#leinwandhelden: Yaroslav Gerzhedovich

Yaroslav Gerzhedovich, geboren 1970 in St. Petersburg, studierte Malerei an der dortigen Nicholas-Roerich-Akademie und entwickelte früh einen eigenen, an gotische, romantische und surrealistische Vorbilder angelehnten Ausdruck, der an Ernst Jüngers Wort von der „geschliffenen Dunkelheit“ als höchstem Stil denken lässt. Im Gespräch erkunden wir mit Gerzhedovich, unserem dreizehnten Leinwandhelden, das Verhältnis von Malerei zu Fotographie, den religiösen Grundimpuls aller Ästhetik und die Abgründe der russischen Seele.

Lieber Yaroslav Gerzhedovich, wie weit reichen Ihre künstlerischen Anfänge zurück und welche Meister der Vergangenheit haben Sie seither geprägt in Ihrem Schaffen?

Vor über vierzig Jahren zeigte mir mein Vater ein Buch mit Illustrationen von Pieter Bruegel dem Älteren, gedruckt in einem deutschen Verlag kurz nach dem Zweiten Weltkrieg. ‚Die Jäger im Schnee‘, das 1565 entstandene Jahreszeitenbild, zierte den Titel dieses Bandes. Als ich es zum ersten Mal sah, die Silhouetten der Jäger, die Hunde und Bäume, die weite Ebene vor dem fernen Bergmassiv, wurde mir schlagartig und tief bewusst, dass Bilder unsere Wirklichkeit zu überstrahlen vermögen. Diese Urerfahrung machte Bruegel zu meinem Lieblingsmaler. Mir scheint, dass sein Rang sowohl von den Zeitgenossen als auch den späteren Nachahmern und Schülern unterschätzt wurde. Zwar fand die grobe Richtung, die er in der Landschaftsmalerei eingeschlagen hatte, an der Oberfläche manchen Fortsetzer, doch bleiben alle Nachzügler für meine Begriffe weit entfernt von Bruegels Synthese aus hoher Philosophie, schlichtem Volkstum, authentischer Spiritualität, technischer Perfektion und – zu guter Letzt – der seltenen Fähigkeit zur Einfangung elementarer Lebens-Essenzen.

Pieter Bruegel der Ältere: Die Jäger im Schnee (1565)

Da Ihnen die Wirklichkeit offenbar von frühauf nicht als letztes Maß der Dinge galt: Würden Sie Ihr Schaffen dem weiteren Umfeld des Surrealismus zurechnen?

Tatsächlich würde ich gegen diese Einordnung keinen Widerspruch erheben, da sie auf das Wesen vieler meiner Werke zutrifft, in denen Objekte, Charaktere oder Handlungen streng genommen den Rahmen des Realen verlassen. Allerdings würde ich präzisierend anfügen, dass es in meinem Fall weniger der chaotische Flug einer ungezügelten Fantasie ist, wie man ihn bei orthodoxen Surrealisten mitunter zu Gesicht bekommt, sondern beinah eine Art logischer Notwendigkeit, mit der über die Wirklichkeit hinausgegriffen wird.

Gestatten Sie dennoch eine weitere Frage, die sich eher in der Wirklichkeit hält: Welches ist Ihr Lieblingsmuseum und warum?

Ich kann und möchte nur die Museen beurteilen, die ich einige Male besucht habe. Da wäre zunächst das Kunsthistorische Museum in Wien, auch und gerade wegen seiner Bruegel-Ausstellung der Jahre 2018 bis 2019, die ich als heroische Leistung der Kuratoren bewundere – aber auch wegen Tizian, Vermeer und anderer Meister lohnt sich der Besuch in Wien. Als zweites Museum möchte ich die National Gallery in London nennen, wo sich eindrucksvolle Beispiele für Vor-Renaissance-Kunst finden, daneben natürlich Namen wie wie Piero della Francesca, Bellini oder Leonardo – und natürlich die Arnolfini-Hochzeit des Jan van Eyck.

Gotisches Portal

Diese beiden realen Zugänge halten wir als Empfehlung fest. Mit Blick auf Ihre eigenen Werke sollte jedoch auch von surrealen Schwellen die Rede sein: Auffallend gehäuft stehen Pforten und Passagen im Zentrum Ihres Bildaufbaus. Kommt vielleicht gar die Kunst selbst für Sie einem potentiellen Übergang in andere Welten gleich, kann sie eine Art von Initiation sein?

Von meiner eigenen Kunst denke ich zwar nicht als einem buchstäblichen Initiations-Akt im Stil antiker Mysterienkulte, aber vielleicht darf man jedes gelungene Gemälde zumindest als Fenster in andere Welten begreifen, die das starke Gefühl der Nostalgie in uns wecken und den Betrachter an Orte zu erinnern scheinen, an denen er niemals wirklich gewesen ist.

Im Museum

In einem Ihrer Werke, das vergleichsweise schmucklos mit ‚Im Museum‘ betitelt ist, erscheint der Übergang von der Realität zur gemalten Welt als fließend – einige Figuren beginnen von der Leinwand in den Ausstellungssaal herabzusteigen. In welches Gemälde würden Sie für Ihr restliches Leben am liebsten hineinsteigen?

Da ich oft und viel über Bruegel spreche, wird es kaum überraschen, ihn auch hier angeführt zu finden, besonders seine einander ergänzenden Werke ‚Jäger im Schnee‘ und ‚Der düstere Tag‘. Das erste ist eine Apotheose der Harmonie, das zweite eine Allegorie der Angst. Es sind die beiden Seiten ein und derselben Medaille. Über lange Zeit hatte ich gefühlmäßig eher zur ersten tendiert, doch inzwischen scheint mir, dass tiefstes Verstehen und stärkstes Empfinden gerade in dunklen und stürmischen Zeiten möglich ist. Wie sagt Hölderlin: „Wo Gefahr ist, wächst das Rettende auch.“ Dem würde ich mit einem russischen Dichter, Fyodor Tyutchev, beipflichten: „Gesegnet ist, wer auf der Welt während ihrer schicksalsschwersten Stunden wandelt.“ Darüber hinaus würde ich einige von Rembrandts Radierungen nennen, die eine ähnlich verstörende Wirkung entfalten wie Bruegels ‚Düsterer Tag‘, vielleicht auch neogotische Bildkompositionen zeitgenössischer Maler oder aber etwas ganz anderes, zum täglichen Leben wahrscheinlich bequemeres: Die Werke von Edward Hopper.

Pieter Bruegel der Ältere: Düsterer Tag (1565)

Der Aphoristiker Arne Kolb verglich Kunstdiebe einmal mit radikalen Tierschützern, die, indem sie Bilder aus Museen entwenden, Kunst aus artfremder Haltung befreien. Können Sie dieser Analogie etwas abgewinnen? Welche angemesseneren Umgebungen als Museumstrakte ließen sich für vollendete Gemälde denken?

Ein ungewöhnlicher und interessanter Vergleich, über den ich wohl länger nachdenken müsste. Ehrlicherweise kann ich mir aber kaum bessere Orte für Kunst denken als öffentliche Museen – freilich immer unter der Maßgabe, dass die Ausstellungen professionell kuratiert werden. Sicher ist es ärgerlich, auratische Bilder allzu dicht gehängt oder hohe Malkunst mit bloß Dekorativem vermischt zu sehen. So wäre es beispielsweise wünschenswert, den größten Meisterwerken jeweils einen eigenen Raum mit spezieller Beleuchtung zu gewähren. Doch im Großen und Ganzen wüsste ich keinen würdigeren Ort für Kunst als gut geführte öffentliche Museen.

Grand Cascade (Schloss Peterhof)

Mit welchem Material arbeiten Sie bevorzugt und wie viel Zeit kostet Sie ein Werk?

Mittlerweile arbeite ich fast nur noch mit Acryl-, früher auch mit Temperafarben für Gemälde, für Zeichnungen meist mit Bleistift. Allerdings wurde mir verschiedentlich bescheinigt, dass mein Stil die Unterschiede zwischen den jeweiligen Materialien verwischt, sodass Acryl bei mir beinah wie Tusche wirken kann, Tusche wie Bleistift, Tempera wie Wasser- oder Ölfarben. Die jeweilige Fertigungsdauer hängt nahezu ausschließlich von der Bildgröße ab, wobei mein Vorgehen ein sehr arbeitsaufwendiges und detailgenaues ist: Formate von 15 x 10 cm nehmen mich über ein bis zwei Tage in Anspruch, solche von 40 x 60 cm durchaus für einige Wochen.

Mitunter arbeiten Sie auf der Grundlage von Fotographien. Was kann ein Maler in seinem weit aufwendigeren Schaffen leisten, das dem Fotographen verwehrt bleibt? Was sind die Vor- und Nachteile der Malerei gegenüber der Fotographie?

Wenn man sich an die frühe Zeit der Fotographie erinnert, dann muss man neidlos anerkennen, wie großartig, wie überzeugend jene frühsten Lichtbilder waren, die Daguerreotypien etwa von einfachen Leuten aus dem Amerika der Bürgerkriegsjahre: Kernige Männer und Frauen mit stählernem Funkeln in den Augen – wie viel eindrucksvoller und intensiver sind diese Bildnisse als jedes bürgerliche Porträtgemälde aus der Mitte des 19. Jahrhunderts! Aber die Zeiten haben sich geändert und Laufe des vergangenen Jahrhunderts traten nicht nur abstrakte Malerei, sondern auch Fotojournalismus und Kriegsfotographie ihre Siegeszüge an. Nun, zum Auftakt des 21. Jahrhunderts, sehen wir diese Tendenzen weiter verstärkt und wohnen dem allmählichen Verschwinden der handwerklich grundierten Kunst bei, während digitale Technologien überall die Oberhand gewinnen. Zwar konzediere ich, dass die Fotographie viel zu leisten vermag, doch es gibt Milliarden Fotographen auf der Welt, so gut wie jeder kann über Nacht einer von ihnen werden – und schon dies entwertet die Ergebnisse auf einer gewissen Ebene und gibt der Faszination für die Malerei neue Nahrung.

Sinkende Sonne

Einige Lyriker zitierten Sie bereits. Von welcher Literatur sind Sie fasziniert oder in Ihrem Schaffen beeinflusst?

So unüberschaubar viele Bücher sind für mich von prägender Bedeutung, dass ich an dieser Stelle bloß drei nennen möchte: ‚Das Silmarillion‘ von J. R. R. Tolkien, ‚Verfall und Untergang des Römischen Reiches‘ von Edward Gibbon und ‚Heinrich VI.‘ von William Shakespeare.

Im Gebet

Zwar nennen Sie die Bibel nicht, doch tragen mehrere Ihrer Gemälde Titel wie ‘Im Gebet’ oder ‘Das Gebet’ – letzteres zeigt eine nebelumflorte Bischofsgestalt, in feierlicher Einsamkeit dem Betrachter abgewandt. Welche Rolle spielen Religion und Transzendenz für Ihr Werk und ließe sich große Kunst ohne Religion überhaupt denken?

Das ist eine jener schwierigen Fragen, über die man lieber nicht zu lange nachgrübeln sollte, wenn man produktiv bleiben möchte. Zwar bin ich im strengen Sinne keine religiöse Person, glaube zumindest nicht an Übernatürliches in der Realität. Zugleich muss ich zur Kenntnis nehmen, dass nahezu die gesamte abendländische Kunst, an deren absoluten Wert ich wiederum leidenschaftlich glaube, ihre Sujets nicht zuletzt aus der Heiligen Schrift schöpft. Selbst kürzeste Bibelpassagen haben Unmengen von großen Gemälden hervorgebracht, man denke nur an die ‚Anbetung der Könige‘ – ein Stoff, der von Botticelli, Leonardo, Dürer und so vielen anderen auf sehr verschiedene Weise ins Bild gesetzt wurde. Könnte man das allein nicht als eine Art Wunder auffassen? War die Heilige Schrift in all diesen Fällen eher ein zündender Funke, der auf die Maler übersprang – oder bloß der Anlass, gleichsam ein Zulassungsticket, um Bildwelten zu realisieren, die man als Künstler bereits vor der Bibel-Lektüre in sich trägt? Ich weiß es nicht.

Archaischer Helm

Unter Ihren Bildmotiven finden sich antike Weltkarten und finstere Schlösser, gotische Portale und archaische Rüstungen. Was würden Sie Zeitgenossen erwidern, die Ihre Kunst als reaktionär bezeichnen?

In gewissem Sinne trifft das Wort bestimmt die Sache. Andererseits versuche ich jedoch, mich an die Gegenwart und ihre Motivpalette heranzuarbeiten, wenn auch langsam und stets zu meinen Konditionen. Irgendwann fanden viktorianische Gentlemen Einzug in meine Gemälde, später schlichen sich sogar Automobile ein, heute streifen manche meiner Werke den Retrofuturismus.

Autokino

Hören Sie während des Malens Musik?

Ja, früher vor allem die Klassiker: Oft waren es längere Stücke von Bach, Händel oder Mozart. Später kam auch eine breite Auswahl an populärer Musik des 20. Jahrhnderts hinzu, von Sinatra bis zum Folk-Rock der 70er-Jahre. Mittlerweile schwenke ich zunehmend auf Hörbücher um.

Was in Ihren Werken oder an Ihrer Herangehensweise würden Sie als typisch russisch charakterisieren?

Die Ästhetik der Ruinen, die ich in meinen Kompositionen recht regelmäßig aufgreife, ist unmittelbar den Bildwelten von Tarkowski entliehen. Als Student war ich besessen von seinen Filmen, habe aber seit den frühen 90er-Jahren keinen einzigen von ihnen mehr angesehen: Nicht zwei Mal in denselben Fluss. Daneben sollte ich auch die prägende Wirkung der russischen Ikonenmalerei erwähnen, wobei ich betonen würde, dass die heutige Erscheinung dieser Werke das Ergebnis eines veredelnden und vom Künstler unabhängigen Alterungsprozesses ist: die Risse und Schrammen, Gewebe und Maserungen, die Schichten von Holz und Farbe – all das summiert sich in meinen Augen über die Jahrhunderte hinweg zu einer ungewöhnlichen Schönheit. Zur russischen Seele: Früher pflegte ich viel Dostojewski zu lesen, wurde aber im Lauf der Zeit immer enttäuschter von seinen Ideen, irgendwann auch von seinem Stil. Wahrscheinlich klingt er in der englischen Übersetzung eindrucksvoller und exotischer – in Amerika wird er sehr geschätzt. Der kanadische Psychologe Jordan Peterson hält Dostojewski anscheinend für den größten Schriftsteller überhaupt, was auch darin begründet liegen mag, dass er die russischen Originale kaum zu beurteilen imstande sein dürfte.

Der Muttersprachler aber kann durchaus verstört zurückgelassen werden durch die Absurdität, die seltsame Engherzigkeit und Unnatur seiner Figuren. Zugleich findet man in ihnen wohl den dunklen Teil der russischen Eigenart widergespiegelt, mit dem man als Landsmann von Dostojewski vielleicht lieber nicht konfrontiert sein möchte. Lassen Sie mich zur Erläuterung an Raskolnikow erinnern, jene scheinbar tragische Figur, die mich dennoch an einem gewissen Punkt denken ließ: Dieser Mann hat immerhin eine Universität besucht und erweist sich gleichwohl als irrational genug, Menschen für eine Handvoll Münzen zu ermorden. Der gewöhnliche Amerikaner hätte, versetzt in eine ähnliche Situation, wahrscheinlich einfach eine Bank überfallen – peinlich darauf bedacht, im Eifer des Gefechts niemanden zu erschießen. Raskolnikow wählt demgegenüber einen befremdlichen, einen zutiefst unlogischen und abgründigen Weg – und genau solche Wege waren es, die Russland in seine Urkatastrophe von 1917 mit all ihren Folgen führten.

Schwenken wir von der einen zur anderen Volksseele mit hoher Katastrophen-Inzidenz: Welcher deutsche Maler ist Ihnen der liebste?

Ich werde nicht originell sein, wenn ich Albrecht Dürer nenne und mich dabei vor allem auf seine graphischen Arbeiten beziehe. Seine fünfzehn Holzschnitte zur Apokalypse des Johannes bilden für mich einen späten Gipfel der Gotik, doch auch andere Arbeiten wie ‚Ritter, Tod und Teufel‘ oder ‚Melencolia I‘ haben tiefe Eindrücke hinterlassen. Darüber hinaus möchte ich an Dürers Vorgänger erinnern, den exzellenten Zeichner Martin Schongauer, und an den noch früher gewirkt habenden Stefan Lochner, der zurecht gerühmt wird für seine weichen Formen. Unter den späteren Meistern darf außerdem Caspar David Friedrich nicht fehlen – vor allem seine Szenen am Meer fesseln den Betrachter durch ihre mystische Stille.

Ort, wo die Träume brennen

Längst scheinen solche Bildwelten heute passé. In Ihrem Gemälde ‚Der Ort, wo Träume (ver-)brennen‘ lassen Sie einige Hirten aus dem Schutz der Wildnis auf eine städtische und industrielle Umgebung hinunterblicken. Tötet die moderne Zivilisation unsere Träume?

Eine zulässige, wenn auch ungewöhnliche Deutung dieses Werkes. Wenn ich mich für einen Augenblick darauf einlasse, dann würde ich zur Klarstellung anfügen, dass es eher eher die Konsum- als die Industriegesellschaft ist, die unsere Träume tötet oder sie vielmehr zerstückelt in kleinere und immer oberflächlichere, daher alsbald erfüllbare und somit belanglos werdende Visionen.

Der Thron

Der Dichter Rolf Schilling merkt in einem seiner Essaybände desillusioniert an:Lieber von einem Fürsten oder Mäzen abhängig sein als vom freien Markt – das ist das Fazit nach zwei Jahrhunderten ‚freier‘ Kunst.“ Einspruch oder Zustimmung?

Ungeachtet der Tatsache, dass sich die feudalen Verhältnisse wohl kaum so bald restaurieren lassen dürften, würde ich ihm darin beipflichten, jawohl. Allerdings leben auch heute noch einige Künstler, vor allem Maler, von den Geldern reicher Bewunderer und Förderer, längst nicht alle sind dem gestaltlosen Markt auf Gedeih und Verderb überlassen. Gewisse Hierarchien setzen sich also durch alle beliebigen Staatsformen fort, auch ohne nominellen oder zertifizierten Adelsstand.

Meereskönigin und Segler

Dann sollten wir uns ja auch um die Gegenwartskunst nicht übermäßig sorgen müssen. Gibt es zeitgenössische Maler, die Sie bewundern?

Zumindest ließen sich einige bewundernswerte Literaten des 20. Jahrhunderts nennen, die man noch als unsere Zeitgenossen begreifen darf, obwohl sie mittlerweile verstorben sind. Unter den Malern kann ich nur wenige anführen: Unbedingt würde ich den amerikanischen Realisten Andrew Wyeth (1917-2009) erwähnen, in dessen Gemälde kaum eine Zeit-Regung drang. In den 40er-Jahren, während man um ihn her zum Zweiten Weltkrieg rüstete, malte Wyeth einen Mann im hohem Gras seiner pennsylvanischen Heimat. In den 1950er-Jahren dann, als man draußen die Rock ‘n Roll-Ära einläutete, blieb er unbeirrt bei seinem Motiv und stellte den Mann erneut dar. Im folgenden Jahrzehnt, das von sozialen wie kulturellen Unruhen und bahnbrechenden technischen Durchbrüchen geprägt war, hielt er nicht minder fokussiert an seinen Stoffen fest. Es ist eine seltene Fähigkeit, so tief auf den Grund des Lebens blicken zu können, dass keine Zeit-Färbungen Eingang in die eigenen Bildwelten finden.

Was Sie zu Wyeth ausführen, erinnert an das Schicksal des Zeichners Ernst Gundolf, der nach den Novemberpogromen von 1938 für sechs Wochen im Konzentrationslager Buchenwald interniert war. Engen Freunden präsentierte er später sein letztes Werk, das vor, und sein erstes, das nach der Lagerhaft entstanden war – mit banger Neugier, ob für Betrachter Unterschiede sichtbar würden, ob also das für den Künstler so einschneidende Erlebnis der Internierung bis hinein in die Tiefenschichten seines Schöpfertums Spuren hinterlassen hatte. Dass die Freunde keine nennenswerten Veränderungen, keinen Bruch erkennen konnten, nahm Gundolf beseligt zur Kenntnis im Juli 1939 emigrierte er nach England.

Eine bemerkenswerte Anekdote, die mich an die Unerschütterlichkeit von Künstlern aus früheren Jahrhunderten denken lässt, die nicht selten existenziellen, aus heutiger Sicht kaum vorstellbaren Bedrohungen und Schwankungen ausgesetzt waren, sei es der Schwarze Tod, seien es langwierige Religionskriege oder anderes. Und dennoch haben es bei vielen großen Künstlern all diese Nöte höchstens verfremdet und übersteigert, meist symbolisch verhüllt, in die Bildwelten geschafft, wohingegen heute das erfahrene Leid eher genüsslich ausgestellt als ästhetisch überwunden wird.

Frühere Schachfigur

Obwohl es also zum Ehrgeiz des klassischen Ästheten zu zählen scheint, die Zeitkulisse hinter seinem Werk verschwimmen zu lassen: In welchem Jahrhundert und an welchem Ort würden Sie gerne wiedergeboren werden?

Trotz all meiner ideellen Sympathie für die mittelalterliche und die Renaissance-Welt wäre ich mir nicht sicher, ob ich zu diesen Zeiten wirklich würde leben wollen. Falls man den rein künstlerischen Gesichtspunkt für einen Augenblick außer Acht lassen möchte, um die Frage eher in Bezug auf Lebensart und Alltagskultur zu beantworten, dann wäre ich wohl gerne 1945 irgendwo um San Francisco zur Welt gekommen, um als Teenager und junger Mann in den 50er- und 60er-Jahren aufzuwachsen, einer für mich seltsamen und faszinierenden Zeit.

Im August feierten Sie Ihren 50. Geburtstag. Welche künstlerischen Wünsche und Ziele stehen Ihnen für die Zukunft vor Augen?

„Zukunft“ – über diesem Wort hängt zum Ende des Corona-Jahres ein gewisser Schatten. Überraschenderweise werden wir aktuell Zeugen der Wiederkehr von Fatum und Fatalismus: Wir haben die Lage selbst kaum in der Hand, sondern sind zum Abwarten darauf verdammt, wie die Götter würfeln werden. Was auch immer geschieht: Es ist sehr wahrscheinlich, dass meine nächsten Bilder, anders als die von Andrew Wyeth oder Ernst Gundolf, auch die jüngsten Vorkommnisse und Verschattungen in sich einschließen werden, obschon stets in verschleierter, allegorischer Form.

Theater

Eine letzte Frage: Welches Ihrer eigenen Werke ist Ihnen das liebste?

Ich bin zumeist, sogar beinah ausnahmslos unzufrieden mit dem Ergebnis meiner Bemühungen. Irgendetwas stört mich immer. Dennoch würde ich wohl das Gemälde ‚Theater‘ zwischen all den anderen herausgreifen, wenngleich mit einigen Präzisierungen und Einschränkungen: Manche zu gezwungen symbolisch wirkende Charaktere würde ich heute durch andere ersetzen und das dominierende Farbenspiel zwischen Schwarz und Blau um neue Facetten bereichern.

Lieber Yaroslav Gerzhedovich, vielen Dank für dieses Gespräch, weiterhin frohes Schaffen und nur Mut zu etwas mehr Selbstzufriedenheit!

Schriftbild von Yaroslav Gerzhedovich

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