Friedrich Nietzsches letzter Blick auf den Gekreuzigten

Am Abend seines Lebens kehrte der radikalste aller deutschen Philosophen, Friedrich Nietzsche, zur Figur des gekreuzigten Jesus zurück. Dieses Symbol ist bis heute prägend, denn wer die Gottlosigkeit zu Ende denkt, der gerät wieder in eine quasi-religiöse Stimmung. Am Karsamstag im Jahr 2013 hielt Michael Völkel den nachfolgenden Vortrag auf den Klostertagen.

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Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, liebe Gäste, liebe Mitbrüder,

Eine der bekanntesten Aufnahmen Nietzsches stammt vom Künstler und Fotografen Hans Olde, der 1899 die Bildserie „Der kranke Nietzsche“ erstellte.

Wenn man diese Fotografie ein wenig auf sich wirken lässt und im Hinterkopf behält, welcher Mysterien wir in diesen Tagen gedenken, dann könnte man darin eine Art Pietà erkennen. Friedrich Nietzsche, zur Zeit der Aufnahme bereits geistig umnachtet, wird von seiner Schwester Elisabeth Förster-Nietzsche gehalten, annähernd so, wie der Leichnam Jesu auf dem Schoß Mariens gehalten wird. Bin ich da auf Abwege geraten, in dem ich diesen unerhörten Vergleich anstelle, ihn vielleicht sogar bemühe? Bin ich beiden, Jesus und Nietzsche in einem, sagen wir, philosophischen Voyeurismus zu nahe getreten? Kurzum: Ist so eine Pietà nicht pietätlos?

Ja und Nein.

Friedrich Nietzsche hätte sich, jedenfalls nach allem, was man über ihn weiß und ahnt, nicht nur darüber gefreut, sondern sich darin mit vollem Ernst wiedererkannt. Seine letzten Briefe, die der seelisch Zusammenbrechende an alle möglichen Leute versandte, so z. B. an den italienischen König Umberto I., unterzeichnete er u.a. mit „Der Gekreuzigte“.

Nietzsche hat im Lauf seines geistigen Wandererlebens viele mythische Gestalten als Herolde wie auch als Inkarnationen seiner Philosophie vom „Tod Gottes“ herangezogen: Apollo, Dionysos und Zarathustra. Zuletzt aber kehrte der Pastorensohn aus Sachsen zur Figur des gekreuzigten Jesus zurück. Mehr noch: Er identifizierte sich in Schicksal und Anspruch mit diesem. Es war freilich eine gebrochene Identifikation. Als er in den ersten Januartagen 1889 in Turin zusammenbricht, als er schluchzend ein Pferd umarmt, das der Droschkenkutscher gerade mit der Peitsche traktiert, da beginnt ein seelischer Karsamstag, der von der Einlieferung in das Basler Irrenhaus bis zum Tod am 25. August 1900 in Weimar dauern wird. Zwölf Jahre Karsamstag. Am 11. Januar 1889 berichtet Franz Overbeck an Peter Gast, beide mit dem Erkrankten befreundet, in einem Brief: „Ich habe kein ebenso entsetzliches Bild der Zerstörung gesehen“.

Und Jesus? Jesus selbst hätte wohl an einem Jünger Nietzsche durchaus seine Freude gehabt. Zu den wenigen Komplimenten, die Jesus während seines Erdendaseins für Menschen bereithielt, gehört das, was er über den herannahenden Nathanael sagt: „Ein Mann ohne Falschheit“. Dies und ein Glaube, an dem auf Gedeih und Verderb die ganze Existenz eines Menschen hängt, wog bei Jesus mehr, als tadelloser Lebenswandel, guter Leumund oder als jede bloß quantifizierbare Frömmigkeitsleistung. Nietzsche war selbst in seinen schlimmsten denkerischen Ausschreitungen gegen das Christentum stets ohne Falschheit. Auch blieb er immer ein religiös hochsensibler Mensch, den allein die schemenhafte Figur des Jesus aus Nazareth zeitlebens so sehr provozierte, dass sie ihn selber provozieren ließ. Oft genug ohne jede Fairness. Ein Glaube mit umgekehrten Vorzeichen, eine leidenschaftliche Hassliebe, so könnte man sagen. Beide, Jesus und Nietzsche, gingen bis ans Ende, der eine ans Kreuz, der andere in den Wahnsinn. Beide waren sie todernst in den Konsequenzen ihrer Botschaft. Beide scheuten den Abgrund nicht: Jesus wurde von Menschen hineingestoßen, Nietzsche sprang in selbstauferlegter Folgerichtigkeit. Und beide erkannten darin einen höheren Zweck: Die Erlösung der Menschheit.

Doch halt! Nietzsche als Erlöser? Sind wir spätestens hier nicht in Gefahr, seinen Suggestionen, ja seinen Autosuggestionen auf den Leim zu gehen? Es drängt sich die Frage auf: Erlösung wohin denn? Für das Original gibt es bekanntlich keinen Ersatz. Wir werden sehen, warum.

Unversehens sind wir schon im Kernbereich unserer heutigen Betrachtung angelangt. Dass geht bei Nietzsche schnell. Jemand wie er rollt vor seinem Leser keinen Begrüßungsteppich aus, sondern geht mit ihm sogleich in medias res.

Sich mit Nietzsche zu beschäftigen, heißt, sich gegen ihn zu behaupten, so meinte einmal Karl Jaspers. Ich behaupte nun, dass wir uns nicht gegen ihn behaupten müssen, vor allem dann nicht, wenn wir versuchen, seinen Blick auf Jesus einzunehmen, mit ihm den Gekreuzigten anzusehen, ohne Angst vor Ansteckung durch sein Denken. Wenn unser Glaube so belastbar, ja so hart ist, dass er die Härte Nietzsches aushält, dann kann er sogar hinzugewinnen. Und vor allem, wir gewinnen einen neuen Blick auf diesen geistigen Berserker und sein eigentliches Anliegen, an dem er letztlich zerbrochen ist.

Der letzte Blick ist fast so entscheidend wie der erste. Auf den ersten Blick entscheidet sich unbewusst, ob man in das Strahlungsfeld einer Person eintreten möchte oder lieber nicht. Und auf den letzten Blick entscheidet sich dann, was man von dort mitnehmen möchte, was einem wichtig war, was einen prägen soll. Dazwischen liegen Erlebnisse aller Art, Erfahrungen, Reflexionen und oft auch Revisionen. Dies alles, was ich Ihnen vortrage und somit vorschlage, ist mein Blick auf Nietzsches Blick. Und sicher nicht, mein letzter. Es ist mein erster Blick auf seinen letzten Blick, den er dem Gekreuzigten zusandte.

Unter persischen Miniaturmalern galt es als Höhepunkt des Sehens, wenn man nach langen Jahren mühsamer Kleinarbeit blind wurde. Dann nämlich sah man erst. Man sah, besser: man erkannte, dass die Bilder alle aus dem Dunkel aufsteigen. Dort, im Dunkel der Gottheit, haben sie ihren Ursprung und ihr Endziel. Der Blinde war zum Seher geworden.

Gilt das auch für den geistig Umnachteten? Was hat Friedrich Nietzsche gesehen, um darüber den Verstand zu verlieren? An dieser Stelle möchte ich einfügen, dass ich die medizinisch-psychologische Diagnose ausklammern möchte, um Nietzsches Denken zu würdigen und nicht als ausschließliches Produkt seiner Krankheit quasi „ad acta“ zu legen. Passend hierzu bemerkte einmal der amerikanisch-ungarische Psychiater Thomas Szasz: „Wenn Sie zu Gott sprechen, nennt man es beten und wenn Gott antwortet, nennt man es Schizophrenie“. Aus dem Alten Testament kennen wir die Episode der Raserei König Sauls, vor der man sich fragte, ob auch er unter die Propheten geraten sei. Gibt es Prophetisches in Nietzsche, zumindest im Sinne eines weckenden Aufschreis?

Nietzsches geistige Kriegserklärung galt, nach frommen Kindertagen, der Religion und der Moral, genauer: der christlichen Kirchen und ihrem ethischen Gehäuse. Es wäre einen eigenen Aufsatz wert zu untersuchen, inwieweit der frühe Tod des Vaters, Pastor im sächsischen Röcken, den nicht ganz fünfjährigen Nietzsche traumatisierte und ihn in späteren Jahren in die Auflehnung gegen Gott, auch und gerade gegen Gott als Vaterfigur geführt hat, sozusagen als Stellevertreterkrieg gegen die ausgebliebene Auseinandersetzung mit der väterlichen Autorität. Wie dem auch sei, für uns ist wichtig festzuhalten, dass Nietzsche im Namen des Lebens seinen Kampf geführt hat. Um das Leben als solches ging es ihm, nicht um ein Konzept, das man sich von ihm machen kann. Gott galt ihm, so schreibt er im Antichrist „als größter Einwand gegen das Sein“. Der Mensch sollte auf Gott verzichten, die Machtbefugnisse von ihm zurückfordern, um sich in allem dem Leben und seinen Gewalten stellen zu können. In einer nachgelassenen Schrift ruft er dem so befreiten, aber entwurzelten Menschen zu: „Sei dieser Ozean, so gibt es einen!“. Erst durch den Tod Gottes kann demzufolge die Menschwerdung des Menschen anheben, und dies bedeutet nichts Geringeres, als seine Gottwerdung. Um sie einzuleiten, geißelt er die selbstgemachten Konstrukte, mit denen sich der ängstliche Mensch aus der Realität des Lebens herausstiehlt. „Nichts ruiniert tiefer, innerlicher als jede »unpersönliche« Pflicht, jede Opferung vor dem Moloch der Abstraktion“, so urteilt er im schon zitierten „Der Antichrist“, um sogleich fortzufahren: „sie halten die »schönen Gefühle« bereits für Argumente, den »gehobenen Busen« für einen Blasebalg der Gottheit, die Überzeugung für ein Kriterium der Wahrheit“.

Friedrich Nietzsche als Bilderstürmer, als Austreiber des Religionsgewerbes aus dem Tempel des Lebens, eine Rolle, die er zu gern einnahm. Er wetterte gegen alle Verheißungen, alle Vertröstungen, die sich für ihn nur aus der Geschichte speisten und dorthin zurückführten, gegen alles Kleine, Kleingeistige, Kleinmütige, gegen alles, was das Gegenteil von Radikalität war. All dies nannte er Schwachheit oder Sklavenmoral. Leben hingegen war für ihn eine fortdauernde Überwindung. Überwindung aller Sicherheiten, aller Rücksichtnahmen und aller Rückzugsräume, in die man sich hineinträumen konnte. Im Letzten ging es um die Überwindung des Menschen selbst, die im Übermenschen gipfeln sollte, so proklamierte es sein Zarathustra. „Euere eignen Sinne sollt ihr zu Ende denken!“, forderte er. In den Religionen, in der christlichen zumal, witterte er den Vorbehalt gegen das Leben, das ressentiment, wie er es ausdrückte. Der Kirche und ihrer Galionsfigur Paulus, nicht Jesus wohlgemerkt, lastete er alles an, was gegen das Leben stand, vor allem gegen seine rückhaltlose Bejahung. Dort, vor allem auch in ihrem Grundlagentext, den Evangelien, machte er nur Menschlich-Allzumenschliches aus.

Jesus nahm er, zumindest zeitweilig, von seinen Rundumschlägen aus. Jesus, das war für ihn niemals der Jesus Christus des christlichen Glaubens. Jesus, das war für ihn zunächst abwechselnd der größte Symbolist, décadent oder Idiot, später war er das gekreuzigte Evangelium. Schon 1880 notierte er nach einer Lektüreerfahrung von Pascals Pensées: „An diesem Jesus ist seitdem nicht mehr fortgedichtet worden“. Dies hat er unternommen und zwar derart, dass im Bezug auf diese Figur Nietzsches Dichtung und Nietzsches Wahrheit kaum mehr zu unterscheiden sind. Vielen schon ist aufgefallen, wie sehr er sich mit dem Gegner identifizieren konnte, so dass seine Polemik, wie der katholische Theologe Eugen Biser betont: „von innen, nicht von außen“ kam. In der letzten Schaffensperiode tritt dann auch bei Nietzsche selbst eine Umwertung der Werte ein. Zunehmend fühlt er sich dem Gekreuzigten „irgendwie verwandt“, wie es der Literaturwissenschaftler Heinrich Detering treffend auf den Punkt bringt. Die Krankheit macht sich von nun an verstärkt bemerkbar. Phasen anhaltender Euphorie, denen eine hektische Produktivität folgt, wechseln ab mit aggressiven Schüben. In dieser Periode kommt er dem Gekreuzigten auf eigentümliche Art nahe, blickt auf ihn, aber keinesfalls vom Fuß des Kreuzes herauf, sondern auf Augenhöhe blickt er ihn an. Und er erkennt in diesem gekreuzigten Jesus einen der freiesten Geister, dessen vermeintliche Schwäche sich ihm jetzt als unbezwingbare Stärke offenbart. Zeugnis für diesen Bewusstseinswandel ist sein 1888 entstandener „Antichrist“. Hier erkennt er in dem Nazarener „das Vorbildliche in dieser Art zu sterben, die Freiheit, die Überlegenheit über jedes Gefühl von ressentiment“. In einem Generalverdacht gegen die überlieferten Evangelien, wie sie die Leben-Jesu-Forschung seiner Zeit propagierte, bekräftigt er: „Das Evangelium war doch gerade das Dasein, das Erfülltsein, die Wirklichkeit dieses »Reichs« gewesen. Gerade ein solcher Tod war eben dieses »Reich Gottes«“ Jesus wird in seinem Leben und in seinem Sterben zum Prototyp der rückhaltlosen und dabei sanftmütigen All-Bejahung des Lebens. So nennt er Jesus auch einmal den „ja-sagensten aller Geister“. Auferstehung und Erlösung braucht es da nicht mehr, denn, so verkündet er: „Das wahre, das ewige Leben ist gefunden – es wird nicht verheißen, es ist da, es ist in euch: als Leben in der Liebe, in der Liebe ohne Abzug und Ausschluss, ohne Distanz“. Jesus selbst ist sein Reich. Sein Leben und sein Sterben allein haben für Nietzsche Erlösungswert. Jesus wird zu dem von ihm herbeigesehnten Übermenschen, der auch Hass und Rachsucht überwunden hat, der ganz im Jetzt seiner Zeit lebt und stirbt. Für einen Gott ist da kein Platz mehr, es sei denn, im Menschen, der jenseits von Gut und Böse angesiedelt ist. Sein letzter Brief an Meta von Salis vom Januar 1889 enthält die Zeilen: „Die Welt ist verklärt, denn Gott ist auf der Erde. Sehen Sie nicht, wie alle Himmel sich freuen? Der Gekreuzigte“. In den Tagen und Jahren danach verschwimmt sein Blick. Das, was er zurückbehält ist der isolierte Gekreuzigte. Und dieses für sich genommene Kreuz führt tatsächlich jeden in den Wahnsinn, da es zuallererst und zuallerletzt Höhepunkt menschlicher Raserei und Symbol für das Irrationale und Grausame des Lebens, auch des religiösen Lebens ist.

Der Versuch, als Mensch göttlich zu denken, um schließlich wieder menschlich zu glauben, hat Nietzsche in einen nicht auflösbaren Widerspruch geführt. Wer die Gottlosigkeit zu Ende denkt, der gerät wieder in eine quasi-religiöse Stimmung. Nur findet diese dann keine Anhaltspunkte, keine Standpunkte, keine Fixpunkte, kein Gegenüber mehr. Auch ein totales Ja-Sagen ist nicht mehr möglich. Von wo aus würde man es sprechen, zu wem und wozu? Der Wahnsinn wird, jenseits aller medizinischen Befunde, zu einer Art von seelischem Nirvana. Zwölf Jahre ging es, im Haus der Familie Nietzsche zu Naumburg, ab dann 1897 in Weimar. Eine Erlösung ohne Lehre hatte Nietzsche verkündet. Der Jesus, den er zuletzt erblickte, war ihm hierfür Modell.

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