George Steiner: Verwandlung statt Heilung

Ein Gespräch, das Steiner im Herbst 2011 mit Steiner führte – der Schweizer Kunsthistoriker Juri mit dem österreichisch-amerikanischen Komparatisten und Kulturkritiker George – eröffnete der ältere, 1929 in Neuilly-sur-Seine bei Paris geborene und gestern in Cambridge verstorbene, mit einem ebenso reiz- wie hoffnungsvollen Gedankenspiel: Womöglich, so gab der Philosoph dem Fragesteller gegenüber zu bedenken, würden ferne Historiker-Generationen an 2011 als ein Jahr zurückdenken und an das 21. Jahrhundert im Ganzen als eine Ära, da große Künstler, Literaten oder Musiker gelebt und gewirkt hätten, von denen man jedoch zur Stunde – am 04. Dezember 2011 – keine Kenntnis habe: sei es, weil sie noch die Schulbank drückten; sei es, weil man ausgereifte Talente verkenne.

Im nächsten Gebäude, in der nächsten Straße sitzen der Herr oder die Dame, die vielleicht alles verwandeln können.

George Steiner

Die Macht zur Allverwandlung schrieb Steiner solchen Schöpfer-Naturen zu, denen sein wissenschaftliches Lebenswerk, vor allem aber seine ansteckende Hingabe galt. Sich selbst rückte er hinter diesen “schaffenden Kräften” bereitwillig ins zweite Glied, entwarf für seinen Berufsstand gar das Bild eines glücklichen Briefträgers, der dafür Sorge zu tragen habe, dass die Post der Größeren auch weiterhin zuverlässig übermittelt werde und dass sie nicht verschwinde von der kulturellen Bildfläche. Denn der vollständige Verlust von einmal Errungenem, darüber war Steiner sich offenbar schmerzlich im Klaren, droht in den schönen Künsten um einiges nachdrücklicher als überall dort, wo man objektiven Wahrheiten nachspürt.

Unabhängig voneinander und nahezu zeitgleich brüteten Charles Darwin und Alfred Russel Wallace im 19. Jahrhundert ihre Evolutionstheorien aus. Das bekannte Beispiel der beiden britischen Naturforscher bemüht Steiner im aufgezeichneten Zwiegespräch als eines unter vielen, um die Unverlierbarkeit naturkundlicher Wahrheiten herauszustellen, denen man sich linear und aus verschiedenen Richtungen, zudem stets aufs Neue annähern könne. Wenn nicht Newton theoretische Quantensprünge geglückt wären, so hätte sie Einstein oder hätten sie noch Spätere nachholen oder das Vorgedachte zumindest auf einen frischeren Stand bringen können: Wissenschaftler sind ersetzbar, ihre jeweiligen Zugänge entweder überhol- oder aber auf Augenhöhe fortdenkbar.

Doch weder Goethes ‘Faust’ noch Purcells ‘King Arthur’ verlangen jedes Jahrzehnt nach Aktualisierung, obschon abgefeimte Theater-Regisseure Gegenteiliges vorgeben müssen, um sich die einträglichen Spielfelder zur Befriedigung ihres Geltungsdrangs zu erhalten. Weil wohl niemand die Wiedervereinigungs-Zuversicht der Sterbenden inniger in Verse hätte bannen können als Elisabeth Kulmann, niemand die mitternächtige Traumverlorenheit akkurater in Töne übersetzen als Hugo Wolf und niemand die Schrecknisse der Gottverlassenheit atemverschlagender ins Bild fassen als Alfred Kubin, ist Personenkult in den Künsten regelrecht geboten, in den Wissenschaften dagegen meistenteils belächelnswürdig.

Nicht nur mit seinem kulturoptimistischen Eingangs-Szenario, sondern auch durch relativierende Ausführungen zur jungen Geschichte der Schriftkultur versetzte Steiner allen Untergangsfantasten und Endkampf-Enthusiasten empfindliche Dämpfer: So nennt er bereits Homer mit Verweis auf Platons Dialog ‘Phaidros’, der die schriftsprachliche Überlieferung grundsätzlich auf den Prüfstand stellt, “ultramodern” und ordnet ihn in diesem Zuge James Joyce bei. Die altersweise Gelassenheit des Gelehrten, der seinen Blick virtuos und weitwinklig durch die Jahrhunderte schweifen ließ auf der vergnügten Suche nach Bezüglichkeiten und Kontinuitäten, könnte auch Jüngere und Bildungsfernere dazu ermuntern, der jeweils aktuellen vermeintlichen Polit- oder Kulturkatastrophe mit Mephisto-Lakonie zu begegnen: “Sie ist die erste nicht.”

Dafür, dass er den Börne-Preis 2003 ausgerechnet auf Vorschlag von Joschka Fischer erhielt, kann Steiner kaum in Haftung genommen werden. Vom Weltanschaulichen sah der jüdischstämmige Intellektuelle das Ästhetische wohl auch aus biographischen Gründen vollständig entkoppelt: “Am Abend spielt man Schubert” – schrieb der gerade 18-Jährige kurz nach dem Krieg in seinem Erstlings-Essay ‘Über das traurige Wunder’ – “und am Morgen foltert man.” Die Schaubühne als moralische Anstalt, Herr Schiller? Setzen, sechs! Kunstproduktion wie -rezeption, bekräftigte Steiner noch Jahrzehnte später, seien keine menschlichen Werte, sondern abenteuerliche Blindflüge jenseits von Gut und Böse. Der Ästhet nicht als ethisch höherrangige, vielleicht gar als vergleichsweise halbseidene Instanz: Damit wandelt der Börne-Preisträger auf ähnlichen Spuren wie die Kulturhistorikerin Camille Paglia, wenn sie das männliche Geschlecht und seine höhere Gewaltverbrecher-Rate mit dem verwegenen Hinweis auf eine ebenso höhere Genie-Dichte in Schutz nimmt.

There is no female Mozart because there is no female Jack the Ripper.

Camille Paglia

Apropos female: Eine der begabtesten von Steiners Schülerinnen, die Tochter eines Bergarbeiters, beklagte sich nach Studien-Abschluss bei ihrem Komparatistik-Professor bitter über die praktische Folgenlosigkeit des akademischen Glasperlenspiels und leistete fortan unter widrigsten Bedingungen medizinische Arbeit in Sezuan. Dazu, so sagte Steiner rückblickend, könne er nur betreten schweigen und diesen Lebensentwurf demütig als “die höchste Zivilisation” anerkennen, zu der er nicht die Kraft aufgebracht hätte. Die Frage, was als größerer Dienst an der Menschheit zu begreifen sei, ob eine Mozart-Sonate oder die Entdeckung des Penicillins, warf Harald Schmidt nur wenige Jahre nach Steiner halb scherzhaft im selben Schweizer Fernsehformat auf. Nach bestem Wissen und Empfinden lautet die einzig anbruch-taugliche Antwort: Linderung, der sich die zupackende Studentin verschrieb, ist viel – doch nichts gegen Erlösung. Ärzte, die auch im äußersten Erfolgsfall bloß frühere Zustände für eine begrenzte Zeitspanne wiederherzustellen vermögen, bleiben sagenhaft ohnmächtig gegenüber jenen seltenen Erscheinungen, die mit einem Mal “vielleicht alles verwandeln.”

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