Ratlose Einigkeit – »Krass« von Martin Mosebach

„Ich lese erst ein Buch von Martin Mosebach, wenn er seinen Figuren vernünftige Namen gibt.“ Also sprach vor einigen Tagen die Studienrätin Katharina Herrmann auf Twitter, dem letzten Rückzugsort der Vernunft. Wiewohl man die solcherart begründete Verweigerungshaltung mit gutem Recht unter Bequemlichkeitsverdacht stellen darf, bietet Martin Mosebachs jüngster Roman, erschienen am 26. Januar bei Rowohlt, den Verächtern des Extraordinären tatsächlich breite Angriffsfläche: Von Lidewine Schoonemaker, der quadratgesichtigen Tochter eines belgischen Konzeptkünstlers, bis hin zu Madame Lecœur-Jouët, der weißhaarigen Chefarztgattin, hat es nahezu ausnahmslos merkwürdige Charaktere in das handverlesene Gefolge von Ralph Krass verschlagen, jenem grobklotzig-genussfreudigen Waffenhändler, dessen zwielichtige Karriere im ersten Teil des Buches, spielend unmittelbar vor dem Fall des Eisernen Vorhangs, auf ihrem Zenit steht.

Was man Mosebachs Roman bereits nach Lektüre der ersten Kapitel relativierend zugutehalten kann: Nicht bloß twitternde Skeptikerinnen stoßen sich an mancher Namenswahl, sondern ebenso, wenn auch nur vereinzelt, die handelnden Figuren ihrerseits: Der Name ‘Ralph’ behage ihr ganz und gar nicht, lässt Neuzugang Lidewine den machtbewussten Mittelpunkt der illustren Reisegruppe recht bald wissen, daher werde sie ihn einfach bei seinem Nachnamen ‘Krass’ ansprechen, der fortan mitunter liebevoll zu ‘Krasslein’ deminuiert wird. Mit dieser Verniedlichungsform wird ausgerechnet ein geltungssüchtiges Schwergewicht bedacht, dessen Aura und Gebaren, gemessen entweder an seinem tatsächlichen Rang oder aber an den nivellierten Standards der Nachmoderne überhaupt, deutlich zu raumgreifend scheinen und so regelmäßig das Komische streifen.

Nicht wenige der Vergleiche und Assoziationen, durch die Ralph Krass und sein Auftreten für den Leser an Kontur gewinnen, kommen augenzwinkernd reaktionär daher: Wenn der gut zwanzig Jahre Ältere Lidewine zulächelt, dann tut er dies „wie ein Heerführer, der vor einer Schlacht die Frau eines ausländischen Botschafters empfängt und mit ihr höfliche Konversation macht.“  Wenn Krass’ Gäste in seiner Anwesenheit miteinander ins Gespräch kommen, dann vergessen sie niemals, dass ihr unnahbarer Gönner zu jeder Zeit über die Szenerie wacht, „als sei er ein Monarch des Mittelalters, der Gelehrte vor seinem Thron disputieren ließ, ohne selbst das Wort zu ergreifen.“ Wenn er sich Lidewine zuneigt, nachdem ein edler Wein ihres Geburtsjahrgangs geöffnet worden ist, dann geriert er sich dabei nicht weniger galant als “ein Ritter, der seiner Dame das zerbrochene Schwert eines Feindes zu Füßen legt.“

Zum Knappen hat sich Ralph Krass den studierten Kunsthistoriker Dr. Matthias Jüngel erkoren – zwar durchaus gelehrt und beflissen, doch habituell weit ab von der imponierenden Selbstsicherheit seines Vorgesetzten -, den er nach kulturgesättigten Tagen in Neapel mit der Auswahl eines strategisch günstig gelegenen Hauptquartiers im Mittelmeerraum betraut: “Ich möchte seßhaft werden.” Auch hier bleibt der assoziative Resonanzraum entschieden vormodern: “Er sprach, als schildere er das Seßhaftwerden eroberungsmüder Reitervölker. Würde sein Haus nicht immer etwas von einem Heerlager haben?” Begutachtet wird auf der pittoresken Felseninsel schließlich das seinerzeit baufällige Anwesen des Grafen Adelswärd, bei Mosebach als ‘Villa Faraone’ in Erscheinung oder vielmehr in Verschleierung tretend.

Ausblick von der Villa Lysis alias ‘Faraone’.

Bald nach dieser Besichtigung kommt es zum Bruch zwischen Krass und Lidewine, weil die unbezähmbare Künstlertochter eine Vereinbarung bricht, die vom Rowohlt Verlag – womöglich eine Spur zu effektheischend – als mephistophelischer Pakt angekündigt wird: Während ihrer Zeit mit Krass, so das ungeschriebene Statut, werden zwar von Lidewine keine Liebesdienste an ihm erwartet, doch ist ihr auch der Liebesdienst an jedem anderen ausdrücklich untersagt. Nachdem Jüngel zum nächtlichen Zeugen eines lustvollen Vertragsbruchs wird, meldet er seinem Ritter und Heerführer gegenüber pflichteifrig den Verstoß, woraufhin Lidewine ihrerseits binnen Tagesfrist aus der Reisegesellschaft verstoßen wird. Ein letztes Wiedersehen wird sich erst zwanzig Jahre später in Kairo ergeben, wo ein aus der Schicksalsgunst gefallener und inzwischen mittelloser Krass gestrandet ist, während sich auch Lidewine und Jüngel unabhängig sowohl voneinander als auch von Krass’ unvermuteter Anwesenheit dort einfinden.

Dass der Stern des schweigsamen Machtmenschen, den Mosebach mit gewohnter Detailversessenheit und in stilistischer Hochbrillanz porträtiert, im weiteren Erzählverlauf seinem Sinkflug entgegensehen würde, kündigt sich dem humanistisch restgebildeten Leser bereits vor Lidewines erster Wortergreifung durch das stille Beschwören eines denkbaren Polykrates-Szenarios an: “Die Fischhälften sanken unter den Gabeln der tranchierenden Kellner auseinander und offenbarten die Rosmarinzweige, mit denen die Leiber gefüllt waren. Hätte sich ein Ring darin gefunden, keiner am Tisch wäre nach dem Vortrag von Herrn Krass erstaunt gewesen.” Überhaupt kommt der Allusoriker Mosebach auf den 525 Seiten des Romans ausgiebig zum Zug, während der Katholik Martin Mosebach seine Figuren mitunter an erstaunlich langer weltanschaulicher Leine führt.

So stellt etwa Jüngel im Rahmen eines seiner kunsthistorischen Exkurse heraus, dass das Christentum aus der Perspektive seines Faches von den Kunstschöpfungen der Antike nicht zuletzt durch den Mut zur Häßlichkeit unterschieden sei: “›Die Antike war bestens anatomisch instruiert‹, sagte er in die verblüfften Gesichter der Franzosen hinein, ›sonst wären die grandiosen Skulpturen ja unvorstellbar. Aber man hatte eine Scheu vor dem Zergliedern und einen Ekel vor der Häßlichkeit. Realistische Totenköpfe findet man erst in der Gotik – dazu musste erst eine neue Religion entstehen, mit einer anderen Beziehung zur Häßlichkeit.‹” Der Poet und Ästhetiker Mosebach gibt sich die Ehre, wenn er einen Herrn Nabil im Gespräch mit Jüngel auf die missglückte Restaurierung des tönenden Memnonkolosses hinweisen lässt: “Er war repariert, und er war getötet. Und steht seither als Grabmonument seiner selbst auf dem öden Feld vor den Bergen der Sahara. Sie verstehen mich? Das ist ein Beispiel und Beweis meiner These von der durch Restaurierung vorangetriebenen Vernichtung der Schönheit.”

Und der Sprachkünstler und Erzähler Martin Mosebach? Er läuft auch in ‘Krass’ zu einsam hoher Form auf – darüber herrscht ratlose Einigkeit unter den Rezensenten aus aller Herren Verlagshäuser. Doch wonach bemisst sich diese Qualität oder woran ließe sie sich festmachen? Mir persönlich ging, dass hier ein virtuoser Erzähler seine Fäden wirkt, spätestens über jenem Kapitel auf, das Jüngels sondierendes Gespräch mit der betagten Eigentümerin der ‘Villa Faraone’ schildert, einer in Kaschmir gehüllten und haarumfluteten Frau, die ihr Leben gelebt hat und es doch nirgendwo “mehr als drei Tage” aushält: “Als sie sich umwandte und langsam entfernte, sah man wieder ihr kunstvoll verlängertes Haar; es schien, als vergesse sie den Besuch mit jedem ihrer Schritte ein wenig mehr.” Nach diesem beschließenden Halbsatz steht dem Leser die bizarre Szenerie in der neapolitanischen Marmorhalle eigentümlich plastisch vor Augen und weicht ihm lange kaum aus dem Sinn. Nicht nur, aber auch deshalb bleibt es dabei: Martin Mosebach ist eine der letzten gültigen Entschuldigungen dafür, dem zeitgenössischen Prosasektor Beachtung zu schenken.