu entziehen versucht, indem er „seine Hände in Unschuld wäscht“.

In Bildern wie dem von der Volksmenge, die zur Kreuzigung Jesu aufruft, decken die Evangelien nach Girard auf, was alle anderen Mythen verdecken: die Gründungsgewalt des Mob, die im „Urmord“ gipfelt. Diese Aufdeckung ist zunächst positiv zu bewerten, weil sie die Ermordung eines Unschuldigen als das Verbrechen erscheinen lässt, das sie in Wirklichkeit ist. Sie ist aber durchaus mit Vorbehalten zu betrachten, sofern sie eben auch zu einer Destabilisierung der durch den „Urmord“ begründeten gesellschaftlichen Ordnung beiträgt. Nach Girard leben wir heute in den christlich geprägten Kulturen mit den Folgen dieser Demaskierung der Gründungsgewalt, die zugleich die gesellschaftliche Ordnung instabiler werden lässt.

Fazit

Die drei Momente des mimetischen Zyklus sowie Girards Bewertung der christlichen Religion bauen aufeinander auf, lassen sich aber auch einzeln rezipieren. So können sich Christen und Atheisten, Psychologen und Politikwissenschaftler, Philosophen, Religionswissenschaftler und nicht zuletzt Theologen produktiv mit Girards Theorie auseinandersetzen. Schon jetzt zeigt die Girard-Rezeption eine große Bandbreite und fördert überraschende Erkenntnisse zutage.

Dennoch bleibt für die Theorie im Ganzen der Vorbehalt, dass Girard mit einer „großen Erzählung“, also letztlich mithilfe eines eigenen Mythos, sämtliche Mythen auf eine Grundstruktur zurückführen zu können glaubt. Doch wie kann ein Mythos, der letztlich niemals historisch verifizierbar sein wird, etwas zur Erhellung von Mythen beitragen? Darf ein Historiker es sich erlauben, in dem Maße eine Methode der Verdächtigung und der Kriminalistik anzuwenden, wie Girard es tut? Aufgrund dieser Vorbehalte schlage ich vor, die einzelnen Elemente aus Girards Theorie als Werkzeuge zu betrachten, die immer wieder überraschende Erkenntnisfunken schlagen, mit der Theorie im Ganzen aber nur äußerst vorsichtig umzugehen.

Weiterführende Literatur

Wer einen ersten Einstieg in die mimetische Theorie sucht, sollte zu dem folgenden Buch greifen: Wolfgang Palaver: René Girards mimetische Theorie. Im Kontext kulturtheoretischer und gesellschaftspolitischer Fragen. 3., überarb. und erw. Aufl. Wien: LIT Verlag 2008.

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