Magazin #02 – Am Schnittpunkt zweier Welten

 

Es ist soweit: Unsere zweite Ausgabe ist erschienen und ab sofort lieferbar. Schwerpunktmäßig widmen wir uns dem Thema Natur. Dabei umkreisen wir in diesem Heft die Beziehung zwischen Natur und Kultur, zwischen Unberührtheit und Überformung. Der Ethnobotaniker Wolf-Dieter Storl und der Maler Friedrich Hechelmann standen uns bei diesem Vorhaben assistierend zur Seite, indem wir mit ihnen ein ausführliches Gespräch führen durften. Neben der Kopflastigkeit dieses Heftes darf jedoch das Schöne nicht vergessen werden und so freuen wir uns, Verse der Lyriker K. F. Meinhardt und Jürgen Egyptien vorstellen zu können. Auch bekannte Kategorien wie die Schriftbilder oder der Fragebogen finden ihren Platz.

 

Editorial – Unberührtheit und Überformung

Kaum je vermögen wir das Ganze zu erfassen. Alle auf Vollständigkeit pochenden Betrachtungen über einen Gegenstand, der die menschliche Perspektive zugleich grundiert und transzendiert, müssen hinter ihren hochgesteckten Ansprüchen zurückbleiben: Richten wir unseren Blick allzu starr auf das Übergeordnete, so droht Konkretes, das unseren alltäglichen Lebensvollzug tangiert, bald an den Rand gedrängt zu werden. Lassen wir ihn hingegen mit Vorliebe auf das Nahe und Nächste schweifen, tritt die metaphysische Dimension unserer Existenz ebenso rasch wie unverdient in den Hintergrund. Angesichts der filigranen Ausdifferenzierung heutiger Gesellschaften scheint es naheliegend, die tiefere Ursache für wachsende Entfremdungsgefühle in der technischen Moderne als solcher auszumachen und wehmütig auf frühe Stadien der Menschheitsgeschichte zu rekurrieren, die man als Nachgeborener widerspruchslos unter das Zeichen einer empfundenen Einheit stellen mag. Dass es sich bei solchen und vergleichbaren Methoden zur Sehnsuchtsbewältigung um durchsichtige Projektionen handelt, bedarf der Erwähnung nicht.

Warum sich also im vorliegenden Heft dem gängigen Diktat der bloßen Natur-Projektion unterwerfen? Die für dieses Szenario erwartbaren Beiträge würden vermutlich auf Bedeutung und Dringlichkeit des Gegenstands und seiner angeschlossenen Fragestellungen abheben, womöglich auch auf den breiten Niederschlag, den das Thema unseres Heftes in Journalismus oder Politik findet. Die Natur als das Ursprüngliche und Urgewaltige, dessen sich der Mensch, wenn überhaupt, erst im Zuge eines vieltausendjährigen Zivilisationsprozesses bemächtigt, verlangt jedoch nach tieferer und gründlicherer Auseinandersetzung als sie derzeit im Tagesdiskurs führbar wäre.

In unserem zweiten Heft leisten wir uns daher den Luxus eines eingehenderen Blicks. Wir verweisen Debatten über die Reduzierung von Plastikmüll, über die Sinnhaftigkeit des Flaschenpfands und auch das vordergründige Gezänk um steigende CO2-Werte des Platzes. Wir spüren der Natur einerseits als dem Unterfütternden und Überwölbenden nach, als einem ewiggültigen und vom Menschen unabhängigen Prinzip – und andererseits als dem Verfeinerten und Geschliffenen, das alle menschliche Kulturschöpfung diesem Primärprinzip entweder dankbar abgewinnt oder mühevoll abtrotzt. Das Gespräch mit Friedrich Hechelmann, in dessen Lebenswerk kindliche Bewunderung für das Unberührte sich die Waage hält mit Veredelungs- und Schleifungsanspruch des Erwachsenen, wird den Lesern Einblick gewähren in Werkstatt und Weltbild eines Künstlers, der seit Jahrzehnten auf der Schwelle zwischen Natur und Kultur balanciert.

Neben ästhetischen, kosmologischen oder theologischen Perspektiven, Verzweigungen und Verfeinerungen auf Grundlage ursprünglicher Gegebenheiten, soll auch die Begegnung mit der in sich selbst ruhenden Naturkraft nicht fehlen, deren Reiz uns Wolf-Dieter Storl im Gespräch über leibliche und seelische Hungersnöte nahebringt.

Sacht zurück auf die Ebene der Veredelung führen uns die Lyriker Jürgen Egyptien und K. F. Meinhardt. Doch auch in Gestalt der Poesie und des Poeten schlägt letztlich die Natur selbst ihre Augen auf zur punktuellen und kristallisierten Bewusstwerdung der eigenen Schönheit, die sich ansonsten blind genügt.

Dieses Heft entstand unter dem nachwirkenden Eindruck der Faszination, die das uralte Verwirr- und Wechselspiel zweier Pole und Prinzipien, Unberührtheit und Überformung, auf uns wie auf alle, ausübt.

Blick ins Heft

Marginalien zur NaturbetrachtungTano Gerke

Wundersames von Adalbert Stifter Lutz Meyer

Süße Nöte – Über ein verkanntes Erbe – Jonas Maron

Die Hütte als geistige LebensformLutz Meyer

Die Zukunft der GeschichteArne Kolb

Die Dinge bei ihrem wahren Namen nennen …Florian Lachtrup

»Im Westen herrscht eine seelische Hungersnot«Im Gespräch mit Wolf-Dieter Storl

»Ein Schattenriss im Farbenspiel«Jürgen Egyptien

Wege zu anbruchAutorenvorstellung

»Der Zufall ist ein Gott ohne Sinn«Arne Kolb

»Meine Vergangenheit ist die Akropolis«Im Gespräch mit Friedrich Hechelmann

Auf den Spuren des KosmosAndreas König

»Das Ende deiner Finsternisse«K. F. Meinhardt

Die Natur als Schöpfung GottesDaniel Zöllner

Et ego in Arcadia Konrad Adam

Der Fragebogenmit David Engels

Schriftbilder von Reinhold Messner und Martin Mosebach

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anbruch – Magazin für Kultur und Künftiges. #2 Natur. 92 Seiten, farbig. 7,50€. Hier bestellen.

Hinweis: Unsere Heftreihe führen wir als Ergänzung zu unserer digitalen Arbeit. Geplant sind zwei Hefte pro Jahr. Die nächste Ausgabe wird im Frühjahr 2021 erscheinen. Aufgrund der Offenheit dieser Reihe bieten wir keine Abonnements an. Tragen Sie sich in unseren Newsletter ein, um auf dem Laufenden zu bleiben oder unterstützen Sie uns monatlich, damit sind Ihnen ebenfalls unsere Neuerscheinungen gesichert. Für Freunde unseres Projekts besteht die Möglichkeit für Zuwendungen, monatlich oder per Einzelüberweisung.