Ernst Kantorowicz: Mediävist im Zeitalter der Extreme

Sohn eines jüdischen Likörfabrikanten, Kämpfer in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs, Aufständischer gegen die bayrische Räterepublik, Stefan George-Jünger, nationalistischer Apologet, bisexueller Dandy, universitärer Widerständler in der McCarthy-Ära und einer der einflussreichsten Mittelalterhistoriker seiner Zeit – das Leben des Ernst Kantorowicz hat es in sich und entspricht ganz und gar nicht dem klischeebehafteten Bild des Mediävisten aus dem Hinterzimmer.

Ein Porträt über das widersprüchliche dieses überaus wirkmächtigen Historikers des 20. Jahrhunderts liegt jetzt erstmalig auf Deutsch vor. Zwei Jahrzehnte lang hat der renommierte Mittelalterhistoriker Robert E. Lerner Materialien aus dem privaten Umfeld von Ernst Kantorowicz zusammengetragen. Herausgekommen ist eine lesenswerte Biografie, die sowohl durch die privaten und wissenschaftlichen Lebensstationen führt als auch einen authentischen Einblick in die ideengeschichtlichen und gesellschaftlichen Umbrüche des 20. Jahrhunderts eröffnet. Bemerkenswerterweise gelingt Lerner das alles, ohne ständig mit dem erhobenen Zeigefinger zu wedeln.

Durch intellektuelle Wucht einen Heldenkult historischer Persönlichkeiten zu begründen, bewährte sich im Umfeld des Dichters Stefan George als ein probates Mittel. Lerner hilft dabei, sich den Habitus des George-Kreises in den frühen 1920er Jahren zu vergegenwärtigen, um nachzuvollziehen, aus welchem Geist der erste große Wurf von Ernst Kantorowicz entspringt. Lerner führt uns nah heran an diesen sagenumwobenen Kreis und den Entstehungskontext von Kantorowicz’ Biografie über den falcenello, den Falkenjungen und späteren Stauferkaiser Friedrich II., die zweifelsohne der Ausgangspunkt seiner intellektuellen Ermächtigung ist. Weit über die Grenzen eines geschichtlich interessierten Publikums hinaus sorgte das knapp 700 Seiten starke Buch nicht nur aufgrund seiner literarischen Qualität für Begeisterung, sondern befeuerte ein anhaltendes Interesse für den Staufer, der bis dahin wenig Beachtung fand. Methodisch bewegte sich Kantorowicz nicht durchweg auf der Linie der gängigen wissenschaftlichen Praxis; den Stauferkaiser heroisierend, verstand er sich eher als literarisch ambitionierter Biograph denn als Gelehrter.

Aufgrund aussagekräftiger Quellen darf man Lerner Glauben schenken, wenn er nachweist, dass es sich bei der Idee zum Stauferbuch vordergründig um eine Anweisung Georges gehandelt haben muss. Für George galt Friedrich II. als der bedeutendste unter den römisch-deutschen Kaisern. Doch auch auf Kantorowicz machte der Staufer durch die Verbindung von Rittertum und Mönchtum großen Eindruck. Kantorowicz stilisierte ihn zu einer Ikone deutscher Nationalmystik. Die Sympathien, die er für das autoritäre Denken des Kaisers hegte, zeugen zudem von einer antirepublikanischen und antiaufklärerischen Haltung jener Zeit. Seine Texte seien eine „Fundgrube antiliberaler Gedanken“, so Lerner. Das Buch stehe somit exemplarisch für die erste Phase des zum damaligen Zeitpunkt noch sehr jungen Kantorowicz.

Wie Lerner zeigt, prägte Kantorowicz vom Beginn seines Schaffens an eine eigene Attitüde und einen eigenen Sprachstil aus. Seine gekonnte Selbstinszenierung markierte die Distanz zur Riege der ‚gewöhnlichen‘ Akademiker; im Zusammenhang mit ihr steht auch sein grundsätzliches Abgrenzungsbedürfnis sowohl gegen linke als auch mehr und mehr gegen rechte Strömungen. So bricht der eigensinnige Autor nicht nur mit seinen frühen nationalistischen Tendenzen, sondern lässt auch seine Beziehung zum ‚geheimen Deutschland‘ mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten in den Hintergrund treten. Seinem elitären Habitus und der inneren Beziehung zu einer Gegenwelt der Kunst hat Kantorowicz hingegen nie entsagt. Lerner vermutet hinter seiner politischen Wandlung nicht zuletzt auch eine Bewusstwerdung der eigenen jüdischen Identität, zu der ihn die herrschaftspolitischen Umstände und die Verfolgung seiner Verwandten zwangen.

Ein endgültiger Bruch erfolgt, als Kantorowicz seine universitäre Anstellung in Deutschland verliert und er nach Übersee in Richtung Berkeley auswandert. Nach anfänglichen Akklimatisierungsproblemen lernt Kantorowicz den liberalen Geist der amerikanischen Universitäten zu schätzen und lässt sich von diesem zu etlichen kleineren Studien und schließlich zu seinem zweiten „Meisterwerk“ (Lerner), dem Buch Die zwei Körper des Königs, inspirieren. Diese „Studie zur politischen Theologie“, wie Kantorowicz sie selbst bezeichnet, besticht mit folgender These: Wenn eine Person zum König gekrönt wird, tritt ihre Existenz als eigenständiges Individuum in den Hintergrund, sie führt ihr Leben als Herrscher nun gleichsam in einen zweiten, politischen Körper. Die Rezeptionsgeschichte dieses monumentalen Werkes ist lang, wobei sein zunächst nicht zu erwartender Einfluss auf Theoretiker wie Michel Foucault erwähnenswert ist.

Robert E. Lerner weckt mit seiner Biografie Interesse nicht nur durch die ausführliche Quellenarbeit, die sich unter anderem auf etliche bisher unbekannte Briefe und Schriftzeugnisse stützt, sondern auch aufgrund der Fähigkeit, den Leser durch Einzelheiten zu fesseln und scheinbar Nebensächliches zu einer harmonischen Erzählung zusammenzufügen. So erfahren wir weit mehr als nur aneinandergereihte Eckdaten und trockene Fakten. Lerner lässt uns teilhaben an den verschiedenen Episoden dieses für die heutige Zeit so unwirklich erscheinenden Lebens eines Historikers. Eine bestechende Biografie.

Robert E. Lerner, Ernst Kantorowicz. Eine Biographie, Klett-Cotta, Stuttgart 2020, 48€.

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