Mit Neoreaktion in die Zukunft?

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In der Tradition des deutschen Konservatismus werden Fortschritt und Technik zumeist skeptisch betrachtet, in den USA gibt es eine kleine Gruppe, die das anders sieht. Futurismus und Cyberpunk dienen dort als Stilmittel für eine reaktionäre Theorie der Postmoderne, bekannt als Neoreaktion.

Im öffentlichen Diskurs scheinen konservative bis reaktionäre Ansichten einen anti-intellektuellen Stempel bekommen zu haben. Das liegt nicht zuletzt daran, dass die Universitäten und ein Großteil der Medien von einem links-liberalen Weltbild dominiert werden. Als Anhänger von Weltanschauungen, die grob in der Sphäre des Reaktionären landen, muss man sich temporär mit der Rolle des Verlierers abfinden.

Tatsächlich hat sich im englischen Sprachraum ein Netzwerk von Intellektuellen im Internet gebildet, welches sich Dark Enlightenment nennt. Der Name soll sinnbildlich für eine Ablehnung der gegenwärtig dominanten aufklärerischen Werte wie Freiheit, Gleichheit und Demokratie stehen und jene Werte entweder zugunsten traditioneller Monarchien bekämpfen oder einen Fortschritt anstreben, durch den die tatsächliche Aufklärung (diesmal inklusive der dunklen Aspekte) erst eintreten soll. Da sich die Ansätze stark untereinander unterscheiden und sie eher die intellektuelle Ächtung der Moderne vereint, stellt diese sogenannte Reactosphere einen losen Zusammenschluss dar. Als Gegner jeglichen politischen Aktivismus bleibt die Neoreaktion bis heute bewusst im Untergrund, ohne sichtbaren Einfluss. Doch wozu das Ganze?

Was ist Dark Enlightenment ?

Als Gründungsväter und „finstere Lords“ der dunklen Aufklärung gelten der Philosoph Nick Land, der den Begriff Dark Enlightenment begründete sowie der Informatiker Curtis Yarvin, welcher unter dem Pseudonym Mencius Moldbug mehrere neo-reaktionäre Bücher im sarkastischen Stil verfasste. Die beiden Vertreter, zusammen mit dem anfänglich noch publizierenden Michael Anissimov, stellen eine technokommerzialistische-kapitalistische[1] Strömung der dunklen Aufklärung dar. Ihr Stil zeichnet sich durch eine Synthese aus prä-Aufklärung und Postmoderne aus. Futurismus und dystopischer Cyberpunk als Stilmittel für eine fiktionale Theorie der Postmoderne, in welcher die künstlichen Intelligenzen die oberen Herrscher des korporativen Systems darstellen, sind für Lands Stil charakteristisch.

Der Akzelerationismus, eine von ihm mitbegründete politische Strömung, beschreibt, dass der Kapitalismus sich nur durch eine bedingungslose Beschleunigung desselben überwinden lasse. Dabei finden sowohl fiktive als auch echte philosophische Werke von Kant, Marx, Bataille und Baudrillard bis Crowley und Lovecraft ihren Weg in seine Gedankenwelt. In seinem vierteiligen Manifest zur Dark Enlightenment präsentiert er jedoch seinen Kollegen Mencius Moldbug als seinen Haupteinfluss.

Moldbug ist der Urheber der zentralsten Konzepte der Neoreaktion. Diese sollen Einfluss auf die Alt-Right-Bewegung und sogar auf den ehemaligen Strategen des US-Präsidenten Donald Trump, Steve Bannon, gehabt haben. All diese Verbindungen sind jedoch nicht belegt und gelten als daher als reine Spekulation. Der wichtigste Begriff im Moldbugismus ist die Kathedrale, engl. „the Cathedral“. Die Kathedrale ist als Anspielung an die mittelalterliche ideologische Hegemonie der katholischen Kirche als Gedankenmodell für die gegenwärtige Machtstruktur gedacht. So, wie es den militärisch-industriellen Komplex in den Vereinigten Staaten von Amerika gibt, so stellt die Kathedrale den akademisch-journalistischen Komplex dar. Moldbug betrachtet die Demokratie als ein strukturell selbstzersetzendes System, welches als Symptom einer untergehenden Zivilisation zu sozialem und gesellschaftlichem Zerfall ins postmoderne Mittelalter führen wird. Damit eine Demokratie nicht in eine politische Demosklerose[2] mündet und an ihr zerbricht, müsse die öffentliche Meinung effektiv bürokratisch gesteuert werden. Nach Rousseaus totalitär-demokratischem Vorbild stellt die Kathedrale die Institution des Metakults dar, der die öffentliche Meinung vorgibt und den demokratischen Staat mit seiner zunehmenden Progressionsideologie immer politischer (und somit demokratischer) werden lässt. Im Zuge dessen wird die Regierung immer schwächer, geteilter und muss in Kompensation dessen wachsen und zunehmend auf jeden Lebensbereich Einfluss nehmen.

Zeitgenössische Programme wie Third-Wave-Feminismus, Multikulturalismus und Politische Korrektheit werden stetig durch progressivere Befreiungsideologien ersetzt, sodass Konservative im Laufe der Zeit mitgezogen werden und progressiver werden müssen, um im Politischen konkurrenzfähig zu bleiben. Die Existenz der Konservativen ist für das Bestehen des Systems als Schein-Opposition unabdingbar. Sie stellen die äußere Partei, in welcher tatsächliche Außenseiter und Feinde der Kathedrale keinen Machtanspruch erhalten und als ewig-gestrige Heiden ihr politisches Zuhause bekommen. Hierzu muss angemerkt werden, dass speziell von den amerikanischen Versionen, den Republikanern und Demokraten, die Rede ist.

Hierbei sind die Demokraten und der neokonservative Komplex der Republikaner die innere Partei und die verschiedenen anti-establishment-konservativen und libertären Strömungen, wie die Ron Pauls oder der Tea Party die äußere Partei. In Deutschland wäre die innere Partei eventuell die große Koalition, welche sich ja als konservativ präsentiert, den Charakter der äußeren Partei vertritt zurzeit vielmehr die AfD, das Prinzip bleibt jedoch gleich in der gesamten westlichen Sphäre.

Da im modernen Staat eine starke Verwobenheit von Bürokratie und Wissenschaft vorherrscht, ist es die Akademie, welche als neuer Tempel dient. Zunehmend wird ein Abweichen von der Doktrin als Fehlverhalten oder psychische Störung porträtiert, welches behandelt werden muss, damit auch diese Menschen eines Tages das Licht der überlegenen Moral erblicken können. Diesen durchaus christlichen Charakter hat die Kathedrale Moldbug zufolge dadurch, dass ihre Religion, der Universalismus, der geistige Nachfolger des britischen Protestantismus sei, welcher das Gottes-Mem abgelegt habe und nun als angepasster Machtkult fungiere. Dogmen wie keynesianische Wirtschaftspolitik, anthropogener Klimawandel oder menschliche neurologische Uniformität werden als Instrumente für die Umsetzung der universalistischen Doktrin genutzt. Die ersten beiden Dogmen stellen Instrumente zu einer Festigung eines korporativen Adels dar, der nicht vom Staat zu Trennen ist (Regierung, NGOs, Presse, Banken und Großkonzerne verschwimmen zu Einem in der Kathedrale), letzteres ist zur Rechtfertigung von Multikulturalismus und einer Auflösung jeglicher traditionellen Daseinsstruktur der Völker notwendig.

Eine Alternative aus dem Untergrund

Als Lösung präsentiert Moldbug ein Modell, in dem eine universalistische (oder links-liberal, progressive) Theokratie obsolet wird, um den Frieden zu wahren (das aktuelle Dogma diesbezüglich ist ohnehin nicht das beste Führungszeugnis). Stattdessen soll ermöglicht werden, eine genuine Denkfreiheit zu wahren, die im technologischen Zeitalter nötig sein wird. Aus der libertären Denkrichtung kommend schlägt Moldbug einen Patchwork-Rahmen vor, in dem es sehr viele autonome Kleinstaaten gibt, die unpolitisch und absolutistisch von einem Privatunternehmen, einer Sovcorp (sovereign corporation) geführt werden. Der Diktator ist der CEO, welcher wie in einem zeitgenössischen Unternehmen dem Aufsichtsrat der „Republik AG“ verpflichtet ist. Die Dynamik solle dann illiberalen Republiken oder Monarchien ähneln, wie in der Vergangenheit dem Kameralismus des Friedrichs des Großen oder heutzutage den Systemen in Dubai, Hongkong oder Singapur. Durch autoritäre (und nicht totalitäre) Herrschaft soll es den Kunden, also Bürgern der Systeme möglich sein, relativ uneingeschränkt vom Staat zu leben, da dieser nur für die militärische Souveränität und innere Sicherheit zuständig ist. Betätigt sich der Staat weiterer Aktivitäten, welche den Bürgern schaden, so ist es ihnen möglich, zu emigrieren, was den Wert des Kleinstaates senken würde und die Teilhaber dazu neigen könnte, den Geschäftsleiter abzusetzen. Es müsste keine Welt einer liberalen Demokratie durch gewaltsame Stellvertreterkriege unterworfen werden.

Weitere, weniger bekannte Strömungen in der Neoreaktion sind der Theonomismus[3] und der Ethnonationalismus [4], welche versuchen, wieder an die Geschichte des Westens anzuschließen. Die Überwindung der Geschichte in eine Baudrillardsche Hyperrealität führt zwangsweise in einen unaufhaltsamen Nihilismus, welcher durch eine westliche Renaissance aufgehalten werden soll – durch die Wiederanknüpfung an die katholische Kirche oder an eine “weiße” Identität. Als Vertreter aus einer Mischung aus beiden findet sich die Gruppe mit dem passenden Namen American Rennaissance. Als Hybrid aus Akzelerationist und Theonomist publiziert der britische Politikwissenschaftler Vincent Garton. Garton und die beiden Gründerväter Land und Yarvin haben sich jedoch aus der neoreaktionären Publizistik zurückgezogen. Yarvin übt seinen Einfluss als Informatiker auf der Ebene des Mediums aus und gründete das Tech-Unternehmen Urbit, welches vom Silicon-Valley-Milliardär Peter Thiel mitfinanziert wurde und anstrebt, ein neues Internet auf dezentralistischen Prinzipien zu formen, um der Abhängigkeit der Großkonzerne zu entkommen.

So, wie es die Wissenschaft und Aufklärung war, welche im Mittelalter verdeckt handeln musste, muss es vielleicht die dunkle Aufklärung sein, die eine ähnliche Rolle spielen wird, falls ein postmodernes Cyber-Mittelalter überwunden werden muss.


[1] Man könnte es auch „ultrakapitalistisch“ nennen.

[2] Demosklerose, der von Jonathan Rauch geprägte Begriff, bezeichnet die Unfähigkeit einer Regierung, zur Anpassung und die daraus folgende Auflösung der Politik in einem Streit der speziellen Interessengruppen. Kommt Ihnen das bekannt vor?

[3] Theonomismus bedeutet hier der Rückbezug auf Gesetze der christlichen (hier meist katholischen) Tradition.

[4] Ethnonationalisten fordern einen Staat, der ausschließlich für Weiße vorgesehen ist. Moldbug und Land distanzieren sich beide vom Ethnonationalismus und vom Theonomismus.

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