»Fliegend oder nie« — Zum 70. Geburtstag von Rolf Schilling

„Rausch“ und „Traum“, „Blut“ und „Stern“ wären wohl gesetzt. „Wahn“ und „Weh“ zwar, doch ebenso „Licht“ und „Gold“, „Schatten“ und „Flamme“ dürften zum engeren Favoritenkreis zählen, bereits „Adler“ und „Schwan“ wahrscheinlich nur mehr zum erweiterten. Wenn man eine Sammelkartei anlegte, um Rolf Schillings lyrisches Opus, das 2020 sage und schreibe 200.000 Verse umfasst, auf die häufigsten Hauptworte hin zu durchkämmen, dann hätten die zwölf angeführten Vokabeln günstige Aussichten auf vordere Ränge. Neben einer dreizehnten vielleicht, dem unausbleiblichen „Opfer“. Prominenter noch als im Verswerk spendet Schilling der Bereitschaft zur Entsagung im Essay-Konvolut ‚Schwarzer Apollon‘ seinen Segen, wo man die Spätfolgen schmerzscheuer Wohlfahrtsseligkeit eindringlich ausgemalt findet: „Das nicht vollbrachte Opfer verlagert sich aus der Ewigkeit des Augenblicks in die Unendlichkeit der Zeit. Es äußert sich körperlich als schleichende Krankheit und langsames Siechtum, seelisch als Gewissensbiss, Schuldgefühl, Selbsthass.“

Dass ergiebige Entbehrung und initiatorischer Schmerz in Schillings literarischem Kosmos Schlüsselstellungen einnehmen, weist ihn als in hohem Grade klassisch aus. Über die Grenzen der maßgeblichen Kultur- und Sprachräume hinweg fallen beim mythisch tradierten Schwellenübertritt Feier- und Zahltag, Entäußerung und Läuterung in eins. Der Phoenix entzündet sich nach Herodot alle fünfhundert Jahre auf dem Sonnenaltar im Tempel zu Heliopolis, Odin gibt sein Auge an Mimirs Brunnen hin und der Sänger bietet eigene Melodien als Obolus zur Überfahrt auf: „Du, der Gesichte, / Der Rätsel voll, / Tritt ein, entrichte / Den Botenzoll, / Die Nornen zwingend / Mit Spruch und Lied, / So fährst du singend / In ihr Gebiet.“ Ob es in Schillings Kalkül lag, dass auch sein eigenes Revier die Opferbereitschaft anreisewilliger Gäste herausfordert? Stets aufs Neue erweist sich der Weg nach Udestedt bei Erfurt, wo der Stifter des Holden Reiches seit 2010 lichte Zimmer in einem rustikalen Mehrgenerationenhaushalt bewohnt, als abenteuerlich. Werktags bewegen sich die Busse von der Landeshauptstadt aus nur sehr vereinzelt in Dichter-Richtung und wochenends schließlich steuern sie den Ort nicht mehr öfter an als Thule, Avalon oder andere Traum-Knotenpunkte, die der gewöhnliche Schilling-Leser in seiner Reiseplanung berücksichtigt.

Selbst wenn einzelne Nahverkehrs-Quester unter der Woche tatsächlich eine der wenigen Busverbindungen nach Udestedt erwischen sollten, werden sie sich während der Fahrt des Gefühls kaum erwehren können, ihrer zivilen Mitwelt Station um Station immer gründlicher abhanden zu kommen – womit man im Ansehen des Gastgebers freilich auf einem verheißungsvollen Weg sein dürfte: denn „nicht der Dichter ist weltfremd“, heißt es in Schillings gesammelten Aphorismen, sondern die Erde und ihre Besiedler selbst seien einander zusehends unvertraut geworden und begegneten dem Sänger mittlerweile auch deswegen mit gereiztem Argwohn, weil er – als letztes Sprachrohr einer vormodernen Sphärenharmonie – seine Zeitgenossen unweigerlich auf die eigene Selbstvergessenheit hinweise. Nicht zuletzt hakt das Bonmot von der weltfremden Welt sich erkennbar bei Novalis unter und seiner protoromantischen Versicherung, dass die Bahn zurück zum anfänglichen Einklang erst dann bereitet sei, sobald sich der entwurzelte Mensch „ins freye Leben / Und in die Welt wird zurückbegeben.“

Begnadung versus Meisterschaft

Wann immer er ortsfremde Gäste zu sich lotsen möchte, kommt allerdings auch Schilling nicht vollständig ohne Zahlen und Figuren zu Rande. Konnte er den tückischen Skyllen „Bankverbindung“ und „Internet“ noch gelenk entgehen, so haben mit „Postleitzahl“ und „Hausnummer“ letztlich doch zwei Charybden der Tagwelt ihre Fänge fest um den Dichter geschlungen. Was durch solche Konzessionen gegenüber der bürgerlichen Gesellschaft an poetischer Strahlkraft eingedimmt wird, versuchen die Hartnäckigeren unter Schillings Ansprech- und Briefpartnern wettzumachen, indem sie das harmlose „Udestedt“ zur Namensruine einer vorzeitlich-hehren „Odinstadt“ aufnorden. Der Dichter betrachtet solche Herleitungen unabhängig von ihrer objektiven Stichhaltigkeit mit Wohlgefallen. Die Wahrheit ist ihm nur so lange heilig, wie sie Geist und Sinn zu schöpferischer Tätigkeit beflügelt. Aus Goethes ‚Vermächtnis‘ ruft Schilling seinen Gesprächspartnern nicht nur die mönchische Losung ‚Geselle dich zur kleinsten Schar‘, sondern ebenso den vorangehenden Reimvers turnusmäßig ins Gedächtnis: „Was fruchtbar ist, allein ist wahr.“

Entsteigt man dem Bus – Linie Schloßvippach 141 – an der örtlichen Haltestelle in unmittelbarer Nachbarschaft zum ‚Weimarischen Hof‘, dann scheinen Asgard und Breidablik vorerst fern. Erst auf der ächzenden Stiege zu den Räumen des Gastgebers – vorbei an Rankpflanzen und Werneburg-Gemälden – gewinnt die Odinstadt-These rapide an Plausibilität. Am Ende des Treppenaufgangs werden die Besucher durch eine kleinformatige Breker-Lithographie begrüßt – „Rolf Schilling“ gewidmet, „dem Meister des Wortes.“ Ob es denn ein Foto gebe, höre ich mich den Dichter fragen, das ihn gemeinsam mit dem wahlverwandten Bildhauer zeige, der 1991 – bald nach dem ersten und einzigen Düsseldorfer Gipfeltreffen – hochbetagt an Wagners Todestag starb. Visuell dokumentiert, verneint Schilling, sei nur die Wilflinger der beiden Zusammenkünfte mit Ernst Jünger und das Stelldichein mit Leni Riefenstahl, deren Widmungstext ihn noch zufriedener stimmte als der Brekersche, weil er von „Begnadung“ spricht und damit weniger handwerkliche Fertigkeiten hervorhebt als jenes Unwägbare und Unerwerbliche, das Goethe einprägsam „die angeborenen Verdienste“ nennt.

Als Begriff tritt die Gnade in Schillings lyrischem Werk zwar nicht allzu gehäuft auf, doch nimmt sie in der Gedankenwelt des Dichters eine umso bestimmendere Rolle ein. „So viel auch wirket die Not / und die Zucht“ – heißt es bei Kamerad Hölderlin noch allgemeingültig – „das meiste nämlich / Vermag die Geburt.“ Der Thüringer Solipsist indes schneidet diese Überzeugung zwei Jahrhunderte später souverän auf sich selbst zu, wenn er im ‚Questengesang‘ verlauten lässt: „Was die Geburt vermag, / Hast du erfahren.“ Weil er die wegweisenden Weichen lange vor Schulbesuch und Studium gestellt sieht, steht Schilling mit inspirationsarmer Beflissenheit auf Kriegsfuß, gießt im Essaywerk seine Häme über „Sammler-Fleiß und Deuter-Cretinismus“ aus und beansprucht für sich, die reichhaltigen Bestände nicht enzyklopädisch abgrasen zu müssen, sondern als wählerischer Flaneur seine Aufmerksamkeit für die imposantesten Halme aufsparen zu dürfen: „Der Dichter trägt den Greif im Wappen.“ Nicht er muss sich den Dingen gegenüber würdig und gewachsen zeigen, sondern sie haben miteinander zu buhlen um die Gunst seines veredelnden Blickes.

Weiterleben als Taktlosigkeit

Weil die Entbehrung den Initianten desto einschneidender treffen muss, je höher die zu passierende Schwelle hinaufführt, kann für Rolf Schillings Besucher die Anfahrtsroute kaum schon der ganze Passionsweg gewesen sein. Hier kommt nun die Bibliothek ins Spiel, für Gäste gewöhnlich zum Nachtlager umfunktioniert und auf der unbeheizten Nordseite des alten Anwesens gelegen, das gegen die widrige Außenwelt weit weniger hermetisch abgedämmt ist als die Lyrik des Hausherrn. Der Phoenix geruht zu verbrennen, Schillings Besucher drohen zu erfrieren – Opfer ist Opfer, ob an Euphrat oder Unstrut. Doch wie Walvater mit Mimirs Weisheit, so werden auch Schillings Gäste reich belohnt durch einen üppigen Buchbestand, der zumal gemessen am Greifen-Dasein des Dichters – auffallend gewissenhaft sortiert wirkt. Nahe der Tür zum Flur steht Mozarts Diarium, in das der 14-Jährige am 13. Juli 1770 zwei Sätze eintrug, die innehalten, auflächeln und durchatmen lassen: „Gar nichts erlebt. Auch schön.“ Von Abseitigem – einer Monographie etwa zum deutsch-polnischen Translator Karl Dedecius – über Allbekantes wie Ecos ‚Der Name der Rose‘ enthält die Sammlung sämtliche Grau- und Zwischenstufen. Selbst Bände, die man bei Schilling zuallerletzt vermutet hätte, warten mit deutlichen Lesespuren auf – unter ihnen die Memoiren des Sowjet-Agitators Ilja Ehrenburg oder die teils obszönen ‚Träume‘ des Kahlschlägers Günter Eich, die in den 50er-Jahren einen gesellschaftlichen Skandal auslösten, wie ihn heute allenfalls werktreue Theater-Aufführungen oder tridentinische Messen noch heraufzubeschwören vermöchten.

Weniger überraschend nehmen sich Eliades ‚Kosmos und Geschichte‘, Evolas ‚Revolte gegen die moderne Welt‘ oder Blumenbergs ‚Die Vollzähligkeit der Sterne‘ aus. Konfrontiert mit all diesen Herren der Sprach- und Sinnschöpfung mag Paritätsverfechter die Frage umtreiben, ob Frauen Schilling gegenüber bloß mit Begnadungs-Attesten oder auch durch eigene Autorschaft renommieren können. Immerhin drei Namen fallen auf Anhieb ins Auge: Günderrode, Austen, Bachmann. Die so eingeheimsten Vielfalts-Lorbeeren dürften jedoch kaum ausreichen, um Hans Grimms Fanal-Roman ‚Volk ohne Raum‘ zu entschuldigen, den Schilling ebenso studiert hat wie die Nietzsche-Kommentare des NS-Pädagogen Alfred Baeumler. Dabei sollte die gegenwärtige Diskurs-Überhitzung den Bibliothekar beruhigen: denn seit sogar die Märchenbrüder Jacob und Wilhelm von akademischen Anfangswehrern wahlweise des sekundären, quartären oder septimären Antisemitismus geziehen werden, scheint Hans Grimm – als unzweideutiger Fall – gewissermaßen aus der publizistischen Schusslinie gerückt. Richard Dehmel wiederum – auch er mit dreiteiliger Werkausgabe vertreten – erbrachte 1902 den denkbar schlagendsten Philosemitismus-Beweis, indem er Ida Coblenz ehelichte, die ein knappes Jahrzehnt zuvor in Bingen von Stefan George umworben worden war und an deren Adresse manches Liebesgedicht aus dem ‚Jahr der Seele‘ sich richtet: „Verschweigen wir was uns verwehrt ist, / Geloben wir glücklich zu sein / Wenn auch nicht mehr uns beschert ist / Als noch ein rundgang zu zwein.“

Udestedter Rundgänge mit Schilling führen die Besucher zumeist aus der Gartenpforte am „Singestuhl“ vorbei, wo der Meistersänger von Frühling bis Herbst seine Verskränze flicht. Wer die umliegenden Blumenbeete abschreitet, wird dort allerhand Anlässe und Vorbilder für längst abgefasste Gedichte – ob ‚Feuerlilie‘, ob ‚Tigridia‘ – prangen sehen, was die Kenner von Schillings Essayschaffen stutzen lassen muss. Denn durch alle poetologischen Einlassungen des Dichters zieht sich rotfädig der Glaubenssatz, dass die Zeichen im Augenblick der Schöpfung ihr Bezeichnetes, dass Gesänge Besungenes überwältigen und bis zu einem gewissen Grad auslöschen: Homer verewigt Troja und es darf fallen, seinen Zweck erfüllt habend. Shakespeare errichtet seiner Liebe einen Schutzraum aus Versen, außerhalb dessen sie fortan sorglos vergreisen kann: „Dein schönes sei vor dem verlust gefeit / In ewigen reimen ragst du in die zeit.“ Doch Sterbe- oder Welk-Gefälligkeiten, wie sie weiland an der Tagesordnung waren, werden den Barden des dritten Jahrtausends offenbar nicht mehr flächendeckend erwiesen: Sowohl das jüngst erst bedichtete Bienenhaus als auch die zahlreichen Zierpflanzen bestehen und blühen trotz ihrer Kunstwerdung unverdrossen fort und begehen somit eine Unbotmäßigkeit, an die sich Schilling – als Dichter in dürftigster Zeit – im Zwischenmenschlichen bereits gewöhnen musste: „Ich hasse niemanden und habe niemanden zu verfluchen. Allerdings wundert man sich ab und zu, dass manche Leute, nachdem sie ihre Mission in meinem Leben erfüllt haben, dreist wagen weiterzuleben statt sich zu entleiben wie der Lyder im Algabal. Aber ein solches Mindestmaß an Takt ist heute leider nicht mehr vorauszusetzen.“

Die Vertikale als Ausflucht

Das eigene Weiterleben dürfte der „Meister des Wortes“, da ihm die Lyriker als Gläubiger und alle übrigen Menschen als Schuldner gelten, eher als Akt der Gnade denn als solchen der Dreistigkeit auffassen. Im Verlauf des Gesprächs bekundet er nicht ohne Genugtuung, am 03. Januar 2020 Richard Wagner an Lebenstagen überboten zu haben. Schon Ende 2015 hatte er brieflich darüber frohlockt, in Altersbelangen jüngst an Stefan George vorbeigezogen zu sein. Dafür, dass Schilling Wert darauf legt, den Greif anstelle des Hamsters im Wappen zu führen, ist sein Zahlen- und Namensvorrat ein staunenswürdiger. Die Bibliographien vergessenster Winkelliteraten sind ihm ebenso geläufig wie olympische Speerwurf-Sieger der 30er-Jahre. Dem Sport schenkt der Dichter wohl auch deswegen besondere Aufmerksamkeit, weil er in früher Jugend Helden nicht bloß vor kleinster Schar, sondern vor vollen Rängen zu besingen plante: als Fußballkommentator. Bis heute zitiert er in seinen Tagebuch-Aufzeichnungen Vertreter der Sportwelt wohlwollender als Repräsentanten aus Kultur und Politik: „Früh im Radio das Wort eines Fußballtrainers: ‚Da straffst du deine Haltung und orientierst dich an den Besten, und das bringt das Beste aus dir selbst hervor.‘ Derlei von Leuten aus dem Kulturbetrieb zu hören, ist eine vergebliche Hoffnung.“

In die Gemeinde der Radiohörer fand Schilling nach ausgedehnter Abstinenz im Sommer 2015 zurück, als sich ihm der Eindruck aufdrängte, die Weltgeschichte lade allmählich wieder verstärkt zum Aufhorchen ein. So kommt es, dass der erklärte Zeitfremdling mittlerweile über manches im Bilde ist, was noch vor wenigen Jahren unterhalb seines Flaneur-Radars geblieben wäre. Zum Kemmerich-Intermezzo lässt er wissen, es habe ihm das homerischste Gelächter seit der Trump-Wahl entlockt. Zur Abrundung des weltlichen Gesprächsteils werden einige Schüttelreime über die schwarzblaue Entzweiung im Weinheber-Staat vorgetragen: „Hadert mit dem Strache Kurz, / Folgt mit lautem Krache Sturz.“ Und ehe man sich noch grämen kann darüber, dass die Kräfte des Hergebrachten zumindest in Österreich offenbar zwischenzeitlich geschwächt wurden, sorgt Enkel Maximilian für Hoffnung und Erheiterung, indem er mit empörten Ordnungsrufen eine Lanze sowohl für den ästhetischen Ernst als auch für das strauchelnde Patriarchat bricht: „Oma redet ständig rein, obwohl Rolf dichtet!“

Blumen, die außerhalb des Versbeetes schamlos weiterblühen; Weggefährten, die mit der dringend gebotenen Selbstentleibung in Verzug geraten; und eine Gattin, die durch schwätzichte Querschüsse den Schöpfungsakt hintertreibt: Leicht wird es Rolf Schilling, der im April 2020 seinen siebzigsten Geburtstag begeht, wahrlich nicht gemacht. Legt man Hebbels Verse über Kleist zugrunde, vom Jubilar am Besuchstag zustimmend angeführt, dann bleibt den Dichtern als letzter Fluchtweg vor irdischem Ungemach wenigstens die Vertikale: „Er stieg empor, die Welt ward klein und kleiner, / Und auf der Höhe, die wir nicht durch Schleichen, / Die wir nur fliegend oder nie erreichen, / Ward über ihm der Äther immer reiner.“ Nur schade für Schilling, dass sich diese aristokratischste aller Eskapismus-Varianten nicht zuletzt auf eine Komponente stützt, an der in seinem Fall ein notorischer Mangel herrscht: auf Luft nach oben. „Gleich Adlern, die im klaren Äther schwimmen, / Hält sich zur Vogelschau der Geist sublim, / Du musst den höchsten Gipfel nicht erklimmen / Von oben kommend landest du auf ihm.“

Arno Breker: Adler des Zeus.

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