Friedrich Hölderlin (III) – Dem Sonnengott

Götternacht – dieser sinnträchtige Begriff steht bei Friedrich Hölderlin für den Prozess, der später auch von Max Weber als „Entzauberung der Welt“ beschrieben werden wird: Im Zuge der neuzeitlichen, technisch-rationalen Erforschung der natürlichen Welt verliert diese endgültig ihre einstmalige Bedeutung als Heimstatt göttlicher Mächte und wird zum rein materiellen „Bestand“, der beliebig manipuliert und ausgebeutet werden kann. Friedrich Schiller, Hölderlins langjähriges Vorbild, verortet den Anfang dieser Entwicklung bereits im christlichen Weltverständnis, welches Gott aus der Natur in die weite Ferne einer jenseitigen Welt verlagert und damit den vorchristlichen Götterhimmel entvölkert.

Ein knappes Jahrhundert bevor ein weiterer deutscher Denker mit Vornamen Friedrich offen den „Tod Gottes“ verkünden wird, illustriert Hölderlin mit seiner Ode „Dem Sonnengott“ bereits die Götterdämmerung, mit der sich die Verdunkelung der Transzendenz in der Lebenswelt des modernen Menschen einleitet. Das Gedicht, das von Hölderlin im Sommer 1798 als eine von 22 Oden an Schiller geschickt wird, aber erst nach seinem Tod zur Veröffentlichung kommt, adressiert den unbenannten Sonnengott im Moment seines Abschieds von der Welt und beklagt diesen epochalen Verlust aus der Perspektive der Verlassenen.

Der Gott des Sonnenlichts, der im antiken Europa u.a. als Helios, Sol, Apollon oder Mithras verehrt wurde, steht hier auch stellvertretend für das gesamte antike Pantheon, mit dessen Göttern und Heroen Hölderlin eine innige Beziehung verband. In der Gestalt des Helios trägt der Sonnengott außerdem den Beinamen Hyperion, was ihn mit dem griechischen Protagonisten von Hölderlins gleichnamigem Briefroman verbindet, in dessen Lebenserzählung der junge Dichter wiederum sein eigenes Schicksal reflektiert. Auch wenn die Mythologie der klassischen Welt in der deutschen Literatur spätestens seit Winckelmann und Goethe wieder hoch im Kurs stand, so ist es zu seiner Zeit wohl nur Hölderlin, den ein echtes religiöses Pathos, ein „göttliches Feuer“, in seiner künstlerischen Verarbeitung des antiken Mythenstoffs antrieb.

In der Philosophie Platons steht die Sonne darüber hinaus für das Gute und Wahre an sich, durch dessen Wirkung das Sein erst möglich wird: So wie das Sonnenlicht die Ursache für die Sichtbarkeit der Dinge ist, ist das Gute der Grund dafür, dass der Kosmos überhaupt als sinnhafter Ausdruck der transzendenten Ideen erkennbar und verständlich ist. In der Götternacht verbirgt sich dieses göttliche Licht und mit seiner Gegenwart schwindet auch der übergeordnete Sinn aus der Welt.

In diesem Moment der Dämmerstimmung beginnt Hölderlin seinen lyrischen Abschied vom Göttlichen mit dem überraschten Ausruf – „Wo bist du?“.

Eben noch ließ der „entzückende Götterjüngling“ sein Licht am Abendhimmel erstrahlen, doch nun hat er sein Gesicht endgültig abgewandt von denen, die ihm keine Achtung mehr entgegenbringen, und ist „zu frommen Völkern / Die ihn noch ehren, hinweggegangen“. Was bleibt, ist die dunkle, schwere Erde als mütterliche Kraft, die gemeinsam mit dem verlassenen Dichter um den entrückten Geliebten trauert.

Diese ehrlich empfundene Trauer, die für Hölderlin weit mehr als nur poetische Metaphorik bedeutete, vergleicht der Dichter mit dem Schmerz eines Kindes, das seinen Kummer mit in den Schlaf nimmt und sich in der stillen, kalten Nacht träumend in sich selbst zurückzieht. Deutlich spricht aus diesem Bild das Gefühl der Machtlosigkeit, mit der der empfindsame Einzelne dem schicksalhaften Prozess der „Entgötterung der Welt“ gegenübersteht; Zuflucht findet er nur noch in sich selbst, wo er sich an der Erinnerung des himmlischen Feuers wärmt.

Und doch haftet diesen Versen, bei aller Dämmer-Schwermut, auch ein unverhüllter Schimmer der Hoffnung an: Die heroische Qualität der solaren Gottheit liegt in ihrer ewigen Wiederkehr aus dem Dunkel der Unterwelt mit dem Anbruch eines neuen Tages. Und wie das Licht der Welt stets aufs Neue dem Schoß der Erde entsteigt, so sehnt auch der träumende Dichter bereits die Rückkehr des geliebten Gottes herbei, mit der die Nebel der Götternacht sich lichten und erneut „Leben und Geist sich in uns entzünde[n]“ sollen. Hölderlins Sonnengott ist gekrönt mit dem Nimbus der Unsterblichkeit – Sol Invictus.

Dem Sonnengott

Wo bist du? trunken dämmert die Seele mir
Von aller deiner Wonne; denn eben ists,
Daß ich gesehn, wie, müde seiner
Fahrt, der entzückende Götterjüngling

Die jungen Locken badet’ im Goldgewölk;
Und jetzt noch blickt mein Auge von selbst nach ihm;
Doch fern ist er zu frommen Völkern,
Die ihn noch ehren, hinweggegangen.

Dich lieb’ ich, Erde! trauerst du doch mit mir!
Und unsre Trauer wandelt, wie Kinderschmerz,
In Schlummer sich, und wie die Winde
Flattern und flüstern im Saitenspiele,

Bis ihm des Meisters Finger den schönern Ton
Entlockt, so spielen Nebel und Träum’ um uns,
Bis der Geliebte wiederkömmt und
Leben und Geist sich in uns entzündet.

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