»Neubeginn auf Anti-Thule« — Friedrich Voit über Karl Wolfskehl

Prof. Dr. Friedrich Voit, Jahrgang 1947, studierte Germanistik, Klassische Philologie und Archäologie in Mannheim, Saarbrücken und Bonn und lehrte seit 1978 an der Universität von Auckland in Neuseeland. Dort beschäftigte er sich eingehend mit dem Exil-Werk Karl Wolfskehls und legte 2005 eine Biographie des Dichters vor, auf den die suggestive Formel vom ‘Geheimen Deutschland’ zurückgeht.

Lieber Herr Voit, Sie lehrten und leben in Auckland, wohin Karl Wolfskehl 1938 aus Mussolinis Italien emigrierte, nachdem er bereits am Tag der Machtergreifung Deutschland den Rücken gekehrt hatte. Führte Sie die Beschäftigung mit Wolfskehl gezielt nach Neuseeland oder stießen Sie erst vor Ort auf ihn?

Auf Wolfskehl kam ich tatsächlich erst in Auckland, wo ich 1978 hinzog. Damals war ich am Germanistischen Institut mit ganz anderen Dingen beschäftigt, allerdings gab es dort noch zwei Kollegen, die mit Wolfskehl befreundet gewesen waren. Bald stellte sich mir die Frage, warum nicht einer oder eine der zahlreichen Kollegen und Kolleginnen über Wolfskehl gearbeitet hatten. Für mich war Wolfskehl nur ein Name, gelesen hatte ich so gut wie nichts von ihm. Aber so ergab sich ein gewisses Interesse und meine Beschäftigung mit Wolfskehl nahm ihren Ausgang vor allem von den Exil-Briefen her. Nach einigen Jahren hatte ich dann das Bedürfnis, diesen Dichter in Neuseeland bekannter zu machen.

Mit einigen Weggefährten Wolfskehls war ich also noch befreundet, etwa mit Alice Strauß, einer engen Vertrauten von Wolfskehls deutlich jüngerer Partnerin Margot Ruben. Eine andere Kollegin, mit der ich noch jahrelang selbst in der Abteilung tätig war, hatte Wolfskehl als junge Frau noch selbst kennengelernt. Und auch einen seiner letzten engeren Freunde, den damals kaum 20-jährigen Dichter John Graham (*1922), der sehr von Wolfskehl gefördert und mit hilfreichen Kontakten zu Intellektuellen in Europa ausgestattet wurde, lernte ich noch kennen. Vor ein paar Jahren erst ist er gestorben, wir trafen uns bis zuletzt gelegentlich. Wolfskehl widmete ihm einige freundschaftliche Verse.

Wolfskehl-Verse an John Graham

Man darf demnach annehmen, dass Wolfskehl für Sie mehr ist als eine bloß papierene Existenz, dass Sie durch Erzählungen eine Gestalt vor Augen, vielleicht sogar einen Ton im Ohr haben?

Richtig. Das Beeindruckendste war für mich, dass Wolfskehl womöglich im Gegensatz zu George ungeheuer weltoffen war. Als er hier nach Neuseeland kam, war er tatsächlich am (anderen) Ende der Welt und hat dennoch sogleich einen neuen Freundeskreis gesucht und gefunden, um jenes geistige Leben fortzusetzen, das er zuvor in ganz Europa geführt hatte.

Durch Wolfskehls Geselligkeit und Gastfreundschaft eröffneten sich immer wieder auch lohnende Kontakte für George, der 1892 einen ersten Huldigungsbrief vom beinah gleichaltrigen Lyrik-Enthusiasten erhalten hatte. Wann war die Beziehung zwischen George und Wolfskehl auf ihrem Höhepunkt?

Sicherlich in der Zeit vor dem ersten Weltkrieg, nach dem Krieg brach die Beziehung dann sogar beinahe vollständig ab, da George sich den jüngeren Leuten zuwandte, wie er sie etwa an Pfingsten 1919 in der Heidelberger Villa Lobstein versammelte. Wolfskehl und George haben sich nach 1918 überhaupt nur noch wenige Male gesehen. Wolfskehl lebte 1933 nur ein paar Kilometer von George entfernt in Locarno und wollte ihn besuchen, doch wurde letztlich abgewimmelt, weil ein Wiedersehen den Meister wohl zu sehr aufgeregt hätte. Der Höhepunkt dieser Freundschaft ist sicher in der kosmischen Zeit anzusiedeln, kurz nach 1900 wahrscheinlich, als Wolfskehl in der Römerstraße residierte, wo für George das berühmte Kugelzimmer reserviert war.

Wolfskehl mit George und Maximin im Fasching von Wahnmoching

Wie darf man sich den Umgang der beiden vorstellen, wie oft sahen sie einander und wie verbrachten sie die gemeinsame Zeit?

Das lässt sich besonders eingehend anhand des Briefwechsels nachvollziehen. Wolfskehl sah in George den alles überragenden Dichter, in dessen Dienst er sich bereitwillig stellte. Dabei wahrte er allerdings immer auch eine innere und intellektuelle Selbständigkeit, die George achtete und schätzte. Man traf sich wohl nicht sehr häufig, aber doch regelmäßig bis zum Ende des 1. Weltkriegs, danach kam es nur noch zu vereinzelten Begegnungen. Dass der letzte, für Herbst 1933 sorgfältig vorbereitete Besuch in Minusio nicht zustande kam, war für Wolfskehl sicher eine bittere Enttäuschung (auch im Zusammenhang mit dem Morwitz-Brief, in dem George die Ahnherrschaft der nationalen Bewegung für sich beanspruchte). Es war aber wohl keine Frage, dass man Wolfskehl wenig später zum Begräbnis bat und er mit Hanna auch unverzüglich aus Rom anreiste.

Welche deutschsprachigen Dichter seiner Zeit ließ Wolfskehl neben George gelten, welche anderen bewunderte oder kannte er persönlich?

Zunächst bestimmt Hugo von Hofmannsthal und Friedrich Gundolf, aber auch Rilke und Else Lasker-Schüler. Als Wolfskehl erfuhr, dass in Palästina Lasker-Schülers ‘Mein blaues Klavier‘ erschienen war, bat er Bekannte dort, ihm das Bändchen zu schicken. Er kannte sicherlich die Gedichte sehr vieler Zeitgenossen, aber ein dezidiertes Lob erlaubte er sich nur selten.

Welche Verse von Wolfskehl sind Ihnen besonders lieb und warum?

Gemeinsam mit Andrew P. Woods, der selbst Gedichte schreibt und eine weite internationale, auch historische Kenntnis über Dichtung hat, stellten wir für die zweisprachige Auswahl ‘Three Worlds / Drei Weltendie Gedichte Wolfskehls zusammen, die uns am eindringlichsten ansprachen. Der Schwerpunkt ergab sich dabei in der Exil-Dichtung, in der er, wie uns schien, seine eigenste Stimme fand. Zum Bekanntesten aus dieser Schaffensperiode zählt sicherlich das Langgedicht ‘An Die Deutschen’, das ja bizarrerweise sogar von einer Lyrikerin herausgebracht wurde, die den Nazis nahestand.

Ina Seidel

Genau, Ina Seidel. Wolfskehl war mit ihrem Bruder eng befreundet und wurde auch von Ina Seidel selbst einmal in Rom besucht, wo er ihr dann eine Kopie von ‚An die Deutschen‘ mitgab. In der unmittelbaren Folgezeit verhielt sie sich mit diesem heiklen Besitz unauffällig, aber 1945/46 brachte sie das Werk dann heraus. Das Gedicht war zuvor nur im George-Kreis und unter vertrauenswürdigen Bekannten verteilt worden. Zwischenzeitlich wollte es auch Thomas Mann in seiner Zweimonatsschrift ‘Mass und Wert‘ veröffentlichen. Wolfskehl sprach sich allerdings dagegen aus, weil er erstens auf einem Sonderdruck bestand und zweitens Angst um seine Familie hatte, die noch in Deutschland lebte. Also blieb es bis 1946 ungedruckt, obwohl es bereits zur Zeit der Nürnberger Rassengesetzgebung fertiggestellt worden war.

Sah Wolfskehl den deutschen Geist oder sein ‘Geheimes Deutschland’ durch den Nationalsozialismus und die realgeschichtlichen Verwerfungen angefochten?

Nein, die deutsche Sprache und der deutsche Geist waren für ihn ganz unhinterfragbare Güter, die es im allgemeinen Bewusstsein nur so rasch als möglich von jedem NS-Ruch zu befreien galt. Geschmerzt hat es ihn aber wohl schon, dass sich der deutsche und auch der Georgesche Geist nach 1933 eher nicht bewährt haben.

Sehen Sie Wolfskehls späte Dichtungen denn nicht auch als Ausfluss dieses Georgeschen Geistes an?

Nicht unbedingt, obwohl Wolfskehl mir hier sicherlich heftig widersprechen würde. Sein Geist war nicht allein und notwendig deutsch oder georgeanisch, obwohl er natürlich aus dieser Richtung kam und grundlegend von ihr geprägt blieb. Noch im hohen Alter erschloss sich Wolfskehl die moderne angelsächsische Lyrik, ließ sie sich inzwischen fast erblindet vorlesen. Er lernte T. S. Eliot kennen und bewundern und traf auch die wenigen großen neuseeländischen Lyriker. Wenn Wolfskehl also ab 1933 in der Rückschau den deutschen Geist besingt, dann darf man angesichts seines eigenen Lebenswandels, seiner Anpassungsbereitschaft und Offenheit vielleicht annehmen, dass die Betonung für ihn immer eher auf ‘Geist’ lag als auf dem Deutschtum. Der Geist weht, wo er will.

Äußerste von windumsauster Klippe: Knud Baades ‘Szene aus der eddischen Sagenwelt’

Im Münchner Karneval trat Wolfskehl als Homer oder Bacchus auf, man nannte ihn den ‘Zeus von Schwabing’. Die Ursprungsregion des Judentums benennt George im ‘Stern des Bundes’ als “Stammort des gott-gespenstes”, einen markanten Gegensatz konstatierend zwischen bildfernen Deutschen und Juden einerseits und der sonnig-bildfrommen römisch-hellenischen Welt auf der anderen Seite. Deutsche und Juden seien gleich weit entfernt “von heitrem meer und Binnen wo sich leben / Zu ende lebt in welt von gott und bild!” Wie stark wirkte Wolfskehls jüdische Herkunft auf sein Denken und Schaffen?

Für Wolfskehl stand seine Zugehörigkeit zum Judentum zu keiner Zeit seines Erwachsenenlebens in Frage. Eine Zeitlang hoffte er wohl, dass sich im Kreis um George so etwas eine deutsch-jüdische Symbiose im Geistigen erreichen ließe, dabei machte er sich aber kaum Illusionen über die existierende antisemitische Bedrohung, auch nicht über einzelne antisemitische Anklänge im Kreis. Als der deutsche Geist in seiner bornierten Ausprägung das „Weltentempelhaus“ des lebendigen Geistes verließ, blieb Wolfskehl nicht nur sein nie aufgegebener portativer deutscher, sondern eben, wenn ich mal salopp formuliere, vor allem der jüdische Geist.

Dieser langen Tradition wandte er sich nach 1933 und 1935 (An die Deutschen) verstärkt zu: In den Gedichtsammlungen ‘Die Stimme spricht‘, Übertragungen aus dem Hebräischen, ‘INRI‘, und dann vor allem in ‘Hiob oder Die vier Spiele‘, seiner ‘Vision vom Wesen des Judentums‘. Wolfskehl war also durchaus ein jüdisch-religiöser Mensch, wenn auch wie Buber auf recht eigenwillige Weise. Er hatte stets Kontakte zu Synagogen, die er allerdings niemals regelmäßig besuchte, auch zu Rabbinern, jüdischen Gruppen und Gelehrten. Man sollte dies neben seiner bedingungslosen Treue zu George nicht übersehen.

Gestrandet: Wolfskehl in Neuseeland.

Kann man sagen, inwiefern Wolfskehl enttäuscht war von Georges undeutlicher Haltung zum Nationalsozialismus?

Wolfskehl sah George als weit über allem politischen Geschehen stehend und fürchtete, dass er von Nazi-Sympathisanten im Kreis missbraucht und allzu profan verstanden werden könnte. Um dem entgegenzusteuern, sprach er im Frühjahr 1934 auf der George-Feier in Rom. Er kannte den Morwitz-Brief an Goebbels natürlich und wird über Georges ambivalente Haltung kaum glücklich gewesen sein.

Wolfskehl war 1910 der Erste, der den Begriff des ‘Geheimen Deutschland’ für den George-Kreis einführte. Viele Jahre später entstand Georges gleichnamiges Gedicht, das von einem reifenden Ideal wie von einem Korn spricht, das “lang in tiefinnerstem schacht / Weihlicher erde noch ruht.” Im Exil-Gedicht ‘Schechina’ besingt dann auch Wolfskehl ein “Körnlein”, dessen ruhiges Gedeihen es zu befördern gelte. Zufall oder bewusste Fortschreibung?

Zufall wohl kaum, sondern dort wie hier die Hoffnung auf ein Weiterleben des Ersehnten im Verborgenen.

Im vierten Gedicht des Zyklus’ ‘Edom’, in dem Wolfskehl die historisch gewachsene Verbindung von deutscher und jüdischer Kultur beschwört, fragt er mit Blick auf die kulturelle und mythologische Orientierung der NS-Elite: “Wo blieb durch tausend Jahre euer Norden?” Welche waren für Wolfskehl die wichtigeren metaphysischen Bezugspunkte oder kulturellen Himmelsrichtungen?

Lässt sich dieser Vers nicht auch als Anspielung auf das mythische Thule verstehen? Wolfskehl selbst nannte sein Exil ja das ‘Anti-Thule’, in und von dem er sich einen Neuanfang („Reislein gedeihn dort neu“) erhoffte. Geist und die ihm inhärente ethische Dimension drückte sich für Wolfskehl vor allem in großer Dichtung aus, wie sie sich bei allen kulturell entwickelten Völkern findet. Dem deutschen Geist stand er dabei durch seine Herkunft besonders nah, mit ihm wuchs er auf, ihm galt sein Schaffen zumindest bis 1933. Seine Aufgeschlossenheit und Hingabe aber galt letztlich dem Geistigen an sich, wo immer es ihm begegnete – zuletzt in Neuseeland und der übrigen Anglosphäre. Kurz vor seinem Tod nannte er sich einen Bürger der Welt.

In den früheren der späten Dichtungen, in denen Wolfskehl vor seiner Emigration die große Zeit in Deutschland und vor allem in München noch einmal Revue passieren lässt, findet sich auch die Empfehlung “Grollt nicht zurück! / Was war verzeiht!‘. Diese Verse entstanden vor dem Zweiten Weltkrieg und dem Holocaust. Wie blickte Wolfskehl danach auf Deutschland?

Mit den Nürnberger Rassegesetzen und vor allem mit der Shoa war ein Bruch vollzogen, Kontakte gab es anschließend nur noch zu einzelnen Freunden. Dass man ihn in München vergessen hatte, vermerkte er bitter. Für seine Lebensgefährtin Margot Ruben blieb die Aussöhnung mit dem Bühnenbildner Emil Preetorius, der 1943 von Goebbels die Goethe-Medaille entgegengenommen hatte, kaum begreiflich. Wolfskehl verbat sich freilich weiterführende Erklärungsversuche von Preetorius zu dessen Karriere und Verhalten ab 1933.

Harmodios und Aristogeit: Berthold und Claus von Stauffenberg

Wie erlebte und reflektierte Wolfskehl im Exil den 20. Juli 1944?

Wie präzise Wolfskehl über das Stauffenberg-Attentat informiert war, lässt sich nicht mehr recht feststellen. Sehr bald verfasste er aber ein kurzes heroisierendes Gedicht-Fragment, in dem er die beiden beteiligten der drei Brüder nach George-Manier mit passenden antiken Decknamen bedenkt: “Ein Lorbeerforst von Ruhm und Weh gedeiht / Um dich Harmodios, dich Aristogeit.” Er sah hier sicherlich eine denkbar machtvolle Bestätigung des Georgeschen Ethos, wohl auch eine Rechtfertigung: “Durch dich ist Geist und Reich und Zeit geweiht / Von Rhein bis Mittmeer atmen wir befreit.”

Ein antisemitisches Einsprengsel in Alexander von Stauffenbergs großem Gedichtkreis ‘Der Tod des Meisters’ (1943) wiederum verletzte Wolfskehl, auch wenn er diese literarisch gelungene George-Würdigung ansonsten guthieß. In seinem ‘Satyrspiel’ geht er indirekt auf diese Infamie ein, wenn er nach Walter Elze und Ludwig Thormaehlen über Alexander von Stauffenberg als dritte Enttäuschung schreibt: “Du Dritter gleichfalls schlugst mit morscher Keule / Auf meisternächste manche Tempelsäule.”

Fragliche Passage aus ‘Der Tod des Meisters’

Eine letzte hypothetische Frage: Was hätte es für Georges Leben und Schaffen bedeuten können, wenn er Wolfskehl niemals getroffen hätte? Und welcher abweichende Lebensweg wäre umgekehrt für Wolfskehl denkbar gewesen ohne die Freundschaft zu George?

Solche hypothetischen Vermutungen liegen mir nicht; was tatsächlich geschah und was sich darin reflektiert, scheint mir reichhaltiger.

Mit dieser abschließenden Spekulationsverweigerung sehen wir Ihren wissenschaftlichen Ruf verteidigt, überlassen die Gedankenspiele gerne unseren Lesern und danken herzlich für das Gespräch.

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