Im Rausch des Denkens (III): Todtnauberg

Dritte Szene: Todtnauberg 1969. Hier geht es zu Teil I und hier zu Teil II.

20 Jahre später sitzen unsere Argonauten erneut in trauter Runde beisammen, dieses Mal nächtens vor Heideggers Hütte in Todtnauberg. Für einen sanften Rausch sorgt Heideggers Schwarzgebrannter. Man schaut zum Mond empor, auf dem einige Monate zuvor die Apollofähre gelandet ist. 

Heidegger: Ein seltsamer Gedanke, daß das Gestell nun schon nach dem Monde und in die eisigen Tiefen der Unendlichkeit ausgreift… Seltsam auch, daß rund um den Erdball Hunderte Millionen Zeuge sind, wie der erste Mensch seinen Fuß auf den Erdtrabanten setzt.

E. Jünger: Ihre Distanz zur Technik, vor allem zum Fernsehen, scheinen Sie aber überwunden zu haben, ich sah Sie kürzlich im Zweiten Deutschen Fernsehen im Gespräch mit Richard Wisser… Hab da übrigens noch ein Hühnchen mit Ihnen zu rupfen. Ich kenne um ein paar Ecken den Professor Wisser, der gibt privatim folgende Anekdote zum Besten – nachdem Sie ein wenig darüber gewitzelt hätten, daß der Jünger jünger sei als Sie und deshalb rüstiger, sollen Sie noch gekalauert haben: „Der Jünger tut sich schwer mit dem Denken. Meine, macht es sich nicht leicht.“ Das geht nun doch ein wenig zu weit – bedenken Sie, im Gegensatz zu Ihnen hab ich Nahkampferfahrung und bin in der Tat noch recht rüstig.

Heidegger: Wollen Sie mich etwa fordern? Und überhaupt: Die Szene war doch gar nicht im Fernsehen zu sehen. Immerhin hab ich gegenüber dem Wisser auch Ihren Garten gelobt. Was wollen Sie also?

E. Jünger: Ja, mein Garten… Ist Ihnen die Tigerlilie aufgefallen? Sehr stark zurückgebogene Blütenblätter von einem geschminkten, wächsernen Rot, das zart aber von hoher Leuchtkraft und mit zahlreichen, ovalen, schwarzblauen Makeln gesprenkelt ist. Diese Makeln sind in einer Weise verteilt, die darauf schließen läßt, daß die lebendige Kraft, die sie bewegt, allmählich schwächer wird. So fehlen sie an der Spitze ganz, während sie in der Nähe des Kelchgrunds so kräftig hervorgetrieben sind, daß sie wie auf Stelzen auf hohen, fleischigen Auswüchsen stehen. Staubgefäße von der narkotischen Farbe eines dunkelrotbraunen Sammets, der zu Pulver vermahlen ist. Im Anblick erwächst die Vorstellung eines indischen Gauklerzeltes, in dessen Inneren eine leise, vorbereitende Musik erklingt.

Heidegger: Geschminkt, fleischig, narkotisch… Das, lieber Jünger, sind so die Stellen, an denen Ihr Ästhetizismus doch arg in Kitsch übergeht… Die Rose des Angelus Silesius ist mir in ihrer Schlichtheit da doch viel näher:

Die Ros ist ohn warum.
Sie blühet, weil sie blühet.  
Sie acht nicht ihrer selbst,  
fragt nicht, ob man sie siehet.

E. Jünger: Müssen Sie immer alles durch die Blume sagen?

Heidegger: Mit Verlaub – Sie haben angefangen! Noch ein Schlückchen?

F. G. Jünger: Gern, mir bitte auch… Lasst uns lieber wieder über den Mond reden. Bruder Ernst, du warst im Geiste doch schon vor Jahrzehnten dort, hast nach deinem Besuch dem Mann im Mond sogar einen Brief geschrieben.

E. Jünger: Ja, der „Sizilische Brief an den Mann im Mond“ war seiner Zeit in der Tat weit voraus. Wir haben inzwischen zwar die ungeheure Distanz zum Mond überwunden, sehen indessen von Tag zu Tag immer weniger und unschärfer, was das Wesentliche betrifft. Der Mann im Mond war für mich ein fiktiver Beobachter, der aus großer Entfernung das Muster hinter den Erscheinungen wahrnehmen konnte. Er ist ein Teil der Erde und zugleich ein kosmisches Wesen – für ihn wächst aus der Feindschaft der Zeiten und Räume Bildung um Bildung. Dies ist es, was ich die tiefere Brüderlichkeit des Lebens nenne, in die jede Feindschaft einbezogen ist. 

F. G. Jünger: Apropos Feindschaft… Um nochmals auf die Fernsehsendung zurückzukommen, Herr Heidegger: Sie sind dort auch auf Marx eingegangen und auf die Frage, ob Ihre Philosophie einen gesellschaftlichen Nutzen habe. Ich fand das doch recht entwürdigend – haben Sie das nötig? Sich gemein zu machen mit dem Histrionengeschmeiß, das sich auch heute wieder spreizt auf hohem Kothurn? 

Heidegger: Von gemein machen kann doch keine Rede sein – der Grundgedanke meines Denkens ist gerade der, daß das Sein, beziehungsweise die Offenbarkeit des Seins, den Menschen braucht und daß umgekehrt der Mensch nur Mensch ist, sofern er in der Offenbarkeit des Seins steht. Auch wenn ich die Offenbarkeit hier vielleicht ein wenig zu sehr in Richtung Öffentlichkeit gedacht haben sollte…

Nein, ich habe den Menschen nicht vergessen… Niemals! Und was den Marx betrifft, so hatte ich ihm lediglich einen Denkfehler nachzuweisen. Er hatte behauptet, es käme darauf an, die Welt zu verändern, die Philosophen aber hätten die Welt immer nur verschieden interpretiert. Ich wies darauf hin, daß man die Welt, bevor man sie verändern könne, immer schon interpretiert haben müsse, die Philosophie also in jeder Hinsicht notwendig sei!

F. G. Jünger: Aber meinen Sie denn wirklich, daß das Fernsehen das geeignete Medium ist, Ihre Gedanken in die Welt hinauszutragen? Ein gewisser McLuhan hat gesagt, daß das Fernsehen die Welt zum globalen Dorf mache – das ist das Einschrumpfen jener Ferne, von der Bruder Ernst schrieb, daß sie so wichtig sei für das Erkennen von Mustern. Zugleich wird so eine Nähe hergestellt, die gar keine Nähe ist, sondern Trug und Täuschung. Nein, ich bleibe dabei: Widrig ist mir der Redner Geschlecht. Kalekutische Hähne höre ich kollern am Markt, höre ich scharren am Platz. Gaukler treiben  mit Worten ihr Wesen, Lügner sie deuteln, Retter, sie retten den Trug, Ärzte, sie scheuen den Tod. Wollt ihr betrügen das Volk, so schmeichelt ihm schamlos, dient ihm mit Worten zuerst, eh ihr es redend beherrscht! Wer sich auf diese Propagandamedien einlässt, betreibt Substanzminderung! Natürlich versucht die Propaganda das zu verhüllen, und dieses verhüllende, verbergende Bestreben ist eins mit ihrer Lügenhaftigkeit.

Heidegger: Verhüllen, verbergen, ja, aber auch entbergen und enthüllen, die aus der Verborgenheit gedachte Unverborgenheit als Wesen der Wahrheit… Im Unterschied zu Ihnen sehe ich überhaupt keinen Verfallsprozeß, sehe ich nicht nur das Negative, bin auch kein Kulturpessimist. Wie auch Ihr Bruder die heutige Welt auf vielen Ebenen zwar der Zerstörung ausgesetzt sieht, hinter dieser Zerstörung aber den großen Plan vermutet, der über menschliches Planen weit hinauslangt, wo er die Heraufkunft ungeahnter, unbekannter Gestalten und alter Titanen und einen neuen Götterkampf am Werk sieht, so sehe ich auch in dem, was Nietzsche als Nihilismus beschrieb, Geschick des Seins, also Seinsgeschichte. Sie verurteilen die Technik. Ich tue es nicht und Ihr Bruder tat es mit dem Arbeiter auch nicht.

F. G. Jünger: Ich verstehe nicht, wie man in all der Zerstörung einen Sinn sehen kann. Ich kann dort in der Tat nur Niedergang und Verlust sehen, Negation, Dekomposition. Was hat es mit dem Dasein, das in der Offenbarkeit des Seins steht, zu tun, wenn es in wenigen Jahren in der Lage sein wird, sich selbst auf technischem Wege zu reproduzieren? 

Heidegger: Denken Sie an die Kunst. Das griechische Wort für Kunst ist: Techne. Das Wesen der Kunst und das Wesen der Technik haben womöglich mehr gemein, als man zu meinen pflegt. Wie das Kunstwerk dort, wo es wesentlich ist, die Wahrheit des Seins als Wechselspiel von Entbergen und Verbergen ins Werk setzt, so ist auch die Technik mehr als nur Komfortverbesserung und Machbarkeitswahn auf der einen und Zerstörung auf der anderen Seite. Auch die Technik setzt etwas ins Werk, läßt uns etwas Wesentliches erkennen – das nämlich, was nicht da ist. Wir haben Gott, haben die Götter vertrieben? Gut so, denn der abwesende, der verborgene Gott, der Deus absconditus, ist der wesentlich gedachte Gott… Möchte noch jemand vom Obstler?

E. Jünger: Daher steht auch das Axiom, daß Gott gestorben sei, am Anfang der fürchterlichen Bahn. Das ist der erste Satz der neuen Genesis.

Heidegger:  …wesentlicher gedacht als der Deus revelatus, der offenbarte und in seiner Offenbarkeit dauerhaft präsente Gott. Wie leicht doch wird der zum reinen Popanz! Das ist der Gott der Theologen, die ihren Gegenstand wissenschaftlich unter die Lupe nehmen wie der Biologe den Wurm. Nur an die Stelle eines dauerhaft präsent gedachten Gottes konnte sich eines Tages der Mensch setzen. Und wenn Sie eines fernen Tages nach meinem Ableben irgendwo lesen werden, ich hätte gesagt, daß nur ein Gott uns retten könne, verstehen Sie diesen Gott bitte niemals als in seiner Offenbartheit dauerhaft präsenten Gott. So nämlich fing alles Elend doch erst an. Gott als der verborgene, abwesende Gott hingegen steht allem Machenwollen mit Macht entgegen – einer Macht, die im Sich-entziehen-können liegt. 

F. G. Jünger: Sich entziehen, sich zeigen – alles zu seiner Stunde. Die Stunde des großen Pan, die Stunde des Dionysios, die Stunde Apollons. Keine erstarrten Götter- und Heiligenbilder, sondern lebendiges Anwesen und Abwesen.

E. Jünger: Ist es nicht so, daß Offenbarungen uns seit jeher im Traum zuteil werden? In Bildern, die nur kurz greifbar, aber niemals fassbar sind, sich der Begrifflichkeit entziehen und mehr eine Sache des Sehens sind? Der Mensch in seinen Träumen, in seiner ungeformten und vorgeformten Bildwelt, in der Placenta der Ideen ist ungeheuer stark. Es gibt nichts Mächtigeres als den Geist, der träumt. Man nennt den Krieg den Vater aller Dinge, doch man könnte sagen, daß der Traum noch tiefer reicht, daß er die Mutter aller Dinge ist. Der Krieg ist immer auf das Vorhandene angewiesen, der Traum realisiert das Unvorhandene.  Und was den Untergang betrifft – nichts ist verschwunden. Nehmen wir doch die Dome. Sie sind Fossilien, die in unsere Städte wie in späte Sedimente eingeschlossen sind. Doch liegt es uns sehr fern, von diesen Maßen auf die Lebensmacht zu schließen, die ihnen zugeordnet war und die sie bildete. Was in den bunten Schalen lebte und was sie schuf, das liegt uns ferner als die Ammoniten der Kreidezeit; und leichter stellen wir aus einem Saurierknochen, den wir in einer Schiefergrube finden, das Bild des Tieres, das dazu gehörte, wieder her. Man kann auch sagen, daß die Menschen von heute diese Werke sehen, wie ein Tauber die Formen von Geigen und Trompeten sieht.

F. G. Jünger: Ich sehe und verstehe… Übrigens ganz köstlich, Ihr Schwarzgebrannter… Ich fasse das mit dem Verschwinden für mich in diese Worte: Ich sah einen goldenen Vogel Entfliehn über Hügel und Höhn. Warum ist nur die Sonne  Im Untergehen so schön?

Es kommt ein Schein, der von unten
Die Erde erhellt, Und der 
mit seinem bunten  Lichte streift aus der Welt. 
Er geht über das weite Wasser, 
Das Welle um Welle verrollt. der 
Fischer am Ufer fischt sich Mit
Netzen das flüssige Gold.

E. Jünger: Oder wie ich es mal in lakonischer Kürze gesagt habe: Untergang hier ist Aufgang woanders. Richten wir unseren Blick nicht länger auf das Untergehende, Vergehende, sondern wenden wir uns dem Aufgehen zu. Wie wollen Sie verhindern, daß das Aufgehende zu einem Aufgegangenen und so wiederum zu einem Deus revelatus wird und der Deus absconditus erneut liquidiert wird? Ach, wo wir gerade beim Verflüssigen sind – könnte ich wohl noch ein Schlückchen Ihres Obstbrandes haben?  

Heidegger: Gern, mit dem größten Vergnügen… Und was das andere betrifft: Ein Naturphänomen kommt uns im rechten Augenblick zu Hilfe, das ist sehr griechisch gedacht. Richten wir unseren Blick himmelwärts. Ein Gewitter zieht herauf. Ich sah soeben bereits den ersten Blitz. Ein Wort des Heraklit sagt: „Das Weltall steuert der Blitz“.

F. G. Jünger: Der Blitz als Naturphänomen betrachtet bedeutet das Aufbrechen des lichthaften Blitzstrahls im Dunkel der Nacht. Wie in der Nacht der Blitz sekundenartig aufleuchtet und in der Helle eines Lichtscheins die Dinge in ihrem Umriß gegliedert zeigt, so bringt in einem tieferen Sinne der Blitz die vielen Dinge in ihrer gegliederten Versammlung zum Vorschein.

Heidegger: Läßt der erhellende Strahl sich festhalten? Denken Sie an Hölderlin! „Wie wenn am Feiertage“, dort heißt es:

Doch uns gebührt es, unter Gottes Gewittern,
Ihr Dichter! mit entblößtem Haupte zu stehen,
Des Vaters Strahl, ihn selbst, mit eigner Hand
Zu fassen und dem Volk ins Lied Gehüllt die himmlische Gabe zu reichen.
Denn sind nur reinen Herzens,/Wie Kinder, wir, sind schuldlos unsere Hände,

Des Vaters Strahl, der reine, versengt es nicht
Und tieferschüttert, die Leiden des Stärkeren
Mitleidend, bleibt in den hochherstürzenden Stürmen Des Gottes, wenn er nahet, das Herz doch fest.

Festhalten läßt sich der göttliche Strahl im Lied, im Werk der Kunst – und nur dort. Ist es deshalb schon ein Bleibendes? Auch das Kunstwerk fällt in seinem entbergenden Geschehen immer wieder in die Verborgenheit zurück. Reine Unverborgenheit gibt es nicht, sie wäre kein fließender, sondern ein erstarrter Fluß. 

E. Jünger: Was für ein prachtvoller Himmel! Blitze zucken ohne Unterlass, der Donner rollt – es sieht aus, als würde das ganze Pantheon im Verein mit Odins wilder Jagd sich auf diese Hütte stürzen wollen. Das Gewitter naht unaufhaltsam – bleiben wir draußen und versuchen, des Vaters Strahl, den reinen, zu fassen? Der Dichter Hölderlin sagt uns, daß – sind wir selbst nur reinen Herzens – uns nichts geschehen werde. Doch sind unsere Herzen fest genug, das Nahen der Götter auszuhalten? Ist genug Göttliches in uns selbst? Waren alle Sterne, auch nach der Sonderung aus dem Zentralgestirn, zunächst noch sonnenhaft? Das Erkalten könnte einen wachsenden Verlust an höherer Geistigkeit einbringen. Besteht Sehnsucht, sich wieder mit der Mitte zu vereinen – im Zuge einer ungeheuren Zurückflutung? Alles Pulsieren – Meduse, Herzschlag, physische, geistige, seelische Schwingung, Regung der Arme, Flossen, Flügel – wäre dann Erinnerung und Gebet.

F. G. Jünger: Wir bleiben und harren entblößten Hauptes der Kommenden, wir stellen uns dem göttlichen Gewitter. Wäre noch etwas von Ihrem Schwarzgebrannten da, lieber Herr Heidegger? Und nehmen Sie doch bitte endlich Ihren Hut ab! 

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