Konvention – Eine Anekdote in Kleistscher Manier

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Vor einem Konzert für Neue Musik gab ich an der Garderobe des Gewandhauses zu Leipzig meinen Mantel und mein Schaltuch ab. Ich suchte in meiner Handtasche nach der Eintrittskarte, als mir mein Unterbewußtsein signalisierte, daß die sehr junge Frau, welche eben nach dem Aufhänger meines Kleidungsstücks getastet, sich danach keinen Schritt von der Theke, die uns trennte und vor der ich als einziger Besucher stand, entfernt hatte. Ich sah auf und blickte in geistig entrückte Augen. Die Nase der Garderobiere war zur Hälfte von meinem Schaltuch verdeckt. Sie nahm einen tiefen Zug. Mein entgeisterter oder auch faszinierter Blick holte sie in die uns geläufige Wirklichkeit zurück, und sie fühlte sich genötigt, eine Erklärung abzugeben.

Eine Erklärung wohlgemerkt – keine Rechtfertigung oder Bagatellisierung oder gar Lüge! Zutraulich gab sie preis, daß sie selbst und ihre Freundin immer – und hier stockte mir der Atem – IMMER an den Tüchern der Besucher schnüffele (für die Verwendung dieses Begriffes verbürge ich mich nicht; es kann auch sein, sie hat den neutralen „riechen“ verwendet). Ihre Freundin erkenne jedes Parfüm, und diese Fähigkeit hätte sie auch gern. „Und? Was ist es?“, war ich mäßig geistesgegenwärtig zu antworten fähig, noch bevor ich dieses Geständnis verdaut hatte. „Ich weiß nicht. Sagen Sie es mir?“  Ich nannte ihr meine Parfümmarke. „Amarige de Givenchy“, wiederholte sie versonnen und etwas lautmalerisch. „Ja, das kommt mir bekannt vor. Ich werde meine Freundin danach fragen.“

Kam ihr der Geruch oder die Marke bekannt vor? Sind sie harmlose Gourmands oder – wie heute so viele Menschen – besessen von einer scheinbar individualitätstiftenden Leidenschaft? Sind sie für einen guten Duft zu töten bereit wie Jean-Baptiste Grenouille? Wie vertrug sich ihre für unsere Zeit ungewöhnliche sinnliche Sensibilität mit der allüberall obwaltenden technischen Vermittlung? Sind sie in der Lage, ihren Maschinenpartnern Düfte mit Worten anschaulich (gewissermaßen „odeurable“) zu beschreiben, und bekommen sie entsprechende messages zurück?

Es hätte wirklich noch interessant werden können. Aber ich war zu verblüfft, zu entwaffnet auch, um mein Investigativbataillon aufmarschieren zu lassen. Wir wünschten uns gegenseitig einen schönen Abend.

Die Form war wiederhergestellt.

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