Im Auftrag der Verrätselung: Angerer-Retrospektive 2018

Im Pariser Grand Palais habe er bereits ebenso ausgestellt wie im Wiener Phantastenmuseum oder in der Königlichen Akademie zu Barcelona, erzählt Ludwig Valentin Angerer dem geladenen Publikum zu Neuenstadt am Kocher. Doch habe bisher keine der zahlreichen Werkschauen seinen Bildern in solchem Ausmaß gerecht werden können wie die frisch eröffnete bei Heilbronn: Über 150 Gemälde hängen hier großzügig auf drei Stockwerke verteilt in einer sorgsam kuratierten Sammlung, die als ‚Retrospektive‘ überschrieben ist. Wenn Angerer, den es mit seinen Erwägungen und Bauvorhaben mitunter weit in die Zukunft zieht, von der er sich nicht weniger als eine Wiederverzauberung der Welt verspricht, heute seinen Blick in die entgegengesetzte Richtung wendet, dann fällt dieser auf 80 Lebens- und kaum weniger Schaffensjahre, in denen sich der Niederbayer zunächst und insbesondere als Maler und Architekt, später zunehmend auch als Autor und Bühnenbildner jenen klingenden Namen machte, unter dem er heute bekannt ist und auf den großformatigen Plakatwänden vor dem Museum angekündigt wird: ‚Angerer der Ältere.‘

Schwerer geht da schon der Name der Pianistin von den Lippen, die den Abend der Vernissage mit Chopin-Polonaisen musikalisch abrundet: Izabela Jutrzenka-Trzebiatowska. „Ich hoffe, ich darf Sie Izabela nennen“, scherzt Angerer, als er sich bei der Polin bedankt. Ernster wird es dem Künstler spätestens dann, wenn er von den „visuellen Wüsten“ spricht, durch die vor allem der urbane Mensch von heute seine täglichen Wege zu gehen habe. Schon 1994 hatte der Maler in seiner Streitschrift ‚Kulturpause‘ die zersiedelten Großstädte in ihrer grenzen- und formlosen Ausdehnung als „pestbeulengleich“ gebrandmarkt. Eines der jüngsten ausgestellten Werke, das den Titel ‚Zauber der Unschuld‘ trägt und 2017 entstand, zeigt ein Mädchen, das auf seiner monumentalen Schaukel in traumwandlerischer Sicherheit über die Bedrohungen einer mechanisierten Umwelt hinwegzuschweben scheint: Dabei lässt Angerer die Grenzen zwischen moderner Architektur und Bestienschlund bewusst verschwimmen: Man vermag als Betrachter stellenweise nicht mehr mit Gewissheit zu sagen, ob unter der sorglosen Schauklerin bloß unbelebte Stahlgerippe dargestellt sind oder bereits die Rachen von metallenen Ungetümen: Auf der Skala der Gefahren, so könnte eine mögliche Lesart des Bildes lauten, ist es für den Ästheten nur mehr ein Katzensprung vom Zahnrad zum Zähnefletschen.

Zauber der Unschuld (2017)

Wenn man die rustikalen Ausstellungsräume des Neuenstädter ‚Museums im Schafstall‘ abzuschreiten beginnt, bekommt man bald eine Ahnung davon, warum der Satiriker Ephraim Kishon Angerer gegenüber einst brieflich versicherte, er könne kaum die Augen von seinen Werken lassen: Die dunkle Grundstimmung nicht weniger Bilder wird jeweils durch eine gleißende Lichtquelle als Kontrapunkt aufgebrochen: Mal durch nahende Kometen, mal durch kosmische Wirbel oder lodernde Fackeln. Bei aller Hochachtung für die individuelle Beleuchtung, um die sich Museumsleiter Hubert Sawatzki erfolgreich bemüht hat, kann man sich des Eindrucks nicht ganz erwehren, der Kurator habe hier Eulen nach Athen getragen: Denn Angerers Bilder, auf diesen Punkt bringt es der Neuenstädter Bürgermeister Norbert Heuser, leuchten gleichsam aus sich selbst heraus. Das mag einer von vielen Gründen dafür sein, das Ephraim Kishon mit seiner Bewunderung nicht allein blieb: Noch als Präfekt der Glaubenskongregation lobte etwa Joseph Kardinal Ratzinger die Biburger ‚Erlöserkapelle‘ als „endlich wieder einmal wirkliche sakrale Kunst“ und der orthodoxe Patriarch von Rumänien beauftragte den Künstler um die Jahrtausendwende mit einer Ikonenmalerei der Heiligen Paraschewa. Ein ganz eigenes Kapitel in Angerers Werkbiographie bildet auch die Verbindung zum Schriftsteller Michael Ende, der den bayerischen Landsmann nach vielfältigen gemeinsamen Projekten schließlich sogar mit der Gestaltung seines Grabmals im Münchner Waldfriedhof betraute.

Quellende Oasen in visuellen Wüsten

Das Entrückende und Surreale, dem der Kinderbuchautor in Erfolgsromanen wie ‚Momo‘ oder der ‚Unendlichen Geschichte‘ einfühlsam nachgespürt hatte und das Angerer als Bühnenbildner und Filmarchitekt preisgekrönt in Szene setzte, treibt den Maler offenkundig bis heute um: ‚Kosmisches Einhorn‘ heißt eines der ausgestellten Bilder, andere ‚Kinder des Olymp‘ oder ‚Die Welt als Labyrinth‘. ‚Macht des Mondes‘ ist ein anspielungsreiches Gemälde benannt, das 1987 den Titel des ‚Spiegel‘ zierte. Dass nicht nur dem Hamburger Nachrichtenmagazin inzwischen, sondern auch der zeitgenössischen Kunstszene längst nach Spröderem zumute ist, weiß Angerer nur allzu gut. Umso überraschter zeigt er sich von den fachkundigen Freundlichkeiten, die der Heilbronner Kunsthistoriker Dr. Bernhard Stumpfhaus seinem Werk angedeihen lässt: Akademische Flankierung sei alles andere als selbstverständlich, betont der Künstler, wenn man wie er nicht gerade zu den Hyper-Modernen zähle. Falls überhaupt, dann wäre der Niederbayer wohl am ehesten irgendwo zwischen Magischen Realisten und fortgeführtem Manierismus in der Nachfolge eines Tintoretto oder Bronzino zu verorten.

Elegant lässt der parteilose Landrat Detlef Piepenburg in seinem anschließenden Grußwort sowohl weltanschauliche Grabenkämpfe als auch die unwirtlichen Höhenkämme der Kunsttheorie hinter sich, um stattdessen seiner unverstellten Intuition freien Lauf zu lassen: Wer die Neuenstädter Ausstellungsräume betrete, führt er aus, der müsse wohl unweigerlich spüren, dass die hier versammelten Werke „nicht ganz von dieser Welt“ seien. Tatsächlich scheint die beflügelnde Strahlkraft, die Angerer in den oft eigenhändig angefertigten Rahmen seiner Bilder formvollendet aufleben lässt, der äußeren Welt vielerorts ebenso abhandengekommen zu sein wie das Gefühl für Grenzen und Kontur: Während andere Künstler sich nicht selten zu Abbildnern dieses Zersplitterns berufen sehen und gesellschaftliche wie spirituelle Auflösungserscheinungen in der Malerei durch den Weg ins Abstrakte nachvollziehen, stellt der übermächtige Ungeist der Dekonstruktion für Angerer eine nahezu sportive Herausforderung dar, die er dankend annimmt: Nicht zu Unrecht begreift er seine Werke als Refugien des Organischen unter mechanischer Vorherrschaft, als quellende Oasen in „visuellen Wüsten.“

Fata Morgana

Wo jenseits des Bilderrahmens Beliebigkeit um sich greift, macht Angerer darin das Unbedingte stark. Der Tendenz zur Profanierung begegnet er durch expliziten und wiederkehrenden Bezug auf das Heilige; dem Primat von Nutzbarkeit und Nivellierung widersetzt er sich, indem er immer wieder Numinoses aufs Tapet bringt: Zerborstene und dennoch Kurs haltende Geisterschiffe, verschwiegene Schwellenhüter und Fabelreiche unter Kristall-Volieren bevölkern die zu besichtigenden Gemälde. Was sagt eine solche Bilderwelt über das Weltbild ihres Schöpfers aus? Zumindest bedarf es keines geschulten Auges, um zu erkennen, dass es Angerer nicht im Traum einfiele, mit seinen Visionen zum Arzt zu gehen. An der Leinwand wirkt das Übersinnliche ohnehin besser aufgehoben: Zumal dann, wenn es sich wie hier so verlässlich auf Sinnliches stützen kann: Angerers zum Teil verstiegene Ideen irrlichtern nie im luftleeren Raum, sondern gründen in ihrer handwerklichen Umsetzung auf dem belastbaren Fundament mühsam erworbener Fertigkeiten wie der altmeisterlichen Lasurtechnik. Vieles könnte vor Jahrhunderten gemalt worden sein – wie die ‚Beweinung Christi‘ des Anthonis van Dyck, die von 1634 datiert und unter den anderen Bildern als Leihgabe ihren Ehrenplatz gefunden hat.

Dass neben den eigenen Werken auch der Rubens-Schüler vertreten ist, freut Angerer besonders: Nahezu 400 Jahre trennen den flämischen Meister vom 80-jährigen Niederbayern – und doch merkt man den benachbarten Gemälden diese Spanne weit weniger an als der Außenwelt mit ihren vergänglichen Regimen und ideologischen Wechselbädern: Schon Jacob Burckhardt hatte in seinen ‚Weltgeschichtlichen Betrachtungen‘ die staunenswerte Beständigkeit des Ästhetischen gegenüber wandelbaren ethischen Setzungen herausgestellt: „Homer und Phidias sind noch schön, während das Wahre und Gute jener Zeit nicht mehr ganz das unsrige ist.“ Mit denen, die diese tausendjährige Kontinuität um forcierter Originalität willen achselzuckend hinter sich lassen, möchte Angerer ausdrücklich nicht im selben Atemzug genannt werden: Den technischen Aufbrüchen der Moderne, die er keineswegs unterschiedslos verwirft, stellt er ästhetische Abbrüche gegenüber, die ihn skeptisch stimmen. Von der großen Sporanistin Martha Eggerth, die 1912 geboren wurde und 2013 starb, ist ein Ausspruch überliefert, der auf das gegenwärtige Verhältnis von Kunst und Leben ein anekdotisches Schlaglicht wirft: „Wir haben zwar keinen Schubert, aber ich habe nun schon den fünften Herzschrittmacher und lebe immer noch.“ Angerer der Ältere vermittelt nicht den Eindruck, als könne er auf die Schuberts ähnlich leichten Herzens verzichten: Vor 100 Jahren habe es noch ein gutes Dutzend großer Komponisten gegeben, gibt der Pfitzner-Verehrer in seiner Ansprache zu bedenken, heute sei ihm unter den lebenden kein einziger mehr von Rang bekannt.

In der Tradition deutscher Romantiker

Auf Kritiker, die dem Künstler angesichts mancher nostalgischer Regung Eskapismus nachsagen, dürfte dieser Vorwurf im Zweifel allerdings selbst zurückfallen: Denn Angerer darf sich nicht zuletzt in der Tradition der deutschen Romantiker wähnen, wenn er seinerseits die Erde als von Grund auf magisch und erst ihre mutwillige Entzauberung als die eigentliche Weltflucht begreift: Im lyrischen Kronjuwel und Gründungsdokument der deutschen Romantik, 1800 von Novalis verfasst, wird ein ganzheitlicher Urzustand beschworen, der erst wiederhergestellt sei, „wenn sich die Welt ins freye Leben / Und in die Welt wird zurückbegeben.“ So jagt Angerer nach seiner festen Überzeugung im Atelier nicht etwa tröstlichen Chimären nach, sondern bewegt sich zielstrebig zurück ins Eigentliche und Elementare, wenn er „in Mährchen und Gedichten“ die wahren Weltgeschichten deutlicher erkennt als in Zahlen und Figuren. Zentrale Triebfeder auf diesem lebenslangen Heimweg ist für den bekennenden Katholiken ‚Die Kraft des Kreuzes‘, nach der ein 2008 vollendetes Gemälde benannt ist. Andere Werke tragen ebenso sprechende Titel wie ‚Offenbarung des Johannes‘ oder ‚Baum der Erkenntnis.‘ Sowohl zur literarischen Romantik wie auch zum christlichen Bezug will es sich nahtlos fügen, dass Angerer am Folgetag der Vernissage seine reich bebilderten Kunstbände am Gartentisch des dichtenden Pfarrers Eduard Mörike signiert, dessen Tochter 1930 in Neuenstadt gestorben war.

Mörikes am Gartentisch

An der Fassade des dortigen Ausstellungshauses prangt seit Wochen ein grimmiger Prometheus, dem man die Entschlossenheit anzusehen vermeint, mit der er das Feuer gegen höheren Willen aus anderen Sphären und in die menschlichen hinunterträgt. Wenn der Landrat Piepenburg über Angerers Bilder als „nicht ganz von dieser Welt“ spricht, dann heißt das im Umkehrschluss notwendigerweise, dass sie, wenn schon nicht vollständig, so doch zumindest in Teilen auch dem Diesseits angehören. In Gustav Schwabs ‚Sagen des klassischen Altertums‘ erfährt man in einem der ersten Sätze über Prometheus: „Dieser wusste wohl, dass im Erdboden der Same des Himmels schlummere.“ Vergleichbares Wissen könnte auch Angerer zumindest insofern für sich beanspruchen, als er selbst noch im Alltäglichen und Prosaischen das Fantastische nicht nur zu erblicken, sondern auch für andere sichtbar zu machen imstande ist: So ließ er sich zur labyrinthisch umfriedeten ‚Getriebeburg‘ vom Innenleben eines handelsüblichen VW-Modells inspirieren oder verwob einzelne kleine §-Zeichen zum Fabelwesen ‚Paragraphus.‘ Dass dem Künstler an beiden Welten gelegen ist, am Erdverwachsenen nicht minder als am Himmelstürmenden, lässt ein Zitat Michael Endes deutlich werden, mit dem er seine andächtig aufgenommene Rede beschließt: „Denn danach suchen wir letzten Endes nur: die Poesie ins Leben zu verweben, im Leben selbst die Poesie zu finden.“

Von den vielen, die am Tag der Vernissage den Weg nach Neuenstadt finden, versprechen sich nicht Wenige, beizeiten wiederzukommen, um die Fülle der Ausstellungsobjekte in ihrem ganzen Detail- und Beziehungsreichtum erfassen zu können. Dabei steht das verstandesmäßige Begreifen für Angerer mitnichten im Vordergrund, wie ein älterer Gast zum Ende hin bemerkt, als er unumwunden feststellt, dies sei für ihn als Laien die erste Ausstellung gewesen, auf der er sich weder überansprucht vorgekommen sei noch wie hinters Licht geführt. Das mag daher rühren, dass auf dem zeitgenössischen Kunstmarkt wortreiches Verstehen oft gefragter scheint als stillschweigendes Staunen. Doch nicht nur bei Angerer verhält es sich umgekehrt: Auch der Schweizer Symbolist Arnold Böcklin, den der Niederbayer hoch verehrt und dessen legendärer ‚Toteninsel‘ ein ausgestelltes Werk namens ‚Das Innere des Berges‘ nachempfunden ist, tat sich schwer mit allzu hochtrabenden Betrachtern: „Ich male keine Bilderrätsel“, soll die Basler Institution einem besonders hartnäckigen Deuter einst lakonisch entgegnet haben, um für jene Ruhe und Einkehr zu sorgen, die hoher Malkunst angemessener ist als vollmundiges Fachsimpeln. Verschiedentlich hat Angerer in Schriften und Gesprächen klargestellt, dass er sein Publikum zu sehr verehre, um ihm intellektuelle Stöckchen hinzuhalten oder es mit Erklärungen abzuspeisen, wo eigentlich Verklärung winkt.

Bereits vor über zwanzig Jahren hatte er in der ‚Kulturpause‘ zustimmend den österreichischen Journalisten Hans Habe zitiert, der eine gewisse Demut auch und gerade des schöpferischen Menschen anmahnte: „Der echte Künstler ist kein Egoist, der die Menschheit auffordert, das Rätsel seiner Seele zu entziffern.“ Daraus sollte man allerdings nicht etwa folgern, dass Angerers Bilder rätselfrei wären, dass ihr Sinn jeweils offen zu Tage liege oder sich überhaupt zweifelsfrei erschließe. Nur laden die hier ausgestellten Werke anders als Bilderrätsel eben nicht zur beiläufigen Entschlüsselung ein, sondern scheinen eher noch den Betrachter und seine Umgebung gleich mit verrätseln zu wollen, um ihr, wie es das erklärte Anliegen des Künstlers ist, mit musischen Mitteln aufs Neue jenen Zauber einzuhauchen, der bei der Flucht aus der eigentlichen Welt auf der Strecke blieb. Wie unermüdlich und virtuos Angerer der Ältere zur Erfüllung dieses eigenwilligen Anspruchs über das letzte Halbjahrhundert hinweg auf wechselnden Betätigungsfeldern und an der Seite profilierter Gleichgesinnter gewirkt hat, davon gibt die Neuenstädter Retrospektive noch bis zum 03. Februar 2019 sibyllinische Rechenschaft.

Das Paar (1981)

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