H. P. Lovecraft – Das Glück der Hoffnungslosigkeit

Obwohl er ein radikaler Verächter des Fortschritts war, ist kaum ein Autor in der heutigen Popkultur derart präsent wie Howard Phillips Lovecraft. In seinen Erzählungen gewinnt die Furcht vor dem Zusammenbruch des Kosmos surreal-realistische Gestalt. Mit wissenschaftlicher Präzision vermessen sie den Kerker einer Welt ohne Gott. anbruch-Autor Arne Kolb porträtiert den »Einsiedler von Providenz« als apathisch durch eine albtraumhafte Moderne treibenden Künstler.

I.

Der Ort war dunkel und dunstig und halbverfallen
Im Gewirr alter Gassen bei den Kais,
Dünstend von merkwürdigen Einfuhren aller Meere,
Und mit eigenartigen Nebelschwaden, die der Westwind trieb.
Kleine Rautenfenster, getrübt von Rauch und Frost
zeigten die Bücher, gestapelt wie knorriges Holz,
Faulend von Grund bis Dach – Massen
verfallender alter Kunde zu kleinem Preis.

Ich trat ein, bezaubert, und von spinnenumrankten Haufen
griff ich den nächsten Band und blätterte ihn durch,
schaudernd vor seltsamen Worten, die Geheimnisse
zu bergen schienen, dämonisch wenn sie jemand wüsste.
Dann, auf der Suche nach einem altgedienten Verkäufer,
fand ich nichts, außer einer Stimme die lachte.[1]

 

Es ist nicht klar, weshalb so viele Menschen Furcht vor vollkommen harmlosen Tieren, etwa Spinnen, empfinden. Eine mögliche Erklärung ist die, dass unsere Vorfahren – sagen wir vor 30 Millionen Jahren – kleine, vierbeinige Säugetiere waren, die sich vor Vogelspinnen in Acht nehmen mussten, und dass ein Nachhall jener uralten, instinktiven Furcht in unserem Stammhirn, dem rudimentär-triebhaften, im Lauf der Evolution nahezu unveränderten »Echsenhirn«, überdauert hat. Howard Phillips Lovecraft, dem bedeutendsten phantastischen Autor des 20. Jahrhunderts, hätte diese Theorie mit Sicherheit gefallen. »Pseudoerinnerungen« sind ein für sein Schreiben charakteristischer Neologismus, von dem zahlreiche seiner Protagonisten geplagt werden – Pseudoerinnerungen wohlgemerkt, die sich wie in unserem Beispiel als vollkommen richtig erweisen und eine über die Beschränktheit unserer Lebenspanne und Vernunft hinausweisende Wahrheit offenbaren: Das seit uranfänglichen Äonen gültige, universale Gesetz des Fressens und Gefressen werden, vor dem die humanistische Zivilisation unserer Gegenwart zur Traumphantasie eines Sekundenschlafs verblasst, ehe sie zurücksinkt in das Chaos, dem sie entstammt.

„Ich wusste nicht, daß Literatur so etwas bewirken kann. Und übrigens bin ich immer noch nicht so recht davon überzeugt. Denn es gibt bei Lovecraft etwas, das nicht wirklich literarisch ist.“[2], schreibt Michel Houellebecq in seinem genialen Lovecraft-Essay Gegen die Welt, gegen das Leben, über den Schock, den Lovecrafts Schriften in seiner Jugend darstellten. Es sind nicht die Fiktionen, mit denen Lovecraft den Leser erschüttert, sondern es ist die Wirklichkeit; und nicht die Finsternis ist in seinen Texten furchteinflößend, sondern das Licht ist es. Licht, das zuletzt Wahrheiten aufdeckt, die so schrecklich sind, dass Figuren, die ihrer ansichtig werden, zurücksinken in die Dunkelheit des Todes oder Wahnsinns, die eine Erlösung sind. Die vollständige Auslöschung, schreibt Lovecraft in einem seiner Briefe, sei die trefflichste Vorstellung des Todes, denn in ihr bleibe keine Sehnsucht ungestillt.

Lovecrafts Vater starb in einer Irrenanstalt, als HPL zwei Jahre alt war; derselben Nervenklinik, in der Jahre später auch seine Mutter, mit der ihn eine Beziehung pathologischer Symbiose verband, ihr Leben beenden sollte. Die einst prosperierende Unternehmerfamilie verfiel, und als Lovecraft, der nie einer regulären Erwerbsarbeit nachging und keine Kinder hatte, 1937 mit sechsundvierzig Jahren an Darmkrebs starb, waren die kümmerlichen Überreste des Familienvermögens aufgezehrt. Es scheint, als habe er auf den von ihm immer wieder geschilderten Verfall hingelebt und sein Leben gerade in jenem endgültigen Kulminationspunkt des Übels ausgehaucht, worin ihm seine Figuren vorangegangen waren. Man kann sagen, dass ihm wesentliche Themen seines Werks (Verfall, Degeneration und Irrsinn) buchstäblich in die Wiege gelegt waren und es verstand sich für ihn von selbst, dass eine neue Entdeckung immer zugleich eine schlechte Nachricht war.

Zahlreiche Denker haben auf den Wahnsinn hin gedacht und gelebt; der von HPL verehrte Friedrich Nietzsche etwa verbrachte lange Jahre unter der bedrückenden Zwangsvorstellung, im selben Alter wie sein Vater an »Gehirnerweichung« zu sterben. Nachdem er diese Schwelle unbeschadet überschritten hatte, geriet er in Euphorie, hielt sich für unverwundbar und schnappte irgendwann tatsächlich über. Wenn Lovecraft trotz familiärer Vorbelastung dem Wahnsinn entging, so vielleicht deshalb, weil er nie daran gezweifelt hatte, ein Verlierer zu sein. Die permanent enttäuschte Hoffnung ist unerträglich, während man sich in der unzweifelhaften Hoffnungslosigkeit durchaus einrichten kann. Dass er, trotz seines Überreichtums an Talent und genialischer Veranlagung, zu seiner Zeit in absolut keiner Hinsicht reüssieren konnte, hat etwas Rätselhaftes. Keinem der Biographen ist es gelungen, ins Innere dieses Mysteriums einzudringen und aus ihm speist sich ein guter Teil der Faszination, mit welcher das Bild des beinahe unirdisch fremden »Einsiedlers von Providenz« die Pop-Kultur durchgeistert.

Schon als Kind zeigte sich Lovecrafts erstaunliche Geisteskraft, die aber von Anbeginn auf merkwürdige Abwege geriet. Im Haus seines Großvaters verschlang er die heillos überalterte Bibliothek, sodass die englische Literatursprache des 18. Jahrhunderts zu seiner Muttersprache wurde. Bereits mit sechs Jahren verfasste er in kindlicher Naivität epische Langgedichte, die den Zeitgenossen grotesk archaisierend vorgekommen sein mussten. Kurze Zeit später gesellte sich die Naturwissenschaft zu seinen Interessen und der kleine HPL füllte ganze Hefte mit amateurwissenschaftlichen Aufsätzen, die er als »Zeitschriften« in der Verwandtschaft verkaufte. Diese vielversprechende Kindheit und Jugend waren allerdings überschattet von surrealen Albträumen und »Beinahe-Zusammenbrüchen« des sensiblen Frühreifen. Mit achtzehn Jahren, noch vor dem Abschluss der High School, erlitt Lovecraft schließlich einen vollkommenen Zusammenbruch, über dessen genaue Natur er sich später allenfalls in vagen Andeutungen äußern sollte. Die darauffolgenden sechs Jahre, 1908-1914 verbrachte er in weitgehender Isolation und vollständiger Untätigkeit im Haushalt seiner Mutter. Er ergriff weder Beruf noch Ausbildung, und feierte etwa seinen 21. Geburtstag, indem er den ganzen Tag alleine mit der elektrischen Straßenbahn in Neuengland herumfuhr.

Eine spätere Musterung während des 1. Weltkriegs zeigte, dass Lovecraft vollkommen gesund war, und seine Äußerungen über die Hölle, die das Erwachsensein darstelle, offenbaren den Kern des Ganzen: Die Illusionen der Kindheit waren zerstoben, und vor Lovecraft lag das Leben der Erwachsenen, diese monotone Abfolge ökonomischen und sexuellen Konkurrenzkampfes, vor der er sich mit Grauen und unüberwindbarem Ekel abwandte. 1914, während die gleichaltrigen jungen Europäer begeistert in den Krieg zogen, um sich millionenfach abzuschlachten und Lovecraft darin zu bestärken, dass die Zivilisation nur eine kurze Atempause vor der Rückkehr des Chaos war, erwachte der Einsiedler von Providenz allmählich wieder aus den langen Jahren seiner vegetativen Existenz.

Er begann, Beiträge bei amateurjournalistischen Zeitschriften einzureichen, hoffnungslos veraltete Gedichte strengster Form, Rezensionen und literaturkritische Artikel, in denen er aus seinem Rassismus und seiner Abscheu vor der modernen Gesellschaft keinen Hehl machte. Es fällt schwer, sich einen vollkommeneren Antipoden der Moderne zu denken, als den jungen Lovecraft, der während des 1. Weltkriegs die literarische Bühne betrat. Keine Position konnte zu autoritär oder rückwärtsgewandt sein, um nicht von ihm vertreten zu werden. Er betrachtete die Amerikanische Unabhängigkeitserklärung als einen Fehler, verstand sich als loyalen Untertanen der britischen Krone, war ein entschiedener Vertreter des Alkoholverbots, lehnte das Rauchen nicht minder ab und wurde nicht müde, gegen jeden erotischen Anklang in der Kunst zu Felde zu ziehen. Rasch wurde HPL eine bedeutende Figur im Amateurjournalismus und 1917 erschien seine erste phantastische Erzählung.

In merkwürdigem Widerspruch zu seinen reaktionären Gedanken über die Gesellschaft steht seine philosophische Weltanschauung, die in einer Verabsolutierung der modernen Naturwissenschaft bestand. Lovecraft war ein konsequenter Materialist, für den Glauben und Moral lächerliche Fiktionen einer unwissenden und unaufgeklärten Gesellschaft waren. Der Mensch ist eine winzige, kurze und unbedeutende Episode im Kosmos, der ihm mit unbegreiflicher Fremdartigkeit gegenübersteht. Charakteristisch ist folgendes Zitat des von ihm geschätzten Philosophen Hugh Elliot über die Unfähigkeit des Menschen zu umfassender Erkenntnis:

„Wir können nicht davon ausgehen, dass das Universum nur fünf Eigenschaften hat, weil wir nur fünf Sinne haben. Wir müssen im Gegenteil annehmen, dass die Menge seiner Eigenschaften unendlich ist und dass wir, je mehr Sinne wir hätten, desto mehr über das Universum herausfinden würden.“[3]

In gewisser Weise besteht ein Widerspruch zwischen Lovecrafts dogmatischem Materialismus und seiner Überzeugung, dass der Mensch letztlich unfähig sei, den Kosmos zu begreifen. Während Lovecraft aufwuchs, kamen sowohl die Relativitätstheorie als auch die Psychoanalyse auf und wurden von ihm, der sich kontinuierlich mit den Naturwissenschaften beschäftigte, wahrgenommen. Er zog daraus den Schluss, dass der Menschen, blicke er nur tief genug in den Kosmos oder tief genug in das eigene Bewusstsein hinein, Naturgesetze erblickt, die er zwar erkennen, aber nicht mehr eigentlich begreifen kann, und sein Materialismus bestand vor allem in der unerschütterlichen Annahme, dass die Welt uns als fühlenden Wesen vollkommen andersartig und beziehungslos fremd gegenübersteht.

Yaroslav Gerzhedovich, Meereskönigin und Segler.

II.

Ich hielt das Buch unter meinem Mantel, aus Zwang
Das Ding den Blicken dieses Orts zu verbergen;
Hastend durch die uralten Hafengassen
Mit verstohlenem Blick und furchtsamem Schritt.
Stumpfe, geheimnisvolle Fenster in bröckelndem Gemäuer
Starrten mir merkwürdig nach als ich vorbeihastete
Und bedenkend was sie bargen sehnte ich mich
Nach dem erlösenden Anblick reinen, blauen Himmels.

Niemand hatte mich das Ding nehmen sehen – aber immer noch
Hallte ausdrucksloses Gelächter in meinem schwindelnden Kopf,
Und mir schwante, welche Welten kranker Schwärze
Lauerten in dem Band, den ich begehrt hatte.
Der Weg wurde seltsam – die Wände immergleich und irrwitzig
Und weit hinter mir tappten unsichtbare Füße.

 

Lovecrafts Werk besteht – neben seinen Essays – aus vielen klassizistischen Gedichten, die schlecht sind, wenigen phantastischen Gedichten, deren objektiver Wert umstritten ist und einer Vielzahl von Kurzgeschichten, die eine extreme Qualitätspanne aufweisen und in zwei oder drei Fällen die Länge kurzer Romane erreichen. Houellebecq spricht von Cthulus Ruf (1926), Die Farbe aus dem All (1927), Das Grauen von Dunwich (1928), Der Flüsterer im Dunkeln (1930), An den Bergen des Wahnsinns (1931), Träume im Hexenhaus (1932), Schatten über Innsmouth (1933) und Der Schatten aus der Zeit (1934) als den eigentlich kanonischen, großen Erzählungen Lovecrafts. Die bedeutenden Texte sind tatsächlich alle genannt, wobei man hinzufügen muss, dass Das Grauen von Dunwich und Träume im Hexenhaus einfach schlecht sind und Die Farbe aus dem All zwar sehr gelungen, aber auch sehr kurz ist. Die übrigen Texte jedoch sind zweifellos das Beste, was Lovecraft je schrieb und ungeachtet des vielfach Minderwertigen, dass derselbe Autor verfasste, vielleicht der Gipfelpunkt der phantastischen Literatur überhaupt.

Es ist ein bisschen seltsam, dass ein derart feinsinniger und brillanter Autor in seinem Frühwerk, aber mitunter auch darüber hinaus solchen Schund verzapfen konnte wie Lovecraft, wenn es ihn packte. Es scheint, dass sowohl das Beste, was er erreichte, als auch das Schlechteste, das ihm unterlief aus demselben Aspekt erklärt werden können: Einem Zug der eigenartigen Zwanghaftigkeit, der Lovecrafts Schreiben innewohnte. Der Asket, dem alle üblichen Vergnügungen der Menschen widerlich waren, legte sein gesamtes Bedürfnis nach Ausschweifung und Zügellosigkeit in die Literatur und sein Stil ist stets bedroht, von der eigenen Wildheit zerrissen zu werden. Besonders eklatant ist dieses Moment in der Erzählung Herbert West, Wiedererwecker (1921/22) über das in zeitversetzte Episoden aufgeteilte Leben eines Arztes vom Schlage Frankensteins, der zuletzt auf den Schlachtfeldern des 1. Weltkriegs die Leichen der Zerstückelten wiederbelebt und auf groteske Weise neu zusammensetzt, ehe ihn die Legionen seiner Schöpfungen selbst vernichten. Man hat dieses Waten in Blut und Leichengift mitunter als Satire verstehen wollen, doch gibt es dazu außer der objektiven Absurdität des Textes (der dennoch brillant geschrieben ist) keinen Anlass.

Aus etwas heraus, das man wohl als psychologische Notwendigkeit verstehen muss, hat Lovecraft immer wieder dieselben Motive, Sujets und Handlungsstrukturen beschrieben, von Erzählung zu Erzählung ausführlicher, präziser und grandioser. Man kann hierin Redundanz sehen – oder den notwendigen Pfad einer ästhetischen Vervollkommnung. Erst der späte Lovecraft versteht es, seinen Stil über viele Seiten zu zügeln, ehe er die Flamme schließlich durchschlagen lässt und die feinsinnige Komposition in irrem Geschrei, Raserei und unartikulierten Lauten kulminiert; nicht unähnlich einem romantischen Abend zu zweit oder einer Hitler-Rede.

Mit Recht gilt der Horror tendenziell als minderwertiges Genre, da er – wie auf analoge Weise die Pornographie – nicht an das Individuum, sondern die dumpfe Emotion der Gattung appelliert. Gewöhnlich entspringt das Grauen in der Phantastischen Literatur entweder einer objektiv übernatürlichen Begebenheit oder dem subjektiven Wahnsinn des Protagonisten (ein Sonderfall sind die Schöpfungen des verrückten Wissenschaftlers). Mit allen diesen Konstellationen hat Lovecraft in seinen frühen Texten experimentiert: Es gebe seine Poe-Geschichten und seine Dunsany-Geschichten – doch wo seien die Lovecraft-Geschichten, so formulierte er einmal selbst die Unzufriedenheit mit seinem Werk. Diese Einteilung, wenngleich sich die Erzählungen nicht alle ganz eindeutig zuordnen lassen, ist treffend. Im Frühwerk Lovecrafts überwiegen klassische Schauererzählungen, deren Schauplatz verfallene Schlösser, ghulenbefallene Friedhöfe, einsame Häuser und Gehöfte sowie die Laboratorien nekromantischer Wissenschaftler darstellen. Er lernte dann das Werk von Lord Dunsany kennen und verfasste unter diesem Eindruck eine Reihe berückend schöner Traumerzählungen, denen das eigentliche Element des Horrors fehlt, wenngleich das poetische Talent Lovecrafts hier einen wesentlich gelungeneren Ausdruck fand als in seinen hüftsteifen Dichtungen strenger Form.

Dennoch scheinen alle diese Texte in der Rückschau nur Vorspiele jener ästhetischen Revolution zu sein, der sich sein Ruhm eigentlich verdankt. Der Schauplatz von Lovecrafts Schilderungen verlagert sich mit zunehmender Konsequenz nach Neuengland und ihre Zeit ist nicht mehr ein dunkles Ungefähr, sondern ein exaktes Datum in der Gegenwart. Es ist, als ob sich aus den raunenden Andeutungen des Schauerromans allmählich eine tatsächliche, mess- und objektivierbare Topographie des Entsetzlichen herausschäle, die sich nur noch mit den Mitteln einer exakten Wissenschaft darstellen lasse. Tatsächlich sind die Protagonisten in Lovecrafts späten Erzählungen nahezu ausschließlich Wissenschaftler, jedoch keine verrückten vom Schlage Frankensteins, sondern getreuliche Spiegel der Wahrheit, die sich um die strenge Wiedergabe der Tatsachen bemühen.

Die Wissenschaft als Sujet war schon vorher ein Thema der Literatur, auch und gerade der Phantastischen Literatur, doch die Neuerung Lovecrafts besteht darin, dass es ihm gelingt, die wissenschaftliche Methode, den wissenschaftlichen Stil selber unter die poetischen Ausdrucksmittel einzureihen. Den Gipfelpunkt dieser Entwicklung markiert seine Erzählung An den Bergen des Wahnsinns, worin sich Sätze finden wie der Folgende:

„Dies waren die ersten Worte, durch die ich von der Entdeckung erfuhr, und sie erwähnten die Identifikation von urzeitlichen Muscheln, Knochen von Ganoiden und Placodermen, Überreste von Labyrinthodonten und Thecodonten, große Fragmente des Mososaurus, Rückenwirbel und Panzer von Dinosauriern, Zähne und Flügelknochen von Pterodactylen, Bruchstücke des Archäopterix, Haizähne aus dem Miozän, Schädel primitiver Vogelarten sowie Schädel, Rückenwirbel und andere Knochen von vorzeitlichen Säugetieren wie Paläotheren, Xiphodonten, Dinocerata, Eohippi, Oreodonten und Titanotherien.“

Auch die Überreste der großen Alten sind nicht in mystisches Dunkel gehüllt, sondern ihre erschreckende Fremdheit offenbart sich im klaren Licht des Seziertisches. Die moderne Wissenschaft selbst ist es, die den Menschen relativiert, und keine noch so dichterische Schilderung pittoresken Hexenzaubers kann sich mit der Verstörung messen, die aus dem positivistischen Absolutismus der reinen Empirie resultiert.

Es gibt erprobte und konventionelle literarische Verfahren zur Erzeugung von Angst, etwa: Man schildert eine scheinbar intakte Idylle, und lässt peu a peu durch zahlreicher und größer werdende Risse das Grauen einsickern, das vor heilem Hintergrund besonders drastisch wirkt. Lovecraft hielt die Konstruktion einer solchen »heilen Welt« für nicht der Mühe wert. Er beginnt im Abgrund, und steigt dann von dort immer tiefer, bis zur Epiphanie des äußersten Schreckens. Charakteristisch ist der erste Absatz seiner Erzählung Cthulus Ruf:

„Die größte Gnade, die uns die Natur hat zuteilwerden lassen, ist wohl das Unvermögen des menschlichen Geistes, alle seine Inhalte miteinander in Beziehung zu setzen. Wir leben auf einer beschaulichen Insel der Unwissenheit inmitten schwarzer Ozeane der Unendlichkeit, und es ist nicht unsere Bestimmung, weit hinauszusegeln. Die Wissenschaften, von denen jede in ihre eigene Richtung strebt, haben uns bislang wenig geschadet. Eines Tages jedoch wird man die verstreuten Wissensfragmente zusammenfügen, und es werden sich so erschreckende Ausblicke auf die Wirklichkeit und unsere heillose Stellung in dieser Wirklichkeit eröffnen, dass wir angesichts der Offenbarung entweder den Verstand verlieren oder aus dem tödlichen Licht in die Ruhe und Sicherheit eines neuen dunklen Zeitalters fliehen werden.“

Ein typischer Verlauf bei Lovecraft ist etwa der Folgende: Der Protagonist begibt sich in einen als unheimlich markierten Kontext. Aus den Erzählungen verrückter Alter und zahlreichen Hinweisen, die an Deutlichkeit immer weiter zunehmen, wird sein Geist (und der des Lesers) auf ein dort waltendes Grauen verwiesen, das der Protagonist zunächst leugnet, während es dem Leser von Beginn an offensichtlich ist. Es ist nicht Suspense was sich entfaltet, sondern die Texte führen den Beweis einer von Beginn an feststehenden Wahrheit, welche die Protagonisten mit Eifer leugnen und in Gefilde des Traums oder Wahnsinns zu bannen suchen, während sie mit Blindheit geschlagen (oder sehenden Auges?) der unzweifelhaften Evidenz zustreben. Es gibt zuletzt keinen Zweifel mehr daran, dass der große Cthulu in seiner Stadt auf dem Meeresgrund schläft und dereinst die Menschheit vertilgen wird, und die Gewissheit dieser Allegorie ist eins mit den Gewissheiten moderner Kosmologie, die das künftige Erlöschen der Sonne und den endgültigen Wärmetod des Universums prophezeien.

Die Offenbarung der schrecklichen Wahrheit ist sowohl Fluchtpunkt der Handlung als auch des Stils, welcher, bis zu diesem Moment mühsam gezügelt, endgültig explodiert in einen wilden Strom extravaganter Adjektive wie blasphemisch, leprös, unnennbar, amorph, unvordenklich, zyklopisch, kataklysmisch, usw. womit Lovecraft den Leser bombardiert. Von einem unwiderstehlichen Forscherdrang beherrscht, zieht es die Protagonisten aller Furcht zum Trotz in dieses Grauen einer schwarzen Ekstase, als sei sie das Ziel einer geheimen Sehnsucht – einer Sehnsucht, die nur zu verständlich ist, wenn man bedenkt, dass es das Leben in Gänze ist, dass hier gefürchtet wird. Es ist eine augenfällige Parallele zwischen Lovecraft und seinem Verehrer Houellebecq, dass beide in den entscheidenden Passagen vom »guten Stil« abweichen, um ein Werk von solitärer Eigenheit zu schaffen, und beide haben sich hierdurch das Unverständnis und die Ablehnung der zeitgenössischen Literaturkritik zugezogen.

Lovecrafts Werk wimmelt nicht nur von bösartigen »Gottheiten«, den großen Alten, die die zerstörerische Natur des Kosmos darstellen, es fehlt ihnen auch nie an Anhängern, »degenerierten Rassenmischlingen«, die sie in einer dumpfen Bewunderung für das Stärkere und Brutalere verehren und die ihnen in »unnennbar orgiastischen« Zeremonien huldigen, zu deren genauerer Schilderung sich Lovecraft nie herablässt. Das Chaos lauert nicht nur im Außen, sondern es bildet auch den innersten Kern des Menschen selbst; jegliche Ordnung und Verfeinerung kann nur durch brutale Unterdrückung aufrechterhalten werden, doch die Verfeinerung geht zulasten der Brutalität und der Triumph des Chaos ist unausweichlich:

„Wann diese Zeit gekommen war, würde leicht zu erkennen sein, denn dann würden die Menschen wie die großen Alten geworden sein, frei und wild und jenseits von Gut und Böse. Gesetze und Moral würden hinweggefegt, und alle Menschen würden jubilieren und morden und ihren Lüsten frönen. Dann würden die befreiten Alten sie neue Arten lehren, zu jubilieren und zu morden und ausgelassen zu sein und ihrer Lust zu frönen, und die ganze Erde würde in einem flammenden Brandopfer des Rausches und der Freiheit aufgehen.“ – fürwahr eine Passage, die den Marquis de Sade trotz ihrer holprigen Übersetzung begeistert hätte.

Es ist oft bemerkt worden, dass sich Lovecraft in seinem literarischen Schaffen auf einen extrem engen Bereich konzentriert. Frauen, zwischenmenschliche Beziehungen, Alltagsleben, Charakterporträts oder persönliche Entwicklung haben ihn als Schriftsteller nicht interessiert. Seine Figuren sind ununterscheidbare Gestalten, und Houellebecq vergleicht ihn einem spielenden Kind, das in unschuldiger Grausamkeit seine leblosen Puppen zerstückelt. Man kann in den farblos erscheinenden Protagonisten aber auch Selbstdarstellungen eines erstarrten, entwicklungsunfähigen Charakters erblicken, der dem Chaos der Welt schutzlos preisgegeben ist. Albert Einstein sagte einmal, die wichtigste Frage überhaupt sei für ihn die, ob das Universum ein freundlicher Ort sei. Lovecraft hat auf diese Frage eine Antwort vorgelegt, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen übriglässt.

Yaroslav Gerzhedovich, Grand Cascade (Schloss Peterhof).

III.

Ich weiß nicht, welche Windungen in der Einöde
Dieser wirren See-Straßen mich einmal mehr nach Hause brachten,
Aber auf meiner Veranda schauderte ich, bleich vor Hast
Hineinzukommen und die schwere Tür zu verriegeln.
Ich hatte das Buch, das den geheimen Weg kündete
Durch die Leere und hinter die Schleier des Raums
Welche die ungesonderten Welten bändigen
Und vergangene Äonen in ihrer eigenen Domäne halten.

Zuletzt gehörte mir der Schlüssel zu den vagen Visionen
Von abendroten Turmspitzen und zwielichtigen Wäldern, die trübe
Sinnen in den Klüften, jenseits irdischer Fassbarkeit
Lauernd wie Erinnerungen an die Unendlichkeit.
Der Schlüssel war mein, doch als ich murmelnd dasaß
Schwang das Dachfenster von einem leisen Tasten.

Im Frühjahr 2018 war ich eine Woche in Manhattan. Wir schliefen zu fünft in einem engen Zimmer mit vier Betten, und die Enge des Hotels vermischte sich mit dem kontinuierlichen Menschengewimmel auf den Straßen und den von allen Hauswänden herabflackernden Neonschildern zu einer Reizüberflutung, die mir permanentes Missbehagen verursachte. Der schmale Streifen Himmel zwischen den Hochhäusern war meistens grau verhangen und ein unangenehm kühler Wind schlug durch die Straßenschluchten. Aus unerfindlichen Gründen lässt der Amerikaner in allen Hotels und Restaurants die Klimaanlage auch in den kühleren Jahreszeiten auf Hochtouren laufen, sodass ich gegen Wochenende eine Erkältung ausgebrütet hatte, die ich als willkommenen Vorwand nahm, um einen ganzen Tag im Hotel zu bleiben und mich auszuruhen. In meinen Augen bietet New York nur aus einer Perspektive einen erfreulichen Anblick, wenn man nämlich – vorzugsweise nachts – von der Spitze eines Wolkenkratzers auf es hinabblickt.

Auf den großen Plätzen in New York wimmelt es von schwarzen Straßenkünstlern, die ihre Breakdance-Kunststücke vorführen und den Moms der zusehenden Kinder schlüpfrige Komplimente machen. Aus einer Menge von mindestens zweihundert Schaulustigen wurde ich nach vorne geholt. Ich stand etwas linkisch zwischen vier oder fünf weiteren Passanten, wir beugten uns vornüber und ein junger Schwarzer, der seinen athletischen Oberkörper entblößt hatte, sprang unter dem Jubel der Menge in einem gewaltigen Satz über uns alle hinweg. Jedenfalls war ich ein wenig erleichtert, als ich schließlich die Lichter des Molochs unter mir in den Flugzeugfenstern verblassen sah und wusste damals noch nichts über den Schriftsteller, der neunzig Jahre vor mir in denselben Straßen gewandelt hatte und gegenüber dessen wildem Ekel meine Abneigung allenfalls ein leichtes Unbehagen war.

Nachdem Lovecraft in der Welt des Amateurjournalismus etabliert war, wurde er rasch zum Zentrum eines Zirkels von Freunden und Briefpartnern, mit denen er in regem Austausch stand und die er auch vielfach besuchte. Der Einsiedler von Providenz schien mehr und mehr seine Menschenscheu zu überwinden und schließlich lernte er Sonia H. Green kennen, die als berufstätige, emanzipierte, urbane und jüdische Frau eine Vielzahl von Eigenschaften besaß, die Lovecrafts Missbilligung hätten finden müssen. Es scheint jedoch, wenn man Biographien betrachtet, das sich selbst in den am konsequentesten durch den Charakter des Porträtierten vorgezeichneten Lebenswegen stets ein Aspekt oder Ereignis befindet, das jeglicher Plausibilität und Wahrscheinlichkeit zuwiderläuft. Im Falle Lovecrafts war dies seine Ehe mit Sonia Green. Alle Biographen haben sich zu Lovecrafts Sexualität – vielmehr dem scheinbaren Fehlen seiner Sexualität – in wilden Spekulationen übertroffen, deren verstiegene Dummheit mehr über die Pathologien der modernen Gesellschaft als über jene Lovecrafts enthüllt.

Entweder sollen seine sexuellen Präferenzen derart abnorm und pervers gewesen sein, dass er sie nicht in der Realität, sondern allenfalls den bizarren Schöpfungen seiner Phantasie unterbringen konnte; oder es wird postuliert, er sei »asexuell« gewesen und habe dergleichen überhaupt nicht empfunden. Es ist eine durchaus triviale Einsicht, dass die Sexualität schwer in die eigene Persönlichkeit zu integrieren ist, folglich viele Menschen der Prüderie anheimfallen und alle soziologischen Untersuchungen zeigen eindeutig, dass ein hoher Prozentsatz der Menschen heutzutage genau dasselbe Sexualverhalten wie Lovecraft aufweisen. Rätselhaft ist allenfalls der bizarre Eifer, mit dem diese Evidenzen seit einem halben Jahrhundert verdrängt werden, mit dem man selbst die Prüderie als »Asexualität« zu einer sexuellen Orientierung verdreht hat und sich in eine mediale Fiktion der Libertinage hineinsteigert, die dem tatsächlichen Sexualverhalten einer kleinen Minderheit entspricht.

Von Sonia Green wissen wir jedenfalls, dass die Anbahnung der Beziehung rein von ihr ausging, dass Lovecraft ohne jede sexuelle Erfahrung in die Ehe kam, und dass er auf ihre erotischen Annäherungen zwar einging, aber nie von sich aus die Initiative dazu ergriff. 1924 heiratete Lovecraft die sieben Jahre ältere Green und zog zu ihr nach New York City. Anfangs zeigte sich Lovecraft, der für die Atmosphäre einer Stadt oder Landschaft empfänglich war wie kein Zweiter, begeistert von den nächtlichen Lichtern der ungeheuren Skyline. In seiner autobiographisch grundierten Erzählung Er schildert er den Eindruck des Protagonisten wie folgt:

„Als ich mich zuerst der Stadt näherte, hatte ich sie bei Sonnenuntergang von einer Brücke aus erblickt, majestätisch über dem Wasser aufragend, ihre unglaublichen Gipfel und Pyramiden erhoben sich blumengleich und zart aus Seen violetten Dunstes, um in die flammenden Wolken und ersten Sterne des Abends hineinzustoßen Dann hatte sich Fenster um Fenster über den schimmernden Wassern erhellt, wo Laternen schwankten und dahinglitten und tiefe Hörner unheimliche Harmonien ertönen ließen, und dann war sie selbst ein sternbesätes Traumfirmament geworden, das von Musik aus dem Reich der Feen widerhallte…“

Zahlreiche seiner Freunde und Briefpartner lebten in New York, und Lovecraft wurde das Haupt eines Zirkels junger Autoren, die sich regelmäßig trafen und beinahe Züge der Boheme entwickelten. Nachts durchstreifte er ruhelos alleine oder mit Freuden die Stadt, allerdings nicht um sich den üblichen Vergnügungen hinzugeben, sondern unablässig auf der Suche nach architektonischen Eindrücken, die ihm gereinigt vom Gedränge des Tages und im Licht der unzähligen Lampen besonders eindrücklich schienen.

Omnia vincit amor, sagt Vergil – und täuscht sich: Lovecraft war zu tief in die Absonderlichkeiten seines Charakters hinabgestiegen, als das die Liebe einer Frau oder ein Zirkel von Freunden und Bewunderern ihn zu einem urbanen Literaten hätte machen können. Sonia verlor ihren Beruf und Lovecraft war vor die Notwendigkeit gestellt, sich um eine Erwerbsarbeit zu bemühen. Er reagierte auf hunderte Stellenanzeigen und schrieb zahlreiche Bewerbungen – allein niemand wollte einen Mann, der mit Mitte dreißig noch nie gearbeitet hatte, auch nur für den subalternsten Posten einstellen. Für Lovecraft, der sich immer als einen ins falsche Jahrhundert verschlagenen Gentleman des 17. oder 18. Jahrhunderts verstanden hatte, zeigte sich nun, dass seine Verachtung der Moderne auf Gegenseitigkeit beruhte: In einer Welt, die der Ökonomie und dem Wirtschaftswachstum huldigte, war er vollkommen fehl am Platz und sein Blick auf die Kapitale der Weltwirtschaft enthüllte zunehmend ihren dämonischen Aspekt.

Es ist zweifellos, dass Lovecraft schon als Jugendlicher ein eingefleischter Rassist war, doch nach Meinung einiger Biographen erreichte sein Rassenhass erst in New York den Gipfel des schrillen Fanatismus. Houellebecq meint, dass erst die Intensität dieses Hasses Lovecraft die emotionale Triebkraft zu seinen großen Erzählungen über widernatürliche Abscheulichkeiten verlieh. Anhand seiner Briefe lässt sich zeigen, dass er das Gewirr der gemischtrassigen Menschenmengen in New York mit demselben hysterischen Schwall an Adjektiven belegte, womit er später die kriechenden, krabbelnden, hüpfenden und watschelnden Abnormitäten seiner großen Texte beschrieb, sodass sich theoretisch eine klare Linie ziehen lässt zwischen den überfüllten Straßen New Yorks und den perversen Ergebnissen der sexuellen Vermischung zwischen Menschen und Amphibien, die den namenlosen Protagonisten von Lovecrafts Erzählung durch die Nacht des schattenumrankten Innsmouth jagen.

In seinem persönlichen Versagen in New York sah Lovecraft seinen Kulturpessimismus bestätigt. Die noblen und zurückhaltenden angelsächsischen Aristokraten, die die Zivilisation geschaffen hatten, waren den anderen, tierischeren Rassen an Vitalität und brutaler Kraft letztlich unterlegen und die Zivilisation dem Tod geweiht. In den Worten von Houellebecq liest sich das so:

„… in Anwesenheit von »Negern« wird er von unkontrollierbaren nervösen Reaktionen erfaßt. Ihre Vitalität, das anscheinende Fehlen von Komplexen und Hemmungen, versetzen ihn in Schrecken und widern ihn an. Sie tanzen auf der Straße, sie hören rhytmische Musik… Sie sprechen mit lauter Stimme. Sie lachen in der Öffentlichkeit. Das Leben scheint ihnen Spaß zu machen, und das ist beunruhigend. Denn das Leben ist das Böse.“[4]

Lovecraft wusste, dass er ein lebensuntüchtiger Dekadent war, und er betrachtete die gesamte westliche Kultur durch diese Brille. Eine interessante Parallelfigur zu HPL ist Robert Howard (Conan der Barbar), mit dem er befreundet war. Howard identifizierte sich mit archaischen, ultramaskulinen Figuren, die sich in ihrer affenartigen Virilität von ihren Widersachern zumeist kaum unterscheiden und verherrlichte das Barbarentum im Gegensatz zu einer verweichlichten und verlogenen Zivilisation. Dieser aggressive Zug fehlt den Protagonisten Lovecrafts völlig, es handelt sich bei ihnen um bloße Opfer, die ihr Forschertrieb selbst den Altar des Chaos besteigen lässt, worauf sie vernichtet werden. Mag der Rassismus bei Howard einen sadistischen Zug haben, so ist er bei Lovecraft durchweg masochistisch, reine Gewissheit von dem Fremden ausgelöscht zu werden, gegen die keine Auflehnung mehr möglich ist. Als Robert Howard dreißig Jahre alt war, fiel seine Mutter in ein unheilbares Koma, woraufhin er in seine Garage fuhr und sich dort erschoss.

Arbeitslosigkeit, Rassismus, Depression, Antisemitismus, Prüderie… Es ist nicht klar, woran die Ehe Lovecrafts mit Sonia nach nur zwei Jahren endgültig scheiterte, aber man ist nicht gerade überrascht davon. Lovecraft kehrte zurück nach Providence, wo er bis an sein Lebensende zusehends verarmt mit seinen Tanten zusammenleben sollte. Von New York blieb ihm zuletzt nur noch die Erinnerung an einen gewaltigen Abscheu zurück, als ob in dieser Stadt alles an seichter Moderne, »Rassenschande« und Zügellosigkeit kulminiere, die er so hasste. Er hatte sich mit dem Leben eingelassen – und es entpuppte sich als genau das, wofür er es immer gehalten hatte: Eine rohe und widerliche Veranstaltung, in der man am Ende immer vom Chaos verschlungen wurde.

Die restlichen zehn Jahre seines Lebens widmete er der Arbeit an seinen großen Texten, die ihn unsterblich machen sollten. Es ist nicht möglich, in einem Essay ein umfassendes Portrait einer Persönlichkeit abzubilden und ganz sicher sind die düsteren und bösartigen Züge überbetont worden. Man kann sich Lovecraft nicht als einen unaufhörlich Depressiven vorstellen, vielmehr scheint er sich in seiner Rolle als Verlierer nicht ohne Witz und Selbstironie eingelebt zu haben. In seinen späten Jahren hatte er ein ungeheuer ausgedehntes Netz an Brieffreunden, denen er tausende Briefe von teilweise dutzenden Seiten schrieb, die noch zu weiten Teilen unveröffentlicht sind und möglicherweise dereinst als nicht minder bedeutendes Werk denn seine Erzählungen gelten mögen. Soweit es seine bescheidenen Mittel zuließen, bereiste er den Osten der USA, besuchte architektonische Sehenswürdigkeiten und seine Freunde, die ihn teilweise wochenlang bei sich wohnen ließen und ihn in ihren Erinnerungen durchweg als einen makellosen Gentleman schildern. Gelegentlich verschaffte er sich ein Verdienst, indem er die Texte anderer gegen Honorar überarbeitete, verzichtete aber im Zweifel darauf, dieses Honorar einzutreiben und arbeitete für seine Freunde trotz seiner angespannten Verhältnisse kostenlos.

Es scheint, dass sich Lovecrafts Charakter in dieser Phase allmählich entspannte und der staubtrockene Konservatismus partiell von ihm abfiel. Er blieb zwar zeitlebens ein Demokratieverächter, kam aber zu dem Schluss, dass die Zivilisation nur aufrechterhalten werden könne, wenn man den Forderungen der sozialistischen Arbeiterschaft ökonomisch nachgab – um sie politisch in Schach zu halten. Die Republikanische Partei, der seine Familie verhaftet war, betrachtete er zu diesem Zeitpunkt nurmehr als Ansammlung korrupter Geldsäcke und unterstützte Roosevelts New Deal. Seine Vorstellung eines Sozialismus von oben bezeichnete er gelegentlich in einer etwas irreführenden Formulierung als »faschistischen Sozialismus«. In Hitler sah er einen sympathischen Clown, er teilte zwar dessen Rassismus, aber wer ernsthaft noch an die Zukunft der weißen Rasse glaubte, den konnte er nicht mehr ernst nehmen.

Zeitlebens blieb Lovecraft für seine Veröffentlichungen auf die Pulp-Magazine beschränkt und fand nie den Zugang zum etablierten Literaturbetrieb. Seine großen Erzählungen wurden dort teilweise nicht oder nur in absurder Verstümmelung angenommen. Sie waren zu lang, um sie in einem Stück abzudrucken und in ihren Verfahren zu subtil und komplex, als das der White Trash, der das Groß der Leserschaft bildete, etwas mit ihnen hätte anfangen können. Deshalb verstummte Lovecraft literarisch bereits vor seiner Erkrankung in der Überzeugung, einen ästhetischen Irrweg beschritten zu haben. Erst nach seinem Tod sollte August Derleth als Nachlassverwalter mit Lovecrafts Erzählungen ungeheure Erfolge erzielen. Solange es ihm möglich war, verheimlichte er den Darmkrebs vor seinen Freunden, sodass die Nachricht von seinem Tod am 15. März 1937 vollkommen überraschend kam. Lovecraft war seinem nihilistischen Materialismus bis zuletzt treu geblieben und in der Überzeugung gestorben, als Künstler vollkommen gescheitert zu sein. Dennoch ging er, wie die Krankenschwestern berichten, äußerst gefasst in den Tod. Er hatte nie etwas anderes erwartet.

Yaroslav Gerzhedovich, Gotisches Portal.

[1] Alle Gedichte sind Lovecrafts Sonettzyklus Fungi from Yuggoth entnommen.

[2] Vgl. Houellebecq, Gegen die Welt, gegen das Leben, S. 22.

[3] Joshi, Leben und Werk, Bd.1, S. 411.

[4] Houellebecq, S. 114.

Zu einem Gespräch mit unserem Leinwandhelden Yaroslav Gerzhedovich geht es hier.