Friedrich Hölderlin (II) – Andenken

Die Anrufung des Windes. Zu Friedrich Hölderlins Hymne Andenken.

Im Dezember 1801 macht sich Friedrich Hölderlin – 31 Jahre alt, in nicht ganz einfachen beruflichen und persönlichen Verhältnissen lebend, als Dichter nur wenigen Kennern geläufig, von diesen aber umso höher geschätzt – von Nürtingen aus auf den Weg nach Bordeaux. Er will dort eine Stelle als Hauslehrer bei dem Weinhändler und hamburgischen Konsul Daniel Christoph Meyer antreten. Briefe Hölderlins aus dem zeitlichen Umfeld der Reise von der schwäbischen Provinz an die Atlantikküste lassen vermuten, dass dieser nicht nur den Antritt eines neuen Dienstverhältnisses im Blick hat, sondern sich auf eine echte lebensgeschichtliche Zäsur gefasst macht. Sie zeigen einen Menschen, der durchaus mit einem Abschied für immer von seinem Vaterland, seinem bis dahin gewachsenen Lebenskreis rechnet, der eine Schicksalswende gleichermaßen fürchtet wie erhofft. Resignation und Niedergeschlagenheit wegen des nahenden Abschieds, aber auch wegen der eigenen, in vielerlei Hinsicht ungeklärten Situation sind gepaart mit Reiselust, Fernweh und der Vorfreude auf südlichere Gefilde.

Die beschwerliche und nicht ungefährliche Reise vorbei an Straßburg, Lyon und über die verschneiten Berge der Auvergne bewältigt Hölderlin, der Wanderer, größtenteils zu Fuß. Am 28. Januar 1802 langt er in Bordeaux an, und noch am selben Tag verfasst er einen Brief an seine Mutter, in dem er, gleichsam außer Atem und derart übervoll vom Erlebten, dass er es nur gedrängt und andeutungsweise schildern kann, von Sturm, Wildniß, eiskalter Nacht und der geladenen Pistole neben sich im rauhen Bette schreibt, auch von überstandenen Lebensgefahren und davon, dass er nun durch und durch gehärtet und geweiht sei. Über den dann folgenden Aufenthalt in Bordeaux geben Hölderlins Briefe kaum Auskunft. Das wenige, was sie sagen, lässt aber vermuten, dass er sich gut in seine neue Lebenssituation fand. In besagtem Brief an die Mutter erwähnt er, der Konsul habe bei der Begrüßung ihm gegenüber geäußert: Sie werden glüklich seyn. Ob er es tatsächlich wurde?

Jäh und geradezu wie ein Bruch erscheint vor diesem Hintergrund der Abschied, den Hölderlin bereits Mitte Mai 1802 vom Hause des Konsuls Meyer und Bordeaux nimmt. Über die Gründe hierfür ist viel spekuliert worden. Manche mutmaßen, Hölderlin habe brieflich von der schweren Erkrankung Susette Gontards erfahren, jener Frau, mit der er von 1796 an über mehrere Jahre eine leidenschaftliche Liebesbeziehung unterhielt, und sich augenblicklich auf den Weg zu ihr gemacht. Aber das ist nur eine Hypothese (und nicht einmal die plausibelste). Das einzige, was man sicher weiß, ist, dass es keine Unstimmigkeiten mit dem Konsul und seiner Familie gegeben hatte; von diesen schied Hölderlin im Frieden.

Über die Rückreise nach Süddeutschland gibt ein Brief Auskunft, den Hölderlin im November 1802 an seinen Freund Casimir Ulrich Böhlendorff schrieb. Es ist ein ergreifendes Dokument, dass aus der Rückschau den Weg Hölderlins schildert, der auch die Vendée streifte, einen vereinsamten Landstrich im Westen Frankreichs, der nur wenige Jahre zuvor infolge monströser Massaker der französischen Revolutionsarmee an der königstreuen Bevölkerung verheert worden war. Hier scheinen ihm Erlebnisse widerfahren zu sein, die tiefen Eindruck hinterließen. Hölderlin schreibt, er habe die traurige einsame Erde gesehn, auch sei er von der Stille der Menschen, ihrem Leben in der Natur, ihrer Eingeschränktheit und Zufriedenheit derart ergriffen gewesen, dass er wohl sagen könne, von Apollo geschlagen zu sein. Von Apoll geschlagen – das kann eine große, ekstatische Inspiration, aber auch eine seelische Heimsuchung meinen. Hölderlin lässt die Bedeutung dieses Bildes in der Schwebe. Schließlich erwähnt er Erschütterungen und Rührungen der Seele, die ihn nötigten, sich nach seiner Rückkehr auf einige Zeit in seiner Vaterstadt – gemeint ist Nürtingen – vestzusezen.

Tatsächlich zeigt Hölderlin, als er Ende Juni 1802 bei Freunden in Stuttgart eintrifft, deutliche Zeichen äußerer Verwahrlosung und seelischer Erschöpfung. In diesem Zustand erreicht ihn ein Brief seines Freundes und Förderers Isaak von Sinclair, in dem dieser Hölderlin den Tod von Susette Gontard mitteilt. Wenn er nicht vorher schon unterrichtet war – jetzt weiß Hölderlin Bescheid. Die Mitteilung vertieft seine seelische und geistige Krise weiter, und trotz diverser Erholungsphasen wird er nicht mehr imstande sein, sie völlig zu bewältigen. Letztlich führt sie bis 1806 zum irreversiblen psychischen Zusammenbruch.

Friedrich Hölderlins Hymne Andenken entstand 1803 oder 1804. Die krisenhaften Jahre nach dem Aufenthalt des Dichters in Frankreich bilden demnach den lebensgeschichtlichen Zusammenhang, in dem er das Gedicht ausarbeitete. Wer es im Wissen um diesen Zusammenhang liest, wird mit einem Autor, einem Menschen rechnen, für den sich Erfahrungen von Entfremdung, Verlust und Außenseitertum zu schicksalhaften Erschütterungen verdichteten, der Gefahr lief, vom Wandern ins Vagieren zu geraten, unstet, unbehaust zu sein. DasErscheinen des Gedichts im Druck dürfte Hölderlin übrigens kaum mehr wahrgenommen haben. Es wurde erstmals im von Leo Freiherrn von Seckendorf herausgegebenen ‚Musenalmanach für das Jahr 1808‘, also nach seinem Zusammenbruch, publiziert. Vielleicht kam es über Isaak von Sinclair an Seckendorf.

Die wohl bekannteste Zeile des Gedichts ist die letzte: Was bleibet aber, stiften die Dichter. Sie ist in Form einer denkspruchartigen Sentenz gehalten. Die bündige und abstrakte Formulierung steht in eigenartigem Kontrast zur Bildfülle, auch zur geographischen Konkretheit, die das Gedicht ansonsten kennzeichnen. Sentenzen dieser Art, die auf ganz eigenartige Weise Prägnanz mit Mehrdeutigkeit, zuweilen auch Rätselhaftigkeit verbinden, finden sich öfters in Hölderlins Hymnen. Man denke nur an Wo aber Gefahr ist, wächst / Das rettende auch (Patmos) oder Und immer / Ins Ungebundene gehet eine Sehnsucht (Mnemosyne). Bezeichnenderweise sind sie es, die heute am ehesten noch zur Hand sind, wenn es darum geht, etwas aus dem Werk eines Dichters zu zitieren, der, obgleich zum Kanon der deutschen und europäischen Literatur gehörig, weitgehend aus dem Blick geraten ist. Die letzte Zeile von Andenken kann man lesen als einen prägnanten Ausdruck dichterischer Selbstvergewisserung: die Berufung des Dichters ist das Bewahren dessen, was des Erinnerns wert ist, vor dem Vergessen.

Doch nicht nur am Ende, auch am Anfang des Gedichts geht es um den Akt des Erinnerns. Er ist ihm bereits im Titel – Andenken – eingeschrieben. Und noch im weiteren Verlauf des Gedichts wird dieser Akt mehrfach angesprochen, so etwa am Beginn der zweiten Strophe mit einem Passus, der dem modernen Leser eher fremd anmutet: Noch denket das mir wohl ist eine ältere und in der schwäbischen Mundart verbreitete Wendung für ‚ich erinnere mich noch gut daran‘. Erinnerndes Dichten oder dichtendes Erinnern – dies ist der Rahmen, in den Andenken, wie so viele andere Gedichte Hölderlins auch, gestellt ist.

Ein wichtiger Bezugspunkt des erinnernden Dichtens in Andenken ist autobiographisch, nämlich Hölderlins Aufenthalt in Bordeaux. Gleich in der ersten Strophe, die mit einer Anrufung des Windes einsetzt, wird die Stadt vergegenwärtigt. Literaturwissenschaftlich gesicherte Instanzen wie das vielbeschworene ‚lyrische Ich‘ lassen wir für diesmal beiseite und stellen uns den Dichter selbst vor: wie er den Nordost preist, den Wind, der Geist und Schiffe gleichermaßen in Bewegung setzt – und der überdies nach Südwesten weht, somit von Nürtingen aus, wo Hölderlin seit dem Sommer 1802 vorwiegend lebt, nach Bordeaux. Grüßend nach dieser Stadt zu ziehen, in der er vor nicht allzu langer Zeit selbst weilte und von der er nun fern ist – das ist es, wozu der Dichter den Nordost auffordert. Bordeaux aber und sein Fluss, die Garonne, werden ebenso wie die ländliche Umgegend in einem idyllisch anmutenden Bild evoziert. Auch am Schluss des Gedichts wird die Gegend bei Bordeaux noch einmal ins Bild gesetzt: Die luftige Spiz’, an der Dordogne und Garonne zusammenfließen, meint den Bec d’Ambès, und der Strom, der, gebildet von beiden Flüssen, von dort meerbreit ausgehet, ist die Gironde. Aus der Stadt und ihrem Umland, den Flüssen mit ihren Ufergegenden, den Gärten, Wäldern, Weinbergen entsteht eine im Gedicht eindringlich beschworene Erinnerungslandschaft voller Anmut und Schönheit.

In der zweiten Strophe dann wird die die Schilderung von Stadt und Landschaft in eine exotisch grundierte Szenerie überführt, die in so ungewöhnlichen wie berückenden Bildern die Atmosphäre von Fest und Außeralltäglichkeit einerseits und erhabener Ruhe andererseits zusammenbringt. Ob das Bild der braunen Frauen, die an Feiertagen auf seidnen Boden gehen, ein poetischer Reflex der Erlebnisse Hölderlins in Bordeaux ist, von denen seine Briefe schweigen? Die Tagundnachtgleiche des Frühjahrs kann als eine Chiffre des Gleichgewichts gelesen werden, die langsamen Stege, die von goldenen Träumen schwer sind, als ein Bild der Verlangsamung, auch der Aufhebung von Zeit und Wirklichkeit, die einwiegenden Lüfte lassen an Besänftigung und Harmonie denken. All das zusammen ergibt ein traumhaft-hypnotisches Nunc stans.

Ruft man sich den Entstehungskontext dieser Zeilen in Erinnerung, so scheint es, als ob der Dichter inmitten einer Lebenssituation, die zerrissen ist von einer tiefen existentiellen Krise, einen Moment seiner Vergangenheit imaginiert, der von Lebens- und Weltbejahung, Ruhe und Aufgehobensein bestimmt ist. Sollte Hölderlin in Bordeaux tatsächlich etwas von dem Glück widerfahren sein, dass ihm bei seiner Ankunft dort versprochen wurde – vielleicht scheint es hier, in lyrisch sublimierter Form, noch einmal auf.

Andenken

Der Nordost wehet,
Der liebste unter den Winden
Mir, weil er feurigen Geist
Und gute Fahrt verheißet den Schiffern.
Geh aber nun und grüße
Die schöne Garonne,
Und die Gärten von Bourdeaux
Dort, wo am scharfen Ufer
Hingehet der Steg und in den Strom
Tief fällt der Bach, darüber aber
Hinschauet ein edel Paar
Von Eichen und Silberpappeln;

Noch denket das mir wohl und wie
Die breiten Gipfel neiget
Der Ulmwald, über die Mühl’,
Im Hofe aber wächset ein Feigenbaum.
An Feiertagen gehn
Die braunen Frauen daselbst
Auf seidnen Boden,
Zur Märzenzeit,
Wenn gleich ist Nacht und Tag,
Und über langsamen Stegen,
Von goldenen Träumen schwer,
Einwiegende Lüfte ziehen.

Es reiche aber,
Des dunkeln Lichtes voll,
Mir einer den duftenden Becher,
Damit ich ruhen möge; denn süß
Wär’ unter Schatten der Schlummer.
Nicht ist es gut,
Seellos von sterblichen
Gedanken zu seyn. Doch gut
Ist ein Gespräch und zu sagen
Des Herzens Meinung, zu hören viel
Von Tagen der Lieb’,
Und Thaten, welche geschehen.

Wo aber sind die Freunde? Bellarmin
Mit dem Gefährten? Mancher
Trägt Scheue, an die Quelle zu gehn;
Es beginnet nemlich der Reichtum
Im Meere. Sie,
Wie Mahler, bringen zusammen
Das Schöne der Erd’ und verschmähn
Den geflügelten Krieg nicht, und
Zu wohnen einsam, jahrlang, unter
Dem entlaubten Mast, wo nicht die Nacht durchglänzen
Die Feiertage der Stadt,
Und Saitenspiel und eingeborener Tanz nicht.

Nun aber sind zu Indiern
Die Männer gegangen,
Dort an der luftigen Spiz’
An Traubenbergen, wo herab
Die Dordogne kommt,
Und zusammen mit der prächt’gen
Garonne meerbreit
Ausgehet der Strom. Es nehmet aber
Und giebt Gedächtniß die See,
Und die Lieb’ auch heftet fleißig die Augen,
Was bleibet aber, stiften die Dichter.

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