#leinwandhelden: Karl Wennergren

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Wer in den Groß- und Kleinkünsten traurig oder schadenfroh darauf spekuliert hatte, dass die Linien der Tradition nach dem gründlichen Nivellierungswerk des 20. Jahrhunderts auch zu Beginn des 21. weiter ins Leere laufen würden, sieht sich von immer mehr Millenials eines Besseren und Besonneneren belehrt: Lisa Eckhart (*1992) beschämt die Kabarettisten, Samuel Hasselhorn (*1990) die Liedsänger und Karl Wennergren (*1991) die Landschaftsmaler der überspringenswürdigen Elterngeneration: “Die Enkel fechtens besser aus.”

Wennergren, den wir nach Fritz Hörauf als zweiten unter den Lebenden zum Leinwandhelden ausrufen, ist im schwedischen Lund geboren und gelangte – ein weiterer Schlag ins Kontor der Kulturpessimisten – über das digitale Malen zu den alten Meistern. Von 2014 bis 2017 studierte er an der Swedish Academy of Realist Art, lehrt heute in Uppsala an der ältesten Universität Skandinaviens und stellte bisher etwa in Bornholm und Kopenhagen, aber auch in der New Yorker Booth Gallery aus.

Karl Wennergren im Atelier.

Durch seine Antworten auf einige Fragen, die wir an ihn richten konnten, finden wir unsere anfängliche Intuition bestätigt, dass der Zugriff des jungen Malers dem anbruch-Geist insofern verwandt sein dürfte, als Wennergren jederzeit auf ästhetischen Irrwegen kehrtzumachen bereit ist, ohne sich deshalb der klassischen Moderne gegenüber in jene pauschale Verneinung zu flüchten, deren Beigeschmack Bitternis und deren Fluch Fruchtlosigkeit ist.

Vorahnung von Lappland (Öl auf Leinwand, 48 x 35 cm)

Seit wann malst Du und wer hat Dich bestärkt oder beeinflusst darin?

Wie die meisten meiner Zunft zeichne ich, solange ich denken kann, doch die Entscheidung, das Malen zu meiner Lebensgrundlage zu machen, fiel erst vor sieben oder acht Jahren. Damals befasste ich mich eingehend mit digitaler Malerei und bezog den Großteil meiner Inspiration aus Filmen und Videospielen. Nach einer Weile aber kristallisierte sich heraus, dass dieses unterhalterische Umfeld kein mir gemäßes gewesen wäre und ich wandte mich den schönen Künsten zu. Die Reihe der Maler, zu denen ich aufblicke, hat sich über die Jahre verändert, doch Konstanten bleiben für mich Turner, Rembrandt, Böcklin und Inness.

Bleistiftzeichnung ohne Titel

Böcklin, den Du unter deinen Favoriten nennst, missfiel bekanntlich die Vorstellung, seine Bilder zum Objekt von Interpretationen herabgemindert zu sehen. Möchtest Du mit Deinen Werken Botschaften aussenden?

Auch darin fühle ich mich Böcklin nah: Die Bedeutung meiner Bilder kümmert mich nicht. Eher als die Vermittlung von Botschaften liegt mir die Darstellung von Gemütszuständen am Herzen. Etwas in der Art eines Narrativs erlaube ich mir nur, solange es vieldeutig oder opak bleibt. Alles Weiterführende überlasse ich dem Betrachter. Oft schon bin ich in Museen an Bilder herangetreten, von denen ich nichts wusste und die dennoch auf eine sehr bestimmte Weise zu mir gesprochen haben. Diese Art von Dialog wurde durch die Stichworte auf den erklärenden Schildern eher gestört als befördert. 

Studie eines Armes (Öl auf Leinwand)

Unser zweiter Leinwandheld – Thomas Cole – begründete im 19. Jahrhundert die Hudson River School, eine einflussreiche Bewegung von amerikanischen Landschaftsmalern. Im Rahmen der Hudson River School Fellowship warst Du im New Yorker Grand Central Atelier.

Ja, schon vor einigen Jahren. Dort werden jungen Künstlern gute Möglichkeiten eröffnet, sich in der Landschaftsmalerei zu vervollkommnen. Es war für mich eine großartige Phase, aus der viele Begegnungen von bleibendem Wert herrühren. Die Maler der historischen Hudson River School interessieren mich zwar und ihren Werken gehört meine Bewunderung, aber abgesehen von Inness, der ihnen mitunter zugerechnet wird, speist sich meine Inspiration vorrangig aus anderen Quellen.

Zur handwerklichen Meisterschaft gesellt sich bei nahezu allen Vertretern der Hudson River School die Erlesenheit der Motive. Was wäre Dir lieber, ein dürftig gemaltes Märchenschloss oder eine gut gemalte Mülltonne?

Es käme einzig und allein darauf an, wie gründlich die Essenz des Gegenstandes herausgearbeitet ist. Wenn man unter ‘gut gemalt’ – wie ich es erwarten würde – ebendiese Gründlichkeit versteht, dann würde ich zweifellos die Mülltonne bevorzugen.

Stilleben ohne Titel (Öl auf Leinwand)

Einige Maler hören Musik, während sie arbeiten. Du auch?

Manchmal. Das hängt von der Aufgabe ab, der ich mich jeweils gegenübersehe. Für mich benötigen einige Stellen eines Bildes und gewisse Strecken des Malprozesses deutlich mehr Fokussierung als andere. Während dieser entscheidenden Phasen ist mir die Stille lieber. Abgesehen davon empfinde ich Instrumentalmusik als weniger störend denn Stimmen oder Text. Am wichtigsten ist, dass die Musik nicht zur Ablenkung wird. Darzustellende Stimmungen oder Gefühle können sehr flüchtig sein und schnell von oberflächlicheren Eindrücken verdrängt werden. Es ist wie im Traum, wo man vagen Zielen nachspürt, vor deren Erreichen man nicht aufwachen möchte.

Rosen (Öl auf Leinwand, 33 x 48 cm).

Hast Du einen deutschen Lieblingsmaler?

Namen, an die ich hier zuerst denke, lauten Caspar David Friedrich, Hans Holbein und Albrecht Dürer, ohne unter ihnen einen klaren Favoriten benennen zu wollen. Darüber hinaus schätze ich auch die Maler der Düsseldorfer Schule sehr.

Die Flucht (Öl auf Leinwand, 34 x 22 cm).

Manche der von Dir verehrten Künstler werden der Romantik, andere dem Symbolismus zugeordnet. Würdest Du Dir heute ebenfalls eines dieser Etikette anheften lassen?

Ich fühle mich keiner dieser Strömungen vorbehaltlos zugehörig, wiewohl ich sicherlich mit beiden manchen Berührungspunkt habe. Vollends festlegen lassen würde ich mich ungern. Dennoch oder gerade deswegen halte ich unsere Zeit, was die Malerei anbetrifft, für eine sehr interessante. Das 20. Jahrhundert, namentlich dessen erste Hälfte, trumpfte auf mit einer Vielzahl von bahnbrechenden Einschnitten, die das Selbstverständnis des Künstlers bis heute grundlegend und unwiderruflich verändert haben.

Zugleich löste man sich in Vielem von der Tradition. Während also einige verlockende Türen in die Zukunft geöffnet wurden, schloss man zugleich manche nicht weniger reizvolle zur Vergangenheit. Meine Generation, die lebhaftes Interesse an traditionellen Maltechniken zeigt, dürfte dank der aufgestoßenen Türen und durch die nach wie vor bestehende Möglichkeit zur erneuten Öffnung der verschlossenen eine verheißungsvolle Ära einläuten – womöglich eine freiere und kreativere als jemals zuvor.

Ohne Titel (Öl auf Leinwand, 22 x 22 cm).

Wenn Du den Malprozess einem Traum vergleichst, bist Du dann auch vertraut mit dem, was der Schweizer Kunsthistoriker Beat Wyss die ‘Trauer der Vollendung’ nennt? Bereust Du bisweilen, Deine Träume mit dem fertigen Gemälde erfüllt – vielleicht auch erstickt – zu haben?

Am wichtigsten ist, dass man nicht aus dem Traum erwacht, bevor er seinen vollen Lauf genommen hat – ansonsten entstünde allenfalls ein unvollkommenes Gemälde, ohne Seele. Diese Gefahr besteht, weil das Konfuse und Widersinnige zum Wesen des Traums gehört. Manchmal verliert man bei der Umsetzung den Faden und wünscht sich, man hätte stattdessen etwas länger weitergeträumt. Bedauern würde ich aber nur empfinden, wenn es mir nicht gelänge, das Anvisierte ins Bild zu fassen. Ein Gemälde ist für mich eine Art Erkundung, demnach fühle ich keine Trauer der Vollendung, sondern eher das Glück des fündigen Schatzsuchers.

Bibliothek von Malmö (Skizze in Wasserfarben)

Du bist heute keine dreißig Jahre alt. Welches sind Deine künstlerischen Ziele und wo siehst Du Dich in fünfzig Jahren?

Eine sehr lange Zeitspanne. Alles, was ich heute weiß und sagen kann, ist dass ich auch weiterhin den Dingen nachzuspüren gedenke, die mich faszinieren. Dabei können sie sich durchaus ändern, sei es graduell oder grundsätzlich. Allgemein fällt es mir schwer, Worte für diese Dinge zu finden – auch deshalb, weil sie mir fern und obskur, zugleich aber auch seltsam vertraut vorkommen. Mein ganzes Augenmerk liegt darauf, den Geist oder die Essenz auch vordergründig belangloser Konstellationen und Gegenstände sichtbar zu machen und einige jener flüchtigen Momente festzuhalten, in denen alles für den Bruchteil einer Sekunde lang klarer scheint als sonst.

Wir wünschen Dir dabei allen Erfolg und danken für Deine Auskünfte.

Der Sturm (Öl auf Leinwand, 75 x 50 cm)


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