#leinwandhelden: Joachim Patinir

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Jüngst durchfuhr mich ein Schreck, als ich der Enge des Zeitfensters gewahr wurde, in dem unsere bisherigen Leinwandhelden bequem Platz finden: Mit Clarkson Stanfield ist immerhin ein spätes Kind des halbwegs heilen 18. Jahrhunderts unter den Nobilitierten, doch ganze vier weitere Heroen von anbruch-Gnaden wurzeln im 19. und immerhin drei wirkten oder – mirabile dictu – wirken noch als pittoreske Felsen in der gischtenden Brandung des letzten oder aber des laufenden Säkulums.

Hohe Zeit also für einen epochalen Rückwärtssalto ins ausgehende flämische Quattrocento: zu Joachim Patinir, der sich Inspiration von Hieronymus Bosch leiht und Farben von Albrecht Dürer, den er 1521 auch als Hochzeitsgast nach Antwerpen einlädt. Um 1480 im heutigen Belgien geboren, wird Patinir erstmals 1515 als Neuzugang in der städtischen Lukasgilde aktenkundig, dem zünftigen Ort für Maler und Bildschnitzer.

Taufe Christi

Da er spätestens 1524 stirbt und neben seinem überschaubaren Werk kaum Lebenszeugnisse hinterlässt, beschränkt der “gut landschafft mahler” (Dürer wörtlich über Patinir) das Einhak-Potential für rührige Biographen auf ein Minimum und verschafft der freier flottierenden Kunstbetrachtung umso mehr Raum. Als Hautpwerk gilt seine ‘Taufe Christi’, die verschiedene Stadien der biblischen Erzählung – wie uns der Schweizer Kunsthistoriker Felix Thürlemann in der NZZ auseinandersetzt – vernunftwidrig in eins rückt.

Johannes kniet am Ufer und giesst Christus aus der blossen Hand Wasser über das Haupt. Oberhalb des Täuflings erscheint in einer dunklen Wolke Gottvater, der die Geisttaube zu seinem Sohn sendet. Johannes erkennt man ein zweites Mal am linken Bildrand, wie er als Prediger dem jüdischen Volk das Kommen des Erlösers ankündigt. Auch Christus ist bereits vor der Taufe dargestellt. Er steht ganz allein in der Bildtiefe hinter dem Propheten und seinen Zuhörern und wartet auf sein Erlösungswerk.

Felix Thürlemann
Versuchung des heiligen Antonius

Der Dichter Jochen Winter, bekannt weniger aus Funk und Fernsehen als aus unserem letztjährigen Beitrag zur Schwetzinger Fritz-Hörauf-Vernissage, imaginiert in seinem Essaywerk die moderne Welt als zerbrochenen Spiegel, dessen einzelne Scherben von jeweils verschiedenen und nicht selten auch verfehdeten gesellschaftlichen, politischen oder religiösen Gruppen fälschlich für das wahre Ganze gehalten werden. Durch Patinirs bildgestalterischen Ansatz der ‘Weltlandschaft’ wird auf dem transalpinen Renaissance-Zenit der Eindruck eines intakten Weltspiegels vermittelt: alles Geschehen wirkt tief eingebettet in einander von Mal zu Mal ähnelnde Berge, Bauten und Buchten – wechselnde Handlung vor seltsam steter Kulisse.

Landschaft mit Sodom und Gomorrha

Reisefaule mögen sich durch Patinirs Beispiel bestätigt fühlen: Um die Welt als Ganzes in Bildern einzufangen, befindet es der Flame zeitlebens nicht für nötig, sie im Voraus ausgiebig zu befahren und in Augenschein zu nehmen. Gesteinsbrocken im Atelier sind ihm Anregung genug zur malerischen Umsetzung größerer Felsformationen. Was in diesen klausnerhaften Lebensentwurf womöglich als intuitive Überzeugung hineingelesen werden kann: dass es kein wirkliches Anderswo gibt, wenn jede Erscheinung von einer gemeinsamen Substanz herrührt. Außer Zweifel jedenfalls: dass Patinirs Ortsgebundenheit Gómez Dávilas Gefallen gefunden hätte.

Der Barbar zerstört nur, der Tourist entweiht.

Nicolás Gómez Dávila
Landschaft mit dem heiligen Hieronymus

Nicht nur Caspar David Friedrich und Thomas Cole, sondern auch Joachim Patinir wird gemeinhin nachgesagt, dass die Darstellung des Menschen nicht zu seinen Stärken gezählt habe. Auch aus dieser Not, so die gängige Lesart, sei die Tugend der Fokussierung auf das Landschaftliche erwachsen. Wie Georg Friedrich Kersting für Caspar David Friedrich, so soll der befreundete Maler und Medailleur Quentin Massys bei Patinirs Figuren mitunter nachgeholfen und im Gegenzug seinerseits für manchen Bildhintergrund Unterstützung durch den Erfinder der Weltlandschaft in Anspruch genommen haben. Wo solche kompensatorische Tugendhaftigkeit am Ende steht, dort wünschte man sich häufiger ein Mehr an Not im Anfang.

Und unsere Not ist die Not der Notlosigkeit, der Unkraft zur ursprünglichen Erfahrung der Fragwürdigkeit des Daseins.

Martin Heidegger
Charon überquert den Styx

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