#leinwandhelden: Knud Baade

Zur Kür unseres zehnten Leinwandhelden präsentieren wir an dieser Stelle lediglich einen kleinen Bruchteil der vollständigen Belobigung, die in unserer Druckausgabe mit weiterem Anschauungsmaterial versehen unter dem Titel ‘Heim zum Uralten’ nachzulesen ist.

Signatur

Dresden, 1836: Caspar David Friedrich, ein lebendes Denkmal von 62 Jahren, erwartet Besuch: Durch den befreundeten norwegischen Landschaftsmaler Johan Christian Clausen Dahl, der sich 1818 im Elbflorenz niedergelassen hatte, ist ihm dessen junger Landsmann Knud Andreassen Baade vermittelt worden, geboren 1808 im heutigen Vindafjord und ausgebildet an der Königlichen Akademie zu Kopenhagen. Für den günstigen Verlauf der Zusammenkunft im Haus an der Elbe 33, wo Friedrich die zweite und Dahl die dritte bis vierte Etage bezogen hatte, bürgt bis heute ein Bilddokument von Seltenheitswert: Eine kleinformatige Bleistiftzeichnung, die Baade mit dem Rücken zum Betrachter an der Staffelei zeigt.

Caspar David Friedrich: Knud Baade an der Staffelei (1836)

Friedrich höchstselbst, der eher Natur- als Menschenfreund die ihm lästige Darstellung von Personen für seine Gemälde nicht selten an Kollegen wie Georg Friedrich Kersting delegierte, muss den jungen Besucher offenbar einer improvisierten Verewigung für würdig befunden haben. Grund genug für einen kurzen Blick ins Oeuvre des Geadelten, den es über drei Jahre in Dresden hielt und später für viele Jahrzehnte nach München zog, wo er vornehmlich Landschaftsansichten seiner norwegischen Heimat schuf und 1879 starb.

Ossianische Nebelbilder

Führt man sich Baades Werke zu Gemüt, so wird bald – je nach Perspektive ersichtlich oder ruchbar, dass es sich beim Gast im Haus an der Elbe um ein Phänomen handelte, auf das der gemeine Transatlantiker den ehrabschneidenden Begriff des one trick pony angewendett haben würde: um einen Künstler also, der nicht mehr als einen Pfeil im Köcher, nicht mehr als einen Trumpf im Ärmel hat. Denn Baade scheint, obwohl er zunächst auch und vor allem als Porträtist hervortrat, schon bald einen Gegenstand ausersehen zu haben, dem er sich nicht nur mit gebotener Hingabe, sondern auch in seltener Ausschließlichkeit verschrieb: Immer wieder sind es in seinen Bildern zum Verwechseln ähnliche Nebelschwaden, die ebenso ähnliche Felsformationen unter nicht minder ähnlichem Mondlichteinfall umschauern: Ob nun im ‚Sturm an der Küste‘ oder in der ‚Szene aus dem Zeitalter der eddischen Sagen‘ (1850), die umstandslos als heroische Aufnordung von Friedrichs ‚Wanderer über dem Nebelmeer‘ durchgehen könnte. Ob ein einzelner Pfeil im Köcher tatsächlich zu wenig ist, so mag sich der geneigte Betrachter im Stillen denken, hängt eben nicht unwesentlich vom Schützen ab.

Bald führt Baade den Beschauer auf die friedlich ruhende, vom vollen Lichte des Mondes weithin beleuchtete See, ausnahmsweise auch tief in die Fjorde hinein, daß wir uns der grünen Matten und der weißstämmigen Birken erfreuen. Immer ist es das Bedeutende, Einsame, Erhabene, durch das er uns anregt und in romantische Stimmung versetzt, ohne an das Sentimentale zu appellieren.

Hyacinth Holland
Klippen im Mondlicht (1868)

Zwar dürften aus dieser scheinbaren Einfalt gerade zeitgenössische Beobachter einen Mangel an jener Beliebigkeit abzuleiten versucht sein, die mittlerweile unter dem Decknamen der „Offenheit“ firmiert. Doch kann sich die Gesellschaft, in die Baade durch sein kaum veränderliches Webmuster bei immer selbem Stoff aufrückt, nicht nur sehen, sondern auch hören und lesen lassen: So stellte kein Geringerer als Igor Stravinsky über Antonio Vivaldi fest, dieser habe keineswegs 400 Konzerte komponiert, sondern 400 mal ein Konzert. Und Michael Klonovsky, Stellvertreter von Karl Kraus auf Erden, ließ im Januar 2019 nach Lektüre von Houellebecqs ‚Serotonin‘ in seinen Acta Diurna wissen, dass auch der zerzauste Céline-Wiedergänger nicht etwa verschiedene Romane zu schreiben geruhe, sondern stetig neue Variationen ein und desselben.

Mondlicht an der Nordseeküste (1876)

Eine Modulation, die nicht bloß vag in die Weite der unbegrenzten Motivpalette ausgreift, sondern auf die nuancenreiche Vertiefung eines einzigen Gegenstandes abzielt, verlangt Entschiedenheit und Rückbindung. Sie setzt – frei nach Frank Böckelmann den Fund eines Sujets voraus, das es wert ist, keine Wahl mehr zu haben. In Zeiten, da Bindungsangst und Relativismus täglich fröhlichere Urstände feiern, bleibt Baades Art der Selbstbesiegelung also womöglich das letzte, nur auf den ersten Blick unscheinbare Abenteuer an der Leinwand. Und ein lohnendes noch dazu. Denn nicht Wenige, die sich ein Leben lang beflissen alle Türen offenzuhalten versuchen, fristen ihr Dasein letztendlich auf dem Durchgangsflur.

In seiner unscheinbaren Figur mit dem zergrämten, weltabgeschiedenen Antlitz – sein Bildnis wurde 1879 durch Grönvold gemalt – lag eine unergründete Tiefe. Baade war ein Denker und Schweiger wie Moltke, als Maler aber ein echter Dichter von reicher Phantasie und virtuoser Technik.

Hyacinth Holland
Küstenlandschaft im Mondlicht (1851)

In seiner 1952 erschienenen Erzählung ‚Besuch auf Godenholm‘, in der Ernst Jünger eine geschlossene Gesellschaft auf der fiktiven skandinavischen Insel des Philosophen Schwarzenberg zusammenkommen lässt, wird ein unterschwelliger Prunk zur Sprache gebracht, der allenfalls an der Oberfläche als Gleichförmigkeit erscheint. Dass hermetische Tiefenschichten für das geschärftere Auge ungleich mehr bereithalten als äußerliches Grau in Grau, mag für die herbe nordische Landschaft, die dunklen Fjorde und Schären ebenso gelten wie für die “ossianischen Nebelbilder” (Hyacinth Holland), in die Knud Andreassen Baade sie ein erfülltes Künstlerleben lang zu bannen versuchte, ohne je wirklich fertig zu werden mit ihr.

Wenn man die Augen schirmte, um den grauen Spiegel zu durchdringen, entdeckte man das reiche Leben, das in den Fjorden flutete. Die Hochmoore bildeten Archive von unbekannten Farben, die eines großen Malers harrten, der sie entschleierte. Die Zinnen und Gletscher waren von einer Hintergründigkeit umwittert, die alle List des Südens übertraf. Nur glich das alles einem leeren Schachbrett; die Langeweile, die Müdigkeit gehörten wie Vorhänge dazu. So geht auch Träumen Einschläferung voraus.

Ernst Jünger
Sturmnacht (1879)

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