Rolf Schilling im TUMULT-Forum: ein Vorgespräch mit Uwe Wolff

Rolf Schillings öffentliche Lesungen waren niemals dicht gesät und sind im Lauf des vergangenen Jahrzehnts noch seltener geworden als ohnehin schon. Am 13. März jedoch wird der Thüringer Dichter für einen Abend sein Schweigen brechen und im Rahmen der Dresdner Veranstaltungsreihe »TUMULT-Forum« Passagen aus seinen lyrischen Werken und essayistischen Betrachtungen zum Vortrag bringen. Im Vorfeld haben wir den Kulturwissenschaftler Uwe Wolff zum Gespräch gebeten, der nicht nur Schillings Werk überaus gründlich, sondern seit Wende-Zeiten auch den Dichter persönlich kennt.

Lieber Herr Wolff, wie und durch wen wurden Sie zuerst aufmerksam auf Schillings Person und Werk, welche Verse oder Gedichte kamen Ihnen als erste unter und welchen Eindruck hinterließen sie?

Dr. Heimo Schwilk (*1952), der junge Literaturredakteur des Rheinischen Merkur, fuhr in den Jahren vor der Wende regelmäßig in die DDR, berichtete über junge Autoren und gab ihnen ein Forum in seiner Wochenzeitung. Zu ihnen gehörte Rolf Schilling, der mich durch seinen eigenen Ton und seine Unabhängigkeit vom Zeitgeist in Ost und West unmittelbar ansprach: Da war ein Dichter, ein Seher, ein Berufener. 1984 schrieb Schilling den ‘Questen-Gesang’. Die Eingangsworte führten mich in eine mythisch-zeitlose Welt. Sie sind meine Lieblingsverse geblieben und lauten:

Wann und wo trafen Sie Schilling zuerst persönlich und welchen Eindruck hinterließ wiederum dieses Kennenlernen?

Heimo Schwilk wohnte damals mit seiner Familie in Bonn. Hier besuchte ihn Schilling mit seiner Muse Sylvia. Ich traf sie beim Schachspiel. Später kamen weitere Gäste und Schilling rezitierte aus dem Gedächtnis einige seiner Gesänge. Dabei saß Sylvia zu seinen Füßen. Sie war es, die uns durch ihre Hingabe diese Stunde des Wortes schenkte. Ein Jahr später besuchte ich Rolf Schilling in seinem Heimatdorf Bielen bei Nordhausen. Gemeinsam bestiegen wir den Questenberg.

In seinen Tagebüchern erwähnt Schilling 1995 ein Streitgespräch während einer Gedicht-Lesung zwischen Ihnen und Ulrich Wanner – mit Heimo Schwilk als moderatem Dritten. Woran entzündete sich der Streit und wer vertrat welche Positionen zu Schillings Werk oder Vortragsweise?

Ulrich Wanner, ein guter Freund Rüdiger Safranskis, war damals Redakteur der ‘Lutherischen Monatshefte’ mit Sitz in Hannover. Ich schrieb regelmäßig für sein Blatt. Meine Begeisterung für das hohe Pathos von Schillings Ton löste Wanners Widerspruch aus. Nicht dass er bei der Beschwörung der alten Götter Germaniens oder Griechenlands Völkisches witterte, aber Ulrich Wanner sah in Rolf Schilling einen Epigonen, ja, einen selbstverliebten und selbstherrlichen Schriftsteller, der sein Anderssein inszenierte. Heimo Schwilk, der Rolf Schilling gewissermaßen für den Westen entdeckt hatte, versuchte den diskussionswütigen Wanner zu besänftigen. Bei anderer Gelegenheit wurde Wanner später sogar handgreiflich und forderte Heimo Schwilk zu einem Ringkampf heraus. Das war aberwitzig nicht nur als Stilbruch in der Streitkultur, sondern vor allen Dingen ein Akt der Selbstüberschätzung. Denn Schwilk hatte eine Einzelkämpferausbildung bei der Bundeswehr absolviert und war Besitzer mehrerer Auszeichnungen als Fallschirmjägeroffizier.

Erhofften oder erwarteten Sie nach der Wende eine angemessenere Würdigung oder ahnten Sie damals bereits, dass Schillings Werk an den Kulturbetrieb der Post-68er-Bundesrepublik beinah ebenso schwer anschlussfähig sein würde wie an den der DDR? 

Wie ein Mensch sich und seiner Berufung treu bleibt – darauf kommt es letztlich an. In Rolf Schilling begegnete ich einem Menschen, der unangefochten von Zeit und Not seinen Weg in der DDR gegangen war. Ich dachte nach der Wende, dass Schillings Werk in Westdeutschland, aber auch in Österreich und der Schweiz eine entsprechende Anerkennung finden würde. Meinen Beitrag leistete ich, indem ich Würdigungen in verschiedenen überregionalen Zeitungen veröffentlichte. Doch ich musste lernen, dass ich – wie auch Schillings Bewunderer Ernst Jünger – mit meiner Begeisterung weitgehend allein blieb.

Rolf Schilling im Gespräch mit Ludwig Valentin Angerer.

Von Ihnen stammt ein gründlicher Essay über Schilling als Verfechter und Vertreter der inneren Emigration, erschienen 1990 in der NZZ. Was glauben Sie: Könnte heute noch oder wieder ein Stück zu Schilling in der NZZ erscheinen? Und wenn nein, wem oder was ist das eher geschuldet, Schillings eigenem Weg oder der kulturellen Diskursverschiebung seither?

Nach 1989 herrschte eine Stimmung gespannter Erwartung auf die „Schubladenliteratur“ der DDR. Daher hatte die NZZ, für die ich ebenfalls schrieb, Interesse an Rolf Schilling. Damals war Martin Meyer Chef des Feuilletons. Die Zeiten haben sich grundlegend gewandelt. Rolf Schilling ist sich treu geblieben. Der Diskurs aber hat sich verschoben. Wir erleben einen Verlust an Bildung, eine geistige Klimakatastrophe, ein Aussterben der Vielfalt und eine Monokultur der Ideologen.

Ist Ihr Lob für Schilling ein ungeteiltes oder gibt es auch Kanten in seinem Werk, an denen Sie sich stoßen?

Rolf Schillings Werk findet meine ungeteilte Zustimmung. Aber ich habe gelernt, dass sich an Schilling die Geister scheiden – wie etwa am Werk der Agnes Miegel. Sie ist Ehrenbürgerin der Stadt Bad Nenndorf. Dort hat sich eine Antifa-Gruppe gebildet, die sich erfolgreich dafür engagierte, dass das Denkmal der Dichterin aus dem Stadtpark entfernt wird. Jürgen Uebel, der Führer dieser Gruppe, wurde allen Ernstes mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Vielleicht steht Rolf Schilling ähnlicher Widerstand ins Haus, wenn er in einigen Tagen zur Lesung antritt.

Seit George, so schreiben Sie in Ihrem NZZ-Essay, sei in deutscher Sprache nicht mehr so gedichtet worden wie Schilling es tue. Wo sehen Sie die Gemeinsamkeiten und Gleichklänge zwischen Schilling und George, wo etwaige Unterschiede?

Schilling ist sicherlich schwieriger zu vereinnahmen. Er ist der Anarch im Sinne Ernst Jüngers, der souveräne Einzelne. George hingegen wollte bekanntlich Meister in der Mitte eines Kreises sein. Schillings Berührung mit George erlebe ich unmittelbar, wenn ich ‘Komm in den totgesagten Park und schau’ lese. Herrlich!

Als zeitgenössische Referenz-Literaten, deren Schaffen zumindest von fern dem Schillingschen vergleichbar sei, nannten Sie damals Ernst Jünger, Octavio Paz und Tschingis Aitmatov. Keiner von ihnen lebt inzwischen mehr…

…Rolf Schilling ist der letzte Dichter seiner Art. Die große Nacht ist gekommen und das große Vergessen, eine an Erstickung grenzende Armut der Sprache. Wer Schilling liest oder gar lesen hört, erfährt noch einen “Hauch vom alten Glanz.”

In Ihrem Groß-Essay heißt es gegen Ende:

Wer möchte leben ohne den Trost der Bücher? Daß Rolf Schilling durch sie seine Identität als Dichter bewahren konnte, ist offenkundig. Ob sein lyrisches Werk mit der Welt, gegen die er sich hermetisch abdichtete, untergehen wird oder ob es als Zeichen der Selbstbehauptung gegenüber der Tyrannis die Macht der Sprache anschaulich dokumentiert, wird sich zeigen.”

Uwe Wolff (NZZ 1990)

Erkennen Sie hierzu nun, immerhin dreißig Jahre später, bereits eine Tendenz? Hat sich in dieser Frage bisher etwas gezeigt?

Wir leben in einer Zeit der Atemlosigkeit. Wir wollen alles sofort, hier, heute, jetzt. Die Dichtung aber hat einen sehr langen Atem. Wir leben auch in einem Zeitalter der Meinungsdiktaturen: Viele große Dichter sind heute vergessen, verdrängt, verpönt aus unterschiedlichen ideologischen Gründen: Der christliche Dichter Edzard Schaper zum Beispiel. Er wurde von Hitler und Stalin zum Tode verurteilt, 1944 von den Schweden als Doppelagent verhaftet, später in der Schweiz rehabilitiert. Sein Roman ‘Der vierte König’ ist ein Jahrhundertwerk. Doch wer kennt Edzard Schaper?  Allerdings: wer weiß, ob dieser Dichter der Passion und des Kreuzes nicht wiederentdeckt werden wird, wenn die Katastrophen sich mehren?

Von Rolf Schilling kann unsere Zeit die Unbekümmertheit um den Ruhm, auch um den Nachruhm und die Zukunft lernen. Wahre Dichtung kann niemals endgültig verlorengehen. Wenn meine Enkelkinder im Jahr 2080 auf die Literatur des 20. Jahrhunderts zurückblicken, dann wird aus dem Bereich der ehemaligen DDR vielleicht allein Schillings Werk noch bekannt sein. „Fahr hin und frage nicht“, rät uns der Verkannte. Recht hat er!

Zuletzt: Warum würden Sie den anbruch-Lesern raten, der Lesung am 13. März beizuwohnen statt den Abend anders zu verbringen?

Rolf Schilling ist der letzte Ritter vom Geist. Lasst euch die Lesung nicht entgehen. Jemanden wie ihn werdet ihr nicht wieder sehen!

Anmeldungen für Schillings Lesung sind über die Mailadresse tumult.forum@gmail.com möglich (Eintritt: 8 bzw. ermäßigt 6 Euro).

Rolf Schilling in Prag zu Zeiten des Eisernen Vorhangs.

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