Mikroabenteuer

In Form des Mikroabenteuers gewähren wir einen weiteren Einblick in unsere erste Druckausgabe und tauchen hinein ins echte Leben. Hier bestellen.

Eigentlich ist es ganz einfach: Die Füße müssen nur den Weg vor die Haustür finden. Außerhalb der Bequemlichkeit der eigenen vier Wände gibt es jede Menge Möglichkeiten, den eigenen Erfahrungshorizont zu erweitern. Zeit für Feld- und Waldversuche.

Es ist so ein typischer Spätherbsttag. Das Wetter kann sich noch nicht entscheiden, ob es jetzt wirklich kalt werden will. Den ganzen Tag ist es nicht richtig hell geworden. Es nieselt oder nebelt, so richtig auseinanderhalten lässt sich das nicht. Außer ein paar Krähen über den Feldern zeigen sich keine anderen Tiere. Die Bäume sind bereits vollständig kahl. Zwischen ihnen scheint kaum noch Helligkeit hindurch. Gerade verlässt ein Auto den Parkplatz am Waldrand. Niemand anderes ist zu sehen.

Der Boden ist matschig. Der tagelange Nieselregen hat ihn aufgeweicht. Das Laub raschelt nicht mehr. Manchmal klebt es an den Schuhen fest. Es riecht etwas modrig. Schwarz stehen die Bäume in den Himmel. Unter den Lärchen läuft man wie auf einem Polster. Der Boden ist hier heller. Die Nadeln liegen als dichter Teppich.

Mikroabenteuer. Dieser Begriff hat sich mittlerweile für den kurzen Ausbruch aus dem Alltag etabliert, für das kurze Verlassen der Komfortzone. Doch eigentlich erweitert sich dadurch der eigene Wohlfühlraum vielmehr. Die Idee dahinter: Spar dir die Ausreden! Schmiede keine großen Pläne! Mach dich einfach auf den Weg! Sogar nach Feierabend bleibt dir genug Zeit, dein eigenes Abenteuer zu bestehen.

Der Begriff „Abenteuer“ ist dabei ein wenig irreführend, verbindet man doch Gefahr, ferne Welten, Vorbereitung oder Aufwand damit. Alastair Humphreys, der den Begriff 2014 mit seinem Buch „Microadventures“ für den englischen Sprachraum prägte, hat eine viel freiere Vision. Ein Mikroabenteuer ist eine Unternehmung außerhalb der eigenen vier Wände, die „kurz, einfach, lokal, günstig und trotzdem aufregend, lustig, herausfordernd, erfrischend und bereichernd“ sein soll.

Der Wind rauscht in den Kronen der Kiefern. Bei Annette von Droste-Hülshoff „nicket die Föhre unheimlich“. Der Blick auf die Äste macht klar, was damit gemeint ist. Die Konturen der Bäume und Sträucher verschwimmen. Natürlich haben sich die Augen inzwischen an das wenige Licht gewöhnt, zu erkennen ist aber immer weniger.

Dafür nimmt man mit den Ohren plötzlich ganz andere Dinge wahr. Die Tropfen, die von den Bäumen fallen. Den Taubenschwarm, der gestört durch die spätnachmittäglichen Wanderer von seinem Schlafplatz hochschreckt. Die Dohlen, die im Schwarm kreischend um die höchsten Bäume fliegen und noch einen geeigneten Ruheplatz suchen. Die Hände bleiben in den Taschen. Die Kälte kriecht nass und durchdringend durch die Jacke.

Auch in Deutschland gibt es mittlerweile unterschiedliche Blogs und Communities, die sich den kleinen Abenteuern am Abend oder Wegesrand verschrieben haben. Ein wenig unklar bleibt dabei die Abgrenzung zum einfachen Spaziergang oder dem „normalen“ Entspannen im Park nach Feierabend.

Christo Foerster, Motivationstrainer und Autor des Buches „Mikroabenteuer: Raus und machen!“ hat daher zu den Überlegungen seines Kollegen Humphreys noch vier „Spielregeln“ hinzugefügt, die ein Mikroabenteuer für ihn ausmachen: Man darf nur mit öffentlichen Verkehrsmitteln, zu Fuß oder dem Fahrrad unterwegs sein. Wichtig ist eine Übernachtung draußen, am besten ohne Zelt. Insgesamt sollte man maximal 72 Stunden unterwegs sein. Und man darf dabei keine Spuren hinterlassen, sondern alles so verlassen, wie man es vorgefunden hat.

Der Weg führt nun durch ein Fichtendickicht. Plötzlich springen in zehn Metern Entfernung zwei Rehe über den Weg. Man hört sie durch das Gestrüpp brechen, dann wird es leiser. Dann ein markerschütterndes Geräusch. Der Rehbock „bellt“. In der Dunkelheit und der gedämpften Umgebung des Waldes eine Garantie für Herzklopfen und Gänsehaut.

Dann ist wieder nur der Wind in den Ästen zu hören. Einige Bäume knarren und quietschen. Der Weg ist kaum zu erkennen. Der Nieselregen liegt kalt auf dem Gesicht.

Hinter dem Begriff Mikroabenteuer verbirgt sich sicherlich nichts grundlegend Neues, und die Besetzung durch Motivationstrainer und Coaches lässt sicherlich auch auf finanzielle Ausschlachtung schließen. Der Erfolg eines solchen Konzepts zeigt aber auch das große Verlangen nach mehr Natur und direktem Kontakt mit der unmittelbaren Umgebung. Das Zeitphänomen dabei ist, dass eine direkte und selbstinitiierte Aneignung der eigenen Umgebung kaum möglich ist. Der Umweg geht über den Ratgeber. Es braucht eine Anleitung. Und den therapeutischen Hinweis, dass der Waldspaziergang mehr gesamtheitliche Erholung bietet als jedes Spa-Erlebnis.

Dennoch bietet ein Mikroabenteuer die Möglichkeit, die eigene Umgebung zu erfahren. Ihre Struktur zu erkennen. Ihre Geräusche wahrzunehmen. Tiere und Pflanzen zu bestimmen. Die eigenen Geschmackssinne zu testen. Die Jahreszeiten zu riechen.

Sich auf ein Mikroabenteuer vor der eigenen Haustür einlassen heißt, die Welt neu entdecken.

Mikroabenteuer von Florian Lachtrup in Magazin #01. Hier erhältlich.

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