Hölderlin (VII) – An die Deutschen

Mit Friedrich Hölderlins Verszeile Wohin denn ich? artikuliert sich das deprimierende Unbehaustsein in einer als gnadenlos empfundenen Welt. Es ist der Beginn der literarischen Moderne. Vor Hölderlin gab es diese Frage nicht. Jeder wußte, wo er hingehörte. Wenn nicht, wurde es ihm gezeigt. Dieser Fragestellung am nächsten kam der zwei Generationen ältere Gotthold Ephraim Lessing. Der Kämpfer gegen die Gebrechen der Zeit wollte sie mit einer späten Ehe beantworten. Aber ihm starb erst der Sohn, kurz darauf seine Frau, dann verblich er selbst, und die Sache war erledigt.

Von der Wohin?-Frage ist es nicht weit bis zum Nachdenken über das eigene Land und die Landsleute. Auch darin ist Lessing – weitaus mehr als Schiller – ein Vordenker. Nicht jedoch, was die Schärfe der Aussage betrifft. Das will etwas heißen, war doch Lessing als Polemiker bis hin zu seinem Nathan, in dem er die Keule der Humanität schwingt, gar nicht so tatenarm. Doch nur wer mit einer Angelegenheit wie zum Beispiel Deutschland bis zum bitteren Ende abgeschlossen hat, gelangt – dichterisches Vermögen à la Hölderlin vorausgesetzt – zu unnachahmlicher Formulierungskunst, die auch als Handschuh-Klatsch ins Gesicht und somit Aufforderung zum Duell dienen könnte.

Hölderlins Achtzeiler An die Deutschen klingt wie eine Randnotiz zum Rache-Rundumschlag im zweiten Buch seines Hyperion, in dem er den Deutschen neben einer grundsätzlichen Handwerker-Mentalität alles Mögliche bescheinigt, nur nichts Gutes. Mit ihm als erstem sind der noch zu Hölderlins Lebzeiten wirkende Heinrich Heine und ein späterer Friedrich  Nietzsche die unerbittlichsten Kritiker Deutschlands gewesen. Dabei waren sie eigentlich deutschlandsüchtig.

Alle drei, hochpoetisch am deutlichsten vorgetragen von Hölderlin, benannten sie das schreckliche deutsche Unvermögen, Reales unmittelbar zu erkennen und nahmen, bis in heutige Zeiten, die Zukunft hellsichtig vorweg. Hölderlins Abrechnung mit den Deutschen im Hyperion ist formvollendet, wie auch unser Achtzeiler. Wer aufmerksam liest, staunt über die biblische Schroffheit. Schiller soll die Absage mit Kopfschütteln quittiert haben.

Die Deutschen „seien Barbaren von alters her …, in jedem Grad der Ärmlichkeit und der Übertreibung beleidigend für jede gut geartete Seele … Ich kann kein Volk mir denken, das zerrissener wäre. Handwerker siehst du, aber keine Menschen; Denker, aber keine Menschen; Priester, aber keine Menschen; Herrn und Knechte, Jungen und gesetzte Leute, aber keine Menschen … Es ist auf Erden alles unvollkommen, ist das alte Lied der Deutschen. Wenn doch einmal diesen Gottverlaßnen einer sagte, daß bei ihnen nur so unvollkommen alles ist, weil sie nichts Reines unverdorben, nichts Heiliges unbetastet lassen mit den plumpen Händen …“

Aus diesem Konglomerat negativer Eigenschaften erwachse beständig ein tatenarmes Volk, was die unerläßliche geistige Beweglichkeit im Politischen betreffe, das aber jederzeit und mit viel Geräusch gedankenvoll sei. Das ist rückläufig determiniert – Hölderlin war ein exzellenter Kenner nicht nur deutscher Geschichte – und erschüttert den, der zu lesen versteht. Doch war er nicht auch einer dieser Deutschen – tatenarm und gedankenvoll?

Niemand hat so wie er,  der sich einen heimatlosen Sänger nennt, darunter gelitten. Die Erwartung des Dichters scheint sich, was seinen Achtzeiler betrifft, unmittelbar auf das Handeln in der Geschichte zu beziehen. Die Tatenarmut bedrückt ihn in einem solchen Maße, daß er in Versuchung gerät, dem eigenen Land aus zürnender Liebe Unrecht zu tun.

Was er bei den alten Griechen zu finden glaubt – das Walten des Schöpferischen in einem Reich der Liebe, der Schönheit –, ersehnt er für deutsche Verhältnisse. In seinem lyrischen Trauerspiel Der Tod des Empedokles, in dem er eigene Klage unterzubringen weiß, läßt Hölderlin den Haupt-„Held“ als „Todfeind aller einseitigen Existenz“ auftreten: „Ich bin hinausgeworfen, bin / ganz einsam, und das Weh ist nun / mein Tagsgefährt’ und Schlafgenosse mir.“

Seinen Studienfreund Hegel verglich Hölderlin einst mit dem „Geist der Natur“, der sich in kein Gefäß bannen lasse. Dies galt auch für ihn selber.

An die Deutschen

Spottet ja nicht des Kinds, wenn es mit Peitsch' und Sporn  
Auf dem Rosse von Holz mutig und groß sich dünkt,
Denn, ihr Deutschen, auch ihr seid
Tatenarm und gedankenvoll.

Oder kömmt, wie der Strahl aus dem Gewölke kömmt,
Aus Gedanken die Tat? Leben die Bücher bald?
O ihr Lieben, so nimmt mich,
Daß ich büße die Lästerung.

Literatur: Jürgen K. Hultenreich, Hölderlin – Das halbe Leben. Eine poetische Biographie, Edition A. B. Fischer , 2018.

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