Gottfried Benn (IV) – Am Saum des nordischen Meers

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Schon der klangvolle Titel dieses nicht erdrückend bekannten Gedichts deutet auf einen Grenzverlauf hin. Auch England und Finnland als näher benannte Orte bleiben im engeren Assoziationsrahmen, der sich mit der Wendung vom “Saum des nordischen Meers” auftut. Doch weit eher als von räumlichen Marksteinen sprechen die 1935 entstandenen Verse im Weiteren vom Saum des Nordischen in der Zeit, vom Ende “der weißen Rasse” als prägekräftiger geschichtlicher Instanz, wie es Spengler einige Jahre zuvor auf knapp tausend Druckseiten für besiegelt erklärt hatte.

Dabei sticht vor allem ein Berührungspunkt mit dem dritten Werk unserer Vorstellungsreihe sogleich ins Auge: Auch am nordischen Meeressaum erweist sich eine tragende Erzählung, wenn nicht als immer schon erlogen, so doch zumindest als inzwischen hinfällig: “aus die Mythe der Macht!” An der kolonisatorischen Ausgreifbewegung, die sich auf der Grundlage dieses nun im Verblassen begriffenen abendländischen Selbstbildes über die letzten vier Jahrhunderte hinweg vollziehen konnte, eilt Benn im Vollgalopp vorbei: “die Peitsche durch Niggerwunden, / die Dollars durchs Opiumfeld.”

Was diese Verse an historischen Grenzübertritten und Verfehlungen ins kollektive Gedächtnis rufen, perlt am kostbar ausgestatteten Salon (“Wände aus Silber und Rosen“), in dem sich die höhere Gesellschaft zum Liederabend eingefunden hat, perlt an diesem “Haus ohne Fehle” geräuschlos ab. Nur an Hals und Handgelenk der anwesenden Damen zeugen noch diamantene Funde und Fänge von der längst ins Stocken geratenen europäischen Expansion: “und den Perlen, den ertauchten, / um die Inseln von Bahrain.”

Als Symptome einer verflachten Kultur bloßer Äußerlichkeit (“die gierige weiße Rasse“) bilden die Schmuckstücke, zusammengeklaubt aus den hintersten Winkeln fremder Kontinente, einen deutlichen Kontrast zum dargebotenen Musikprogramm: Die schlicht-ergreifenden Verse aus der Feder von Johann Georg Jacobi, durch Schubert besänftigend vertont, wollen dem begüterten Publikum im abgeschirmten “Heim von heiteren Losen” nicht mehr recht vertraut vorkommen: “Fremde Worte sind im Raum.

Unabhängig davon, ob man die völkerpsychologischen Zuschreibungen teilt, die der Soziologe Werner Sombart in seiner 1915 veröffentlichten Schrift ‘Händler und Helden’ vornahm, um eine angenommene Unvereinbarkeit des germanischen mit dem angelsächsischen Wesen plausibel zu machen, vermittelt die geschilderte Szene im Salon des Hauses, “wo english money klingt“, den vagen Eindruck, dass Handel und Heldisches einander auf lange Sicht ausschließen, dass politisch-militärische Prosperität im Gegenzug Kunstsinn und Innerlichkeit verkümmern lässt.

Denn nicht als Grundwasser oder Muttermilch trinkt das versammelte Auditorium mehr die aufgeführte “Schubertsche Litanei“, sondern man konsumiert das romantische Liedgut nur mehr als “kind nepenthe” (E. A. Poe), als flüchtig beglückendes Sedativum, das die abstoßenden Umrisse der nicht zuletzt durch “die gierige weiße Rasse” mitgeformten modernen Zivilisation für Augenblicke verschwimmen lassen soll: “und die Räuberwelten versinken / von Capetown bis Shanghai.”

In der vorletzten Strophe schließlich wird der Blick des Lesers darauf freigegeben, wie das nordisch-idealistische Repertoire im stetig fernerrückenden Salon durch andere, “grenzenlose” Lieder ersetzt wird, einer globalisierten Welt gemäßer als die – mittlerweile selbst gewöhnlichen Deutschen fremd gewordenen – Klänge und Verse Schuberts und Jacobis. Diese neuen Gesänge lassen die verbleichende Mythe der abendländischen Macht endgültig “einer anderen Mächtigkeit” zum Opfer fallen, die nicht mehr von dieser Welt ist: “Der Mensch ist ewig und heute / fernen Himmeln geweiht.”

Vor solcher Mächtigkeit hat allenfalls Bestand, was von vornherein bloß nach fernsten Horizonten ausgerichtet war: Weder Opiumgeschäfte noch perlenträchtige Tauchgänge im persischen Golf, sondern jene poetischen Errungenschaften, in denen die abendländische Seele ihren “süßen Traum” ganz auf heimischem Boden vollenden konnte. Sie allein leisten auch dann Gewähr für das Fortwirken einer Kultur, wenn deren einstige Träger langsam von der geschichtlichen Bühne treten. Was Wagners Hans Sachs noch inbrünstig schmetterte (“Zerging in Dunst…“), reformuliert Gottfried Benn siebzig Jahre später in unnachahmlich kühler Lakonie: “Germany ohne Ende, / wenn german song erklingt.”


Am Saum des nordischen Meers (1935)

Melancholie der Seele –
ein Haus, eine Stimme singt,
es ist ein Haus ohne Fehle,
wo englisch money klingt,

ein Heim von heiteren Losen
geselligen Verkehrs,
vier Wände aus Silber und Rosen
am Saum des nordischen Meers.
 
Sie singt
–, und die hohe Klasse
Der Nord- und English-Mann,
die gierige weiße Rasse
hält den Atem an,
auch die Ladies, die erlauchten,
geschmückt mit Pelz und Stein
und den Perlen, den ertauchten
um die Inseln von Bahrain.
 
Die Stimme singt – ohne Fehle,
fremde Worte sind im Raum:
»Ruhe in Frieden, Seele,
die vollendet süßen Traum –
«
vollendet –! und alle trinken
die Schubertsche Litanei
und die Räuberwelten versinken
von Capetown bis Shanghai.
 
Geschmuggelt, gebrannt, geschunden
in Jurten und Bambuszelt,
die Peitsche durch Niggerwunden,
die Dollars durchs Opiumfeld
–:
die hohe Rasse aus Norden,
die abendländische Pracht
im Raum ist still geworden –
aus die Mythe der Macht!
 
Fern, fern aus Silber und Rosen
das Haus und die Stimme singt
die Lieder, die grenzenlosen,
die ein anderes Volk ihr bringt,
die machen die Macht zur Beute
einer anderen Mächtigkeit:
der Mensch ist ewig und heute
fernen Himmeln geweiht.
 
Englische – finnische Wände –:
Häuser – die Stimme singt:

Germany ohne Ende,
wenn german song erklingt,
dann ist es ohne Fehle
und gibt seinen Söhnen Ruh‘ –,
Melancholie der Seele
der weißen Rasse, du.
 

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