‘In den Gräben der Geschichte’ – Ernst Jünger und Neo Rauch

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Nicht genug damit, dass das Jünger-Haus zu Wilflingen, als wir dort im Mai vorstellig und aktenkundig wurden, sich eines regen Besucher-Andrangs aus allen Alterskohorten erfreuen konnte: Auch sei man bereits, so erzählte es der stolze Museumsführer einer kleineren Gruppe im Tonfall der Vertraulichkeit, auf das Vorrücken von deutsch-französischen Kamera-Geschwadern eingestellt, die sich für Aufnahmen zu einem geplanten Dokumentarfilm angekündigt hätten.

Das knapp einstündige Ergebnis unter anderem dieses Dreh-Termins, zu besichtigen entweder am heutigen Abend um 21:50 Uhr auf arte oder aber bis Weihnachten auf Mediatheks-Wegen, hebt an mit einem Satz aus dem Off, der auch als Subtext in der mailichen Ankündigung mitschwang: Ernst Jünger sei wieder wer, übe von Neuem Anziehung aus über sämtliche Streitparteien hinweg. Nach dem breiten Widerhall, den der im Frühjahr veröffentlichte Klett-Cotta-Band ‘Gespräche im Weltstaat‘ fand, bekräftigt das Filmporträt nun den Eindruck von Jünger als einer festen Größe, mit der künftig zu rechnen sein dürfte.

Vorhang auf für Ernst Jünger.
(Quelle: Wikimedia Commons)

Rechnen muss man 2019 am Filmstandort Deutschland naturgemäß auch mit rigidem Weltanschauungsproporz bei der Kommentatoren- und Experten-Auswahl von Senderseite: Als nachsichtige oder apologetische, jedenfalls aber gründliche Kenner des Dokumentations-Gegenstands sind die Biographen Heimo Schwilk und Helmuth Kiesel geladen. Keine Jünger-Monographie hat bisher die ZEIT-Kritikerin Iris Radisch vorgelegt, was sie nicht daran hindern kann, Anstoß zu nehmen an der “monströsen Mitleidlosigkeit” in den ‘Strahlungen‘, am “Antihumanismus” also nicht etwa der Kampfflieger selbst, sondern des Einzelnen, der in ihrem Bombenhagel burgunderbewehrt seinen Stand zu wahren versucht.

Die entschieden schillerndste Figur unter den Wortbeiträgern ist der Leipziger Maler Neo Rauch, der den Schriftsteller als bewährten Türöffner, als stilbildenden Einfluss und als “Inhaber gewaltiger Schätze” preist. Selbst die Prägung vom ‘Anbräuner‘, mit der Rauch im vergangenen Sommer einen seiner aktuellen Streiche betitelte, ist Jüngers Frankfurter Rede zur Verleihung des Goethe-Preises von 1982 entliehen. Wie der kunstsinnige Romancier und Diarist, so spricht sich auch der literarisch bewanderte Maler dafür aus, über ideologischen Stellungsgräben souverän das Gespräch mit empfänglichen Zeitgenossen zu suchen, die schließlich in allen Lagern und Spektralfarben aufträten.

Äugend hinweg über Fronten in Verhärtung: Der Maler Neo Rauch.
(Quelle: Wikimedia Commons)

Man müsse stets, so zitiert Rauch sein Idol mit jungianischem Anklang, “die Grundtypen im Auge behalten”, die “Wadenbeißer, Schnüffler und Zurechtweiser” zugunsten der hehren Gestalten und edlen Charaktere aussondern. Als Jünger anlässlich des Borges-Besuchs 1982 einige Fragen von einem mitgereisten Reporter zuließ, bemerkte er abschließend über sein Verhältnis zu Joseph Roth: “Dass er und ich politisch verschiedener Ansicht sein mussten, versteht sich von selbst. Aber warum soll man sich nicht gut unterhalten mit Leuten, die politisch anderer Meinung sind?” Da wir uns seit einigen Monaten um eine Audienz bei Neo Rauch bemühen, appellieren wir zustimmend: Ziehen Sie anstelle von Zuschreibungen unsere Grundcharaktere in Betracht – und geben Sie sich einen Ruck.

Gute Unterhaltung garantiert im Rahmen der arte-Produktion Historiker Volker Weiß, der gewohnt zielsicher auf jeden Napf zusteuert. Nicht nur den Essayisten und Pamphletisten der Zwischenkriegszeit, sondern auch den Romanschriftsteller Jünger misst der Publizist ausschließlich “mit der politischen Elle” (Walter Wallmann 1982). Die Ästhetisierung des Schreckens, so Weiß, könne keiner Bewältigung Vorschub leisten und müsse demnach als Verweigerung aufgefasst werden. Hätte man diese Weisheit rechtzeitig über Paul Celan ausgegossen, dann wäre dessen ‘Todesfuge‘ ungeschrieben geblieben, wäre die bukowinische Vollwaise (“meiner Mutter Herz ward wund von Blei“) niemals “mit dem Marschallstab des Wortes” (Jünger über Linné) bannend und fügend durch die Verwüstung geschritten, um sie abzufedern und aufzuheben in der Form.

Spaßvogel: Volker Weiß wirft Künstlern Ästhetisierung vor.
(Quelle: Wikimedia Commons)

Der Sänger zwingt mit Klängen“, heißt es bei Eichendorff, “was störrig, dumpf und wild. / Es spiegelt in Gesängen / Die Welt sich göttlich mild.” Großer Stil entstehe, so sinnverwandt Nietzsche, wo das Schöne den Sieg über das Ungeheure davontrage. Das Ungeheure bloß als ungeheuerlich zu benennen und zu bedauern, ist dagegen eine gerade für den Horizont des Historikers oder Journalisten maßgeschneiderte Aufgabe, die sich auf dem Dach des Hotel Raphael ebensowenig stellt wie auf dem Hochplateau der Kunst überhaupt. “Sagen, was ist” – woran der zeitgenössische Journalismus regelmäßig scheitert, wäre für den Poeten auch im Gelingensfall noch eine Schmach. Wer die abendländische Kultur vor 1968 beginnen lässt, wird nicht umhinkommen, in wohlwollender Verfremdung, in Überhöhung und Ästhetisierung (auch des Schreckens) eher Ursprung und Bestimmung jedweden Kunstschaffens zu erblicken als eine Jüngersche Privat-Entgleisung.

Jünger sei es, so Weiß außerdem, während seiner beiden Kriegseinsätze allein darauf angekommen, mit welcher Tapferkeit und Selbstbeherrschung – in Kürze also: wie gekämpft werde. Weltanschauliche Ziele und Fragwürdigkeiten seien demgegenüber nicht ins Gewicht gefallen, von einem “Ethos des Kriegers” bleibe keine Spur. Einen älteren Hut als die konservative Formenliebe und ihre perfide, weil bewusste Missdeutung als Mitleid- und Skrupellosigkeit hätte man in der bolschewistischen Diskursrequisitenkammer kaum auftreiben können: Bereits Ernst von Salomon spricht in ‘Die Geächteten‘ (1930) vom “Marsch ins Ungewisse” – von einer äußerlich gefassten, in ihrer Zielrichtung jedoch denkbar unbestimmten Anstrengung. Für Volker Weiß verströmt dieses Pochen auf Modalitäten das Odium des Amoralismus. Für FAZ-Autoren wie Johannes Gross hingegen stand noch außer Frage, dass auch vermeintlich menschenfreundlichste Zwecke nicht jedes Mittel heiligen.

In der dunkelsten Ecke der Intellektuellenköpfe steckt noch das unterschiedliche Urteil über Hitler und Stalin – der eine habe doch Millionen umgebracht, um die Menschen zu unterjochen, der andere, um sie zu befreien. Wann wird die Welt kapieren, dass die Motive gleichgültig sind, dass es mehr auf die Mittel ankommt als auf die Zwecke?

Johannes Gross

Die eigentliche Trennlinie zwischen “lechts und rinks” (E.J.), zwischen der Priorisierung also von Form oder aber Sinn lässt sich beliebig verlängern in jeden Lebensbereich hinein: Der Progressist setzt den Akzent in der Kunst auf Gehalt statt Gestalt, hält Demokratie eher für einen Wert als für einen Prozess und definiert Extremismus bevorzugt anhand nebulöser semantischer statt auf der Grundlage objektiver methodischer Kriterien. Methodisch hat sich Johannes Gross nichts zuschulden kommen lassen: Er griff zur Feder, weder zur Machete noch zur Tiefkühltorte – ein Umstand, der ihn aus sinistrer Semantiker-Sicht freilich keineswegs freispricht vom Rechtsextremismus-Verdacht, den derart stalinfeindliche Zeilen heraufbeschwören müssen.

Über mich können Sie schreiben, dass ich Kommandant von Dachau war oder mit Stubenfliegen Geschlechtsverkehr ausübe; von mir werden Sie keine Entgegnung vernehmen.

Gottfried Benn

Als verdächtig galt nicht zuletzt Ernst Jünger über Jahrzehnte. Mit der nun entstandenen Dokumentation hat er sich posthum ein gutes Stück weiter vorangerobbt in die ominöse Mitte der Gesellschaft. Viele bislang Verfemte – ob tote Denker oder quietschfidele Parteifunktionäre – werden ihm künftig wohl oder übel nachfolgen auf diesem Weg und den Mittelpunkt Schritt für Schritt neu auspendeln: Vielleicht gründlich genug, um im öffentlichen Bewusstsein wieder ganze zwei äußere Ränder präsent werden zu lassen, von denen einer selbst Volker Weiß noch Platz böte. Solitäre Geister dürfte diese anstehende Neubesinnung wenig kümmern: Sie werden – ob als randständig, mittig, als Stubenfliegen-Bettgenossen oder Dachau-Kommandanten eingestuft – auch weiterhin unverdrossen ihrer Wege gehen, frei in den bedingten Bahnen wandeln.

Das Ästhetische und das Moralische treffen sich an einem gewissen Punkte, der sehr tief liegt.

Ernst Jünger
Bedingte Bahnen: Wilflinger Verzweigung von einem gewissen Punkte aus.
(Quelle: Wikimedia Commons)

In den Gräben der Geschichte. Der Schriftsteller Ernst Jünger
abrufbar auf ARTE.

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