Eingreifen oder ausreißen? — Briefwechsel mit Konrad Adam

Unser kürzlich veröffentlichter thesenförmiger Grundlegungstext hat bei Lesern und publizistischen Wegbegleitern vielfach Lob gefunden. Besonders freut uns allerdings, dass auch der Widerspruch, den unsere ‘Zehn Pfeiler für ein Luftschloss’ auf sich zogen, nahezu durchweg bedenkens- und dokumentierenswert daherkam. Bevor wir demnächst einzelne der zehn Thesen durch unsere Autoren in eigenen Essays ausführen lassen, präsentieren wir einen kurzen Briefwechsel mit Konrad Adam, in dem nicht zuletzt jene Frage berührt wird, die sich jeder regelmäßige anbruch-Leser bereits gestellt haben dürfte: Standhalten oder Sich-Beflügeln, beherztes Einschreiten oder heilsames Ausschwärmen?

Frederic Church: Syria by the Sea, 1873.

Dresden, 02. April 2020

Lieber Herr Adam,
anbei sende ich Ihnen unsere ‘Zehn Pfeiler für ein Luftschloss’, von denen die tragendsten, um dauerhaft nicht als Blendsäulen denunzierbar zu sein, demnächst durch einige ausführlichere Essays substantiiert werden sollen. Vielleicht finden ja sogar Sie eine Säule, als deren Heiliger Sie Ihren Platz nehmen möchten?

Oberursel, 06. April 2020

Lieber Herr Maron,
Ihr Ansinnen setzt mich in nicht geringe Verlegenheit. Denn in Ihren Augen gehöre ich wahrscheinlich zu jenen Handfesten, mit deren Hohn Sie ohnehin schon rechnen. Das Bekenntnis zum Fundus der europäischen Kultur hätte ich mir anschaulicher, meinetwegen auch polemischer gewünscht, etwa so, wie Kolakowski es in dem Aufsatz abgelegt hat, den er vor Jahren unter dem Titel ‘Warum Europa seinem Ursprung nach christlich ist’ in Laskys ‘Monat’ erscheinen ließ.

Wenn man den Unterschied zwischen Geist und Macht, zwischen Kunst und Leben einfach so hinnimmt wie Sie das vorschlagen: wozu dann Geist, wozu dann Kunst? Die schönen Zeiten und die schönen Städte, in denen mancher so gern gelebt hätte, zeichnen sich doch dadurch aus, dass sie von dieser Trennung nichts gewusst haben, jedenfalls nichts wissen wollten. Man hat Perikles zum Vorwurf gemacht, die Kasse des Seebundes geplündert zu haben, um die Akropolis neu herzurichten – sind öffentliche Gelder jemals besser verwandt worden als so?

Eine Ästhetik, die keine politischen Konsequenzen hat – beide Wörter so verstanden, wie sie die Griechen verstanden haben – interessiert mich eigentlich nicht. Im Falle Georges hatte die Kunst politische Folgen, und was für welche! Also vielleicht so: Kultur von wenigen, mit Folgen für alle. Aber Folgen muss die Sache schon haben, die wünsche ich Ihnen auch. Doch wie kann ich dazu beitragen?

Dresden, 10. April 2020


Ich danke für Ihre Antwort und verstehe sie gut. Der Absatz ‘Herakles ein Schnippchen schlagen’, der Antaios empfiehlt, sich gleichsam Flügel wachsen zu lassen statt ‘revanchistisch’ den Rückweg zum Boden zu suchen, will weniger als Abkehr vom Horchen auf die dumpfe Erde verstanden sein denn als Seitenhieb auf die Albatros-Peiniger an Baudelaires Deck.

Zum Perikles-Beispiel ganz eindeutig: Nein, niemals sind Gelder besser verwandt worden und unter diesem Gesichtspunkt stehen uns die kunstsinnigen Bayernregenten gewiss näher als das Klischee des Soldatenkönigs. Die Trennung zwischen Geist und Macht, von der ich weiß, dass sie in meinen Vorzugs-Zeiten und -Räumen kaum existierte, ist ein Vorschlag, der aus der Not und nicht aus der Fülle heraus unterbreitet wird. Wären die Aussichten rosig und unsere politische Hautevolee ästhetisch ansprechbar, dann brauchte man ja bloß Eingaben zu machen und auf Umsetzung zu warten.

Da aber Ästhetik, wie wir sie begreifen und wie sie über viele (und nicht die schlechtesten) Jahrhunderte begriffen wurde, heute bloß wahlweise als possierliche Dreingabe oder aber als handfestes Ärgernis in Betracht zu kommen scheint, wollen wir uns für einen Übergangszeitraum ganz auf sie besinnen in der leisen Hoffnung, dass die aktuelle Lenkungskaste derweil wirksamer von der Geschichte selbst als durch verbissene Traktate widerlegt wird. Die ‘Zwei-Reiche-Lehre nach Neo Rauch’ bedeutet gegenwärtig vor allem dies: dass wir uns einem Zweifrontenkrieg verweigern. Daher auch der Absatz ‘Wird es sich neu entzünden?’ Weil uns ohnehin keine Flammenwerfer mehr zu Gebot stehen, versuchen wir in Ruhe die Streichhölzer wiederzufinden in gespannter Erwartung darauf, was mit ihnen noch so alles zurückkehren mag.

Oberursel, 12. April 2020

Die Zeitungen überbieten sich mit Rückkehr-Kommentaren: mal kehrt der Staat zurück, mal die Nation, mal die Grenze, mal die Geschichte, mal die Solidarität. Was tatsächlich zurückkehrt, ist die Natur in ihrer strengen, mitleidlosen, unerbittlichen Gestalt. Sie pocht auf Gleichgewicht und geht gegen jeden vor, der sich vordrängt, der das Gleichgewicht ignoriert, stört und verletzt, in unserem Falle: gegen eine auf acht Milliarden Menschen angeschwollene Weltbevölkerung, die weiterhin auf Wachstum und Wohlstand setzt. Was ihr natürlich nicht gelingen wird.

Bei meiner Geburt dürfte es weltweit knapp zwei Milliarden Menschen gegeben haben. Als ich fünfzig wurde, hatte sich die Zahl verdoppelt. Inzwischen, nach abermals nur dreißig Jahren, nach Ablauf einer einzigen Generation also, sind es acht Milliarden. Wenn man den Narren, die unter den Zukunftsforschern, den Bischöfen und den Sozialpolitikern das große Wort führen, glauben will, kann, soll und muss das auch so weitergehen. Wird es aber nicht. Corona ist nur eine Generalprobe, der noch ganz andere Aufführungen folgen werden.

Die Natur kennt keinen Spass, sie schlägt zurück, und sie wird siegen, weil ihr der Mensch und alles, was er so denkt und glaubt und plant und will, vollkommen egal ist. Sie wird ihre Regeln und Gesetze allen Lebewesen aufzwingen, auch jenen, die behaupten, sich die Erde in Gottes Auftrag untertan machen zu dürfen. Überleben wird der fitteste, und darüber, was fitness bedeutet, hat die Natur andere Vorstellungen als Jens Spahn oder Heinrich Bedford-Strohm. Fit sind Viren und Bakterien, Ameisen und Ratten. Sie haben gute Karten, wir nicht.

Lieber Herr Maron, Sie setzen auf eine Übergangszeit: wie soll es denn nach deren Ende bei uns aussehen? Wie Sie merken, bin ich das Süssholzraspeln leid.

Dresden, 18. April 2020

Lieber Herr Adam,
Die Frage, ob man im unmittelbaren Vorfeld erwartbarer Verwerfungen sich im Geiste bereits diesen selbst zuwendet oder aber trotzig dem alten, fraglos-rückversichernd Sinnhaften, hat anbruch, wie Sie sehen, für sich anders entschieden als die meisten und längst nicht nur, aber auch Mascha Kaléko dürfen wir als Zeugin anrufen: “Willig füg ich mich dem alten Brauch, / Ist der Zug der Zeit auch am Entgleisen.” Dass es nach der Übergangszeit, deren Abwarten-Wollen auf Ihre Skepsis stößt, zunächst einmal schlimm aussehen dürfte, liegt nah. Zur nötigen Nüchternheit in dieser Sache scheint mir aber auch die Feststellung zu gehören, dass das nahende Schlimme keine Rücksicht darauf nehmen wird, ob man zuvor hauptberuflich warnte vor ihm oder sich innerlich ab- und Lohnenderem zuwandte.

Ihrem sicheren Ton glaube ich entnehmen zu können, dass auch Sie kaum mehr auf erfolgreiche politische, schon gar nicht publizistische Griffe in die Radspeichen setzen. Woraus für mich die Frage erwüchse: Warum dann dennoch die Hand in diese Richtung ausstrecken statt in reizenderer? Die Frage, wie es aussehen dürfte nach abgewarteter Übergangszeit, kann einerseits geradewegs ins Dystopische führen andererseits ließ sie mich denken an Gryphius-Verse, die wir vor Jahren für einen Beitrag über den britisch-amerikanischen Romantiker Thomas Cole dessen vordergründig betrüblicher, doch auch behutsam hoffen lassender ‘Desolation’ zuordneten: “Wo itzund Städte stehn, wird eine Wiese sein / Auf der ein Schäferskind wird spielen mit der Herden.” In einer Besprechung dieses Gedichts könnte heute wohl beides zusammenfinden, hellsichtige Warnung und die Kontemplation mit traumesschweren Lidern.

Oberursel, 22. April 2020

Lieber Herr Maron,
Ihr stiller Einwand besteht zu Recht: Warum strampeln, wenn alles schon verloren Ist? Dass man strampelt, beweist dann allerdings, dass man die Sache doch nicht für verloren hält. Beides stimmt, beides passt nicht zusammen. Es ist unmöglich, eine in sich stimmige, widerspruchsfreie Position zu beziehen. Man muss wählen, und das kann nur noch willkürlich geschehen.


Thomas Cole: Desolation (The Course of Empire), 1836.

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