Literaturnobelpreis für einen Freund des Islam

Der Kärntner Mystiker Piotr Sivec Ibn Abihi erhält den Literaturnobelpreis 2019

Feridun Zaimoglu glaubte vor Jahren schon feststellen zu müssen, daß Handke „ein schöner unschuldiger Literat war, bevor er sich maskulin aufpumpte“. Da spricht gerade der Richtige. Seit der Kieler Picaro bildungsbürgerlich zu säuseln begonnen hat, eignet ihm außer dem augenscheinlichen Bonus, billiges Silber am erhobenen Zeigefinger, keine Vitalität mehr. Peter Handke ist unter den europäischen Autoren gegenwärtig der beste Kenner des Koran und der sufischen Literatur, deren Einflüsse vielfältig aus seinem Werk abstrahlen. Sein Empfinden dafür übertrifft bei weitem jenes beispielsweise des Märchenonkels und syrischen Freunds (d. i. Rafik Schami) Suheil Fadél oder der anglo-asiatischen Kulturbetriebsnudel Salman Rushdie. Handkes mäandrierender Stil hat mehr mit den Geschichten der Scheherazade gemein als die plumpe Beschreibungsinpotenz dieser beliebten Orientalen.

Um jemanden mit einem derartigen Faible für die Leiblichkeit der arabischen Sprache zu finden ist es notwendig bis zum Magus im Norden, Johann Georg Hamann, zurückzugehen. Wie lächerlich, auch, Handke einen Islamfeind zu nennen. Die schauerlichen Legenden über die osmanische Knabenlese in den slawischen Dörfern, gleich zu Beginn von Ivo Andrićs „Die Brücke über die Drina“, ist als Dichtung ebenso wahr und als Bericht ebenso anzuzweifeln, wie vieles an Handkes Milošević-Apologie oder seiner bizarr-sentimentalen sächsischen Sorben-Suche. Doch wer sind wir, uns darüber zu erheben. Die schlimmsten Verbrechen bleiben ohnehin jene am Satzbau. Feiern wir die Wenigen, die, nach Benn und Goethe, was davon erkannt. Feiern wir Peter Handke, den Sohn der Marija Sivec aus Stara vas, den unsympathischen Schürzenjäger, albernen Slawenromantiker, den Srebrenica-Leugner(?) als den gewaltigen Sprachmagier, der er ist. Si počaščen!

*

(Nachfolgend ein Text, der 2010 für die „Islamische Zeitung“ verfaßt und nicht einmal einer Ablehnung würdig befunden wurde.)

„Bis Zenon hatten die Vorsokratiker nur gesagt. Mit ihm fing das Beweisen an. Wie kam es zu dieser Katastrophe der abendländischen Seichtigkeit?“ Immer fraglicher wurde dem österreichischen Schriftsteller Peter Handke das westliche Geschichtsbild. Bevor er das humanistische Bundesgymnasium in Klagenfurt besuchte war er fünf Jahre in einem Internat dessen Zöglinge für den Priesterberuf bestimmt waren. Er berichtet über diese Zeit: „Das war Al-Qaida. Es gibt seelisch genauso schlimme Netzwerke weltweit. Und der Katholizismus (…) war zu jener Zeit nach innen gerichtet ein total terroristisches Netz. Es war eine grausige weltweite Sekte.“ 1999 verlässt er auch äußerlich diese Kirche und gibt zugleich das Büchner-Preisgeld(!) zurück.

Peter Handkes zeitiges Eintreten in den Lichtkegel der Scheinwerfer des Literaturbetriebs begann als „Showboy der jungen Literatur“ als Beat-Dichter und Publikumsbeschimpfer. 1966 riss der nachdenkliche junge Mann auf einer Schriftstellertagung in den USA die Aufmerksamkeit an sich. Aber es ging ihm nicht darum, sich mit Krawall bemerkbar zu machen. Sondern Grundsätzliches trieb ihn, vielleicht noch unbewusst, das was später nach und nach mit dem anwachsenden Werk als seine Haltung immer deutlicher wurde, und ihn zuletzt zu einem der „umstrittenen“ Autoren macht. (Dieses Epitheton dient dazu den unbefangenen Zugang zu Autoren ins Zwielicht zu tauchen, wenn dieser sich nicht mehr ganz in den Schatten versenken lässt.) Der 23jährige Handke war keineswegs einer jener lärmenden Nachdränger, die dann im gemäßigten Alter für sich jene Nachsicht erbitten, die sie selbst anderen nie zugestanden haben. Im Gegenteil findet er schon früh Stärkung am Beispiel zweier wesentlich älterer Autoren: dem Schweizer Gerhard Meier und dem Schwaben Hermann Lenz. Die Beharrlichkeit und Redlichkeit mit der sie im Abseits ihre Überzeugung bewahren und vertiefen nimmt er als Herausforderung für das eigene Schreiben an. Er sucht und findet ihre Freundschaft und setzt sich auch publizistisch mit Erfolg für die Kollegen ein.

Die Tetralogie „Langsame Heimkehr“ (1979-81) kennzeichnet Handkes künstlerische Wandlung, die mit einer realen Lebenskrise zusammenfällt, während der er zuletzt einige Zeit bei dem befreundeten Ehepaar Lenz in München wohnt. Im zweiten Teil „Die Lehre der Sainte Victoire“ (1980) beschreibt er am Beispiel des Malers Paul Cézanne seine Einsichten: „… mit der Zeit wurde sein einziges Problem die Verwirklichung („réalisation“) des reinen, schuldlosen Irdischen: des Apfels, des Felsens, eines menschlichen Gesichts. Das Wirkliche war dann die erreichte Form; die nicht das Vergehen in den Wechselfällen der Geschichte beklagt, sondern ein Sein im Frieden widergibt.-Es geht in der Kunst um nichts anderes. Doch was dem Leben erst ein Gefühl gibt, wird beim Weitergeben dann das Problem.“

Wie diese Poetologie aus wesentlichen Lebenserfahrungen hervorgeht ist im selben Werk beschrieben. Der Mensch kann seine Würde nur geltend machen, wenn er seiner selbst als Kreatur inne wird:

„Vor den dunklen Zypressen vom Sommer 1971 in Jugoslawien: was gab da, Tag für Tag mehr, in mir nach, so daß schließlich jemand erstmals die Arme ausbreitete? (Auch der Maulbeerbaum gehört hierher, in dessen Schatten wir oft saßen, und der helle Sand zu seinen Füßen, von den abgefallenen Früchten saftrot gesprenkelt.) Damals geschah die Verwandlung. Der Mensch, der ich war, wurde groß, und zugleich verlangte es ihn auf die Knie, oder überhaupt mit dem Gesicht nach unten zu liegen, und in dem allen niemand zu sein.“

Handke erfährt die Welt als Rede, er findet allenthalben deutliche Zeichen: „Das einfache Anschauen ist inzwischen das allerschwierigste. Erst mit deinem Anschauenkönnen wirst du den Krieg unmöglich machen.“, „Das Licht umzirkelte die kleinste Form auf dem Hang – ein Grasbüschel, eine verwachsene Hufspur, einen Maulwurfshügel, eine Reihe Vögel an einem Rinnsal, daneben einen leibhaftigen Wildhasen – und verband eine mit der anderen durch deutliche Zwischenräume.“

Hermann Lenz bezeichnet 1982 in seiner Besprechung „Die Geschichte des Bleistifts“ als „…Notizbuch eines Mystikers..“. Nachvollziehbar wird diese Feststellung an Passagen wie der folgenden: „Gerade wurde mir klar (es war doch eine Erkenntnis), daß in der Liebe, für die Liebe, zwei allein nicht genügen: ich brauche, immer wieder, einen Dritten, an den ich mich wenden könnte, zur Beruhigung, zur Bestärkung, zur Festigung, zur Neuerweckung, zur Danksagung – zur Ergänzung; und dieser Dritte, den ich benötige in meiner Liebe, den ich mitdenken möchte in meiner Liebe, der für die jeweilige Wendung in mir sorgt, kommt nur mit dem Namen „Gott“ in den Sinn (und: die bloße Wendung an den Dritten ist dann schon die Ergänzung)“ Unter den Aufzeichnungen steht das Bekenntnis „Ich zweifle nicht mehr an der Kunst, obwohl ich zu ihr oft keine Lust habe“ In mehreren Abschnitten wird Goethe als wesentliche Ermutigung beschrieben: „…Goethe zu lesen, macht mich seltsam stolz, und in meinem Stolz erblüht die Umgebung zu Einzelheiten: …“ und: „Goethes Gedichte sprechen freilich nur zu dem aktuell glücksbereiten Menschen, während Hölderlins Poesie auch den gerade Unglücklichen erheben kann“, schließlich: „Ich stellte mir gerade vor, daß, wenn man genug Geld hätte (sorglos sein könnte) und auch schon fürs Leben etwas gemacht hätte, man seine Tage ganz mit Goethe verbringen könnte, und daß es im Leben nichts Besseres gäbe als das. Schöne Tage mit ihm – der gerade im klaren Strahl des Weins in der Dämmerung war – am Tümpel des sommerlichen Gartens, und dann unter den nächtlichen Bäumen wie in einer Tropfsteingrotte. (Aber müßte man dazu nicht G. selber sein ?)“ Zehn Jahre darauf charakterisiert Hermann Lenz den Freund: „Und bei Goethe fand er jene Einheit von Ding und Gedanke, um die er sich bemüht. Er verließ sich auf die Anschauung und kümmerte sich nicht um ideologische Atrappen.“

In dem „Versuch über den geglückten Tag“ (1991) ist zu lesen: „Erstmals vernahm er, ins kaum bewohnte Haus hinein, hinter dem Mittagsläuten der Vorstadtkirche auch jenes des westlichen Nachbarorts (der, wie hier üblich, ohne Übergänge und Zwischenräume auf der anderen Straßenseite begann), und mit einem leibhaftigen Klang: Zusammenrufen all der Vereinzelten in den verschiedenen Richtungen. Ein Traumbild kehrte zurück, von steinigen Wüstenbergen um die große Stadt Paris tief unten in einem Kessel, auf die aus der lautlosen Dämmerung von sämtlichen Kuppen und Hängen plötzlich die inbrünstigen Rufe der Muezzin hinabgeschallt kamen.“

In den achtziger und neunziger Jahren unternimmt Handke heftige publizistische Ausfälle gegen die Unredlichkeit der Kultur-und Politikelite. Er besteht auf der Gültigkeit einer unversehrten und unversehrenden Sprache. Mit Wiederholungen und Verbindungen nimmt er das Seiende in die Worte hinein. Darin sieht er die einzige Berechtigung der literarischen Sprache, die er schroff gegen die journalistische Sprache abhebt. Mit dem Erzählen kommen die Dinge und Ereignisse zum Frieden. Das zehrende, zerstörende Verlangen wird gestillt. „In Wirklichkeit kann ich nicht nachahmen … Nein, ich kann keine mimetische Literatur schaffen. Die Wirklichkeit ist für mich eine Art Tabu. Und zwar nicht nur, sagen wir, das menschliche Antlitz, sondern auch die Sprache: auch die Sprache, wie sie die Menschen sprechen, könnte ich nicht nachmachen, d.h., die Lautgestalt ihrer Rede wiederholen.“

Die Zerstörung des Rückzugsortes, des von ihm im Gegensatz zur österreichischen Realität so erlebten Friedensreiches Jugoslawien erleidet Handke als persönliches Schicksal, durch das auch sein Schreiben neuen Prüfungen unterzogen wird: „Und nun ein Problem des Weitererzählens, der Bilderbeschreibung, des Schilderns, der Bilderfolge: als werde an Orten wie S. nacherlebbar so etwas wie das islamische oder überhaupt Verbot der Bilder, oder zumindest ein von gewissen Erscheinungen ausgehender Bilder-Verweis, ein Abweisen, jedenfalls der großen, der ausgemalten, der zu Ende geschilderten, der monumentalen und panoramischen Bilder, ein Abweisen, das dafür aber Raum gäbe oder ließe für noch und noch Miniaturen, als Bilder kaum mehr zu entziffernden, auch kaum mehr etwas bedeutenden – ein solches Kleinstbild zusätzlich verknüpft mit den andern zu einer bloßen, bloßen?, im ganzen vielleicht doch das eine und das andere besagenden „Arabeske“. Ja, Arabeske. (1996) Handke, dem seit je das wahre Lesen so wichtig war, wie das richtige Schreiben, hat nach eigenem Bekunden, die Schriften der islamischen Mystiker auf sich wirken lassen. Dem Roman „Der Bildverlust“(2002) ist neben einem Zitat aus Cervantes „Don Quijote“ und einem lateinischen Vers auch ein Satz von Ibn Arabi vorangestellt: „Hab’Erbarmen mit ihr, die reist an solch einem Tag.“ Die arabische Sprache spielt in diesem geheimnisvollen Roman eine zentrale Rolle. Es wird eine Zone beschrieben, in der auf unbestimmte Weise ein interimistisches Leben stattfindet. Aber das Provisorium hat offenbar soviel Gewicht, dass es eine Vernichtungsmaschinerie großen Stils gegen sich herauszufordert. Die Heldin, eine Bankfrau, durchirrt die Sierra de Gredos. Das einzige Gepäck ist ein Lehrbuch der arabischen Sprache aus dem Besitz ihrer Tochter. In der Lektüre der zeitlosen Sätze findet sie zu sich: „Sich vertiefen in die arabische Broschüre ihrer fernen Tochter. „Jetzt wird gelesen!“ Beim Buchöffnen ein Laut von sich öffnenden Lippen, sehr leise und sanft.“, „Bei wieder einem arabischen Wort innegehalten und dann unwillkürlich den Wort-Laut ausgestoßen: als verlangten gerade diese Wörter nach dem Lautwerden. Und dieses explosive Lautwerden gab dem Blickfeld eine zusätzliche Beleuchtung: jedes so ausgestoßene Wort eine Art Blitzlicht, von welchem, was auch im Blickfeld (und darüber hinaus war, Konturen bekam, springlebendige; als würden mit solch einem Wort-Ausstoßen der Stuhl, die Leiter, die Klinke, der Dorn augenblicks neugeschaffen.“

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here