Mit Beethoven durch den Kleingarten nach Istanbul

Die Trilogie großer europäischer Beethovenfestivals vollendet sich, nach “Wiener Kongress” (1813) und “Untergang” (1944), durch das Weltereignis “Pandemie” (2020). Das Satyrspiel folgt nicht, es durchzieht bereits den dritten Teil der abendländischen Beethoveniade und zwar in der sehr traurigen Gestalt des Tastentwitterers #igorpianist.

Beethoven erscheint zu seinem 250. Geburtstag als Kasper, im Kleingarten und in Karien

Der fastet für Sonaten, um dann gegen Rechte opulent zu frühstücken. Seine Kindheit hat er unter der Knute einer gestrengen Pädagogenmama gefristet. Jetzt hat dieser Kasper mit der Pritsche das böse Krokodil Afdi erlegt, das sich immer auffrisst und wieder gebiert. In levitischer Lesart ist Beethoven der Hanns Eisler der europäischen Wirtschaftsgemeinschaft. Anmut sparet und mühet euch. Unlängst hat es die FAZ anläßlich eines Salzburger Sonatenzyklus auf den Punkt gebracht, indem Jan Brachmann Levit gegen einen anderen pianistischen Gewaltmenschen hielt:

„Guldas Attacken … wirken noch heute als Lustüberschuss, während sie bei Levit als Disziplinierungsleistung herauskommen. Vergleicht man beider Spiel, so mag man darin eine Analogie finden zur Verschiebung des Drogenkonsums seit fünfzig Jahren: von der Befreiung aus Funktionalitätszwängen damals hin zur Leistungssteigerung heute.“

Das vergiftete Lob gipfelt in der Feststellung: „Wenn er selbst sagt, Beethoven sei Musik für uns und über uns, meint er damit vielleicht uns Menschen einer Leistungsgesellschaft, in der alles durchökonomisiert ist, einer Zeit, die keine Zeit mehr hat.“

Die Bayreuther Festspiele wurden heuer abgesagt. 1914 hat ihnen das schon einmal das Genick gebrochen. Gegen den Selbstmord aus Angst vorm Tod haben sich die Verantwortlichen in Salzburg entschieden. Noch kühner, weil noch etwas zeitiger wagemutig, waren die Bürgermeister von Dresden und Halikarnassos. Ihrer Scheulosigkeit ist zu danken, dass sich, wie fragmentarisch auch immer in Quantität und Qualität, Beethovens Musik heuer überhaupt ereignete. Ein Viertel Jahrtausend nach Geburt des Komponisten haben sie sich als Ermöglicher von dessen Kunst bewährt. Was vormals Esterhazy und Kinsky waren, sind heute Hilbert und Gürün. Warum auch nicht Beethoven hören und dann sterben!

Selbstredend wurde geachtet auf Abstand und viel frische Luft. Diese war auf dem Vereinsplatz der Dresdner Kleingartenanlage “Höhenluft II”  von Zigarettenrauch geschwängert als dort im Juni anlässlich der Auszeichnung von Dresdens schönster Kleingartenanlagen das Augustin-Quartett der Dresdner Philharmonie im Partyzelt unter anderem einen Satz aus dem 4. Streichquartett spielte, während an der Plane der Wind zerrte. Die rauchenden und zechenden Schrebergärtner zeigten sich von der so einfach wie kompliziert erzeugten Musik ebenso erfasst, wie die nach langer Pause wieder vor Publikum auftretenden Musiker. Der erste Geiger Thomas Otto zitierte Beethovens zornige Einlassung zum vierten Quartett: „Das ist ein rechter Dreck! Gut für das Scheißpublikum“. Gleichwohl spürte jeder das Wunder der Entfaltung des Klangs. Kaum anders widerfuhr es der Menschenmenge, die sich einige Wochen später in der wieder dem Lobpreis des Höchsten gewidmeten Sophienkirche von Konstantinopel, vom dortigen Raumwunder ergriffen zeigte. Verachtet mir die Schlichten nicht und ehrt mir ihren Takt. Was schaudernd sie ergriff, fiel reichlich euch zur Gunst.

Einen guten Monat später erklangen zum 2. İdil Biret Musikfestival in Muğla im Theater von Halikarnassos alle fünf Klavierkonzerte Beethovens. Sie wurden dargeboten von vier türkischen Solisten und dem Städtischen Orchester Muğla, das sich in etwa der Mittelsächsischen Philharmonie vergleichen läßt. Von Reisen in die Türkei wurde abgeraten. Der Flughafen in Mylasa war während unserer Ankunft nur teilweise in Betrieb. Als wir landeten befand sich eine Maschine im Abflug. Sonst ruhte der Luftverkehr und wir waren die einzigen Passagiere in der weitläufigen Halle. Positive Begleiterscheinung der Vorkehrungen gegen die Ansteckung besteht in der andauernden Außerkraftsetzung unguter Routinen. Beispielsweise wurden Krebstemperamente und jugendlichen Hitzköpfen nicht länger toxikologisch sediert und die Kinder wurden inne, daß sie ihre Alten durch Einweisung in ein Heim gegebenenfalls umbrächten.

Der Massentourismus, der weltweit ländliche Regionen in eine scheintote Betriebsamkeit versetzt, kam zum Erliegen. Wo er Handwerker, Fischer und Farmer zu Lakaien und Krämern degradiert hat, konnte nun wieder ein Leben anheben. Die Menschen entdecken die Schönheit der eigenen Heimat wieder. So treten schließlich die Einheimischen ihren auswärtigen Besuchern wieder als selbstbewusste Gastgeber entgegen. Im Theater wie im Badeort selber weilten fast ausschließlich Türken, während die Deutschen der Ostseeküste und den Alpen zuströmten, die Briten die Lakeland-Fells bestiegen oder in Blackpool chillten, die Russen den Goldenen Ring bereisten. Die Türken weilen gern in Bodrum. Einige besitzen dort ein Sommerhaus. Bodrum bedeutet auf Türkisch Keller und dieses Synonym, ich gehe in den Keller, entsprach lange dem minderen Rang des Ortes. Vor hundert Jahren wurde der Schriftsteller Cevat Şakir an diesen abgelegenen Ort verbannt. Er richtete sich ein und immer mehr Freunde besuchten ihn und entdeckten die Reize der Buchten. Inzwischen gilt Bodrum mit der Johanniterfestung aus den Steinblöcken vom Grabmonument des Maussolos und den weißen Altstadtgassen längst als Saint Tropez der Türkei. Der Sänger Zeki Müren bewohnte hier mit seinem Freund ein Sommerhaus. Mürens gravitätische Eleganz läßt Marc Almond und Elton John weit hinter sich. Seine effeminierter Habitus quoll ebenso archaisch aus dem Überfluß einer kreativen Männlichkeit wie Bülent Ersoys Lamento in künstlerischer und physischer Selbstverstümmelung verendete. Hier kommt aus dem Mangel, was dort die Pracht gebiert. Eine Analogie zu Gulda und Levit. Als Müren starb bezeichnete ihn der Präsident Demirel als seinen Freund und der Generalstabschef befand, Zeki Müren habe sein Vaterland geliebt.

Am Hang über der Bucht liegt in Bodrum wohl das einzige unter den erhaltenen antiken Theatern Kleinasiens, dem der Straßenausbau die Akustik verstümmelte. Denn zwischen der Szene und der Meereskulisse braust unablässig der Verkehr nach Turgutreis. Allenfalls Schlagersänger vermögen sich behilfs elektrischer Verstärkung dagegen durchzusetzen. Es gibt Überlegungen den Verkehr an dieser Stelle zu untertunneln, ähnlich wie der römische Stadtautobahnring unterirdisch die antike Via Appia kreuzt. Wie Rom dadurch seine optische Anbindung an die kampanische Landschaft zurück erhielt, könnte in Bodrum damit die mediterrane Verklammerung von Land und Meer hervortreten. Bis dahin bleibt bei anspruchsloser Bespielung allein die monumentalen Geborgenheit auf den Reihen des in den steilen Hang gegründeten Maenianum. Doch auch dieses Gemeinschaftsgefühl dicht gefüllter Rängen mußte dieses Jahr entbehrt werden. Anstelle mehrerer tausend Zuhörer waren anderthalbtausend Konzertbesucher angewiesen, sich vorab bei den Behörden zu registrieren. Ein Eintrittsgeld wurde nicht erhoben. Beide Konzertabende begannen mit Einbruch der Dunkelheit. Aufgrund dieser Einschränkungen bleibt vor allem der Symbolcharakter in Erinnerung. Dass die Konzerte stattfanden ist auch ein lokales und nationales Bekenntnis zur klassischen Musik.

Neben der 2008 verstorbenen Donizetti-Sängerin Leyla Gencer ist İdil Biret die bekannteste türkische Interpretin europäischer Kunstmusik. Damit das Wunderkind bei Nadja Boulanger und Alfred Cortot in Paris studieren kann, erläßt der Staatspräsident 1948 ein eigenes Gesetz. Später erhält Biret wesentliche Hinweise von Wilhelm Kempff, dem sie zeitlebens freundschaftlich verbunden blieb. Die Wiege des bereits zum zweiten Mal stattfindenden İdil Biret Musikfestivals stand 2017 im antiken Theater von Stratonikeia bei Yatağan. An einem sommerlichen Konzertabend vor gut zehntausend Besuchern kam Mozarts Klavierkonzert Nr. 9 zur Auffführung. Im Folgejahr spielte Biret Edward Griegs Klavierkonzert. Der Bürgermeister von Muğla, Dr. Osman Gürün, regte daraufhin ein jährlich stattfindendes Musikfestival an, das Mitte August 2019 zum ersten Mal mit drei Konzertabenden durchgeführt wurde. Im Beethovenjahr sollte neben allen Klavierkonzerte und auch das Tripelkonzert erklingen. Zwischen den drei Orchesterkonzerten sollten im Auditorium der Universität Muğla Beethovens Kammermusik aufgeführt werden. Auf die rechtzeitige Instandsetzung des von Regengüssen unterspülten Theaters von Stratonikeia wurde Ende 2019 noch gehofft. Dazu ist es nicht gekommen. In Stratonikeia wird noch gearbeitet. Aus der Veranstaltungsruhe dieses Sommers ragen die Aufführungen im Juli in Bodrum nahezu erratisch auf. Denn bis zu diesem Zeitpunkt wurden von London bis Warschau Konzerte abgesagt und verschoben. Auch İdil Birets Darbietung aller fünf Klavierkonzerte Beethovens und der Fantasie für Klavier, Chor und Orchester im Mai in Ankara durfte nicht stattfinden. In ganz Europa wurde bis dahin im 250. Geburtsjahr des großen Komponisten offensichtlich kein kompletter Zyklus seiner Klavierkonzerte gegeben. Und ob die Konzertsaison 2020/21 planmäßig anlaufen kann oder unter welcher Welle auch immer begraben wird, ist zumindest ungewiss. Hörer klassischer Musik sind Hochrisikokandidaten. Vielleicht besteht im Herbst schon Publikumsmangel. Vor diesem Hintergrund wächst sich die Beethovenfeier in der provinziellen Abgeschiedenheit Kariens beinahe zu einem kulturhistorischen Ereignis aus.

Am 20. Juli eröffnete der 1981 in Langenhagen bei Hannover geborene und in Deutschland lebende Pianist Kemal Cem Yilmaz mit dem ersten Klavierkonzert das Festival. Münif Akalın leitete geschmeidig das Muğla Büyükşehir Belediye Orkestrası. Das in diesem zwei Drittel der Instrumentalisten Frauen sind, ist nicht das Ergebnis entschiedener Gleichstellungpolitik, sondern es resultiert aus der miserablen Vergütung der Orchestermusiker, welche sie auf den Verdienst eines Ehepartners angewiesen bleiben läßt. Wie auf den Rängen wurde auch auf der Bühne die Personenzahl reduziert. Damit wurde es noch schwieriger für die Musik, sich gegen die Nebengeräusche zu behaupten. Als ein Motorroller in die Kadenz des ersten Satzes des von Biret interpretierten 5. Konzerts hinein hupt, erinnerte das an jene berühmte Stereo-Aufnahme von 1944 aus dem Reichsrundfunkgebäude mit Gieseking am Flügel, in der an derselben Stelle das Artilleriefeuer der Berliner Flakbatterien hörbar wird. Statt Krieg haben wir das, sagte Botho Strauss. Noch beeinträchtigender als die Nebengeräusche wirkte sich die elektroakustische Verfremdung durch Mikrophon und Lautsprecher aus. Ein wenig konzentrierter gestaltete sich dann der Konzertabend des 23. Juli, an dem Buğra Yüksel das dritte, Can Okan das zweite und wiederum İdil Biret das vierte Klavierkonzert spielten.

Ein anschließender Aufenthalt im ebenfalls derzeit von Fremden gemiedenen Istanbul ermöglicht den Besuch der gerade barrierefrei gewordenen Sophienkirche. Die dortige Volksfeststimmung läßt an den sozialistischen Anspruch denken, Werktätige die Gipfel der Kunst erklimmen zu lassen. Taschenkontrolle erfolgt für Männer und Frauen getrennt. Im Inneren dann wogen alle durcheinander. Allumfassend bannt der heilige Raum des Justinian: Νενίκηκά σε Σολομών. Das zu erfassen bedarf es keiner Bildung. Auch Menschen, die grundsätzlich den demagogischen Argumenten und der Vorteilsnahme ihrer Obrigkeit sehr kritisch gegenüberstanden, stellen sich unterdessen hinter diese. Wer kann es ihnen verdenken? Zeitgleich übergab der türkische Präsident das restaurierte Kloster Sumela am Schwarzen Meer der orthodoxen Kirche, die nach jahrelanger Pause zu Mariä Himmelfahrt wieder einen Gottesdienst zelebrierte. Und auch die Bildungsgläubigen, denen ein Monument nur durch die zwiefachen Propyläen eines Cash-Desk und Book-Shop heilig wird, erhalten gerade einen modernen Eingangsbereich für die gegenüberliegende Cisterna Basilica, in die Besucher bislang durch einen schlichten Seiteneingang gelangten. Und so wird der Neo-Osmane bald schmunzelnd sagen können: Wenn hinten, weit, in Almanya, die Meinungen aufeinander schlagen. Man steht am Fenster, trinkt sein Gläschen Raki aus und sieht den Bosporus hinauf die stählernen Schiffe gleiten; Dann kehrt man abends froh nach Haus, Und segnet Fried und Friedenszeiten.

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