Lesetagebuch: „Die Freiheit Deutschlands am Hindukusch verteidigen…“

Mit seinem Roman „Risiko“ ist Steffen Kopetzky vor fünf Jahren ein Historienschinken gelungen, der sprachgewaltig einen anderen Ausgang des Ersten Weltkriegs ersinnt. Auslöser dafür ist eine deutsche Afghanistan-Expedition, deren Weg in das unbekannte Land man durchaus mit dem oben genannten, etwas abgewandelten Zitat eines deutschen Außenministers beschreiben könnte.

Die Geschichte, die der Leser verfolgt, ist vor allem die Geschichte des Marinefunkers Sebastian Stichnote. Der liegt vor dem Beginn des Ersten Weltkriegs mit dem Marinekreuzer Breslau auf Anker vor Durazzo an der Küste Albaniens. Stichnote stolpert eigentlich mehr durch Zufall in die große Geschichte. Er ist dabei, wie die Breslau zu Beginn des Krieges aus dem Mittelmeer nach Konstantinopel fliehen muß, um der englischen Seeübermacht zu entkommen.

Dort wird er Teil einer deutschen Expedition über 5.000 äußerst beschwerliche Kilometer nach Afghanisten, ein Land, das vorher noch nie ein Deutscher betreten hatte. Das Ziel: Den Emir von Afghanistan davon zu überzeugen, die Briten in ihrer Einflußsphäre in Afghanistan anzugreifen, gar nach Indien vorzustoßen, damit sie Truppen von der Westfront binden sollten. Ein „Dschihad für den deutschen Kaiser“. In der Realität scheiterte die Expedition kläglich.

Erschienen bei Klett-Cotta.

Was das Buch von Kopetzky so besonders macht, ist der enorme Detailreichtum und die Vielfalt der Eindrücke, die der Leser erhält. Der vielfältig interessierte Stichnote liest die Literatur der Zeit, vom „Tod in Venedig“ über die „Biene Maja“ bis zum „Tunnel“ von Bernhard Kellermann. Die Städte, die die Expedition passiert, erhalten ein so klares Bild, daß sich die zehn Jahre lange Recherche-Arbeit Kopetzkys erklärt.

Wie ein roter Faden zieht sich durch das Buch „das große Spiel“, das dem Buch auch seinen Namen gegeben hat. Auch hier spielt Kopetzky mit der Wirklichkeit und verlagert den Ursprung dieses Strategiespiel an die Militärakademie in Potsdam. Mit Hilfe des Spiels werden während des Romans immer wieder militärische Manöver vorgespielt und geplant. Letztlich soll das Spiel sogar die militärischen Führer in Afghanistan überzeugen, der Bitte der deutschen Expedition zuzustimmen.

Die Figuren in „Risiko“ sind beinahe ausnahmslos mit großer Empathie und wenig Bewußtsein vor „politischer Korrektheit“ gezeichnet. So wirken die Deutschen hoch begeistert, fixiert auf Vorstellungen vom Dschihad gegen das britische Imperium (und übernehmen dabei auch selber islamische Glaubensvorstellungen) und planungsstark, erweisen sich dann aber doch als die romantischen Trottel, die sie in der Geschichte nicht selten waren.

Mit dem Buch Kopetzkys läßt es sich hervorragend eintauchen in deutsche Orient-Begeisterung, historische Geopolitik (auch die Heartland-Theorie findet ihren Platz) und nicht zuletzt in eine Welt, die nach dem Ersten Weltkrieg nicht mehr existierte. Wer „Imperium“ von Kracht mochte, der darf bei Kopetzky gerne zugreifen.

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