Gottfried Benn (II) – Aus Fernen, aus Reichen

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Die Welt dreht sich weiter. Und zwar mit zunehmender Geschwindigkeit, denn die politischen Spannungen und Verwerfungen werden immer größer. Auch das wissenschaftliche Weltbild gewinnt an Dominanz, legt sich über den Bereich des Sozialen und lässt das Ich als berechenbares Element in der Masse verschwinden.

Die goldenen 20er Jahre der Weimarer Republik berauschen nicht alle Beteiligten auf die gleiche Weise. Nicht zuletzt deshalb hat jene Republik längst ihr Urteil von Benn erfahren müssen, denn sie stößt ihn ab, mit ihren „Genossenschaften, ihrem Versicherungswesen und anderen Schmerzvermeidungsinstitutionen, mit denen die Demokratie die Menschen vom Reich des Elementaren abschirmt“ (Helmut Lethen). Benn privatisiert sich und seine Prosa, das Ich rückt in den Mittelpunkt seiner Verse und auch die Frage nach der Transzendenz und nach dem Heiligen tritt zunehmend in den Vordergrund. Hier vernehmen wir eine Kehre.

Das wahre Denken aber ist immer gefährdet und gefährlich. Der Gedanke und das Wort kam ja nicht in die Welt, um die Wissenschaft und den Sozialismus und die Krankenkassen zu rechtfertigen, sondern als die furchtbarste Waffe, die grausamste Schneide, der blutigste Morgenstern dem waffenlosen Menschen in der grausamsten aller Welten zu helfen.

Mit dem Inhalt wandelt sich auch die Form. Kreuzreime begegnen uns in achtzeiligen Strophen und auch der Tod ist mehr als der unabwendbare Niedergang. Er wird wieder zu einem Rahmen, der das Dasein umhüllt („was dann nach jener Stunde sein wird, wenn dies geschah, weiß niemand, keine Kunde kam je von da“). Auch wenn Benn in der ersten Strophe noch zweifelt, so wird kurz darauf ein Raum an Möglichkeiten einer Existenz nach dem Tod aufgespannt, untermalt von den Klängen des Klaviers („dann spielen noch zwei Hände das Lied der Nacht“). Auch wenn dieser Raum ist, so hat er nichts Prophetisches: „eine große schöne Hand, wird mich nicht berühren, das läßt der Raum nicht zu.“

„Echt ist nur, wer völlig sich versagt und schweigt, in ihm allein beginnt das All, das Urspiel und die Stimmung des Gottes von dem ersten Tag“ schrieb Benn wenige Jahre nach Erscheinen des Gedichts an seinen langjährigen Brieffreund F.W. Oelze in seinem bekannten, selbstsicheren Ton. Doch auch wenn die Zeit und der Raum keine Transzendenz mehr zulassen, so bleibt doch letztlich das Ich als Echokammer für den Mythos bestehen. Diesen gilt es offenzuhalten. So ungewiss das Ende auch sein mag, so lässt sich aus den Zeilen von aus Fernen, aus Reichen eine Gewissheit ableiten: das Dasein ist um vieles fundamentaler als die materielle Welt, und die Zeit trägt jedem das Seine zu.

aus Fernen, aus Reichen (1927)

was dann nach jener Stunde

sein wird, wenn dies geschah,

weiß niemand, keine Kunde

kam je von da,

von den erstickten Schlünden,

von dem gebrochnen Licht,

wird es sich neu entzünden,

ich meine nicht.

doch sehe ich ein Zeichen:

über das Schattenland

aus Fernen, aus Reichen,

eine große, schöne Hand,

die wird mich nicht berühren,

das läßt der Raum nicht zu:

doch werde ich sie spüren

und das bist du.

und du wirst niedergleiten,

am Strand am Meer,

aus Fernen, aus Weiten:

>­- erlöst auch er<;

Ich kannte deine Blicke

Und in des tiefsten Schoß

Sammelst du unsere Glücke,

den Traum, das Loos.

ein Tag ist zu Ende,

die Reifen fortgebracht,

dann spielen noch zwei Hände,

das Lied der Nacht,

vom Zimmer, wo die Tasten

den dunklen Laut verwehn,

sieht man das Meer und die Masten

hoch nach Norden gehen.

wenn die Nacht wird weichen,

wenn der Tag begann,

trägst du Zeichen,

die niemand deuten kann,

geheime Male

von fernen Stunden krank

und leerst die Schale,

aus der ich vor die trank.

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