Königstod – 1918 und das Ende der Monarchie in Deutschland

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Der Rolle eines rückwärts gekehrten Propheten, wie sie Friedrich Schlegel einst dem Geschichtsschreiber zugewiesen hatte, verweigert sich der Würzburger Historiker Benjamin Hasselhorn mit Ansage: Statt vollmundig zu verkünden, warum es für den vorerst letzten deutschen Kaiser kommen musste, wie es schließlich kam, sinniert er in seiner 2018 veröffentlichten Betrachtung ‘Königstod‘ darüber, wie es auch ganz anders hätte kommen können: Dann nämlich, wenn Wilhelm II. den Heldentod an der Front gestorben wäre.

Nicht von ihrem unrühmlichen Ende her oder ihrem verhängnisvollen Nachspiel, sondern an und für sich bewertet Hasselhorn die 30-jährige Regentschaft des Hohenzollern und gibt dieser Episode der deutschen Geschichte somit ihre offene Zukunft zurück: Er verweist auf soziale Errungenschaften ebenso wie den technischen Fortschritt und das weltweit bewunderte Universitätswesen mit seiner Vielzahl an Nobelpreisträgern. Auch dem Kaiser selbst – heute abwechselnd als Stümper, Schurke oder beides in Personalunion gescholten – wird manches abgewonnen: Hasselhorn zeichnet das Bild eines großzügigen Mäzens und beflissenen Vermittlers, redlich bemüht um die Integration von Katholiken und Juden in den protestantisch dominierten Reichsverband.

Wilhelm II. 1888, im Jahr seines Amtsantritts.
(Quelle: Wikimedia Commons)

Im Weiteren nimmt der Autor den Traditionsbruch von 1918 zum Anlass für abstraktere Fragen nach Herrschaft und ihrer Rechtfertigung. Er gibt zu bedenken, dass von den drei historisch wirkmächtigsten Arten der Legitimität – der charismatischen, der traditionellen und der rationalen – die letztere gegenwärtig übergewichtet werde, was Spielräume für Charismatiker auch der dubiosen Sorte eröffne. Denn das anthropologische Grundverlangen nach Ritus und Autorität, so führt Hasselhorn in Rekurs auf Max Weber aus, verschwinde nicht etwa mit dem Rückzug von Monarchie und Religion, sondern suche sich verlässlich neue Ventile.

Wo keine Götter sind, heißt es schon bei Novalis, walten Gespenster. Wäre der Spuk des Nationalsozialismus denkbar gewesen, fragt nun der promovierte Theologe, wenn kein metaphysisches Vakuum ihn begünstigt hätte? Konnten Führer, Hakenkreuz und Lichtdom womöglich nur zentral werden, weil Kaiser, Kreuz und Dom zuvor marginal geworden waren? Schritt für Schritt lässt Hasselhorn manchen Vorzug einer Staatsform ersichtlich werden, die in ihrer leichthin belächelten Prachtentfaltung auch jene Gefühlsebene erreicht, die blutleeren Kopfgeburten wie dem Verfassungspatriotismus verschlossen bleibt. Dabei stellt der Autor bisweilen seine Fähigkeit zur aphoristischen Verdichtung unter Beweis: Im Märchen, so legt er die Repräsentationslücke des Mythischen im postmodernen Ämterkarussell offen, gebe es eben weder Ratsvorsitzende noch Ministerpräsidenten.

Büste Wilhelms II. vor Haus Doorn.
(Quelle: Wikimedia Commons)

Also zurück zur Monarchie? Gerade Befürworter des Königtums dürften sich empfänglich zeigen für Hasselhorns Warnung vor dieser Machbarkeitsfantasie: Schließlich sei es der Wesenskern von Tradition und Mythos, dass sie nicht bewusst implementiert werden könnten, sondern allenfalls als hergebracht vorgefunden. Was man an organisch Gewachsenem einmal verworfen habe, sei kaum mehr restituierbar. Umso pfleglicher gelte es daher mit den Beständen zu verfahren, die bis heute greifbar sind.

Sein umsichtiges Plädoyer für einen maßvollen Konservatismus hält Hasselhorn mit ungetrübter Assoziationsfreude und in preisgekrönt prätentionsloser Sprache, sodass auch klassischer orientierte Leser ein Nachsehen haben mögen, wenn der verhältnismäßig junge Wissenschaftler seine Thesen mitunter anhand von Deichkind- oder Coldplay-Liedzeilen entwickelt. Vielleicht sogar ein Nachhören.

Benjamin Hasselhorn: Königstod. 1918 und das Ende der Monarchie in Deutschland. Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2018.

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