Post von Rolf Schilling: Brief-Auszüge zum 70. Geburtstag

Am 20. Juli 2015 ging aus Schwabing mein erstes Schreiben an Rolf Schilling auf den Postweg. Aus der längst dreistelligen Anzahl von Briefen, die seither gewechselt wurden, veröffentlichen wir zur Feier des Dichter-Geburtstags nachfolgend einige wenige Auszüge.

Ihr Brief hat mich überrascht und erfreut – herzlichen Dank dafür. Ihre Gedanken zur Zeitgemäßheit und Zeitlosigkeit der Dichtung möchte ich um zwei Gesichtspunkte ergänzen: Zum einen hat der Dichter, wenn es ihm ernst ist mit seinem Werk, keine Wahl. Er bringt genau das zum Ausdruck, was ihm zu gegebener Zeit als das Zwingendste und Wichtigste erscheint. Zum andern mag es so sein, daß manch ein Dichter-Narziß mehr vom Geist seiner Epoche verrät als einer, der sie scheinbar zeitnah in umfangreichen Romanen oder critischen Essays widerspiegelt.

29. Juli 2015

Was Byron angeht, so war ich mit 14 vor allem von Werken wie ‘Manfred’ oder ‘Cain’ begeistert. Meine Vers-Erzählung ‘Der Abendländer’, die ich damals schrieb, ist unveröffentlicht und findet vielleicht irgendwann in der historisch-critischen Gesamtausgabe ihren Platz. Immerhin wurde meine einzige Byron-Übertragung, ‘Darkness’, 1991 in der Zeitschrift ‘Sinn und Form’ abgedruckt, und dies war, gleichsam post festum, meine einzige DDR-Publication.

19. August 2015
Schilling um 1960

Vor Bizarrerien sind nur die Dummköpfe gefeit, und gerade wenn einer als Virtuose in Vers und Reim die Meisterschaft erreicht hat, liegt die Versuchung nahe, sich zu exponieren und zu sehen, bis zu welchen Verstiegenheiten sich das Spiel treiben läßt. Und da mögen Sie auch bei mir manches finden, weniger in den veröffentlichten als in den unveröffentlichten Gedichten. Das Bizarre wiederum reizt den Parodisten, doch Parodierbarkeit ist ein Qualitäts-Ausweis, und die meist-parodierten Dichter im 20. Jahrhundert sind zugleich die besten: George, Rilke, Benn.

31. August 2015

Daß ich, wenn ich Jünger zitiere, dies meistens mit seiner Stimme tue, haben Sie nun erlebt. Aber wenn ich ihn lese, höre ich einen ganz anderen als den knarrenden Niedersachsen. Was die rezitierenden Dichter betrifft, möchte ich neben Pound und Celan noch einmal auf Dylan Thomas verweisen, wiewohl ich inzwischen Abstand gewonnen habe zu seiner Art, sich selbst zu zelebrieren: Das performative Element darf nicht bestimmender werden als der Text selbst. Je besser ein Roman ist, desto mehr widerstrebt er der Verfilmung, je besser ein Gedicht, umso weniger läßt es sich vertonen. Das merkt man etwa bei Hölderlin oder Rilke, an denen sich viele Componisten versucht haben – auch bei George.

06. November 2015

Sehr gut ist Ihre Bemerkung über Victor Hugo. Ich hegte lange Zeit ein ideologisches Vorurteil gegen diesen Dichter, ähnlich wie in der Musik gegen Beethoven. Und in der Tat hat er alle Gemeinplätze des 19. Jahrhunderts in pompösen Phrasen besungen. Was im Zweifelsfall zählen sollte, ist jedoch die Potenz – und so begann ich zugunsten des Sounds in gewissem Maße vom Inhalt abzusehen – was ja auch für mein Verhältnis zu Swinburne gilt, der wiederum in Hugo seinen Meister sah und ihm mehrfach in hymnischen Vers-Kaskaden huldigte.

10. März 2016

Das Hörwerk von Benn ist mir vertraut. Ganz hübsch ist der Mitschnitt jener Kölner Veranstaltung, beginnend mit Bölls endloser Salbaderei, und der Diskussion, die von Benn mit witzigen Einwürfen gewürzt wird, nachdem er sich in der Pause – wie er an Oelze schreibt – “eine Flasche Deinhard Lila” kommen ließ. Leider war es sein letzter öffentlicher Auftritt, ein halbes Jahr vor seinem Tod.

03. Juli 2016
um 1970 am Nietzsche-Grab

Herzlichen Dank für Ihren Geburtstags-Brief, die Vers-Beigaben und den Aufsatz von Friedmar Apel. Der Verfasser ist mir vor Jahren einmal im Geiste begegnet, wohl als Borchardt-Apologet. Am Beispiel der Swinburne-Übertragung läßt sich sehr schön der Unterschied zwischen beiden Dichtern zeigen: George ist ein Stilist an der Grenze zur Manier, während diese Grenze von Borchardt überschritten wird. Am Ende dichtet er in einer eigenen Privat-Sprache, die nur noch dem von sich selbst verzückten Autor verständlich ist. Demgemäß hieß es einst als Impressum einer Borchardt-Parodie: “Privatdruck in einem halben Exemplar.”

20. April 2017

Meinen Dank für Ihren Brief aus der Bischofs-Stadt, der von Allerheiligen datiert ist – am selben Tag schrieb in Bonn der Doktor der Theologie Heinz-Theo Homann an mich. Bei den Katholiken hatte ich immer einen guten Stand. Zu ihnen zählte auch Wolf von Aichelburg, mit dem ich im Mai 1992 drei Tage in Weikersheim zusammen war. Der 80-Jährige wirkte ungemein lebendig, weise und zugleich kindlich-verspielt. Er stammte aus Pola, dem österreichischen Kriegshafen an der Adria, hatte lange Zeit in Siebenbürgen gelebt, auch in rumänischen Gefängnissen gesessen. Im Blankvers ist er besonders stark.

06. November 2017

Eine Korrektur hat Beckmesser noch anzufügen: Benn – ob es paßt, sei dahingestellt – sagt, daß George mit Schalmeien begonnen und mit Hörnern geendet habe – nicht mit Trompeten, und das ist ein gewaltiger Unterschied. Hören Sie einmal die Adagios von Bruckner, wo die Musik fast immer in Hörner-Dreiklängen verströmt. Als Apercu füge ich noch eine Verbindung von Benn und Stauffenberg an: Am 20. Juli 1944 notiert Benn in seinem Kalender “Attentat!” – und dann bekommt er aus Dänemark die Nachricht, daß seine Tochter an diesem Tag Zwillinge zur Welt brachte. Die müßten, falls sie noch leben, nun 74 sein.

23. Juli 2018

Die ‘Stunde des Widders’ habe ich vor vierzig Jahren, Anfang Oktober 1978, aus reiner Lust an den Bildern gedichtet. Später näherte ich mich auch gedanklich der Astrologie. Sie ist keine Wissenschaft, aber ihre Symbolik, sowohl im babylonischen als auch im chinesischen Tierkreis, hat etwas Einleuchtendes und ist nicht zufällig entstanden. Und bei der Zuordnung von Zeichen zu Personen ist man doch immer wieder von der Stimmigkeit verblüfft. Natürlich wirkt auch das Bewußtsein, unter diesem oder jenem Sternzeichen zu stehen, auf das Dichten und Trachten zurück. Doch schon durch ihre poetische Ergiebigkeit ist die Astrologie gerechtfertigt im Sinne des Goethe-Wortes “Was fruchtbar ist, allein ist wahr.”

24. September 2018
nach 1980 auf dem Questenberg

Was die ‘Cicero’-Hitparade der ‘500 einflußreichsten Intellektuellen’ betrifft, so wären in einer solchen 1833, im Jahre nach Goethes Tod, der bedeutendste Dichter: Hölderlin – und der beste Prosa-Autor: Schopenhauer – nicht nur nicht unter den ersten 500, sondern überhaupt nicht erschienen. Soviel zum Thema “Milliarden Fliegen irren sich nicht.” Zu den Anekdoten und Zitaten: Über Gottfried von Einem, der wie Wagner seine Libretti selber schrieb, sagten böse Zungen, der Text sei von Einem und die Musik von Anderen.

04. Februar 2019

Was Wilflingen angeht, so erzählte mir ein Bekannter, der kurz nach Jüngers Tode dort war, er habe auf dem Schreibtisch, den man so belassen hatte, wie er zuletzt war, meine ‘Feuerlilie’ gesehen. Seither hat man umgeräumt und umgestaltet, und die Verwalter des Erbes, die es nicht besser wissen, bewerten die Personen im Umkreis Jüngers entsprechend der Wichtigkeit, für die das Ranking der Critiker oder die Star-Parade des ‘Cicero’ den Maßstab abgibt. Ich notierte 1981 schon: “Das Volk und die Auserwählten. Dazwischen der geistige Mittelstand. Er kommt nur als Quantität in Betracht.”

20. Mai 2019

Den Mai verbrachte ich trotz der beiden Ablenkungen in der Abgeschiedenheit und am Werk, hörte den Kukuck und die Nachtigall und durfte auch zwei Mal den Pirol belauschen. Er ist der Vogel, dessen Ruf am leichtesten zu imitieren ist: “Bü-bü-Bülow” – und ein gewisser Victor von Bülow nannte sich bekanntlich nach dem französischen Namen des Vogels Loriot. Rosen erblühen in großer Fülle und spielen über die Farbskala von reinem Weiß zu dunklem Purpur. Verse entstehen Tag für Tag. “Tutti contenti” singen sie am Ende von ‘Le nozze di Figaro’. Teodor Currentzis, der unsere Aufnahme der Oper dirigiert, wurde jüngst im Radio von einer Kabarettistin – und sie meinte dies wertschätzend – als “der krasseste Scheiß in der Szene” bezeichnet.

03. Juni 2019

Die bange Frage des Künstlerfreundes nach meiner Trinität ist leicht zu beantworten: Ich kam auf die drei Genannten, weil sie unter den Zeitgenossen den ersten Rang besetzten: Jünger in der Prosa, Breker in der Skulptur, Riefenstahl im Film, so wie Heidegger in der Philosophie und ich im Gedicht. Und es mag ein Indicator sein für den Geist oder Ungeist der Zeit, ob und wo man das in Deutschland öffentlich aussprechen darf und welche Consequenzen es hat. Solange diese Dinge nicht klargestellt sind, leben wir in einer verkehrten Welt. Alles hat seinen Platz und sein Recht im Kulturbetrieb, nur das Herausragende nicht – das gilt als “umstritten” und steht unter Legitimations-Zwang.

15. August 2019
Unter Legitimationszwang: Leni Riefenstahl & Rolf Schilling um 1990

Meine Huldigungen an prägende Gestalten hatte ich zwar 1985 mit ‘Nietzsches Ring der Ringe’ abgeschlossen, zwei Ausnahmen gibt es aber doch: Den Breker-Essay von 1991 und 1995 zum 200. Geburtstag von John Keats einen halbstündigen Beitrag für den Hessischen Rundfunk: ‘Keats als Inbild des Dichters’. Max Kommerells Gedichte kenne ich nicht, allerdings findet sich in einem Sammelband mit Stücken für Puppentheater, der 1974 in der DDR erschien, sein Stück ‘Der verbesserte Biribi’. Dabei fällt mir ein, daß ich 1961 in ‘Des Kaisers neue Kleider’ als Puppenspieler debütierte. 1974 gewann ich dann bei der Armee als Autor, Regisseur und Darsteller zwei Preise mit dem Werk ’25 Jahre DDR oder ›Seht, was aus uns geworden ist! Posse mit Gesang‹’.

07. Januar 2020

Im übrigen ist mein Werk auch ein Prüfstein, an dem sich jeder beweisen kann, so oder so. Frank Böckelmann tat es für mich auf überzeugende Art. Seine einleitenden Worte waren das Beste, was ich jemals hören durfte bei einer solchen Gelegenheit. Kommen Sie heil in den Frühling und seien Sie herzlich gegrüßt aus dem erblühenden Garten zu Udestedt von Ihrem Rolf Schilling.

16. März 2020

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