„Die Zeiten machen die Meister – nicht umgekehrt“ – Im Gespräch mit Frank Lisson

Frank Lisson ist ein Einzelgänger. Er geht auf Abstand zum zeitgenössischen Diskurs und beobachtet das Geschehen aus der Entfernung. Das ist fraglos keine Einschränkung, sondern eröffnet den um Erkenntnis ringenden Autor einen besonders klaren Blick auf die historische Lage, in der wir uns derzeit befinden. In seinem neuen Buch „Mythos Mensch. Eine Anthropodizee“ spürt Frank Lisson der humanen Grundverfassung nach und zeigt auf, warum das Anthropozän den Menschen sukzessive aus seiner Erdverbundenheit löst. Das Ergebnis liest sich ebenso überraschend wie provokant: Im Nachgang und Gegensatz zu früheren Kultur-Stadien führe das digitale Zeitalter den Menschen zu seiner ihm eigentümlichen Natur zurück.

Von seinen Thesen herausgefordert, baten wir den philosophischen Dissidenten um Vertiefung und Erläuterung. Entstanden ist ein ausführliches Gespräch über die Frage, wie man als Kultur- und Geistesmensch der Gegenwart angemessen zu begegnen habe, weshalb wir von Fantasy-Konjunktur nicht übereilt auf die Wiederkehr des Mythischen schließen dürfen, was das wirklich Genialische von bloß Bieder-Gelungenem trennt und warum man kaum mehr unverwechselbare Individuen antrifft.

Sehr geehrter Herr Frank Lisson, es ist sehr ruhig um Ihre Person. Wie fühlt es sich an in der selbstgewählten Einsamkeit?

Nun, zunächst einmal ist meine Einsamkeit durchaus keine bloß selbstgewählte; das sind übrigens wohl auch nur die allerwenigsten Einsamkeiten. Zumeist trifft der Zustand der Vereinsamung doch ehemals recht gesellige und erwartungsfrohe Naturen, welche die Erfahrung mit anderen Menschen ungesellig und melancholisch gemacht hat. Sie ziehen sich in sich selber zurück, weil sie gewissermaßen dorthin vertrieben worden sind. Wir haben es hier also weniger mit einer selber auferlegten als vielmehr mit einer zugefügten Einsamkeit zu tun. – Was aber meine geringe „Öffentlichkeit“ betrifft: am liebsten würde ich als Person ganz hinter meinem Werk zurücktreten, ja dahinter „verschwinden“, „anonym“ bleiben und nur meine Gedanken sprechen lassen, die eben nicht nach Aufmerksamkeit haschen und niemandem gefallen wollen, sondern, allein für sich stehend, ihre Wirkung bei den wenigen Lesern entfalten sollen, die überhaupt dafür empfänglich sind. Denn man wird nie die Person kennen, wenn man das Werk nicht kennt, da Werk und Person eine untrennbare Einheit bilden, Schöpfer und Geschaffenes geradezu identisch sind. Deshalb hat das Werk immer Vorrang vor der Person. –  Ich lebe also, in epikureischer Tradition, ganz gerne „im Verborgenen“, was aber natürlich nicht bedeutet, dass meine Gedanken nicht auch gerne ein wenig mehr Resonanz und Verbreitung erfahren würden.

In „Mythos Mensch“ gewähren Sie intime Einblicke in Ihre Gedanken- und Gefühlswelt. Dabei erwecken Sie den Eindruck, jegliche Hoffnung auf die Seligwerdung in dieser Welt verloren zu haben, weil jeglicher Versuch auf die Welt einzuwirken ergebnislos bleiben muss. Wie lässt sich das als denkender Mensch aushalten?

Ich bin freilich etwas verwundert und zunehmend sogar ein wenig beunruhigt darüber, dass meine Bücher offenbar durchweg „pessimistisch“ gelesen werden. Ich selber würde angesichts der doch recht unterschiedlichen Perspektiven, die darin eingenommen werden, sowie der vielen Themen, die dort zur Sprache kommen, jenen Aspekt gar nicht so sehr betonen. Aber natürlich wäre es unredlich und naiv, auf der von uns inzwischen erreichten geistesgeschichtlichen Entwicklungsstufe Optimismus zu predigen hinsichtlich der heute noch offenen Wege ideell orientierter Einzelner oder Gruppen. Solche Vorhaben gehörten dem 18., 19., 20. Jahrhundert an. Die Aufgaben des denkenden Menschen müssen heute daher andere sein: nämlich den Blick zu schärfen für das Wesentliche der Dinge, für deren Zustandekommen aus Verhältnissen, die wir zu großen Teilen noch gar nicht begriffen haben. Das Belastende und immer wieder Entmutigende liegt deshalb eher in dem Umstand, dass es dafür derzeit kaum ein tieferes, d. h. zweckentbundenes Interesse gibt – und vielleicht auch nie eines geben wird. Denn der „Mensch“ wird sich auch in der Philosophie einfach nicht los.

Das Anthropozän hat ein Zeitalter eingeleitet, das die alte Welt des erdverbundenen Menschen unter einer dicken Schicht aus Asphalt, Lärm, Beton, Müll und Technik begräbt.

Frank Lisson, Mythos Mensch.

Der politischen Rechten nehmen Sie ebenso wie der Linken die grundsätzliche Hoffnung auf Gestaltungsmöglichkeiten, da wir dabei seien in ein Zeitalter einzutreten, in dem jeder menschliche Entwurf durch technische Entwicklungen überholt werde. Für wen schreiben Sie eher, für die von Vorgestern oder von Übermorgen?

Tatsächlich sind, so ironisch das auch klingen mag, meine Schriften eher an meine „toten Freunde“ aus den vergangenen Jahrhunderten, sowie an einige der noch nicht Geborenen gerichtet, die ähnlich „fremd“ und neugierig suchend in der Welt standen und stehen werden, als an diejenigen, die ihren Platz im Leben gefunden und es sich in irgendeiner Ecke heutiger Daseinsmöglichkeiten gemütlich gemacht haben.

Folgt man Ihrer Anthropodizee, so ist der Mensch letztlich nicht mehr als eine Maschine. Und dementsprechend sei das Anthropozän auch die logische Konsequenz des historischen Werdegangs, das den Menschen zu seiner Natur zurückführe. Folgt die Geschichte also doch einem Plan, wie so viele Philosophen des Deutschen Idealismus immer wieder behauptet haben?

Der geschichtliche Determinismus ist freilich ein Motiv, das die gesamte – und nicht bloß antik-abendländische – Philosophie durchzieht. Er beschreibt ja auch einen naheliegenden Gedanken, der sich aus jeder Naturbeobachtung ergibt. „Freiheit“ in der Entwicklung ist eine menschliche Wunschvorstellung, die sich nur innerhalb enger Grenzen verwirklichen lässt. Wenn ich frage: wohin „will“ die Gattung?, dann ist das eher eine Frage an die Biologie als an die Geschichte. Denn Geschichte unterliegt in ihren Abläufen gewiss keinem Plan – wohl aber der Mensch, nämlich dem seiner Gattungsnatur.

Ist das zyklische Geschichtsdenken damit tot oder nur etwas für hoffnungslos verlorene Romantiker?

„Zyklisch“ verläuft Geschichte nur insoweit, als dass die Menschheit immer wieder die gleichen charakterlichen Typen hervorbringt. Es ist eigentlich immer der gleiche Menschenschlag, der Geschichte „macht“  – nur die Mittel wandeln sich und damit auch die Möglichkeiten, so dass der Eindruck von „Fortschritt“ entsteht. Genaugenommen findet aber immer nur eine Modifikation dessen statt, was jenen Typus vor der Welt „in Stellung“ bringt – und zwar über die Köpfe der anderen Menschen hinweg.

Zyklisch verläuft Geschichte nur insoweit, als dass die Menschheit immer wieder die gleichen charakterlichen Typen hervorbringt

Sie schreiben, der Mensch sei weniger an seine eigene Art gebunden als das Tier, gleichzeitig erwecken Sie aber den Eindruck, dass die technologisierte Gegenwart ein unumgängliches Stadium im menschlichen Werden sei. Ist das ein Widerspruch?  

Nein, darin liegt kein Widerspruch. Denn indem allein der Mensch dazu in der Lage ist, Technologien zu generieren, die ihn der eigenen Art „entbinden“, vollzieht er gewissermaßen seinen natürlichen Auftrag, denn es scheint der Gattung eben nicht freizustehen, einen anderen Weg als den der Digitalisierung einzuschlagen, nachdem sie sich die technischen Möglichkeiten dazu bereitgestellt hat. Die Natur selber scheint daher den Menschen, anders als das Tier, aus der eigenen Art „heraus-“ oder doch zumindest von sich „fortzutreiben“, und zwar hin zu etwas, das nicht mehr „Natur“ sein will, sondern sich selber als etwas Technisches zu verstehen beginnt, das seinerseits ohne hochkomplexe Technologien weder leben zu können noch leben zu wollen vermag. Kategorischer Wachstumswahn, die sog. Energiewende, politisch kalkulierte Zuwanderung etc. zerstören dieses Land weiterhin nachhaltig und nehmen denjenigen Menschen den Lebensraum, die nicht in einem dauerlärmenden, dauerilluminierten, völlig überfüllten Fuhrpark konsumversessener, weil kaputtindustrialisierter Weltverbraucher existieren können.

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Was ist das Anthropozän? Das Zeitalter »nach den Kulturen«, meint Frank Lisson.

Das alte Europa wird verschwinden und mit ihm auch seine größten Errungenschaften: das Individuum, die (antike) Philosophie und die „westliche“ Kultur. Was bedeutet das für uns, für diejenigen, die an ihm hängen und einen affirmativen Identitäts- und Herkunftsbezug pflegen? Bleibt uns nur noch der Gang ins Museum und das stille Abschiednehmen?

Alle diese Dinge werden wahrscheinlich nicht gänzlich erlöschen, dazu haben sie zu stark und zu lange auf die Mentalität der europäisch geprägten Menschheit eingewirkt – aber sie werden gewiss deutlich an Einfluss und Normativität verlieren. Mit diesem Bedeutungsverlust verringert sich dann aber auch das Bedürfnis danach. Spätere Generationen werden vermutlich gar nicht mehr verstehen, worunter die Menschen des 19., 20. Jahrhunderts eigentlich gelitten haben, als sie nach den Gründen für das Schwinden ihrer Identitäts- und Herkunftsbezüge suchten. Doch es wird sicher auch eine Art Atavismus erhalten bleiben, der, freilich immer nur einzelne, auf die kulturellen Blütezeiten Europas und der Welt sehnsüchtig zurückschauen und danach fragen lässt, warum sich die Gattung davon wegentwickelt hat.

Alles Geniehafte konnte Ihrer Meinung nach nur dann als groß wahrgenommen werden, sofern es vom jeweiligen Zeitgeist akzeptiert wurde. Steckt hinter diesem offenen Relativismus mehr als die eigene Unmündigkeit, um den mangelnden Resonanzraum zu rechtfertigen? Setzt nicht auch das Genie die wichtigsten Wegmarken für die Etablierung eines bestimmten Zeitgeistes?

Nein, denn dazu müsste es seinerseits bereits Produkt des Zeitgeistes sein, wie das vereinzelt im 19. Jahrhundert der Fall war, als Genie und Zeitgeist sich kurzfristig miteinander vertrugen. Ein „zeitgemäßes“ Genie, so wie ich den Begriff verstehe, ist mir aber namentlich in der Philosophie nicht bekannt. Schließlich entscheidet stets der Zeitgeist darüber, ob und vor allem wann etwas dem Vergessen entrissen und für die eigenen Zwecke in Anwendung gebracht wird. Der genialische Mensch selber hat keinen Einfluss darauf; er schafft einfach aus sich heraus und zwar das, was er schaffen muss, weil es ihm notwendig erscheint, und fragt dabei nicht nach dem Nutzen dessen, was da entsteht. Findet die Welt Verwendung dafür, hat er Glück, verhält sie sich dagegen eher ablehnend, kann er auch nicht anders. Oft verwechseln wir Genialisches mit Gelungenem, das einfach nur gut gemacht ist. Solche Sachen entfalten dann Breitenwirkung. Tatsächlich Genialisches findet hingegen immer nur bei den wenigsten Menschen Anerkennung, wird nur von den wenigsten wirklich genossen. Allein in der Musik mag es ein paar Ausnahmen geben, doch schon in der bildenden Kunst beginnt häufig die Heuchelei, und in der Philosophie kann kaum jemand beurteilen, was an den für „groß“ erklärten Texten eigentlich „groß“ sei. Hier übernehmen fast alle die Urteile anderer – denn wer hätte die namhaften, oft schwierigen Autoren tatsächlich und allein von sich aus je intensiv gelesen? 

Der genialische Mensch selber hat keinen Einfluss darauf; er schafft einfach aus sich heraus und zwar das, was er schaffen muss.

Sie schreiben, dass in den letzten fünfzig Jahren kein Schriftstück entstanden sei, das sich vor der Ewigkeit rechtfertigen könne. Ist das nicht auch ein Stück weit rhetorische Effekthascherei Ihrerseits und richterlich-polemische Überhöhung Ihres eigenen Anspruchs?

Ja,  natürlich ist es das auch, denn es kommt ja immer darauf an, wer die Maßstäbe setzt. Wir kennen Texte aus verschiedenen Jahrhunderten, für deren damalige Berühmtheit uns heute jedes Verständnis fehlt. Denn vor der Zeit gerechtfertigt ist eine Sache ja bereits dadurch, dass sie viele Menschen erreicht, sich viele daran beteiligen. Damit ist aber natürlich noch nichts über die Qualität dieser Sache ausgesagt. Denn Qualität im hier gemeinten Sinne entscheidet sich darüber, ob ein Autor etwas zu sagen hat, das auch für Leser jenseits seines Zeitfensters oder seiner Gesinnung interessant ist, weil es auf originelle oder eben genialische Weise Elementares berührt: es muss etwas sein, das nur ihm gehört, das er in völliger Unabhängigkeit allein aus sich selber heraus geboren hat, das deshalb in seiner Art einzig dasteht und wenigstens unter den Zeitgenossen nichts Vergleichbares kennt.

Ist aber nicht die wichtigere Beobachtung, dass die menschliche Sehnsucht nach Traumwelten und religiösem Erfahren in der modernen Welt weiterhin Bestand hat? Man denke hier an die entworfenen Welten von Harry Potter, Herr der Ringe oder Game of Thrones. Das Verlangen nach Mythen und der Wille zur Flucht aus dem Alltag ist mächtiger denn je. Spiegelt sich hier möglicherweise das Ursprüngliche wider?

Man darf Fantasy nicht mit Mythen gleichsetzen! Bei den genannten Unterhaltungsprodukten weiß jeder, dass es sich dabei um rein Fiktionales handelt, das in keinem realen Bezug zur tatsächlichen Lebenswelt steht. Das ist bei Mythen ihrer Funktion nach ganz anders: denn sie sollen ja keineswegs zur Flucht aus dem Alltag verhelfen, sondern im Gegenteil dazu dienen, den Alltag zu regulieren und den Menschen an bestimmte Muster und Rituale binden, oder Genealogien begründen. Außerdem haben sie alle einen wahren Kern. Das gilt für die Troja- oder Ritter-Mythen ebenso wie für die modernen Kriegsschuld-, Klima- oder Corona-Mythen: ein reales Ereignis wird (kollektiv) dahingehend umgedeutet, dass sein „Wert“ von nun an darin besteht, als Mittel zur Durchsetzung politischer oder religiöser Ziele eingesetzt werden zu können.

Ist der Verweis auf die tiefen Bedeutungsebenen der menschlichen Existenz das sicherste Mittel, die „Konsumsicherheiten“ der Gegenwart zu erschüttern?

Wir müssen uns klar darüber sein, dass die metaphysischen Sehnsüchte nach „Traumwelten und religiösem Erfahren“ im Zustand nach den Kulturen völlig diffus und dadurch gewissermaßen beziehungslos geworden sind. Nur deshalb konnte jene Beliebigkeit in der Auswahl zustande kommen, die ein riesiger Esoterikmarkt sehr erfolgreich bedient. – Denn nichts davon ist „echt“! Am wenigsten das heimische Angebot traditioneller Kirchen, weshalb diese eben längst selber zu den „Konsumsicherheiten“ gehören. In einer solchen Situation „verkauft“ jeder sein Produkt, das ja auch überall recht billig zu haben ist, da es kein persönliches Opfer mehr verlangt, sondern nach Belieben und ganz unverbindlich gebraucht und verbraucht werden kann: man hängt sich einfach ein Kreuz oder eine Ikone in den Raum – und fühlt sich daraufhin ungeheuer „christlich“.

Wo aber ein religiöser Glaube zum bloßen Vorwand, zum Wochenendevent und Freizeitvergnügen persönlicher Vorlieben benutzt und heruntergedimmt wird, banalisiert und entwürdigt man den Sinn und Wert der Religion als solcher.

Sie gehen sehr hart mit dem Christentum ins Gericht und schreiben ihm eine Hauptrolle in der Entwicklung zum Anthropozän zu. Machtpolitisch mag das sicherlich seine Bewandtnis haben, aber verkennen Sie dabei nicht das ästhetisch-sinnliche Moment des Katholizismus, das dem rein technischen – dem Anthropozän typischen – Blick auf die Dinge widerstrebt? Liegt in dem phänomenologischen Verweis auf die Religiosität des Menschen nicht auch ein Potential, an das anzuknüpfen wäre?

Nein, jedenfalls keines, das zu etwas anderem als zum bloßen Eskapismus oder zum religiösen Selbstbetrug, also zum bewusst verlogenen Umgang mit der Religion taugte. Denn niemand glaubt mehr an die Basis-Dogmen der (katholischen) Kirche, wie „unbefleckte Empfängnis“, „Auferstehung“, „Jüngstes Gericht“ etc., weil das heute auch gar nicht möglich ist, ohne sich lächerlich zu machen. Aber es lebt auch niemand nach den Zehn Geboten oder gar nach der Lehre Jesu. Stattdessen pickt sich jeder in zivilisatorischer Konsumentenmanier nur dasjenige aus dem Christentum und besonders aus dem Katholizismus heraus, was ihm gefällt, während alles andere einfach ausgeblendet wird: der eine sucht nach esoterischer Gemeinschaft, der nächste erbaut sich an strenger Hierarchie, Weihrauch und archaischen Riten, ein dritter fühlt sich vom Männerbündlerischen, Frauenausschließenden, Homo-, ja vielleicht sogar Pädophilen angezogen, das in der Priesterschaft traditionell Deckung findet, ein vierter, Radikalreaktionärer, phantasiert sich einen legalen Faschismusersatz herbei. –  Wo aber ein religiöser Glaube zum bloßen Vorwand, zum Wochenendevent und Freizeitvergnügen persönlicher Vorlieben benutzt und heruntergedimmt wird, banalisiert und entwürdigt man den Sinn und Wert der Religion als solcher.     

Bietet das Anthropozän, das Zeitalter nach den Kulturen, nach den großen identitäts- und gemeinschaftsstiftenden Mythen nicht eine Chance der Intensitätssteigerung? Die Möglichkeit im Geheimen, abseits vom Diskurs und aller Öffentlichkeit einen Raum zu schaffen, der diejenigen zusammenführt, die ein ursprüngliches Verlangen nach einem transhistorischen Raum und Sein, nach der Verdichtung haben? Die Moderne könnte unter diesem Gesichtspunkt auch als Kescher im Sumpf, als Ausleseverfahren gesehen werden.

Ja, vielleicht: sofern man sich mit einem L’art-pour-l’art-Dasein zufrieden gibt und sich selber für eine Blüte im Sumpf hält. Ich bin da etwas skeptischer. Denn wenn solche Hoffnungen berechtigt wären, hätten sich derartige Zirkel längst bilden müssen. Der George-Kreis war wohl die bislang einzige elitäre und tatsächlich fruchtbare Reaktion auf die nivellierende Technizität der Moderne. Natürlich kann man das noch einmal zu kopieren versuchen und sich, wiederum rein spielerisch, in einen „ästhetischen Fundamentalismus“ begeben, doch bliebe das eben ein bloßes Privatvergnügen, ohne historischen Auftrag. Außerdem liefe man leicht Gefahr, zu den „Enormen von Wahnmoching“ zu werden. Denn spätestens seitdem deren Töne beinahe ergebnislos verpufft sind, wissen wir, dass sich vergangener Geist nicht zurückdeklamieren lässt. Die Zeiten machen die Meister – nicht umgekehrt. Selbst Caesar und Napoleon waren Produkte ihrer Zeit. – Die „Chance auf Intensitätssteigerung“ besteht natürlich dennoch, wie sie allerdings immer bestanden hat: wer nach anderen Wegen und Anschauungen (für sich selber) sucht, als den jeweils angebotenen, intensiviert dadurch zumeist seinen Blick auf die Dinge – und genießt dies als mentale oder intellektuelle Höherentwicklung oder Daseinserweiterung. Unterschätze man dabei aber niemals die Macht des Normativen! Geschichtliche Tendenzen entstehen ja vor allem deshalb, weil das Vertrauen in die gesellschaftspolitischen „Alphatiere“ weiterhin sehr groß ist: was diese vormachen, wird vom Rest nachgeahmt, bis sich niemand mehr jener Lebensweise entziehen kann, weil alles andere in die Isolation führt. 

Der Mangel an Größe, wie Nietzsche sie verstanden hat, zeigt sich wohl am deutlichsten im Fehlen unverwechselbarer Individualität.

Im Menschen steckt das Potential für Großes: Um das zu belegen, reicht ein Blick auf die abendländische Geschichte. Doch überall erblicken wir den „letzten Menschen“, wie Nietzsche sagen würde. Weshalb gibt sich der moderne Mensch mit so wenig zufrieden?

Auch heute wird durchaus „Großes“ geleistet, jedenfalls in den Augen des Zivilisationsmenschen, der freilich ein anderes Verständnis von „Größe“ hat als der Kulturmensch, vielleicht ein entgegengesetztes. Doch eben dessen Auffassung ist heute gültig. – Wer also wollte entscheiden, was „wahre Größe“ ist? Der Mangel an Größe, wie Nietzsche sie verstanden hat, zeigt sich wohl am deutlichsten im Fehlen unverwechselbarer Individualität. Dieses rührt meiner Beobachtung nach daher, dass die Allmacht eines nicht zu Unrecht als alternativlos empfundenen und obendrein medial omnipräsenten Regimes für maximalen Konformitätsdruck sorgt, nachdem eine Jahrzehnte lang andauernde „ethische Säuberung“ unsere Geisteslandschaft nahezu flächendeckend sterilisiert hat. Unter solchen Umständen fürchtet jeder, den Anschluss zu verpassen, wenn er sich in die laufenden Muster nicht einfügt. Größe ist eben vor allem eine Frage des Mutes; und zwar auch des Mutes, „sich seines eigenen Verstandes zu bedienen“, was allerdings einen solchen „eigenen Verstand“ erst einmal voraussetzt. Für diejenigen, denen beides ermangelt – und das war keineswegs herabwürdigend gemeint, als nicht nur Kant oder Nietzsche so dachten und damit die menschliche Natur klar durchschauten –, gibt es Kirchen, Parteien, Verbände, unter deren Schutz man nonkonfom konform sein kann.   

Jeder Mensch ist ein in sich geschlossener Mythos.
(Foto: Frank Lisson)

Ihrer Definition nach sind Sie das genaue Gegenteil von einem Philosophen, der nämlich jemand sei, der gehört werden will. Was sind Sie dann, eine etwas klügere Maschine als die anderen?

Wo hätte ich jemals geschrieben, dass der Philosoph sui generis jemand sei, der „gehört“ werden wolle, während ich jemand sei, dem es genüge, „ungehört“ zu bleiben? Zwar haben alle „echten“ Philosophen seit jeher mehr um der Sache als um des Publikums willen gedacht und geschrieben, aber natürlich hatten sie stets einen „idealen Leser“ vor Augen, an den sie ihre Worte richteten, und sei dieser Leser auch nur die Projektion ihrer selbst auf andere: das Verlangen nach verständigen, scharfsinnigen, einfühlsamen Menschen, für die es sich zu leben und zu arbeiten lohnt, ist auch in mir sehr groß!

Ab welchem Punkt war für Sie klar, dass es für Sie als Autor weder einen Platz im akademischen noch im politischen Milieu gibt? Gab es Schlüsselmomente, die Sie sagen ließen: „Bis hierhin und nicht weiter“?

Ich hatte das große Glück, in den späten 1990er Jahren an der Universität Würzburg noch zu den letzten Magister-Absolventen zu zählen. Damals beschlossen die Kultusminister, im Zuge des sog. Bologna-Prozesses das universitäre Prinzip zugunsten einer stärkeren Verschulung und auf Kosten individueller akademischer Freiheit abzuschaffen. Sämtliche Professoren murrten – aber keiner fand den Mut, sich öffentlich dagegen auszusprechen, während die Fachschaften frohlockten und „Bildung für alle“ forderten. – Später hatte man mich als externen Doktoranden an der Universität Bielefeld relegiert, nachdem ich als vermeintlich „Rechter“ geoutet worden war. Daraufhin musste ich nach Passau ausweichen, Tag und Nacht fürchtend, auch dort denunziert und abermals genötigt zu werden, mein Promotionsvorhaben zurückzuziehen, denn natürlich gab es keinerlei rechtliche Handhabe gegen mich. Einen dritten Anlauf hätte ich dann sicher nicht mehr gewagt. Ohne je irgendetwas von mir gelesen zu haben, sondern allein aufgrund des einseitigen, diffamierenden Wikipedia-Eintrags, hatte die Dekanin in Bielefeld gedroht, sollte ich auf meinen Antrag bestehen, werde man alle Lehrstuhlinhaber auffordern, disqualifizierende Gutachten gegen mich zu verfassen, und meinem Doktorvater würde man das Leben auch nicht gerade leichter machen. – Diese Erfahrung hat in mir tiefe, unheilbare Wunden hinterlassen und ich verlor endgültig das Vertrauen in einen solchen Staat und seine Funktionseliten. Nun wusste ich, dass dort jedenfalls kein Platz für mich war – also wohin? Wäre es angesichts derartiger Zustände nicht notwendig, die Opposition zu stärken, weil es dort „freiheitlicher“ und „anständiger“ zuginge? Als dann jedoch der Herausgeber einer sich als „metapolitisch“ verstehenden Zeitschrift in gut katholischer Manier die Aussage eines von mir zitierten renommierten Historikers eigenhändig verfälschte, weil die darin ausgesprochene Wahrheit nicht in sein christlich-ideologisches Raster passte, und er den Aufsatz druckte, ohne mir den entstellenden Eingriff mitgeteilt zu haben, war für mich auch dort das Maß voll: heimlich in fremden Beiträgen herumzupfuschen, um sie „auf Linie“ zu bringen, dürfte an manipulativer Schäbigkeit und Willkürherrschaft kaum noch zu überbieten sein! Es war bitter auf diese Weise erleben zu müssen, dass selbst exponierte Vertreter der Opposition ihrem Wesen nach nicht weniger charakter- und gewissenlos sind als die Vertreter dieses Staates, die wir dafür doch so sehr verurteilen. Größe ist eben keine Frage der Selbstinszenierung oder der Gesinnung, sondern des Verhaltens! – Zuletzt also sind es eben solche Erfahrungen, die innerlich einsam machen und zum Rückzug in die „eigenen Wälder und Berge“ zwingen, insofern man nicht über ein genügend dickes Fell oder die notwendige Ruchlosigkeit verfügt, die einem erlauben, darüber einfach so hinwegzusehen. – Als höchst bedauerlich empfinde ich ferner, dass, wie fast allen derzeitigen Menschen, auch den meisten „Rechten“ ein echtes Umweltbewusstsein fehlt. Natur und Landschaft werden nicht gehütet oder gar geliebt, sondern als Bebauungsfläche betrachtet, die man mit seinem verbrennungsmotorbetriebenen Fahrzeug stumpfsinnig durchrasen kann. Dabei waren doch gerade Natur- und Landschaftsschutz einst urkonservative Angelegenheiten.

Wie geht es weiter? „Mythos Mensch“ kann man als Ihre große Abrechnung oder tiefgreifende Analyse der Gegenwart verstehen. Was kann danach folgen, warum weiterschreiben?

Wenn man eine Sache um ihrer selbst willen betreibt, liegt darin bereits der hinreichende Grund zum Weitermachen, solange sich immer wieder Fragen aufdrängen, die danach verlangen, geklärt oder zumindest genauer beleuchtet zu werden. So habe ich gerade ein Buch abgeschlossen, das in unmittelbarer Nachfolge zum „Mythos“ steht: „Die Natur der Dinge. Über das Wesentliche“. Wie der Titel verrät, wird darin der Versuch unternommen, tatsächlich bis zu den Wurzeln jener elementaren Probleme vorzudringen, die uns als feinsinnigere, denkende Menschen seit jeher so seltsam schwer bedrücken und beschäftigen. Es ist wohl mein bislang buchstäblich radikalstes Buch. Außerdem arbeite ich eifrig an einem Ergänzungsband zu meinem „Griechentum“, worin ich den Einfluss der antik-abendländischen „Rom-Idee“ auf die deutsche Identität untersuche. – Der Sinn des Denkens und Schreibens liegt ja in der Relevanz, welche die zu behandelnde Fragestellung für den denkenden Autor selber hat – nicht in der zu erwartenden Resonanz oder Akzeptanz durch das jeweilige Zeitalter, in das man zufällig hineingeraten ist. Deshalb hindert auch keine Aporie, Ignoranz oder Vereinsamung daran, sich an den Dingen abarbeiten zu müssen: die Welt ist ein derart großes Faszinosum, dass selbst zehn Leben nicht ausreichen würden, um das, was uns umgibt, denkend in den Griff zu bekommen.

Sehr geehrter Herr Frank Lisson, vielen Dank für das Gespräch.

Dr. Frank Lisson, Philosoph und Historiker, geboren 1970, lebt als freier Schriftsteller. Auswahl der Veröffentlichungen: Mythos Mensch. Eine Anthropodizee (Lüdinghausen/Berlin 2020); Weltverlorenheit. Über das Wahre im Wirklichen (Wien 2016); Homo Absolutus. Nach den Kulturen (Schnellroda 2008).

Mythos Mensch. Eine Anthropodizee kann man hier erwerben. Weitere ausführliche Gespräche finden Sie hier.

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