Nekrolog 2019

“Kultur beginnt dort, wo Menschen einander begraben.” Hätte mir selbst sich diese Weisheit aufgetan, sie wäre mir um kein Gran weniger einleuchtend erschienen als im Moment, da ich sie bei Gadamer vorgedacht fand. Weil nicht nur Adel oder Eigentum, sondern auch die erklärte Bemühung um ‘Kultur und Künftiges’ verpflichtet, wollen wir an dieser Stelle fortan zu Jahreswechseln einigen Handverlesenen das letzte Geleit angedeihen lassen, jedem Einzelnen von ihnen also unseren zertifizierten anbruch-Obolus aufs geschlossene Lid legen, auf dass nicht ein späterer Max Kommerell darüber nachsinnen muss, “ob keiner wäre, / Der übers Aug, das brach, ihm strich.”

Wer einmal mit sportlichen wie mit historischen Bahnen befasst war, weiß, wie viel auf den letzten Metern, etwa im neunten Jahr so mancher Dekade (allerhand Ausbrüche von Vesuven bis hin zu Revolutionen) oder zu Dezember-Enden noch geschehen kann. Auch 2019 überquerten namhafte Fahr- und Fährgäste erst nach Heiligabend den Acheron, als voreilige Nekrologe längst über sämtliche Bildschirme und Druckerpressen gelaufen waren. Wir dagegen lassen – dieses Zeugma muss erlaubt sein – uns Zeit und daher niemanden aus: sieben teilweise nach Weihnachten erst Verstorbene des zurückliegenden Jahres würdigen wir nach tradierten anbruch-Kriterien.

Außen vor muss für unsere Begriffe bleiben, wer Theorie-Halden um weiteres Haufwerk bereicherte oder sich anderswie dem Tag verschrieb. Doch nichts für ungut, Arnulf Baring – und Kopf hoch, Günter Zehm: denn das letzte Hemd hat wohl nicht nur keine Taschen, sondern aller Wahrscheinlichkeit zufolge auch keine Rangabzeichen. Für anbruch allerdings gilt: “Zum innersten der Ringe” (Rolf Schilling) unseres virtuellen Mausoleums kann nach menschlichem Ermessen nur entrückt werden, wer sich und sein Schaffen in Euterpes oder Melpomenes, in Terpsichores oder Polyhymnias Dienst stellte. Schon Kalliope wäre ein Abstieg von dort. Vorhang auf für Sieben, die im verflossenen Jahr nach Musenküssen den Todeskuss empfingen.

Hehre Harfe: Goethe-Monument von Carus (Quelle: Wikimedia Commons).

10. Januar 2019: Theo Adam (*1926)

Entdeckt wurde Theo Adam 1949 von Joseph Keilberth: Ganz recht, vom selben Joseph Keilberth, der als Zweiter nach Felix Mottl zumindest mittelbar von Richard Wagner getötet wurde: und das stilecht am 20. Juli (1968) auf dem Dirigentenpult des Münchner Nationaltheaters, wohingegen Mottl sich nach einem Zusammenbruch während seiner hundertsten Aufführung von ‘Tristan und Isolde’ 1911 noch ins Sterbebett retten konnte. Da Theo Adam dieser mutmaßlich kürzeste Weg in den Musikhimmel verschlossen und erspart blieb, können wir nur hoffen, dass man über ihn und zu ihm nach seinem Hingang nicht sagen muss, was er als Kaspar im ‘Freischütz’ so sonor sang: “Der Hölle Netz hat dich umgarnt.”

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26. Januar 2019: Michel Legrand (*1932)

Der Franzose Michel Legrand zeichnete für Harmonien verantwortlich, die über das letzte Halbjahrhundert hinweg – mal mehr und mal minder bewusst – nahezu jeden Lebensweg gekreuzt haben dürften. Wenn seine Klangfolgen mit den tiefsinnigen Texten des amerikanisch-jüdischen Dichter-Ehepaares Alan & Marilyn Bergman zusammentrafen, schlossen sich Kreise und öffneten sich Ohren: “Those tomorrows waiting deep in your eyes / In a world of love you keep in your eyes / I’ll awaken what’s asleep in your eyes / It may take a kiss or two.” Möge der kongeniale Crooner Jack Jones auf seinem unvermeidlichen Weg ad plures nicht allzubald dem Oscar-prämierten Komponisten folgen, der Ende Januar in Neuilly-sur-Seine bei Paris starb.

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19. Februar 2019: Karl Lagerfeld (*1933)

Die nächste belangvolle “Verwandlung” (Michelangelo) in Neuilly-sur-Seine – präziser: im American Hospital of Paris – ließ keinen ganzen Monat auf sich warten: Zum Tod von Karl Lagerfeld grub die FAZ den – nach aktuellen Maßstäben mindestens rechtspopulistischen und ziemlich eindeutig “palingenetisch-nationalistischen” (Roger Griffin) – Konfirmations-Glückwunsch seines Patenonkels Conrad Ramstedt aus. Der über fünfzig Jahre ältere Mediziner hatte Lagerfeld als Kind geohrfeigt, weil der 10-jährige Patensohn aus dem Stegreif keine Freiligrath-Verse vortragen konnte. Freuen wir uns mit der heranwachsenden Generation darüber, dass sich die Standards bald genügend weit verschoben haben werden, um getrost den Onkel züchtigen zu können, sobald er ungebeten von Freiligrath erzählt.

Wen Aussichten wie diese auf die schiefe Bahn des Kulturpessimismus zu führen drohen, hätte in Lagerfeld keinen Bundesgenossen gefunden: “Selbstmitleid ist out” lautete eine der bündigeren Verlautbarungen des Verstorbenen, dem das Alte und Wahre zwar von Kind an vertraut, doch fruchtlose Nostalgie bis zuletzt fremd war: “Every period has the taste it deserves. Vulgar, not vulgar – we don’t know. It’s not up to us to be the judge of times.” Weder wollen wir uns also grämen noch verzweifelte Verdikte fällen, sondern hin und wieder in Heiterkeit der Bonmots dessen gedenken, der – nach Caro Emeralds Hommage ‘The Maestro’ – durch die anbruch-Beutel nun endgültig in den Stand der Verewigung erhoben wurde.

Es ist nicht so, dass ich mich gut finde, aber es könnte schlimmer sein.

(Lagerfeld 2011 zu Gottschalk)

Coco Chanel war nie Feministin, dazu war sie nicht häßlich genug.

(Lagerfeld über seine Firmen-Vorgängerin)

Das Niveau Ihrer Fragen erlaubt mir noch, die Wahrheit zu sagen.

(Lagerfeld zu Lanz auf die Frage, ob er heute schon gelogen habe)

Sie Ärmster. Deswegen bin ich gegen Familie.

(Lagerfeld auf Till Lindemanns Bekenntnis hin, sein Enkel nenne ihn ‚Opa‘)

Soll ich darauf antworten?

(Lagerfeld auf die Frage, ob er nur im Privatjet fliege)

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13. Mai 2019: Doris Day (*1922)

Seien wir ehrlich: Doris Day, geborene Kappelhoff und Enkelin deutscher Einwanderer, gehört einer Epoche an, die so versunken ist, dass man sich bei der Todesnachricht wundern konnte darüber, wer da bis vor Kurzem noch unter uns weilte. Früh und in Würde zog sie sich zurück, statt die Mitwelt über Jahrzehnte hinweg mit Abschiedstourneen zu traktieren. Nach ihrem Abtritt von der Lebensbühne bleiben uns Filme wie ‘Lullaby of Broadway’ (1951), in dem sie tuxedo-bewehrt einen Songbook-Klassiker zum Besten gibt: wenn Emanzipation so aussieht und tönt, ist man gerne ihr Parteigänger.

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† 1. Oktober 2019: Karel Gott (*1939)

Karel Gott den ‘Sinatra des Ostens’ zu nennen, wie es feuilletonistische Schrebergärtner auf der Suche nach einer passenden Schublade mitunter taten, wird ihm kaum gerecht. Zwar sei es uns fern, am rechtmäßig ersungenen Sockel von ‘Old Blue Eyes‘ zu rütteln, doch wann bitte klang der tendentiell kratzbürstige ‘Chairman of the Board‘ je so geschmeidig und glockenhell wie ‘die goldene Stimme aus Prag‘?

Übrigens hatte der Sänger eine schlüssige Rechtfertigungsformel auch für deutsche Nicht-Emigranten von Furtwängler bis Gründgens anzubieten:

Ich bin stolz, dass ich die Nerven behalten habe und in Tschechien geblieben bin. Denn für die Leute dort war das viel wichtiger und hilfreicher als eine Emigration und die triumphale Rückkehr aus der großen weiten Welt.

(Karel Gott)

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25. Dezember 2019: Peter Schreier (*1935)

Man schreibt das Jahr 1971: Der so große wie greise Karl Böhm hat die virtuosesten Vokalisten nicht nur des deutschsprachigen Raumes für einen Aufnahme-Termin von Mozarts Requiem in der kulissenschönen Wiener Piaristenkirche einberufen. Walter Berry beginnt das ‘Tuba mirum’ in gemächlicher Majestät, bis nach guter Minutenfrist eine edelmetallene Tenor-Stimme blitzgleich durchs Bassgewölk bricht: “Mors stupebit et natura“, verkündet sie getragen, “Cum resurget creatura, / Iudicanti responsura.” Auf gut Deutsch: “Schaudernd sehen Tod und Leben / Sich die Kreatur erheben, / Rechenschaft dem Herrn zu geben.”

Peter Schreier, der öfter als einmal über sich sagte, anderswo als in oder bei Dresden hätte er nur schwerlich längere Zeit leben können, befand sich auch während der alliierten Luftschläge in Sichtweite. Mit Freunden stieg er auf den Schulturm von Gauernitz im Landkreis Meißen, von wo er das Geschehen eher als Spektakel denn als Katastrophe betrachtete.

Sein Lieblingslied aus der ‘Winterreise’, an die er sich mit angemessener, weil ehrfürchtiger Verzögerung erst wagte, war ‘Der Wegweiser’, der den Wanderer von Menschen fort ins Wüste führt auf eine Straße, “die noch keiner ging zurück.” Wann wurden letzte Ausweglosigkeiten vorher oder nachher wieder so prägnant in Töne übersetzt, wo und von wem diese Töne fokussierter vorgetragen als vom Kreuzchor-Alumnus Peter Schreier?

Wir haben ja heute eine wissenschaftliche Zeit, wo ein Sänger mehr zum Denken verpflichtet wird als zum Singen.

(Peter Schreier 2015)

Da denken wir genau wie er. Lieber wäre uns freilich, wir sängen auch so.

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27. Dezember 2019: Jerry Herman (*1931)

Falls Sie’s nicht gewusst haben sollten: Hinter jeder großen Frau, die irgendwann mal mit längerlebigem Erfolg eine Musical-Bühne betreten hat, steht ein schwuler Mann. Jerry Herman stand gleich hinter mehreren, von Carol Channing über Chita Rivera bis hin zu Bernadette Peters. Über die Gründung Israels schrieb er auf Bitten von Gerard Oestreicher 1961 sein erstes abendfüllendes Stück ‘Milk and Honey’. Dass Herman selbst jüdischer Abkunft war, ist für Monty-Python-Kenner müßig zu erwähnen – denn wie heißt es in ‘Spamalot’ (2005) über die Branche des Verblichenen: “We won’t succeed on Broadway if we haven’t any Jews.”

Mit Jerry Herman geht ein Vertreter der ganz alten, noch im klassischen Vaudeville wurzelnden Komponisten-Garde, für die Pathos und Melos noch nicht auf dem Index standen. Im reaktionär-triumphalistischen Song ‘Movies Were Movies’ aus dem Musical ‘Mack and Mabel’ (1971) finden wir einige klangvolle Namen des ‘Golden Age of Hollywood‘ aufgezählt und mit einer bemerkens- wie kommentierenswerten Klammer versehen: “Swanson and Keaton and Dressler and Wiliam S. Hart / No one pretended that what we were doing was art.”

Alter schützt vor Torheit nicht und Künstlerdünkel nicht vor Stümpertum – ganz im Gegenteil. Bisweilen gerät schlussendlich zur Kunst, was nicht von vornherein verbissen als solche konzipiert war. Und nahezu ausnahmslos erweist sich das Ästhetische als eine arg selbstreferentielle Angelegenheit: So ist auch Jerry Hermans ‘Mack and Mabel’ ein Theater- und Bühnenstück über – wen sonst? – Theater- und Bühnenleute. Auf den jüngst entschlafenen Tonsetzer wollen wir die Verse eines bekannten Liedes daraus – ‘Wherever He Ain’t’ – nur zu Teilen anwenden: das “Auf Wiedersehen!” unterschreiben wir in guter Hoffnung, doch bitte – und dies mag ebenso für die übrigen Sechs gelten: Don’t get lost!

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