Gottfried Benn (III) – Verlorenes Ich

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Die Ziffernfolge ‘1943’ als Entstehungsjahr dieses Gedichts, das zu Benns bemerkenswertesten zählen dürfte, namhaft zu machen, mag gerade noch angehen. Schon die fachsimpelnde Beschäftigung aber mit Versfüßen und Reimschemata würde den Leserblick fortlenken vom Eigentlichen und hin zum so überlaufenen wie belanglosen Hochreck der Germanisten-Akrobatik.

Dort vor akademischem Publikum den leichtfüßigen Vorturner zu geben, verbietet sich mehr als ohnehin schon in Fällen, da Autoren nicht bloß gefasst ihr Vermögen ausstellen, sondern der wortlosen Qual ganzer Epochen eine lyrische Stimme leihen. Gottfried Benns ‘Verlorenes Ich’ ist ein solcher Fall – zu verzeichnen im annus 1943, das keinen dominus mehr kennt: “Du möchtest dir ein Stichwort borgen – / allein bei wem?

Des vergewissernden Stichworts ist bedürftig, wer nach kurzer Atempause im Vortrag fortzufahren gedenkt, wer nach zeitweiligem Herauspurzeln aus tradierten Sinnzusammenhängen dennoch die Schwerter zu halten sich aufrafft, wer Geschichte als niemals vollendbar begreift und daher die zyklischen Bewegungen von Fortgang und Wiederkehr, von Erdfrühe und Endzeit als Bürgen tiefen Sinns und Winke hoher Mächte wertschätzt, von denen der Mensch sich seit jeher Geleitschutz erhofft.

In Benns Gedicht erscheinen die tragenden Pfeiler des Daseins als gestürzt, sind sämtliche Pole auf der metaphysischen Landkarte verwischt und die Achsen zwischen ihnen zerstört wie das Wechselspiel von Tag und Nacht in Algabals Garten: Weder Abende noch Morgen dämmern mehr herauf, nicht Trinkspruch noch Totenklage erschallt. Die Außerkraftsetzung des Organischen und des Zyklischen als Grundprinzipien der belebten Welt lassen erahnen, worauf auch George zielt, wenn er 1917 die Knochenmühle von Verdun zum Nebenkriegsschauplatz zurechtstutzt, aus überlegener Seher-Sicht fragend: “Was ist ihm mord von hunderttausenden / Vorm mord am leben selbst?”

Diesem Schwerverbrechen spürt Benn in ‘Verlorenes Ich’ über acht Strophen hinweg nach – doch nicht in der Rolle des Scotland-Yard-Beamten, sondern als innerlich kaum Beteiligter, der auf dem Logenplatz das Burgunderglas schwenkt. Vom Parkett hält er sich auch deswegen fern, weil das Welttheater schal geworden ist, seit ihm Richtung und Regie abhanden kamen: Der Schnürboden ist verwaist. “Woher, wohin?” – Noch Goethes Intendant aus dem Faust-Vorspiel ist um die Antworten nicht verlegen:

“So schreitet in dem engen Bretterhaus
Den ganzen Kreis der Schöpfung aus
Und wandelt mit bedächt’ger Schnelle
Vom Himmel durch die Welt zur Hölle.

Der sichere Weg ins Schattenreich wäre ein Segen verglichen mit der Schreckvorstellung des außergeschichtlichen Einerleis, die Benns Vision eröffnet. Das wirklich verlorene Ich nimmt nicht mehr in wohliger Fraglosigkeit Kurs auf den Orkus, der implizit stets auch auf elysische Gefilde verweist wie jede Nacht auf den Morgen und das Evoe auf Requien, sondern es stürzt, um einen illusionslosen Passus aus Nietzsches ‘Fröhlicher Wissenschaft’ aufzugreifen, längst nach allen Seiten:

“Wir alle sind seine Mörder! Aber wie haben wir dies gemacht? Wie vermochten wir das Meer auszutrinken? Wer gab uns den Schwamm, um den ganzen Horizont wegzuwischen? Was taten wir, als wir diese Erde von ihrer Sonne losketteten? Wohin bewegt sie sich nun? Wohin bewegen wir uns? Fort von allen Sonnen? Stürzen wir nicht fortwährend? Und rückwärts, seitwärts, vorwärts, nach allen Seiten? Gibt es noch ein Oben und ein Unten? Irren wir nicht wie durch ein unendliches Nichts? Haucht uns nicht der leere Raum an?”

Ins Taumeln muss früher oder später geraten, wer Rückbindung – den Lateinern als ‘Religio’ geläufig – für vernachlässigbar oder entbehrlich hielt: Losgebunden und unbeschirmt stiebt er als wehrlose Monade einem feindlichen All entgegen, in dem selbst Sterne nicht mehr zum Gottesbeweis taugen, sondern nur mehr als “Kaldaunen“, als Eingeweide von Wiederkäuern in Betracht kommen. In diesem Vers sind Morbidität und Ekel, vom jungen Benn in menschlichen Kontexten ohne Schonung dargestellt, ins Kosmische geweitet und ans Himmelszelt projiziert.

Was die Menschheit schuf und auf sich hielt, was sie “wob und wog“, jede durch spätere Deuter für notwendig oder sinnvoll befundene Entladung gebundener Kräfte (“Völkerschlachten, Katalaunen“) und jede kulturelle Errungenschaft fällt dem vernichtenden Blick des fortwährend Stürzenden zum Opfer: “Hinab den Bestienschlund.” Bestialisch dürfen die Zerdenker der Welt deshalb genannt werden, weil mit ihrer Machtergreifung kein herkömmliches Scheiden mehr eingeläutet wird, kein verschmerzbares nämlich im größeren Ganzen des Zyklus, sondern der unwiderrufliche Abschied vom Zyklischen selbst und seiner weitläufigen Geborgenheit.

So kann das “Ach” der vorletzten Strophe keinem spielverlängernden Konjunktiv mehr die Bahn bereiten, sondern beschwört bloß ein letztes Mal noch das verlorene Paradies, in dem Rückbindung oberstes Gebot war und Denken nie Zerdenken. Der Hoffnungsschimmer, den das Gedicht trotz alledem ausstrahlt, ist ein subtiler und formaler: Denn das Ungestalte und Unsägliche – das Zerflattern eines uralten Weltbildes – vermag Benn in sangbare Verse zu überführen, die reale Zergliederung und Entgrenzung in poetischer Ordnung aufzuheben.

Nur aus diesem Grund steht er außerhalb und darf sein Burgunderglas heben: Weil er nach Gottes angenommenem Tod, in der Abwesenheit also des höchsten und anfänglichen Stichwortgebers, selbst für solches noch eigene Worte findet, das Sterblichen gemeinhin die Sprache verschlägt. Nihilismus, erklärte Benn 1931 in einer Rede zu Ehren von Heinrich Mann, sei recht besehen ein Glücksgefühl. Gemeint könnte das Glück Desjenigen sein, der durch eigenes Schaffen im Kleinen stellvertretend bezeugt, dass die große Mythe bis heute nicht lügt, wenn sie letzthin dem Glaubensfesten Einbettung verheißt.

 

Verlorenes Ich (1943)

Verlorenes Ich, zersprengt von Stratosphären,
Opfer des Ion −: Gamma-Strahlen-Lamm −,
Teilchen und Feld −: Unendlichkeitschimären
auf deinem grauen Stein von Notre-Dame.

Die Tage gehn dir ohne Nacht und Morgen,
die Jahre halten ohne Schnee und Frucht
bedrohend das Unendliche verborgen −,
die Welt als Flucht.

Wo endest du, wo lagerst du, wo breiten
sich deine Sphären an −, Verlust, Gewinn −:
ein Spiel von Bestien: Ewigkeiten,
an ihren Gittern fliehst du hin.

Der Bestienblick: die Sterne als Kaldaunen,
der Dschungeltod als Seins- und Schöpfungsgrund,
Mensch, Völkerschlachten, Katalaunen
hinab den Bestienschlund.

Die Welt zerdacht. Und Raum und Zeiten
und was die Menschheit wob und wog,
Funktion nur von Unendlichkeiten −,
die Mythe log.

Woher, wohin – nicht Nacht, nicht Morgen,
kein Evoë, kein Requiem,
du möchtest dir ein Stichwort borgen −,
allein bei wem?

Ach, als sich alle einer Mitte neigten
und auch die Denker nur den Gott gedacht,
sie sich den Hirten und dem Lamm verzweigten,
wenn aus dem Kelch das Blut sie rein gemacht,

und alle rannen aus der einen Wunde,
brachen das Brot, das jeglicher genoß −
o ferne zwingende erfüllte Stunde,
die einst auch das verlorne Ich umschloß.

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